TV Duell Steinmeier attackiert, Merkel pariert

Das TV-Duell kennt zwei Sieger und zwei Verlierer. Spannend war es trotzdem nicht. Am kecksten waren die Fragen der Moderatoren. Von Christoph Seils

Kanzlerin und Herausforderer beim Duell: Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier

Kanzlerin und Herausforderer beim Duell: Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier

Die Duellanten stehen an Pulten, links Angela Merkel, rechts Frank-Walter Steinmeier. Die Kanzlerin trägt ein dunkelblaues Kostüm und hat eine orangefarbene Kette umgelegt, Steinmeier hat sich für einen schwarzen Anzug und eine rote Krawatte entschieden. Es geht in dem TV-Duell gleich zur Sache.

Zunächst darf der Herausforderer und Vizekanzler erklären, warum er Merkel aus dem Amt drängen will. Anschließend darf die Amtsinhaberin begründen, warum ihr Außenminister Steinmeier der schlechtere Kanzler wäre. Und als neunzig Minuten später das mit Spannung erwartete Fernsehduell zu Ende gegangen ist, die Kanzlerin und der Kanzlerkandidat ihre Schlussworte gesprochen und zur Wahl von CDU und CSU beziehungsweise SPD aufgerufen haben, da haben viele Millionen Fernsehzuschauer zwei Sieger gesehen und auch zwei Verlierer.

Anzeige

Steinmeier präsentiert sich in dem TV-Duell erstaunlich schlagkräftig, Merkel zunächst überraschend nervös. Doch letztlich gibt sich Merkel keine entscheidende Blöße und Steinmeier kann keine nachhaltigen Treffer setzen. Zumindest auf den ersten Blick scheint es nicht so, als habe das TV-Duell am Sonntagabend einem der beiden Teilnehmer einen entscheidenden Vorteil verschafft oder gar eine Trendwende herbeigeführt. Wirklich neue Erkenntnisse hat das Duell nicht gebracht.

Wenn überhaupt hat sich Steinmeier kleine Vorteile verschafft, denn auch ein Unentschieden ist für ihn schon ein Erfolg. Schließlich lagen er und die SPD zuletzt in allen Umfragen abgeschlagen hinter der Union und der Kanzlerin.

Es ist das einzige direkte Aufeinandertreffen der christdemokratischen Kanzlerin und des sozialdemokratischen Kanzlerkandidaten im Wahlkampf. Die Ausgangsposition bei diesem Fernsehduell 14 Tage vor der Bundestagswahl am 27. September ist klar. Steinmeier muss angreifen, Merkel kann abwarten. Der Kandidat muss Akzente setzen, die Kanzlerin kann auf ihren Amtsbonus vertrauen.

Steinmeier weiß dies und sucht sofort die Offensive. Gleich zu Beginn der Senndung erklärt er, Merkel spreche hier nicht als Kanzlerin der Großen Koalition, sondern als Kandidatin von Schwarz-Gelb, mehrfach warnt er vor einer Regierung von Union und FDP und zieht über das schwarz-gelbe Lager her. Merkel hingegen wirbt zwar für eine andere Regierung, spricht auch vom möglichen Koalitionspartner FDP. Aber vor allem will sie, dass die Union stärker wird und sie plädiert für stabile politische Verhältnisse. Einem klaren Bekenntnis zu den Liberalen weicht sie aus.

Es ist das Grundmuster, das sich durch das ganze TV-Duell zieht, Steinmeier versucht zu attackieren, Merkel kann parieren. Häufiger als erwartet kommt es zum direkten Schlagabtausch zwischen den beiden. Beim Thema Mindestlohn zum Beispiel, beim Thema Atomkraft und auch beim Thema Managergehälter. Ein Glaubwürdigkeitsproblem wirft Steinmeier CDU und FDP vor, weil sie Steuersenkungen versprechen, die nicht bezahlbar seien. Merkel bezweifelt im Gegenzug Steinmeiers Absage an eine Koalition mit der Linkspartei.

Das Fernsehduell, das aus einem Fernsehstudio in Berlin-Adlershof übertragen wird, ist ein gigantisches Spektakel. Der Aufwand, den die vier beteiligten Fernsehstationen ARD und ZDF, RTL und SAT.1 betreiben, ist gewaltig. Neun Kameras kommen zum Einsatz, 200 Scheinwerfer und vier Moderatoren. Die hellblauen Kulissen und die grauen Pulte der Kandidaten wurden eigens für diesen Abend angefertigt.

Langsam hat sich an diesem Tag die Spannung aufgebaut. Um 19.15 fährt Steinmeier vor, er hat seine Frau mitgebracht. Merkel kommt zwanzig Minuten später, alleine. Und während sich die beiden noch einmal zurückziehen, ein letztes Gespräch mit ihren Beratern suchen, hat in einem zweiten Studio bereits das zweite Duell begonnen, das Duell hinter dem Duell sozusagen. Rund 800 Anhänger beider Lager haben sich dort versammelt. Politiker und Sympathisanten beider Parteien, Mitarbeiter, Sprecher und Spindoktoren.

Hier wird schon lange vor dem Duell über die Aussichten von Merkel und Steinmeier spekuliert. Was sind die Themen, bei denen Steinmeier punkten kann? Wo muss Merkel aufpassen? Kann Steinmeier sein Beamtenimage abschütteln? Wird die sonst so kühle Merkel Emotionen zeigen? Hier versuchen die Strategen beider Parteien die Journalisten bis unmittelbar vor Sendebeginn zu überzeugen.

Der CDU-Staatssekretär und Merkel-Vertraute Peter Hintze zum Beispiel spottet, es wüssten doch alle, dass Steinmeier eigentlich lieber Außenminister bleiben wolle. Und der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering greift noch kurz vor Beginn des Fernsehduells zu einem von ihm so geliebten Fußballvergleich.

Punkt 20.30 Uhr wird es in dem riesigen Saal dann mucksmäuschenstill, alle Augenpaare sind auf die drei großen Bildschirme  gerichtet, die von der Decke hängen. Das Duell hat einige Längen – auch weil Merkel und Steinmeier sich nicht immer duellieren wollen. Bei Themen wie Opel, Afghanistan oder Bankenrettung sind sie sich einig, loben sich für ihre gemeinsame Politik in der Bundesregierung, spielen sich gegenseitig die Bälle zu und wehren sich als Team gegen die kritischen Nachfragen der Moderatoren.

Überhaupt, die vier Moderatoren. Ihr keckes Selbstbewusstsein überrascht am meisten. Sie stellen freche Fragen, haken respektlos nach, fallen Steinmeier und immer wieder Merkel ins Wort. Das war bei den vorangegangenen TV-Duellen anders. RTL-Moderator Peter Klöppel spricht von Lippenbekenntnissen, als Merkel für die Begrenzung von Managergehältern plädiert, der ARD-Mann Frank Plasberg hingegen will von Steinmeier wissen, warum die SPD noch eine Volkspartei sei. Maybrit Illner vom ZDF fühlt sich gar an Ehen vor Gericht erinnert. Fast scheint es, als hatten sich die vier Journalisten, die die beiden Regierungsvertreter befragen durften, vorgenommen, zumindest ein wenig die Tatsache zu kompensieren, dass die gesamte Opposition bei dem Fernsehduell ausgesperrt geblieben ist.

Kaum ist das TV-Duell vorbei, haben wieder die Parteistrategen und Strippenzieher das Wort. Ihre Erklärungen klingen so wie vor dem Duell. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla sagt, Merkel habe deutlich gemacht, wer die Kanzlerin sei und wer der Kandidat. Müntefering spricht von einem Durchbruch in diesem Wahlkampf für die SPD.

 
Leser-Kommentare
  1. War eben beim Forum-Gysi bei der Berliner Zeitung - die Tastatur ein Novum wegen dem Saufen, dashalb entschuldigt. Gysi mit Witz und scheinbarer Kompetenz dabei. Sicherheitsmassnamen: null. Wie jeder Politiker versucht er etwas zwischen Realpolitik und Enterntainment zu bringen. Die Leute lachen - gute Unterhaltung. Hauptsache gleich pissen und das nächste Bier ordern...

    • MiWu
    • 14.09.2009 um 0:36 Uhr

    Für was braucht man neun Kameras, vier Moderatoren und eine eigens angefertigte Kulisse?
    Mir schienen die Moderatoren nicht keck, sondern störend! Sie haben eher den Fluss aus der Sendung genommen und eine Atmosphäre erzeugt, in der ich das Gefühl hatte, das Duell findet zwischen den Kandidaten und den Moderatoren statt!
    Warum muss man den Kandidaten immer ins Wort fallen, was sollen Fragen über die Benotung der Gerechtigkeit? Wie sinnlos ist der andauernde Verweis auf die Redezeit! Sie können gerne noch etwas sagen, aber auf die Kosten ihrer Redezeit...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Um zu versuchen, eine Konfrontation bei heiklen Fragen zu erzwingen. Von selbst hat Frau Merkel daran kein Interesse und Steinmeier ist nicht in der Lage, sie allein zu erzeugen.

    Der Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen und den Privaten wurde deutlicher als der zwischen Merkel und Steinmeier. die beiden millionenschweren ARD /ZDF Moderatoren mit eigenen Firmen und beständigen optimus-Verträgen, sie waren sehr viel schlechter als die beiden gutbezahlten Angestellten von RTL und SAT1. Der Gewinner des Fernsehabends war Hugh Grant. Er lieferte eine überzeugende Leistung im schönen Film: "About a Boy" ab.

    Leider fand das Streitgespräch nur zwischen Moderatoren und Kandidaten statt. Die Präsidialkanzlerin und ihr Diplomat brachten die Unterschiede nicht zu Tage. Die Moderatoren mussten schon darauf hinweisen, dass doch Wahlkampf sei. Das ist peinlich.
    Zum Unterbrechen: Wenn ein Moderator eine Frage stellt und der Kandidat antwortet auf eine völlig andere Frage, dann muss es erlaubt sein, den Redefluss zu stören und auf die Frage hinzuweisen. Bei einer so beschränkten Gesamtredezeit ist es überaus ärgelich, wenn die Kandidaten den Fragen ausweichen und stattdessen aus ihren Wahlkampfrede zitieren.
    Angela Merkel: "Ich antworte so, wie ich will". Frank-Walter Steinmeier: "Nun hören Sie sich doch erst einmal meine Argumente an."
    Das waren keine Höhepunkte.

    Um zu versuchen, eine Konfrontation bei heiklen Fragen zu erzwingen. Von selbst hat Frau Merkel daran kein Interesse und Steinmeier ist nicht in der Lage, sie allein zu erzeugen.

    Der Unterschied zwischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen und den Privaten wurde deutlicher als der zwischen Merkel und Steinmeier. die beiden millionenschweren ARD /ZDF Moderatoren mit eigenen Firmen und beständigen optimus-Verträgen, sie waren sehr viel schlechter als die beiden gutbezahlten Angestellten von RTL und SAT1. Der Gewinner des Fernsehabends war Hugh Grant. Er lieferte eine überzeugende Leistung im schönen Film: "About a Boy" ab.

    Leider fand das Streitgespräch nur zwischen Moderatoren und Kandidaten statt. Die Präsidialkanzlerin und ihr Diplomat brachten die Unterschiede nicht zu Tage. Die Moderatoren mussten schon darauf hinweisen, dass doch Wahlkampf sei. Das ist peinlich.
    Zum Unterbrechen: Wenn ein Moderator eine Frage stellt und der Kandidat antwortet auf eine völlig andere Frage, dann muss es erlaubt sein, den Redefluss zu stören und auf die Frage hinzuweisen. Bei einer so beschränkten Gesamtredezeit ist es überaus ärgelich, wenn die Kandidaten den Fragen ausweichen und stattdessen aus ihren Wahlkampfrede zitieren.
    Angela Merkel: "Ich antworte so, wie ich will". Frank-Walter Steinmeier: "Nun hören Sie sich doch erst einmal meine Argumente an."
    Das waren keine Höhepunkte.

  2. Um zu versuchen, eine Konfrontation bei heiklen Fragen zu erzwingen. Von selbst hat Frau Merkel daran kein Interesse und Steinmeier ist nicht in der Lage, sie allein zu erzeugen.

  3. Was soll das Herr Seils:

    "..., fallen Steinmeier und immer wieder Merkel ins Wort".

    Die Moderatoren lassen pechschwarzes Kalkül vermuten! Sie fallen im letzten Drittel Herrn Steinmeier ständig ins Wort und versuchen ihn zu verunsichern. Dr. Merkel wird liebevoll verschont! Ja sie bekommt sogar von Frau Illner ein nettes Schmunzeln zugeworfen. Das ist nicht nur unfair, sondern es ist das Niveau eines Vorschulkindes. Das könnte man als ungenügenden Journalismus begreifen, um bei den Noten zu bleiben.

    • glatum
    • 14.09.2009 um 0:50 Uhr

    Das Fernsehduell war recht deutlich, und in weiten Bereichen auch unmissverständlich. Was Herr Seils hier als "Längen"/Langweile bezeichnet, waren einfach Bereiche in denen mehr oder weniger vernünftige Politk gemacht wurde. Bereiche in denen beide Kandidaten wohl zu anständig wahren um hier die Wahrheit zu verzerren und den Versuch zu starten billige Punkte zu machen.

    • glatum
    • 14.09.2009 um 0:52 Uhr

    Interessanter sind die Aussagen, die getroffen worden sind. Gerade Frau Merkel hat, in Ermangelung eines eigenen Programms, fast allen Aussagen des Herrn Steinmeiers zugestimmt. Noch interessanter ist, dass sie sich in einigen Bereichen auf Aktionen festgelegt hat, die sozialistischer erscheinen, als alle Aussagen auf die sich Steinmeier. Die wirkliche Aufgabe wäre dies einmal zu analysieren und es mit dem FDP Programm abzugleichen. Ein guter Teil von Merkels Aussage klang nach: " Klar sind wir uns bewusst, dass wir einen Pakt mit dem neoliberalen Teufel eingehen, aber wählt CDU, damit wir deren Einfluss möglichst gering halten können" - Ich bin mir relativ sicher, dass Merkle wahrschienlich eine extrem gute SPD Kanzlerin geworden wäre; auch in der Linken wäre sie nicht fehl am Platz; aber ihre Einschätzung haben einfach rein gar nichts mit einer konservativen Partei zu tun. Ich finde es schade mit anzuschauen, wie eine Frau, die ihr Herz im Prinzip am rechten Platz hat nur deswegen scheitert, weil sie zum falschen Zeitpunkt in die falsche Partei eingetreten ist.
    Wir haben heute 2x ein starkes Plädoyer für die von Herrn Steinmeier propagierte Politik bekommen. Hätte ich Merkel anstatt Steinmeier leiber als SPD-Vorsitzende und Steinmeier als das Gehirn im Hintergrund?
    Keine Frage, natürlich! Aber Merkel im Vordergrund und Westerwelle als die treibende Kraft macht mir Angst.

    • glatum
    • 14.09.2009 um 0:52 Uhr

    Was mich noch mehr beunruhigt ist, dass wir alle möglichen Leute in den Fernsehdiskussionen gehabt haben: Anne Will befragt einen Theaterkritiker(Peynemann; der im übrigen gerade verklagt wird, und eine Feministin, die sich zwar sehr bemüht, aber keine direkten Kritikpunkt an dem "Mann" in dem Ganzen findet und dazu sagt, sie hätte sich mehr "Emotionen gewünscht".

    Wann ist es denn an der Zeit, dass wir nicht mehr die Tanzaffen wie und um Günther Jauch befragen, die 4-5x während der Sendung bedeutungsvoll die Stirn runzeln, um dann wieder das gleiche zu verkünden, was ihre PR Berater ihnen vor der Sendung gesagt haben(Volles Verständniss dafür, dass man seine Werbepartner nicht offen kritisieren kann; im übrigen, wer weiss schon wer der nächste Chefredakteur/Intendant beim ZDF ist.. - better play it safe?)
    Wie wäre es damit einfach einmal Leute einzuladen, die wirklich Ahnung haben und eine Kontroverse darstellen könnten. Vielleicht einen Investmentbanker, einen Mittelständichen Unternehmer und eine Gewerkschafter?
    Es ist eine Sache wenn das Ganze im Fernsehen weichgespült wird. Wenn Herr Christoph Seils durch seine Berichterstattung nach wie vor auf den Chefredakteursposten bei der FAZ spekuliert, dann ist das einfach nur beschähmend!

    • hardob
    • 14.09.2009 um 0:56 Uhr

    ich habe das TV-Duell nicht gesehen. Ich habe Radio gehört. Und da durfte nicht gesendet werden, aus merkwürdigen Gründen. Aber dort wurde berichtet und diskutiert, u.a. in einer Sendung des DLF. Einer Ihrer Kollegen war auch dabei. Die erzählten mir etwas ganz anderes über die Moderatoren. Da war nix mit pfiffig oder keck. Da hieß, es wären zu viele gewesen und auf den von SAT1 wäre besser verzichtet worden. Ausserdem wurde moniert, dass zu wenig substantielle Fragen gestellt worden waren, die möglicherweise mal außer der Reihe bei den Kanditaten für Verlegenheit oder eben Klarheit hätten sorgen können. Dass dem Thema Bildung kaum ein Wort geschenkt wurde, wurde nicht nur den "Duellanten" vorgeworfen.
    So unterschiedlich also können die Geschmäcker sein. Oder haben Sie das von den "kecken" Moderatoren nur aus kollegialer Solidarität geschrieben?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service