Der Anfang vom Ende der DDR
Leipzig, Montag, 9. Oktober 1989:
Im Anschluss an die traditionellen Friedensgebete hatten sich in Leipzig in den vergangenen Wochen immer mehr Menschen an Montagsdemonstrationen beteiligt. Der 9. Oktober steht dann unter keinem guten Stern: Die Machthaber wollen dem Spuk ein Ende bereiten. Die Drohung, dass das Regime Ernst macht, wird in den Betrieben, den Krankenhäusern und in den Medien fleißig gestreut. Das Wort von der chinesischen Lösung macht die Runde – von jenem Massaker im Juni 1989, bei dem in Peking der Volksaufstand blutig niedergeschlagen wurde. Dadurch sollen die Menschen abgeschreckt werden, sich an der Demonstration zu beteiligten.
"Wir kriegten es mit der Angst zu tun", sagt Martin Jankowski. Der damals 24-Jährige hatte in verschiedenen Leipziger Basisgruppen mitgemischt und war Sprecher des Trägerkreises, der deren Aktivitäten koordinierte. Als Liedermacher hatte er die Forderungen und die Visionen der bürgerbewegten Opposition in Verse und Melodien gekleidet. Viel später wird er die Vorgänge vom 9. Oktober in Leipzig, die ihn seither nicht mehr loslassen, in einem Buch dokumentieren – "Der Tag, der Deutschland veränderte".
An jenem Montag füllt sich die Innenstadt trotz der aufgeheizten Atmosphäre schnell. "Ab 14 Uhr hatten SED-Truppen die Nikolaikirche besetzt – sie hatten von der offenen Kirche Gebrauch gemacht", sagt Jankowski. Die Staatstreuen sollen den Oppositionellen die Plätze wegnehmen. Fast geht das Konzept auf. Aber Pfarrer Christian Führer kann wenigstens die Emporen für die "richtigen" Friedensbewegten freihalten.
"Wir hörten in der Kirche das Toben und Tosen der Menschen draußen, die Polizeisirenen", erinnert sich Jankowski. In vier sächsischen Kirchen hatten sich Menschen zum Friedensgebet versammelt, und der sächsische Landesbischof Johannes Hempel spricht in jedem dieser Gotteshäuser. "Er sagte: ,Bleiben Sie friedlich, gehen Sie nach dem Friedensgebet nach Hause‘. Doch diesem Rat sind wir in Leipzig nicht gefolgt", sagt Jankowski.
70 000 Menschen ziehen an diesem Abend auf dem Ring um die Innenstadt. Sie skandieren: "Wir sind keine Rowdys" und "Wir sind das Volk". "Das waren nicht alles Leipziger. Ungefähr die Hälfte davon kam aus dem ganzen Land", schätzt Janowski. "Leipzig war die Bühne der friedlichen Revolution." Zwar hätten 8000 Bewaffnete und Sondereinsatzkräfte bereitgestanden. "Aber 70 000 auf der anderen Seite waren einfach zu viele."
Sechs prominente Leipziger, unter ihnen drei SED-Funktionäre und Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, hatten über den Stadtfunk zur Gewaltlosigkeit aufgerufen. Doch das ist nach Ansicht Jankowskis nicht entscheidend gewesen für die Friedlichkeit – denn akustisch wurden die Appelle kaum verstanden.
Die Leipziger Einsatzleitung wagt nicht, eine Entscheidung zu treffen. Das für Sicherheitsfragen zuständige Politbüromitglied Egon Krenz wird in Berlin angerufen. Der verspricht, sich wieder zu melden. Doch der Anruf kommt nicht. Die Einsatzleitung entscheidet, nicht gegen die Demonstranten vorzugehen, sondern nur die öffentlichen Einrichtungen zu schützen. Für Jankowski steht fest: "Das war eigentlich das Ende der DDR." Denn wie ein Fanal geht die Botschaft von Leipzig durchs ganze Land: Die Massen haben die Kraft, die Herrschenden friedlich zu besiegen.
Übersicht zu diesem Artikel:
- Seite 1 Der Anfang vom Ende der DDR
- Seite 2 Dresden, Sonntag, 8. Oktober 1989
- Seite 3 Leipzig, Montag, 9. Oktober 1989
- Datum 7.10.2009 - 10:19 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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"Sechs prominente Leipziger, unter ihnen drei SED-Funktionäre und Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, hatten über den Stadtfunk zur Gewaltlosigkeit aufgerufen. Doch das ist nach Ansicht Jankowskis nicht entscheidend gewesen für die Friedlichkeit – denn akustisch wurden die Appelle kaum verstanden."
Das ist so nicht richtig, die Appelle wurden vor der Demo in den Kirchen verlesen. Ich selbst stand auf dem Augustusplatz, auf dem die Menge, zunächst noch schweigend, stand. Wir haben den Aufruf klar und deutlich über den Stadtfunk gehört. Das galt sicher auch für die Anderen, die auf den Demonstrationszug von der hundert Meter entfernten Nikolaikirche warteten.
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