G-20-Gipfel in Pittsburgh Merkel, Steinbrück und ihre Abschiedstour Seite 2/2

Noch so einer, der diese große Koalition anscheinend gar nicht übel findet. Überhaupt ist es auffällig, wer dieser Tage so alles über das Thema spricht. Helmut Kohl etwa. Genau an dem Donnerstag, an dem Merkel und Steinbrück in die USA aufbrechen, erscheint der Altkanzler per Interview in der Bild-Zeitung. Kohl sitzt im Rollstuhl, der alte Mann erholt sich nur schwer von seinem Sturz vor einem Jahr. Aber dass die letzten Umfragen wenige Tage vor der Wahl einem schwarz-gelben Bündnis eine, wenn überhaupt, nur sehr knappe Mehrheit in Aussicht stellen, hat das Schlachtross munter gemacht. Kohl sagt, dass er sich eine gemeinsame Regierung von Union und FDP wünsche. Viel bemerkenswerter ist allerdings, dass er in einer zweiten großen Koalition partout kein Unglück sehen mag. "Unglück ist ein großes Wort", sagt Kohl. Es wäre halt bloß wieder nur „"ein großer Kompromiss".

Wie es der Zufall will, erscheint am gleichen Tag in der Zeit ein Gespräch mit dem zweiten der Altkanzler. Und wie es der Zufall will, schwärmt der sonst so brummelige Helmut Schmidt von dem "Team" Merkel-Steinbrück: "Hervorragend" hätten die das Land durch die Krise geführt. Ein Lob übrigens, das Steinbrück im Flugzeug zu bübischem Kichern und dem Bekenntnis bringt, sein Lieblingswestern heiße "Zwei glorreiche Halunken".

Nun ist es kein Geheimnis, dass der Finanzminister und stellvertretende SPD-Chef Steinbrück eine zweite Große Koalition als die einzige realistische Alternative betrachtet, sollte es am Sonntag für Schwarz-Gelb wirklich nicht reichen. Das ist ja auch logisch, wenn man die jeweilige Ausschließeritis der Drei-Parteien-Varianten Ampel (will Guido Westerwelle nicht), Jamaika (will der Grünen-Parteitag nicht) und Rot-Rot-Grün (will die SPD nicht) für mehr hält als Lippenbekenntnisse. Steinbrück hat trotzdem von seiner SPD eine Zurechtbiegung verpasst bekommen, als er das laut gesagt hat, weil es sonst ja so aussieht, als könne der Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier gar nicht Kanzler werden. Das stimmt zwar ebenfalls. Nur, Logik stört in Wahlkampfzeiten schon mal.

Steinbrück ist zu diesem Thema seither nicht mehr zitierbar. Auch Merkel lässt sich auf nichts ein. Die CDU-Chefin weiß, dass ihr nicht wenige in den eigenen Reihen unterstellen, heimlich sei sie auf die Fortsetzung des Bunds mit den Sozialdemokraten aus. Aber deswegen mit ihrem Lieblings-Sozi einen auf geschiedene Leute machen? Nee. Nur zwischendurch lässt sie durchblicken, dass sie sich, bei aller Wertschätzung, andere an ihrer Seite auch vorstellen könne.

In der Nacht zu Freitag lässt sich Merkel in einen Sessel im Hotel Renaissance fallen. Der Tag ist lang gewesen, das Abendessen mit den übrigen Staats- und Regierungschefs liegt hinter ihr. Merkel sieht zufrieden aus. Es hatte sich allerlei bewegt in den letzten Stunden. Dank "unserem Druck", wie Merkel dann am Freitag nach den weiteren Gesprächen über das Abschlussdokument sagte. Die Regeln für die "Finanzmarktarchitektur" seien verbessert und konkretisiert worden – die Kanzlerin meint damit unter anderem die neuen Bonus-Vorgaben für Banker, die freilich im Detail ins Benehmen jedes Einzelstaats gestellt sind. Auch die strengeren Eigenkapitalregeln für Banken lobt Merkel als wichtiges Ergebnis des Gipfels. Das klingt nach recht wenig, aber über diese Frage haben sich Angelsachsen und Europäer seit mehr als einem Jahrzehnt gestritten.

Merkel ist am ersten Abend übrigens früher im Hotel gewesen, Steinbrück kam vom Essen der Finanzminister etwas später. Auch er sah zufrieden aus. Sicher, das brauche alles seine Zeit, harte Bretter seien zu bohren, aber irgendwann sind sie durch.

Peer Steinbrück sieht in diesem Augenblick ganz und gar nicht aus wie einer, der denkt, dass er vielleicht gerade zum letzten Mal den Bohrer ansetzt. Ob ihre Gemeinsamkeit, fragt jemand Merkel und Steinbrück, so etwas darstelle wie eine Werbung für die nächste Große Koalition? Merkel macht eine wegwerfende Handbewegung – sei doch nun wirklich bekannt, wofür sie werbe! Auch Steinbrück guckt leicht genervt. Was sie hier machten, sagt er dann, das sei, die Interessen der Bundesrepublik Deutschland zu vertreten.

Neun Stunden Flugzeit von Berlin kann der deutsche Wahlkampf ziemlich unwirklich erscheinen. Aber wenn sie zurück sind, wird Angela Merkel in Berlin zum Wahlkampfabschluss auftreten und Peer Steinbrück mit Frank-Walter Steinmeier. Wie das am Sonntag ausgehen werde, hat der chinesische Premier Hu Jintao die Kanzlerin beim Gipfel gefragt. Merkel erläuterte, wie es zugehe in einer Fünf-Parteien-Demokratie mit verzwickter Koalitionsgeometrie. Hu, berichtet Steinbrück, habe seine Meinung zur Einheitspartei daraufhin nicht geändert.

 
Leser-Kommentare
  1. Naja, da wird er ganz bestimmt das geeignete Klientel finden, dass sich für die "Segnungen" einer sozialfeindlichen, schwarz-gelben Politik interessiert ;-))

  2. 2. wann

    ist endlich Schluß damit dass wir eine PARTEI wählen müssen. LEUTE und THEMEN sollten die Wahl bestimmen. Und nicht eine ungenaue (längst nicht mehr definierbare Strömung)

    Genauso eine FRECHHEIT ist es, dass man nichts über bevorstehende Ministerposten weiß....

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