Angela Merkel und die Medien Kanzlerin Hasenfuß

Im Wahlkampf meidet die Kanzlerin die Konfrontation. Das mag strategisch geschickt sein. Für die Demokratie ist es schädlich. Von Michael Schlieben

Die Kanzlerin scheut den öffentlichen Wettstreit

Die Kanzlerin scheut den öffentlichen Wettstreit

Angela Merkel hat am Wochenende ihr Herz geöffnet, exklusiv für die Leser der Welt am Sonntag. Ohne ihren Mann könnte sie "den Job gar nicht machen", sagte die Kanzlerin. Außerdem verriet sie, dass sie "die allermeisten Tage rund 14 Stunden" arbeite. Dass sie "zum Ausgleich" gern koche, spazieren gehe oder etwas Gartenarbeit mache. "Gute Musik ist auch wichtig."

Davor sprach Merkel mit der Apotheker-Rundschau, sie plauderte mit der Auto-Bild. Und sie gab der Emma ein ausführliches Interview. Die Kanzlerin war also durchaus präsent in den Medien – und erreichte ein großes, heterogenes Publikum. Die Gespräche sind nett, durchaus rührig und nicht per se unsympathisch, politisch indes sind sie meist nicht.

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Man liest viele harmlose Fragen – und reichlich unspontan wirkende Antworten. Konfrontation mit dem Gegner oder Streitgespräche sehen anders aus.

Zum Schlagabtausch hätte es genügend Anlässe gegeben. Merkel lies sie verstreichen. Eine Einladung nach der anderen sagte sie in diesem Wahlkampf ab – oder ignorierte schlicht die Anfragen. Zuerst, am vergangenen Mittwoch, die traditionelle "Berliner Runde" mit den Spitzendenkandidaten der anderen Parteien im ZDF. Merkel wollte bloß ihren Stellvertreter Christian Wulff schicken. Daraufhin sagte der SPD-Kandidat Frank-Walter Steinmeier ebenfalls ab. Einen Tag später gaben beide der Fernsehrunde der ARD einen Korb.

Auch "Erst fragen, dann wählen", das Gemeinschaftsprojekt vom ZDF, ZEIT ONLINE und den VZ-Netzwerken, sagte Merkel ab. Steinmeier, Ramsauer, Westerwelle, Trittin und Gysi kamen. Die CDU kam nicht vor.

Das Kanzleramt kolportiert nun, die Medien seien unflexibel gewesen und der Kanzlerin terminlich nicht entgegen gekommen.

Das stimmt so nicht. Das ließe sich belegen. Aber letztlich geht es darum nicht. Es geht um das fatale Ergebnis. Dass sich die Kanzlerin in diesem Wahlkampf kein einziges Mal den Vertretern der Opposition gestellt hat – oder einer unberechenbaren, kritischen Öffentlichkeit. Dass sie sich für Interviews gezielt unpolitische oder unkritische Medien auswählt, um meist unpolitische Botschaften zu vermitteln.

Das ist typisch für Merkels ungefähren, im Grunde unpolitischen Wahlkampf. Ähnlich wie bei der Frage: Sage ich der TV-Runde zu oder nicht?, verfährt sie derzeit in vielen Fragen. Bis zum letzten Moment hält sie sich alle Optionen offen. Oder wissen Sie etwa, ob Angela Merkel nach der Wahl die Steuern senken oder erhöhen will? Ob sie sparen oder investieren will? Was ihre Gedanken zu Afghanistan sind? Ob sie lieber mit den Liberalen oder insgeheim mit den Sozialdemokraten zusammengehen will? Dass sie inhaltlich kaum zu verorten ist, nimmt sie bewusst und billigend in Kauf.

Leser-Kommentare
    • joG
    • 23.09.2009 um 19:12 Uhr

    ...ob man jemanden wählen darf, der/die selbst bei direkter Aufforderung dazu nicht bereit ist zu sagen, wie er/sie die ihm/ihr übertragene Macht einsetzen will.

  1. Also ich hab keine Lust mehr auf gockelnde Streitgespräche /Machtspielchen/-kämpfe der letzten Jahre. Wirklich. Es ärgert einfach die Medien, dass Frau Merkel so ruhig ist. Ich seh keine Gefahr darin.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ach und laut der obigen Argumentation müsstemit Verlaub "Streber" Guido mit seinem Verhalten ja eine um so größere Bereicherung der Demokratie sein.....

    Er (und viele andere so erwünschte Wahlkämpfer) sagt was man vermeintlich hören will. Am Ende sagen zur zeit alle das gleiche. Ist DAS besser?

    Wer weiß denn was zur Zeit am besten ist, welche Richtung? Die das laut für sich proklamieren sehe ich skeptisch.

    Ach und laut der obigen Argumentation müsstemit Verlaub "Streber" Guido mit seinem Verhalten ja eine um so größere Bereicherung der Demokratie sein.....

    Er (und viele andere so erwünschte Wahlkämpfer) sagt was man vermeintlich hören will. Am Ende sagen zur zeit alle das gleiche. Ist DAS besser?

    Wer weiß denn was zur Zeit am besten ist, welche Richtung? Die das laut für sich proklamieren sehe ich skeptisch.

  2. Ach und laut der obigen Argumentation müsstemit Verlaub "Streber" Guido mit seinem Verhalten ja eine um so größere Bereicherung der Demokratie sein.....

    Er (und viele andere so erwünschte Wahlkämpfer) sagt was man vermeintlich hören will. Am Ende sagen zur zeit alle das gleiche. Ist DAS besser?

    Wer weiß denn was zur Zeit am besten ist, welche Richtung? Die das laut für sich proklamieren sehe ich skeptisch.

    Antwort auf "Streit?"
  3. ich kann Ihnen sagen, es war hart. Freundlicher Weise hat man mir im Wahllokal einen Stuhl angeboten. Da saß ich nun vor der langen Liste der Parteien und Kandidaten: so ein richtiger Mann, das wär´s doch mal wieder, ging mir durch den Kopf, dann würden vielleicht sogar die Frauen.... Nun, ich habe zwei Männer gefunden, einen für die Erststimme und einen für die Zweitstimme.

  4. 5.

    "Merkel wählen, heißt, auf eine Unbekannte zu setzen. "
    das ist der kernsatz des insgesamt (mal wieder völlig) überzogenen artikels.
    wir haben angela merkel 4 jahre als kanzlerin gesehen, erlebt und die erfahrung gemacht, wie sie als kanzlerin regiert und sich verhält.
    daraus kann jeder seine eigenen schlüsse ziehen und sich überlegen, ob er das wiederhaben will oder die leckere alternative probieren möchte. ;-)

    unbekannt ist jedenfalls an angela merkel und ihrem regierungsstil nichts.

  5. anbei möchte ich anmerken, daß ein titel wie "kanzlerin hasenfuß" doch etwas unpassend ist, vor allem, nachdem ich vorhin die erfahrung machen durfte, daß die redakteure der "zeit" wesentlich höflicher formulierte kritik (an einem artikel der "ZEIT") zensiert hat.

  6. Aber dass mit der Chefin und der großen Koalition hätten Sie sich am Ende ihres durchaus guten Artikels sparen können. Wer sich im Wahlkampf nicht äußert, der verdient auch kein Amt. Wo kommen wir denn sonnst hin. Am Ende ist eine Schlange im Sack und nichtmal eine Katze.

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