Vorschussbeifall für den SPD-Vorsitzenden, als er – blaues Hemd und wehender Schlips – mit viel Verspätung im niedersächsischen Gifhorn auf dem Marktplatz eintrifft. Einer von rund 40 Auftritten im Vier-Wochen-Endspurt des Wahlkampfs. Ein Heimspiel, das Städtchen liegt im Wahlkreis von SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, aber die 500 Zuschauer warten seit über einer Stunde auf Franz Müntefering. Keine Frage: Der erreicht die Leute. Sie kichern und lachen an den richtigen Stellen, etwa, wenn der Wahlkämpfer seine Rede unterbrechen muss, als es vom Rathaus sechs Uhr schlägt: "Das hast du wohl extra bestellt, Hubertus, bei dir waren’s ja nur zwei Schläge." Das Publikum klatscht wohlwollend, wenn er über die politische Konkurrenz herzieht. Oder heftig, zum Beispiel, wenn es um die Demokratie geht und Müntefering erst sagt: "Die Menschen sind nicht gleich, weiß Gott." Um dann zu rufen: "Aber wir Sozialdemokraten haben immer gesagt: Alle Menschen sind gleich viel wert."

Müntefering hat verinnerlicht, was Helmut Schmidt einmal gesagt hat: Wer nicht bereit ist, das Gleiche hundertmal zu sagen, der soll nicht Politiker werden. Der SPD-Chef hat manches schon tausendmal gesagt. Trotzdem: Die Sache mit der organisierten Solidarität hören die Leute in Gifhorn von ihm zum ersten Mal, und so muss sie dann auch klingen. Da steht der Wahlkämpfer, der das kann – den 27. September fest im Blick und die Wähler, die seine Partei mobilisieren muss, um Union und FDP die schwarz-gelbe Regierung zu verhageln.

Als vor ihm und danach die anderen reden, Heil und der Gewerkschaftschef, nimmt Müntefering auf der Bühne die vorgesehene Haltung an. Händeklatschen und Lächeln im passenden Moment, entschlossener Blick. Wahlkampfroutine. Die Mundwinkel zeigen nach unten, nichts Besonders in diesem Gesicht mit den scharfen Falten. So hat er auch am Sonntag der Landtagswahlen im Willy-Brandt-Haus ausgesehen, als er, von Beifall getragen, endlich einmal ein Debakel der CDU verkünden konnte. Doch die hundertfach auf Parteitagspodien und Wahlkampfbühnen gezeigte Siegespose kommt an diesem Abend nicht spontan, nicht triumphal daher. Verzögert und nur für einen Moment zeigt Müntefering die geballten Hände mit den hoch gereckten Daumen. Davontragen vom Rauschhaften eines Wahlkampfs, wie noch vor vier Jahren, lässt sich dieser Müntefering nicht. Da steht der Vorsitzende der SPD, der an die Zeit nach dem 27. September denkt, in der es darum gehen wird, wie die angeschlagene Volkspartei zu neuen politischen Optionen aufbricht.

Niederlagen säumen seinen Weg. Ein Jahr ist es her, seit Franz Müntefering zu Hause in Bonn angerufen wurde mit der Bitte, wieder Vorsitzender der SPD zu werden. Zehn Minuten Bedenkzeit, dann die Zusage an Frank-Walter Steinmeier, ihm zu helfen. Müntefering schildert lakonisch einen Vorgang, der einen etwas überraschten Privatmann wieder auf die große Bühne befördert hat. An jenem sonnigen Sonntag hat sein Vorgänger die SPD-Klausur am Schwielowsee durch die Hintertür verlassen. Kurt Beck, der Steinmeier dort mit fester Hand auf den Schild heben wollte, war zurückgetreten. Denn Steinmeier war schon vorher im Spiegel als Kandidat ausgerufen worden.

Die Rückkehr von Becks Vor-Vorgänger hat die Öffentlichkeit zu diesem Zeitpunkt kaum mehr überrascht. Vier Tage vor der Klausur am Schwielowsee hatte Müntefering mit einem fulminanten Auftritt in einem Münchner Bierkeller geradezu Heilsbringer-Erwartungen bei seinen depressiven Genossen geweckt: So kann SPD sich anfühlen? Begeisternd, mutig, vorneweg? Es war offensichtlich, dass dieser Mann, der elf Monate zuvor seiner schwer kranken Frau zuliebe als Vizekanzler zurückgetreten war, nach ihrem Tod wieder eine Hauptrolle in der SPD spielen wollte und, ganz anders als der glücklose Beck, auch spielen konnte. Was Müntefering in diesen zehn Minuten eigentlich noch überlegen musste, fragte damals ironisch eine Zeitung.

Es gehört zur ganzen Geschichte, dass Beck SPD-Vorsitzender überhaupt nur werden musste, weil sein Vorgänger Matthias Platzeck nach wenigen Monaten im Frühjahr 2006 das Handtuch geworfen hatte. Und Platzeck wiederum konnte in dieses Amt bekanntlich nur deshalb aufsteigen, weil Müntefering im November 2005 davon zurückgetreten war, mitten in den Verhandlungen um die große Koalition.

Damit hat der Müntefering doch das ganze Unheil ausgelöst, sagt heute ein Spitzengenosse, der seinerzeit im Chor mitgesungen hat, dass es die böse Andrea Nahles war, die "Münte" meuchelte. Der musste in den letzten zwölf Monaten in voller Breite durchleben, dass die geschichtsträchtige SPD eine Partei mit Vergangenheiten ist, die ausgebadet werden müssen. Zum Beispiel Becks Hinterlassenschaften, dumme Fehler, typisch SPD, aus unrealistischen Träumen geboren, die von einer Führung mit etwas mehr Verstandeskühle leicht hätten gezügelt werden können: die unglückliche Präsidentschaftskandidatur von Gesine Schwan, das schauerliche Drama in Hessen, das die gesamte SPD Glaubwürdigkeit gekostet hat.