Von einem Siegeszug der Nerds spricht FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, von einer Revolution der Piraten, die die gesamte Gesellschaft enterten. Doch was wählt man eigentlich, wenn man die Piratenpartei wählt? Klar, digitale Bürgerrechte, Datenschutz und all die Internetthemen, von denen sie gerade so erfolgreich behaupten, dass sie für sie stehen. All das ist wichtig, ohne Frage. Aber was bedeutete es, kämen Piraten in den Bundestag? Würden sie sich dann auch für all die anderen Dinge einsetzen, die in unserer Gesellschaft einer Lösung harren?

Die Chance dafür ist derzeit eher klein. Gift in der Nahrung, ausbeutende Arbeitgeber, Endlager vor der eigenen Haustür – schon viele kamen über Probleme im privaten Umfeld zu politischer Teilhabe. Nun eben die Piraten, die in Job oder Freizeit auf digitale Bürgerrechte und deren Beschränkungen stießen.

Persönliche Betroffenheit birgt die Gefahr, das entdeckte Thema in seiner Bedeutung zu überschätzen. Aus Betroffenheit kann aber auch eine allgemeingültigere, politische Meinung wachsen und der Wunsch, mehr zu tun für mehr Menschen als nur für die des eigenen Umfelds. Die Grünen sind so entstanden und auch die Piraten könnten so zu einer echten Partei wachsen. Im Moment aber verweigern sie sich diesem Prozess noch.

Mit Gewalt. Bei StudiVZ beispielsweise versuchen Mitglieder der Partei durchzusetzen, dass beim Punkt "politische Richtung" statt links oder rechts "Pirat" angegeben werden darf. Denn für Piraten sind diese Einordnungen nur "Machtspielchen" und Ausdruck einer überkommenen politischen Ordnung. Man will anders sein als die anderen.

Was in einer pluralistischen Demokratie gar nicht so leicht ist. Man sehe sich "als neue Dimension", schreibt HdH im offiziellen Forum der Partei zum Thema "Sind wir links oder rechts?" Und schlägt als Dimensionen "oben", "unten", am liebsten aber "vorne" vor. Nur um wenige Beiträge später darauf hingewiesen zu werden, dass der Slogan "Weder links, noch rechts, sondern vorn" bereits Ende der siebziger Jahre vom konservativen Öko Herbert Gruhl im Munde geführt wurde, als er versuchte, gemeinsam mit Petra Kelly die grüne Bewegung zu einen.

"Piraten", so die Meinung von Nutzer "701", "sollten keine Ideologie verfolgen". Das ist zunächst einmal schlau, wenn man so viele Menschen wie nur möglich ansprechen will. Doch es entpuppt sich als ziemlich schwierig, wenn man Politik zu machen beabsichtigt.

Denn wie hätte man sich das vorzustellen? Im Gegenzug für die Mitarbeit an einem verbesserten Datenschutzgesetz verspricht die Piratenfraktion der CDU morgens ihre Stimmen in Sachen Atomkraftausbau, winkt mittags zusammen mit der FDP ein neues Steuersenkungsgesetz durch, kämpft nachmittags an der Seite der SPD-Genossen für den Mindestlohn und hängt abends ihr Fähnchen beim Kriegsmandat in den Wind der Mehrheit?

Aussagen zu Bereichen abseits des Internets vermeiden Piraten derzeit genau wie Koalitionsversprechen. Sie versuchen lieber, ihr Thema zu einem allumfassenden umzudichten und fordern ein Piraten-Superministerium, fachübergreifend zuständig für das Netz und die Informationsgesellschaft. Doch wäre das die Lösung? Noch dazu, wenn die jeder politischen Beteiligung zugrunde liegende Frage nicht beantwortet ist, die nach rechts oder links? Immerhin geht es bei dieser nicht nur um eine Farbenlehre, sondern auch um grundsätzliche Fragen nach "sozialer Gerechtigkeit" versus "jeder ist selbst verantwortlich für sein Glück".