Der Kollege vom Feuilleton war zornig: Er kenne "niemanden, der FDP wählt", hackte er wenige Stunden nach der ersten Hochrechnung in seinen Rechner. Dennoch aber habe fast "jeder Sechste" für sie gestimmt. "Unfassbar!", man hört ihn förmlich seufzen.

Jeder Sechste ist leicht übertrieben. Laut Bundeswahlleiter gaben exakt 6.313.023 Menschen gestern der FDP ihre Zweitstimme. Das entspricht einer Quote von 6,9. Gleichwohl: So viele waren es noch nie. Keine Partei konnte sich über höhere Gewinne freuen. Die FDP kletterte im Vergleich zur Wahl von 2005 von 9,8 auf 14,6 Prozent. Das ist eine Zuwachsrate von gut 50 Prozent.

Wer hat die FDP so stark gemacht? Die Frage beschäftigt nicht nur unsere Feuilletonisten, sondern seit Sonntag die ganze Republik. Betrachtet man die ersten Detail-Analysen des Wahlergebnisses, stellt man fest: Den typischen FDP-Wähler gibt es nicht. Nicht mehr. Es gab Zeiten, da war die FDP-Klientel soziologisch relativ klar zu umreißen (wohlhabend, westlich, männlich). Heute ist das nicht mehr so einfach. Was daran liegt, dass die Partei in fast allen Schichten und flächendeckend zugelegt hat.

Hochburgen

Nach wie vor ist die FDP im Osten etwas schwächer. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern gewann sie knapp zehn Prozent. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin landete sie knapp drüber, blieb aber unter dem Bundesschnitt. Dennoch ist das ein beachtlicher Zuwachs, bedenkt man, dass die FDP in Brandenburg lange Zeit nicht über zwei Prozent kam und in Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls unter der Fünf-Prozent-Hürde klebte.

Im Westen holte die FDP durchschnittlich 15,4 Prozent. In manchen Bundesländern ist sie von den 20 Prozent nicht mehr weit entfernt. Etwa in Baden-Württemberg (18 Prozent), in Hessen (16,6) oder in Schleswig-Holstein (16,3). In diesen Ländern ist die Differenz zur abgestürzten SPD nun nicht mehr hoch.

Alter

Die FDP hat in allen Altersgruppen zugelegt. Auch 2005 gab es schon keine Altersgruppe, in der die FDP abfiel, überall holte sie mindestens zehn Prozent. Ihre stärkste Kohorte waren damals die 25 bis 34-Jährigen (13 Prozent). Diesmal schneiden die Liberalen in keiner Altersgruppe schlechter ab als mit zwölf Prozent (bei den Über-60-Jährigen). Richtig stark sind sie bei den Jungen. Laut Forschungsgruppe Wahlen wählten von den Unter-30-Jährigen 17 Prozent die FDP (ein Zuwachs von fünf Prozentpunkten). Von den Erstwählern, die in der Regel noch kein Geld verdienen – und daher auch für die Steuerpolitik der FDP nicht unbedingt empfänglich sind – wählten die Partei laut Infratest Dimap 15 Prozent. Früher waren die Erstwähler eine Domäne der SPD. Doch die erlebte diesmal hier einen herben Einbruch, sie ist hier nur noch unwesentlich stärker als die FDP.

Soziologisch

Die FDP-Wählerschaft entspricht durchaus einem Querschnitt durch die Gesellschaft. Nach wie vor wird sie am meisten von Selbstständige gewählt (26 Prozent aller Selbstständigen). Aber in den anderen Gruppen gibt es, anders als früher, keine Ausreißer mehr nach unten: Auch für Arbeiter (13 Prozent), Angestellte (16) oder Rentner (13) ist die FDP-Wahl kein Tabu mehr. Sogar bei Arbeitslosen erhielt sie acht Prozent.