SPD in der Opposition Steinmeier hat nicht das Zeug dazu
Angriffslust, Tempo, Skrupellosigkeit: Eigenschaften, die große Oppositionsführer brauchen – und die dem neuen SPD-Fraktionschef Steinmeier fehlen. Von Lorenz Maroldt
Oppositionsführer – das klingt gut: machtvoll, kräftig, wichtig, etwas verwegen, gefährlich. Wenn man schon nicht Kanzler sein kann ... Wie allerdings Frank-Walter Steinmeier auf die Idee gekommen ist, er könnte ein richtig guter Oppositionsführer sein, nach dieser Niederlage, als Fraktionsvorsitzender inmitten einer orientierungslosen Truppe, das gehört zu den ungelösten Rätseln dieser Tage.
Kampfgeist, Leidenschaft, Tempo, Autorität und unbändige Angriffslust, das zeichnet große Oppositionsführer aus; dazu die Kunst der kleinen Gemeinheit, Hinterlist, Chuzpe, Skrupellosigkeit – und dann auch noch die Zähigkeit, jeden Dienstag in der Fraktion eine Art kleinen Parteitag mit der eigenen hungrigen Meute unangefressen zu überstehen. Ein solcher Steinmeier wurde dem Land noch nicht bekannt gemacht.
Die Partei braucht Zeit und eher etwas von Steinmeiers planvoller Ruhe
Die SPD hatte große Fraktionsvorsitzende, Schumacher, Ollenhauer, Erler, Wehner natürlich, der ein ätzender Zuchtmeister war, Schmidt, dessen Schnauze zur Legende wurde, Vogel, der die Klarsichthülle zur Reliquie machte, Müntefering, Struck, jeder auf seine Weise geachtet und gefürchtet. Steinmeier ist höflich und abwägend. Er hat einen halben Putsch hinbekommen gegen Beck, er hat einen halben Machtanspruch erhoben gegenüber Müntefering, er verzichtet kampflos auf den Parteivorsitz. Den nimmt jetzt wohl Sigmar Gabriel, der bessere Fraktionsvorsitzende.
Eines von Steinmeiers Lieblingsbüchern ist "Die Entdeckung der Langsamkeit". Vielleicht wäre das ja auch gar nicht so verkehrt für seine gebrochene Partei: ein bisschen Langsamkeit, anstatt mit vielen Händen bei vollem Tempo panisch am Lenkrad zu drehen, egal wohin, Hauptsache nach links. Die Partei braucht Zeit und eher etwas von Steinmeiers planvoller Ruhe. Anders die Fraktion: Da geht es gleich zur Sache, Westerwelle vor Augen, Lafontaine im Nacken, und alle schauen zu. Da muss man schon von sich selbst begeistert sein, um andere zu begeistern; es ist ja nicht alles falsch, was in der SPD gesagt worden ist.
Aber gibt es noch Politikentwürfe, für die sich die Sozialdemokraten begeistern können? Vor allem: eigene? Die Parteilinke erweckt den Eindruck, es würde reichen, die Trümmer der Agenda beiseitezuräumen. Doch das ist eine Fehleinschätzung. Die SPD hat in der Zeit der großen Koalition den Anschluss verpasst, die neue Zeit zieht nicht mehr mit ihr, sie hat sie abgehängt.
Frühere Wähler der Sozialdemokraten flüchteten keineswegs lemmingartig, sondern in alle Richtungen: zu den Nichtwählern (1.640.000), zur Union (620.000), zu den Grünen (710.000), durchaus viele zur Linken (780.000), aber eben auch in erheblicher Zahl zur FDP (430.000); der frühere SPD-Minister Wolfgang Clement, der zur Wahl der Liberalen aufgerufen hatte, war also kein Exot. Dazu passt, dass die Berliner SPD, die den Aufstand der Linken mutig anführt, am schlimmsten abgeschnitten hat. Das ergibt keine klare Handlungsanleitung.
Jenseits von psychotischem Jubel wie bei der Niederlagenfeier im Willy-BrandtHaus, jenseits auch von autosuggestiver Kraftmeierei wie der von Müntefering mitten im Umfragetief ("Merkel kann schon mal die Koffer packen"), jenseits von kleinmütiger Selbstdefinition über die Abgrenzung von oder die Annäherung zu konkurrierenden Parteien muss die SPD ihren Stolz neu entdecken: auf fast 150 Jahre Geschichte, auf die Kanzler Brandt, Schmidt und Schröder, auf den Einsatz für eine soziale Demokratie. Alles andere leitet sich daraus ab.
- Datum 30.09.2009 - 12:57 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 41
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... mit der die Medienschaffenden manchmal über Menschen urteilen. Leichtigkeit, weil es eine Leichtigkeit ist nach einer Niederlage auf dem Unterlegenen herumzuhacken. Kein Journalist kann ernsthaft behaupten, dass seine Zunft den Kanzlerkandidaten Steinmeier unterschätzt hat. Auch wenn es am Ende nicht gereicht hat für ein gutes Ergebnis. Seine Leistung im Wahlkampf ist unbestritten.
Die Zeitungen haben es sich schon vor der Wahl ja enorm einfach gemacht. Themen lagen auf dem Tisch. Es wurde Dikutiert über Mindestlohn, Börsenumsatzsteuer und vieles mehr wo es klare Positionierungen und vor allem Unterschiede zwischen den politischen Lagern gab. Aber die edle Zunft der Schreiberlinge ergötzt sich am falschen Bild des Kandidaten der nach ihrer Auffassung nichts kann und der Kanzlerin die ihnen nicht genug auf die Pauke haut.
[Rest entfernt, bitte bleiben Sie höflich/ Redaktion; svb]
Es ist nicht immer einfach höflich zu bleiben, wenn man sieht, wie unsachlich manche in bestimmten Artikeln in eine Schublade gesteckt werden, bevor sie überhaupt mit ihrem neuen Job angefangen haben. Ich stimme dem Kommentar von GSTO 100% zu.
Es ist nicht immer einfach höflich zu bleiben, wenn man sieht, wie unsachlich manche in bestimmten Artikeln in eine Schublade gesteckt werden, bevor sie überhaupt mit ihrem neuen Job angefangen haben. Ich stimme dem Kommentar von GSTO 100% zu.
...na, da gibt es doch nur eine Wahl:
Andrea Nahles to the Front !
Spontan fallen mit auch noch ein bis zwei Altgediente ein, die diese Tugenden perfekt beherrschten:
Schröder und Lafontaine.
Aber die stehen ja nicht mehr zur Verfügung.
Herr Müntefring selbst befürwortet die Rente mit 67. Er täte gut daran, sich daran auch selber zu halten.
Was die SPD braucht ist keine neue Politik. Ihre Inhalte sind richtig und wichtig für Deutschland. Die SPD braucht aber Leute, denen man zutrauen kann diese Inhalte auch zu transportieren. Da helfen keine Abgrenzungsorgien nach links oder rechts. Da helfen nur frische und kompetente Leute mit einem großen Herz und einem stabilen Rückrat für die Sozialdemokratie.... denn nötig haben wir diese Politik mehr denn je.
Der Artikel ist weit unter Zeit Niveau oder ich muss meine Vorstellung über dieses korrigieren.
vieler Journalisten, die selbst ihre Aufgaben nicht zu leisten vermögen und lieber dem Mainstream hinterher schreiben, aber ganz genau wissen, wie sich in dieser Krise eine Partei neu aufzustellen hat. Personalisierung wird zum Fetisch in den Medien aus lauter Sachunkundigkeit und Unfähigkeit zur wirklichen Recherche - lieber schreiben sie das, was alle schreiben. Mir scheint, dass zahlreiche Journalisten mit der derzeitigen SPD einiges gemeinsam haben: sie sind entkoppelt von Inhalten und der Bevölkerung, sie haben keinen Mut zum Konträren, zur abweichenden Meinung und sie sind phantasielos. Statt dessen ergehen sie sich in nahezu peinlichen Lobhudeleien von Merkels Strategiefähigkeiten, ohne zu sehen, dass diese Kandidatin zwei Wahlen in Folge verloren und 2005 die Macht erschlichen hat. Ich stimme GSTO sehr zu.
Bei mir punktet ein Politiker mit diesen Attributen nicht. Ich wähle einen seriösen, glaubwürdigen Steinmeier eher, als einen beliebigen, wert- und standpunktfreien, unseriösen Populisten wie Sigmar Gabriel.
Und offensichtlich bin ich da allein. Angriffslust, Tempo, Skrupellosigkeit, Gemeinheit, Hinterlist, Chuzpe sind auch Eigenschaften, die Horst Seehofer "auszeichnen", der bekanntlich die Opposition innerhalb der Regierung mimt. Genau wegen dieser Eigenschaften hat Horst Seehofer gerade ein miserables Wahlergebnis in Bayern eingefahren.
...Seehofer hatte ich noch vergessen, der passt nahtlos in die skrupelfreie Truppe.
Und genau wie sie finde ich (und viele Andere) solche Leute nur noch eklig.
...Seehofer hatte ich noch vergessen, der passt nahtlos in die skrupelfreie Truppe.
Und genau wie sie finde ich (und viele Andere) solche Leute nur noch eklig.
...heute durch die Brust geschossen. Die Art und Weise, in der Partei und Medien jetzt mit dem Ex-Kanidaten umspringen, ist erschütternd. Und daß man gerade jetzt solche Knallchargen wie unseren Noch-Umweltminister als Heiland preist, ist nahezu grotesk.
Auch eine Frau Nahles oder das sympathisch zuckende Juso-Fräulein können der Sozialdemokratie stat neuer Kraft ziemlich schnell den Rest geben. Sie vermitteln den Eindruck einer völligen ökonomischen Ahnungslosigkeit. Doch gerade die wirtschaftliche Kompetenz hat Schwarz-Gelb zum Wahlgewinner gemacht.
Ich bin kein SPD-Wähler und war es noch nie, das gebe ich ganz offen zu. Aber zu behaupten, die SPD würde wegen ihrer Wirtschaftskompetenz gewählt, halte ich für sehr weit hergeholt. Sicher ist jedoch, dass die Partei (früher) wegen ihrer Sozialkompetenz gewählt wurde und genau diese ging verloren.
Ich bin kein SPD-Wähler und war es noch nie, das gebe ich ganz offen zu. Aber zu behaupten, die SPD würde wegen ihrer Wirtschaftskompetenz gewählt, halte ich für sehr weit hergeholt. Sicher ist jedoch, dass die Partei (früher) wegen ihrer Sozialkompetenz gewählt wurde und genau diese ging verloren.
Sehr geehrter Herr Lorenz Maroldt,
ich kann Ihnen nur zu diesem Artikel gratulieren. Es ist seit etwa eineinhalb Jahren mein morgendliches Ritual mir 20 Minuten Zeit für die online-Zeit zu nehmen, und noch nie hat mich ein Artikel so aufgeregt wie dieser.
Da begraben Sie mal eben so die SPD nachdem Sie ihren Kanzlerkandidaten, seine Arbeit vor und nach der Wahl deklassieren, unter den wichtigen Leuten an der Spitze auch nichts besseres finden; und das alles leiten Sie ein mit irgendwelchen Gemeinplätzen darüber, wie ein ordentlicher Oppositionsführer zu sein hat. Sagen Sie mal, woher wollen Sie das eigentlich wissen. Ich für meinen Teil bin beruhigt, stelle ich mir vor, wie oft die Medien in ihren Einschätzungen schon daneben gelegen haben.
Zudem kann ich Ihnen noch raten, bitte beenden Sie doch nicht Ihre "Rede zur Lage der Partei" mit den Worten, "Alles andere leitet sich daraus ab", als ob Sie Jahrzente von Parteiarbeit hinter sich hätten und den einzigen Weg aus dem Elend kannten. Das wage ich zu bezweifeln.
Also, wenn es nochmal so pressiert könnten Sie dann doch für die Welt oder FAZ schreibe, die ja bekanntlich als konservativer gelten. Ihre geschätzen Texte lägen dann vielleicht einem Publikum vor, das zum Genuss des Wahl-Sieg-Bonbons genau soetwas noch hören möchte, damit es nachts auch gut schlafen kann, weil es gemachte Sache ist, dass konservative Politik in Deutschland regiert, undzwar ohne starken Einspruch von Links.
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