Wahlkampf im TV Mutti Merkel gegen Pastor Steinmeier

Kanzlerin und Herausforderer haben fleißig fürs TV-Duell am Sonntag geübt. Unser Gast-Analytiker hat sich ihre Generalproben angeschaut: Beide haben viele Schwächen

Merkel und ihr Herausforderer: Am kommenden Sonntag messen sie sich im TV-Duell

Merkel und ihr Herausforderer: Am kommenden Sonntag messen sie sich im TV-Duell

Die Auftritte von Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier in der ARD-Wahlarena können als Generalprobe für das TV-Duell am kommenden Sonntag angesehen werden. Beide haben in ihrem persönlichen Habitus gezeigt, wie man auf die Wähler zugeht, um zu überzeugen. Der Vergleich bestätigt, dass beide keine Charismatiker sind, zeigt aber sehr deutlich die unterschiedlichen Verhaltensstile.

Die Bundeskanzlerin nimmt direkt Kontakt zu den Menschen auf, bezieht sich auf deren Fragen und Nöte. Ihre Ansprache ist direkt und verständlich. So mancher kann das Gefühl bekommen, "die weiß, wovon sie redet, und die weiß, wo mein Schuh drückt". Man fühlt sich bei der Kanzlerin gut aufgehoben.

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Durch Ich-Aussagen unterstreicht sie ihre eigene Sichtweise oder ihre Überzeugung in Bezug auf ein abgegebenes Versprechen ("mit mir nicht", "ich war selber da"). Medien schreiben ihr daher eine "Mutti-Rolle" zu, in der sie sich wohl zu fühlen scheint. Und mit der sie offenbar auch Erfolg bei vielen Menschen hat. Ihr charmanter, trockener Humor soll schließlich jede mögliche Gefahr im Keim ersticken.

Rhetorisch zeigt sie jedoch auch eine andere Seite. Füllwörter wie "irgendwie…" oder Antworten wie "ich glaube, dass wir sagen…" relativieren die durch die "Mutti-Präsenz" suggerierte Sicherheit und Stärke. 

"Ich habe mir so eine Mühe gegeben, es allgemein- verständlich zu erklären…"

Bundeskanzlerin Merkel in der ARD-Wahlarena

Körpersprachlich wirkt sie zudem in sich festgehalten und unsicher. So hält sie sich immer wieder am Stehpult fest, statt sich dem Fragenden körperlich direkt zuzuwenden. Wenn ihr offensichtlich nicht wohl zu Mute ist, wird ihre Mimik maskenhaft. Sie schluckt vielfach, bevor sie zu reden beginnt, saugt die Luft ein, ohne entsprechend auszuatmen. Sie bleibt somit in sich fest gehalten und reagiert, wenn sie eine Frage als Angriff erlebt, fast trotzig abwehrend mit schnippischer Stimme ("da haben wir eben zwei unterschiedliche "Überzeugungen").

Steinmeier dagegen signalisiert durch seine legere Haltung eine unaufdringliche Selbstsicherheit im Kontakt mit den Menschen. Sein ruhiger, konstanter Blickkontakt vermittelt Akzeptanz und subtile Distanz zugleich. Er bezieht sich konkret auf die Anliegen der Fragenden, weiß aber auch um die Notwendigkeit, diese immer in einem größeren Bezug zu sehen und zu werten. Auch auf die Gefahr hin, dass sein Gegenüber nicht unbedingt gleich zufrieden ist ("ich kann Ihren Ärger verstehen, aber ich kann Ihnen auch nichts vormachen"). Er zeigt dabei pastorale Züge, die eine gewisse Unaufdringlichkeit ausstrahlen.

Rhetorisch irritiert seine oftmals verlangsamte Sprechweise, statt einfach auf den Punkt zu kommen. Die besondere Betonung am Satzanfang lässt auf einen jetzt folgenden Paukenschlag hoffen, der sich aber in zu langen Sätzen und Erläuterungen verliert. Das geht direkt auf Kosten seiner Wirkung von Souveränität. Und seine Mantra ähnliche Betonung ("ich kann das verstehen…") scheint beim dritten Mal eher den Blick des Gegenüber zu verdüstern als ihn zu einer Gemeinsamkeit einzuladen.

Körpersprachlich wirkt er in sich sicher. Aber man merkt, dass er besonders bei "Angriffen" (beispielsweise bei der Kurnaz-Frage) aufgewühlt kaum an sich halten kann. Er atmet dann schwer und prustet durch schmale Lippen stark kontrolliert, ohne jedoch seine Fassung zu verlieren.

Beide werden in vier Tagen das erste Mal im Duell aufeinander treffen. Dies stellt einen enormen Stress dar. Unter Stress greift man, wenn es subjektiv eng wird, unbewusst auf die alten Verhaltensmuster zurück. Sie dienen dazu, heil aus der stressigen Situation rauszukommen. Sie bergen jedoch auch starke Ressourcen, die es zu nutzen gilt, um zu überzeugen und zu punkten.

Merkel ist "im Kopf sicher", das heißt in Bezug auf Kontakt, Kommunikation sowie konkrete bilaterale Beziehungsgestaltung. Steinmeier hingegen ist "im Körper sicher", d.h. in Bezug auf Kontakt und Beziehung zu mehreren Personen gleichzeitig. Merkels Stärke ist die unmittelbare Ansprache von Personen und die entsprechende erklärende Antwort. Steinmeier beherrscht den konkreten Bezug, verknüpft mit dem Hinweis auf grundsätzliche Erklärungen. Beide geben Orientierung: Merkel von Person zu Person, Steinmeier als Person in Bezug auf Überzeugung und die größere Perspektive.

Die Wähler werden sich während des TV-Duells selbst ihr Bild davon machen, welcher Verhaltensstil sie eher ansprechen wird. Merkel kann dabei besser punkten, wenn sie bei Konfrontation mehr auf ihre eigene Kraft und Energie vertraut. Steinmeier kann stärker überzeugen, wenn er statt zu viel zu überlegen auch mal einen Überraschungsangriff wagt.

Gastautor Ulrich Sollmann arbeitet als Berater und Coach in Wirtschaft und Industrie. Er ist Inhaber einer Praxis für Körper-Psychotherapie und bioenergetische Analyse in Bochum. Sollmann ist Begründer von charismakurve.de, einer Website, auf der Internetuser die Ausstrahlung der Spitzenkandidaten bewerten. Zudem publiziert er in verschiedenen Medien.

 
Leser-Kommentare
    • JeMa
    • 09.09.2009 um 20:18 Uhr

    Ein weiterer Kommentar, der jeden potenziellen Wähler darüber im Unklaren lässt, ob denn die Kandidaten stichhaltige Argumente und tragfähige Visionen hatten oder nicht.

    Weite Teile der Medien beklagen den angeblich inhaltsleeren Wahlkampf, sorgen aber durch ihre auf Äußerlichkeiten konzentrierten Kommentare dafür, dass Inhalte auch dann verschütt gehen, wenn sie angesprochen worden sind.

    Fakt ist doch: Auch wenn weder Steinmeier noch Merkel medial gut ankommen mögen (was ich übrigens bezogen auf Steinmeier für Unsinn halte), regiert werden wir nicht über TV-Shows, sondern über Sacharbeit, Inhalte und Zielsetzungen, die ihre Umsetzung im Bundestag/Bundesrat finden.

    An dieser Stelle angesetzt, ist festzustellen, dass, um es provokant auszudrücken, Merkel mit ihrem "Johannisbeerkuchen" Steinmeiers "Deutschlandplan" wenig entgegenzusetzen hatte und hat. Dies wird durch ihren Wunschpartner (?) Westerwelle bestätigt, der sie noch dafür gelobt hat, dass ihre Regierungserklärungen immer nur mit Tagespolitik beschäftigt hätten. Auf Deutsch: Merkels Herumgewurstel im Tagesgeschäft steht Steinmeiers Perspektiven gegenüber. Von Merkel erfahren wir, dass alles nochmal überdacht werden muss (Ziel unklar), während Steinmeier klar sagt, in welche Richtung seine Politik gehen wird.

    Das ist das relevante Ergebnis der TV-Auftritte der Kandidaten. Ihre Körperhaltung ist dagegen schnurz. - Wir werden nicht von Körperhaltungen regiert, sondern von Menschen mit oder ohne Zielvorstellungen.

  1. Seit wann gibt es bei Politikern Inhalte?

  2. Dieser Kommentar ist symptomatisch für das, was "Berater" an Politikern für wichtig halten: Die Oberfläche. Die muss stimmen und die stimmt bei Steinmeier im Auftreten eher als bei Merkel. Das aber ist nichts Neues und die Kanzlerin konnte habituell und in Sachen Ausstrahlung mit Konkurrenten noch nie mithalten. Doch hat sie es nicht nur so weit gebracht, diese Koalition nun schon vier Jahre lang anzuführen, sondern auch dazu, mit Selbstbewusstsein in diese Wahl gehen zu können, in der Steinmeier persönlich noch immer weit abgeschlagen ist.

    Wie der erste Kommentator wäre mir deswegen eine detailliertere Analyse, die Inhalte mit dem modus vivendi ihrer Vermittlung in Verbindung setzt, wichtiger als eine rein "technische". Dabei kann immer nur bereits Bekanntes herauskommen, wenn Frau Merkel eine der Figuren ist.

    • Zapp54
    • 10.09.2009 um 7:48 Uhr

    aus der "Anstalt".......*

    "2 Schlaftabletten erzählen den Blues"

    Aktiver NICHT-Wähler
    Zapp54

  3. ich habe immer bei Frau Merkel das Gefühl, dass sie sachlich bleibt und dass sie manchesmal "unsicher" wirkt, kann man deshalb nachvollziehen, weil man ja nicht auf ALLEN Gebieten immer gleich alles wissen kann - es wird aber immer vorausgesetzt. Vielleicht wäre es gut wenn Frau Merkel es auch sagt (vielleicht sagt sie es ja auch) ... da kann ich jetzt nur eine "gefühlte" Antwort geben und werde mich kundig machen .... Sie macht eines aber richtig, sie fängt nicht an zu "schreiben", wenn sie vor einem größen Publikum Wahlkampf macht, sondern bleicht auch hier sachlich. Es macht aber auch nicht, sondern ist auch in Ordnung, wenn sie dabei auch manchesmal mit etwas Ironie kommentiert, was die "Gegner" so als glaubwürdig herausposaunen. Auf jeden Fall ist es immer besser von den Vorteilen der eigenen Partei zu reden als von den Nachteilen der anderen Parteien.
    Bei Steinmeier ist der ruhige Ton bei Interview ganz in Ordnung - so sagt meine Frau - aber wenn er dann "Wahlkampf" macht und den Schröder mimt und schreit, statt weiter ruhig zu reden, was ja sein Naturell ist, dann kommt er nicht mehr an, und verschreckt. Er ist dann nicht mehr glaubwürdig und wenn seine Berater glauben, damit die Massen motivieren zu können und auch vielleicht glaubt, wenn durch diesen Ton die Wähler aktiviert werden diese Partei zu wählen, dann fehlen tatsächlich die Inhalte, weil ja hier der "Ton" die Musik macht.

  4. Ich selber habe die Wahlarena mir angeschaut - sowohl von Angela Merkel als auch ihrem Herausforderer. Typisch für eine Medien-Demokratie. Und das ist gefährlich: Denn mir scheint es, dass es mehr um Personen und deren Verhalten, das, wie sie sich geben, wie sie miteinander umgehen, ob der Wahlkampf nun in die heiße Phase kommt oder nicht, ob all das die größte Rolle spielt als tatsächliche Inhalte jener Parteien, die die Wähler wählen müssen. Dies mag unterhaltsam sein und ich spreche der Politik dies nicht ab. Doch der Fokus sollte auf der Politik liegen, und nicht auf "Wie spiele ich am Besten mit den Medien, damit ich ja gute Umfragen bekomme und vom inhaltlosen ablenken kann". Im Vergleich zu Debatten aus den späten 70ern und 80er Jahren ist der Wahlkampf 2009 eher larifari und nur zur Besänftigung, gar Befriedigung der Medien geeignet als wirklich zur konkreten politischen Stellungnahme.
    Ich weiß bis zum heutigen Tage nicht, wen ich wählen soll, und meiner Meinung nach machen mich solche Wahlarenen nicht viel schlauer als vorher-mich interessiert nicht, ob Frau Merkel richtig atmet, ob sie sich, weil sie den Kontakt zu Zuschauern meidet, am Pult festhält und dass Herr Steinmeier beim Thema Kurnaz Schweißausbrüche erlebt - ich will Fakten, Überzeugungen und ehrliche Antworten, was ich in den nächsten 4 Jahren zu erwarten habe. Und das nicht nur von SPD und CDU, auch von der Opposition. Wahlarena für die Opposition, warum nicht? Die müssen sich eh viel besser profilieren.

  5. 7. Mensch

    schon wieder 5 Minuten für diese Luftgleiche Veranstaltung der ARD!
    Was möchte mir bitte dieser Bericht sagen??? Dass jemand gerne unsere Politikerelite beraten möchte wie diese sich schauspielerischer sich dem Volke präsentieren können??? Wann kommen dann die Lyriker, die ihnen dann beibringen wie man Märchen spannender aufbaut und Geschichten einleuchtend erzählt??? Was ist dies nur für eine Gesellschaft die so nach dem Schein strebt? Es gibt zurzeit soviel Ungeklärtes... soviel Ungesagtes... so viele Ungereimtheiten... überhaupt zuviel Un und zuwenig aha!
    Daran sollte gearbeitet werden! Und stellt die richtigen Fragen!

    http://www.meinvz.net/Wah...

  6. 8. Viele

    Scheinen die Relevanz von Ausdrucksvermögen und Präsentation zu übersehen, ein Menschen ob Politiker oder nicht) kann sehr eloquent und wissend sein, wenn er nicht in der Lage ist, sein Wissen über Sprache zu vermitteln, wird seinem Publikum nichts beibringen können, sie werden ihm schlicht nicht zuhören. Im Gegenzug kann ein rhetorisch Starker auch ohne viel Wissen, gut darstehen, solang seine Zuhörerschaft nicht unbedingt gebildet ist in dem Gebiet, über welches er Referiert.
    Rhetorik und Ausdrucksvermögen sind für Politiker also durchaus wichtig, man benötigt sie um sein Fachwissen oder seine Überzeugung an den Mann zu bringen (Ja, liebe Frau Schwarzer auch an die Frau).
    Obamas Wahlsieg ist wohl auch unstreitbar seinem unglaublichem Charsma zuzuschreiben.
    Zudem warte ich darauf, dass Frauenrechtlerinnen und Frauenrechtler (lach) diesen Beitrag kritisieren: "Nur weil Frau Merkel eine Frau ist, muss sie also eine Mutti sein, ja? Frauen können auch sehr weit aufsteigen, sie sind nicht an der Herd gebunden, warum wird sie nicht die "Managerin" oder die "Generälin" genannt? Nur weil sie eine Frau ist? Das ist Seximus!"

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