Wahl in Schleswig-Holstein Schuld sind die Anderen
Der Wähler hat die ewig zankenden Spitzenkandidaten von CDU und SPD in Schleswig-Holstein bestraft. Carstensen und Stegner wollen eigene Fehler trotzdem nicht einsehen. Ein Kommentar.
© John Macdougal/AFP/Getty Images

Beide sind auf die FDP angewiesen: Bundeskanzlerin Angela Merkel gratuliert Peter Harry Carstensen zum Wahlsieg in Schleswig-Holstein. Beide haben kräftig Stimmen verloren.
Wenn er unsicher ist, dann brüllt er und poltert. Am Sonntagabend war Peter Harry Carstensen sehr unsicher. Das amtliche Endergebnis stand lange nicht fest– die Zitterpartie reizte die Nerven des CDU-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl in Schleswig-Holstein. Carstensen begegnete dem Wahlkrimi an der Kieler Förde mit marchialischen Siegerposen. Mit in die Höhe gestemmten Fäusten jubelte er um 19:20 Uhr vor Parteifreunden wie ein Boxer nach einem K.o.-Sieg.
Doch Grund zur Euphorie hatte die CDU nicht: Sie schnitt deutlich schlechter ab, als es die Parteistrategen erwartet hatten. Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident schien Fakten schaffen zu wollen, als er für anderthalb Minuten in den Räumen der CDU-Fraktion im Landtag vor die Mikrofone trat: "Es ist knapp, aber es sieht so aus, als ob es reicht", brüllte er in den Saal hinein. So klingt kein überzeugter Sieger, das war keine souveräne Ansprache eines Landesvaters.
Carstensen hatte alles auf eine Karte gesetzt, hatte seine Große Koalition vorzeitig platzen lassen, um mit den Neuwahlen den Koalitionspartner zu tauschen. Beinahe hätte er sich verzockt. Um 3:30 Uhr, acht Stunden nach seiner Selbstkrönung, stand dann das vorläufige amtliche Endergebnis fest: Schwarz-Gelb hat eine hauchdünne Mehrheit.
Ein Sieger ist Carstensen nicht: 31,5 Prozent holte seine Partei und verlor immerhin 8,7 Prozentpunkte. Carstensen hat viel Sympathie eingebüßt: Der einst weit über die Parteigrenzen hinaus beliebte Ministerpräsident steht nun vor der Aufgabe, seine enttäuschte Partei wieder aufzurichten und sich in der Koalition gegen eine extrem gestärkte FDP zu behaupten. Ob Carstensen dafür der Richtige ist, hatten seine Parteifreunde in den vergangenen Wochen manchmal und teilweise öffentlich bezweifelt. Auch Carstensen deutete an, dass die Diskussion innerhalb der CDU über das Wahlergebnis kontrovers ausfallen werde. Die Schuld an dem schlechten Abschneiden seiner Partei suchte er nicht bei sich selber, sondern bei dem ehemaligen Regierungspartner, der SPD. Er hätte die Koalition viel früher beenden sollen, sagte Carstensen in die TV-Kameras.
Die Kritik an Carstensen hält sich innerhalb der CDU momentan nur deshalb in Grenzen, weil die SPD ein noch viel desaströseres Ergebnis erzielte: 25,4 Prozent, das ist das schlechteste Resultat der Sozialdemokraten in Schleswig-Holstein seit dem Bestehen der Bundesrepublik. Der Verlust von 13,3 Prozent ist so ungeheuerlich, dass die oft bemühten Begriffe wie Erdrutsch oder politisches Beben nicht mehr ausreichen, um ihn zu beschreiben. Die SPD im Norden befindet sich im tiefen Fall – ob der Boden nun erreicht ist, bleibt vorerst offen.
Ralf Stegner, der Spitzenkandidat der SPD, der immer an die Vernunft der Wähler appellierte, aber nie ihr Herz erreichte, gestand die Niederlage "ohne Wenn und Aber", bereits kurz nach Bekanntwerden der ersten Hochrechnungen ein. Doch die Schuld an der Pleite gab Stegner dem Ministerpräsidenten, der die gemeinsame Koalition einfach beendet hätte. Auch wenn sein Misserfolg abzusehen war, einen solch starken Stimmenverlust hatte kein Experte prophezeit.
Denn lange Jahre war das Land zwischen den Meeren tief rot – nach 38 Regierungsjahren der Christdemokraten hatte die SPD 1988 den Landtag in Kiel erobert und stellte 17 Jahre in Folge bis 2005 den Ministerpräsidenten. Die Sozialdemokratie zwischen Flensburg und Pinneberg brachte den SPD-Bundesvorsitzenden Björn Engholm und die erste und immer noch einzige Ministerpräsidentin Deutschlands, Heide Simonis, hervor. Mit Simonis' unrühmlichen Ende 2005, als ein SPD-Fraktionsmitglied ihr mehrfach die zur Mehrheit erforderliche Stimme verweigerte und damit eine Große Koalition unter CDU-Führung erzwang, begann der Abstieg der Sozialdemokraten.
- Datum 28.09.2009 - 19:21 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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bei wem eigentlich ? Die CDU/FDP-Spitzenkandidaten sind doch älter als Stegner.oder???
bei wem eigentlich ? Die CDU/FDP-Spitzenkandidaten sind doch älter als Stegner.oder???
.. eher flachen Stellen dieses "Kommentars": Den Gebrauch des Fremdwortes sollte der geneigte Autor wohl noch mal üben - wir sind hier doch nicht bei der Schülerzeitung! "Materialistische" statt martialischer Siegerposen, die zweifelsohne gemeint waren - das ist ja wohl mehr als peinlich! Online-Tempo hin oder her, aber Lesen und Schreiben sollte doch wohl noch immer zur Kernkompetenz eines Redakteurs gehören!
vielen Dank für den Hinweis, der Fehler wurde entsprechend korrigiert.
Freundliche Grüße, Atila Altun/ Redaktion ZEIT ONLINE
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Freundliche Grüße, Atila Altun/ Redaktion ZEIT ONLINE
sind die CDU/FDP-Spitzenkandidaten nicht älter als Stegner und müssten den Weg für die Jugend frei machen???
Mit Verlaub: Dass schwarz/gelb in SH die Mehrheit der Sitze erreicht, ist noch lange nicht entschieden - die Verfahrensweise, wie Ausgleichsmandate geschaffen werden, ist nicht eindeutig; kein Wort davon im Artikel!
und wenig sachkundig ist dieser Kommentar. Von dem Gebrauch von Fremdwörtern einmal abgesehen, scheint es doch dem Kommentator an grundlegenden Kenntnissen zu diesem Sachverhalt zu fehlen. Gerade in den letzten Monaten und Jahren hat Herr Stegner der Landesregierung es nicht leicht gemacht. Seine unausstehliche, zur Schau getragene Profilneurose, hat immer wieder zu heftigsten Auseinandersetzungen geführt. Herr Stegner war und ist grundsätzlich auf seinen persönlichen Vorteil bedacht. Denken Sie u. a. nur an seinen inszenierten Rücktritt -mit Verzögerung, um seinen Pensionsanspruch zu sichern-, die vielen verbalen, teilweise "unter die Gürtellinie" gehenden Injurien: Das kann den besten Mann zur Weißglut bringen. Ich stelle fest, dass Herr Carstensen zu spät die Reißleine gezogen hat. Vielen SPD-Mitgliedern, die ich persönlich kenne, war diese Arte der persönlichen Auseinandersetzung, wie Herr Stegner sie praktizierte, einfach zuwider. Warten wir mal ab -nicht immer das biologische Alter zählt-, wie die Basis mit Herrn Stegner umgeht und wie schnell man altern kann.
Herr Carstensen und der CDU wünsche ich einen guten Start zum Wohle unseres Landes. Verbinden möchte ich dies mit einer Bitte: Nach der Hälfte der Legislaturperiode sollte er einer Persönlichkeit die Nachfolge ermöglichen.
vielen Dank für den Hinweis, der Fehler wurde entsprechend korrigiert.
Freundliche Grüße, Atila Altun/ Redaktion ZEIT ONLINE
.. fasssungslos. Sie wollen mich (hoffentlich) auf den Arm nehmen? "Marchialisch" ist schon wieder falsch, diesmal ein Wort, das es gar nicht gibt, na bravo. Und das obwohl ich in meinem ersten Kommentar schon den richtigen "Vorschlag" gemacht habe?
[Rest entfernt, bitte bleiben Sie höflich/ Redaktion; svb]
.. fasssungslos. Sie wollen mich (hoffentlich) auf den Arm nehmen? "Marchialisch" ist schon wieder falsch, diesmal ein Wort, das es gar nicht gibt, na bravo. Und das obwohl ich in meinem ersten Kommentar schon den richtigen "Vorschlag" gemacht habe?
[Rest entfernt, bitte bleiben Sie höflich/ Redaktion; svb]
Als ob die "Repräsentative Demokratie" (und dabei die 5%-Hürde) nicht undemokratisch genug wären, soll nun also Schleswig-Holstein von einer relativen Minderheit regiert werden, die nur Dank Überhangmandaten eine Mehrheit der Sitze bekommt: CDU FDP 46,5%, SPD Grüne Linke SSW 48.2%.
Die Verantwortlichen scheinen der Meinung zu sein, daß die Politikerverdrossenheit sowieso nicht schlimmer werden kann, und daß man daher nun langsam die Heuchelei demokratischer Gesinnung einstellen kann. Nun gut, je schneller das gegenwärtige System vor die Wand gefahren wird, desto eher darf man auf demokratische Verhältnisse hoffen.
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