Online-Wahlkampf Das Netz wählt mit

Die bevorstehende Bundestagswahl wird noch nicht im Internet entschieden. Online-Kompetenz ist für Politiker trotzdem unverzichtbar.

15.000 "Friends" hat Angela Merkel auf Facebook. Frank-Walter Steinmeier kommt auf 5.400.

15.000 "Friends" hat Angela Merkel auf Facebook. Frank-Walter Steinmeier kommt auf 5.400.

Man könnte dem Irrtum verfallen, die Kanzlerin sei eine Pionierin des Online-Wahlkampfes. Seit drei Jahren bietet Angela Merkel einen wöchentlichen Videopodcast zum Download an. Merkel hat damit schon zu einem Zeitpunkt im Internet experimentiert, als Barack Obama, Idol vieler Online-Wahlkämpfer, noch nicht einmal seine Kandidatur bekannt gegeben hatte. Mit ihrem Podcast umgeht Merkel die traditionellen Massenmedien und kann eine unbegrenzte Zahl von Wählern direkt und ohne störende Zwischenfragen kritischer Journalisten ansprechen. So weit die Theorie. In Wahrheit ist der Podcast der Kanzlerin zum Einschlafen präsidial und alles, aber nicht wahlentscheidend.

Nicht nur Merkel, auch ihre Rivalen tun sich schwer mit dem Online-Wahlkampf. Vergleicht man die Zahl der Anhänger und „Friends“, die sich in Deutschlands größten sozialen Netzwerken Facebook und StudiVZ um die Spitzenkandidaten versammeln, steht Merkel sogar noch am besten da. Auf StudiVZ, das wie DIE ZEIT zur Holtzbrinck-Gruppe gehört, hat die Kanzlerin derzeit rund 69.000 Anhänger, Frank-Walter Steinmeier nur etwa 18.000. Auf Facebook führt die Kanzlerin mit 16.200 „Friends“ vor Steinmeier, der dort nur etwa 5900 „Friends“ hat. Barack Obamas Facebook-Seite ist dagegen schon ein Massenmedium. Der Präsident erreicht dort mehr als sechseinhalb Millionen Menschen.

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Es ist dieser ständige Vergleich mit Obamas glänzender Online-Strategie, der bleiern auf den Netzkampagnen deutscher Parteien lastet. Ein Vergleich, der nicht gerecht ist. Amerikanische und deutsche Wahlkämpfe verlaufen denkbar unterschiedlich. Der letzte Präsidentschaftswahlkampf war der teuerste aller Zeiten und kostete mindestens 2,4 Milliarden Dollar. Um gegen die Sponsorennetzwerke der Clintons und John McCains antreten zu können, musste Obama in kurzer Zeit ein Online-Netzwerk knüpfen, das ihn mit kleinen, aber regelmäßigen Spenden unterstützen würde. Am Ende sammelte er über 600 Millionen Dollar ein. Deutsche Wahlkämpfe sind weniger kostspielig.

Amerikanische Präsidentschaftskandidaten müssen ihre Anhänger auch nicht nur am Wahltag zur Stimmabgabe motivieren, sondern schon vorher zur Registrierung in den Wählerverzeichnissen und zur Teilnahme an den Vorwahlen. Dabei sind amerikanische Parteien längst nicht so engmaschig in Ortsvereinen organisiert wie die deutschen. Im riesigen Flächenstaat USA sind Politiker deshalb nicht nur beim Spendensammeln, sondern auch bei der Mobilisierung ihrer Wähler stärker auf das Internet angewiesen als in Deutschland. 

Die beste Online-Strategie hilft auch nichts, wenn der Kandidat kein mediales Talent hat. Wenn Barack Obama zwischen zwei Terminen noch kurz Basketball spielt und die Fotos davon später ins Netz wandern, dann ist das cool. Wenn Frank-Walter Steinmeier in seinen Online-Videos erzählt, er sei eher ein Stones-Typ als ein Beatles-Typ, wirkt er nicht cool, sondern gekünstelt. Das ist nicht fair, aber Online-Wahlkämpfe nützen eher dem Politiker-Typus des Direktkandidaten. Er oder sie muss nicht gut aussehen, aber in jedem Fall sehr gut kommunizieren und nahbar wirken. Ein deutscher Listenplatz-Politiker wie Steinmeier, der nicht mit Rhetorik, sondern mit Geduld, Loyalität und Sachverstand nach oben kam, hat es in einem Online-Wahlkampf ungleich schwerer.

Fast alle Elemente deutscher Wahlkämpfe, ihre Finanzierung, ihre Wählermobilisierung, ihr Prozess der Meinungsbildung und der Ausleseprozess ihres politischen Personals folgen anderen Regeln als in den USA. Entsprechend andersartig werden sich auch deutsche Online-Wahlkämpfe entwickeln müssen.

Wer deshalb aber glaubt, das Internet habe in Deutschland eine geringere Bedeutung als in den USA, macht einen Fehler. Laut einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen nutzt bereits ein Drittel der Deutschen das Netz, um sich politisch zu informieren. Auffällig ist auch, dass Spitzenpolitiker in Deutschland und in den USA bei Online-Diskussionen regelmäßig zu netzpolitischen Themen Stellung beziehen müssen, die in den traditionellen Medien noch kaum behandelt werden, etwa zur Zukunft der Netzneutralität. Auf der Online-Plattform „Erst Fragen, dann wählen“, einem gemeinsamen Projekt von ZEIT ONLINE, ZDF und StudiVZ, bei dem Online-Nutzer Fragen an Spitzenkandidaten des Bundestagswahlkampfes stellen können, rangiert beispielsweise nicht das Thema Studiengebühren auf Platz eins der populären Fragen, sondern der Streit um die Netzsperren. Im StudiVZ-Ranking der populärsten Parteien führt sogar die Piratenpartei mit rund 66.000 Anhängern, gefolgt von der CDU mit nur etwa 23.000 Anhängern. Noch sind netzpolitische Themen nicht wahlentscheidend. Politiker und auch Journalisten sollten die wachsende Macht der Netzöffentlichkeit aber nicht mehr unterschätzen.

 
Leser-Kommentare
  1. Müssen wir wirklich jeden amerikanischen Blödsinn mitmachen?
    Ich wähle doch nicht eine Partei/Person nur weil sie gut aussieht und mir Bilder schickt die ihn/sie beim Sport zeigen.
    Auch das Herr Steinmeier eher ein Stones als ein Beatles Typ ist ist doch vollkommen egal - abgesehen davon das er guten Musikgeschmack hat:-)
    Das Internet wird und soll auch ein Teil der politischen Kultur sein, der Politikern den direkten Kontakt zum Wähler und anders herum ermöglicht. Ein kleiner Beitrag auf dem Weg zur wahren Demokratie.
    Was ein Politiker in seiner Freizeit macht oder nicht macht sollte uns genauso egal sein wie der Politik was wir als Privatpersonen zu Hause oder im Internet machen.

  2. Am liebsten würden so einige politische Kräfte - so habe zumindest ich das Gefühl - ja in Deutschland das Netz am liebsten verbieten. Man hat es politischerseits nicht so gerne, mit früheren Auslassungen konfrontiert zu werden. Nach dem Amoklauf von Winnenden war für mich das Winden und Wiegen einiger politischer Kräfte einfach nur noch peinlich, als man sie mit ihren vollmundigen Ankündigungen nach den Vorfällen von Erfurt und Emsdetten konfrontierte und sie direkt fragte, was sie denn nun da so unternommen hätten und was von ihren damaligen Forderungen umgesetzt wurde. Da wurde dann ganz schnell einmal auf rund 10% Wählerklientel verwiesen, auf starke Lobbygruppierungen, mit denen man es sich nicht verderben könne.

    Solche Fragen sind nun mit belegbaren Zitaten im Netz. Man braucht nur nachzuschlagen. Unter solchen Bedingungen ist das Netz eine Art politische Bedrohung - konfrontiert es doch alle Sonntagsredner direkt mit ihren Äußerungen.

  3. Zitat: "Politiker und auch Journalisten sollten die wachsende Macht der Netzöffentlichkeit aber nicht mehr unterschätzen."

    Das Internet ist eine Revolution vergleichbar mit der Buchdruckmaschine oder der Dampfmaschine, nur eben digital! Das haben Politiker und Journalisten einfach verpennt, jetzt wachen sie langsam auf. Jetzt merken sie, dass das Medium Internet schnell, mächtig und demokratisch ist. Und da es dort freien Meinungsaustausch mit u.a. regierungskritischen Berichten zu finden gibt, will die Politik einen Korken drauf. Das muss verhindert werden, damit freie Meinungsäußerung auch zukünftig möglich ist.

    Freiheit statt Angst und Zensur!

    • TDU
    • 11.09.2009 um 18:01 Uhr

    Ein nur klientelbezogenes Motiv der Nutzung von Internet wäre der Sache auch nicht dienlich. Die Möglichkeiten des Internets kennen, sie akzeptieren und mit zu helfen, die Möglichkeiten des Einzelnen und der Gesellschaft zu verbessern. Das müsste das Ziel der Politik sein. Aber sie hat, übrigens wie immer, erst mal die Instrumentalisierung zu eigenen, insbesondere zu fiskalischen Zwecken auf der Agenda. Dabei sind die Unterteufel bereits viel weiter als die oben denken. Aber auch im positiven Sinn, wie z. B. etliche Kommunen und Dienstleistungsangebote beweisen.

    Aber auch der Netzbürger sollte sich bewusst sein, dass das Internet nicht dazu dienen sollte, allgemeingültige virtuelle Realitäten zu schaffen, vielleicht Unerwünschtes auszuschließen oder beides gegeneinander auszuspielen. Die rote Ampel ist kein Instrument von Zwangsherrschaft oder Terrorbereitschaft gegenüber den Radfahrern.

    • wet
    • 11.09.2009 um 19:03 Uhr

    Die Profile sind in vielen Fällen statisch, als "Poesiealbum für Erwachsene" angelegt. Interessant wird das Engagement im Netz aber erst, wenn Fragen und Antworten darüber vermittlet werden. Abgeordnetenwatch oder Twitter ist deswegen mE wesentlich relevanter als eine Sammlung von Freuden auf Facebook.

    • ast61
    • 12.09.2009 um 1:45 Uhr

    die brauchen schätzungsweise 5 Jahre, um das Internet zu kapieren.

    Einige haben es schon kapiert, die fordern hier jetzt durch Strohmänner(-frauen) Filterung.

    Sollen wir uns das bieten lassen?

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