Angela Merkel hat am Wochenende ihr Herz geöffnet, exklusiv für die Leser der Welt am Sonntag. Ohne ihren Mann könnte sie "den Job gar nicht machen", sagte die Kanzlerin. Außerdem verriet sie, dass sie "die allermeisten Tage rund 14 Stunden" arbeite. Dass sie "zum Ausgleich" gern koche, spazieren gehe oder etwas Gartenarbeit mache. "Gute Musik ist auch wichtig."

Davor sprach Merkel mit der Apotheker-Rundschau, sie plauderte mit der Auto-Bild. Und sie gab der Emma ein ausführliches Interview. Die Kanzlerin war also durchaus präsent in den Medien – und erreichte ein großes, heterogenes Publikum. Die Gespräche sind nett, durchaus rührig und nicht per se unsympathisch, politisch indes sind sie meist nicht.

Man liest viele harmlose Fragen – und reichlich unspontan wirkende Antworten. Konfrontation mit dem Gegner oder Streitgespräche sehen anders aus.

Zum Schlagabtausch hätte es genügend Anlässe gegeben. Merkel lies sie verstreichen. Eine Einladung nach der anderen sagte sie in diesem Wahlkampf ab – oder ignorierte schlicht die Anfragen. Zuerst, am vergangenen Mittwoch, die traditionelle "Berliner Runde" mit den Spitzendenkandidaten der anderen Parteien im ZDF. Merkel wollte bloß ihren Stellvertreter Christian Wulff schicken. Daraufhin sagte der SPD-Kandidat Frank-Walter Steinmeier ebenfalls ab. Einen Tag später gaben beide der Fernsehrunde der ARD einen Korb.

Auch "Erst fragen, dann wählen", das Gemeinschaftsprojekt vom ZDF, ZEIT ONLINE und den VZ-Netzwerken, sagte Merkel ab. Steinmeier, Ramsauer, Westerwelle, Trittin und Gysi kamen. Die CDU kam nicht vor.

Das Kanzleramt kolportiert nun, die Medien seien unflexibel gewesen und der Kanzlerin terminlich nicht entgegen gekommen.

Das stimmt so nicht. Das ließe sich belegen. Aber letztlich geht es darum nicht. Es geht um das fatale Ergebnis. Dass sich die Kanzlerin in diesem Wahlkampf kein einziges Mal den Vertretern der Opposition gestellt hat – oder einer unberechenbaren, kritischen Öffentlichkeit. Dass sie sich für Interviews gezielt unpolitische oder unkritische Medien auswählt, um meist unpolitische Botschaften zu vermitteln.

Das ist typisch für Merkels ungefähren, im Grunde unpolitischen Wahlkampf. Ähnlich wie bei der Frage: Sage ich der TV-Runde zu oder nicht?, verfährt sie derzeit in vielen Fragen. Bis zum letzten Moment hält sie sich alle Optionen offen. Oder wissen Sie etwa, ob Angela Merkel nach der Wahl die Steuern senken oder erhöhen will? Ob sie sparen oder investieren will? Was ihre Gedanken zu Afghanistan sind? Ob sie lieber mit den Liberalen oder insgeheim mit den Sozialdemokraten zusammengehen will? Dass sie inhaltlich kaum zu verorten ist, nimmt sie bewusst und billigend in Kauf.