Schwarz-Gelb Koalitionäre ringen um Energie
Dem Austausch von Nettigkeiten folgte das Gerangel: Die Koalitionspartner Union und FDP haben um den Zuschnitt der Ministerien gestritten. Zankapfel: die Energiepolitik.
Das Bundeswirtschaftsministerium könnte künftig federführend für alle Energiefragen zuständig sein. CDU-Spitzenpolitiker Norbert Röttgen sagte nach dem Treffen einer Koalitionsarbeitsgruppe aus Unions- und FDP-Vertretern, es spreche einiges dafür, das Thema Energie inhaltlich nicht mehr wie bisher zwischen den Häusern Wirtschaft und Umwelt aufzuspalten, sondern im Wirtschaftsministerium zu bündeln.
Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte wie andere Wirtschaftspolitiker der Unionsfraktion eine "Energiepolitik aus einer Hand" gefordert. Die FDP machte sich vor den Koalitionsverhandlungen dagegen bisher für ein eigenes Energieministerium stark. Die zentrale Anbindung ans Wirtschaftsministerium könnte ein Kompromiss sein. Die Liberalen bestritten am Dienstag, dass man sich bereits verbindlich auf Ressortzuschnitte festgelegt habe.
Energiefragen sollen ein Schwerpunkt der Arbeitsgruppen-Gespräche sein. Dabei gehe es nicht nur um längere Laufzeiten von Atomkraftwerken, sondern auch um alternative Energien, sagte Guttenberg. Auch FDP-Parteivize Rainer Brüderle sagte, man verhandele über die gesamte Themenpalette – von der Wirtschaftspolitik über Energiefragen bis zum Aufbau Ost sowie über Bürokratieabbau. Brüderle ist als möglicher Nachfolger von Guttenberg im Gespräch.
- Knackpunkte: Minister
CSU-Star Guttenberg würde gern im Amt bleiben. Bei der FDP will sich Wirtschaftsexperte Brüderle einen Lebenstraum erfüllen. Am Ende wird es davon abhängen, wie CDU, CSU und FDP die Ministerien untereinander aufteilen. Guttenberg wird auch als künftiger Finanz- oder Verteidigungsminister gehandelt.
- Politik
Das Wirtschaftsministerium mit einem Etat von 6,1 Milliarden Euro hat im Vergleich zum Finanzressort kaum Macht. Das Ministerium wacht über den Wettbewerb und steuert die Wirtschafts- und Exportförderung. 2005 wurde dem Haus die Technologieabteilung mit der Großforschung aus dem Forschungsministerium zugeschlagen. Das könnte zurückgedreht werden. Als traumatisch wird von Spitzenbeamten noch immer der Verlust der Abteilung "Geld und Kredit" empfunden, die 1972 Helmut Schmidt (SPD) mit ins Finanzministerium nahm. Nun gibt es Forderungen von der Unionsseite, die Abteilung mit der Zuständigkeit für internationale Finanzpolitik (G8, G20, IWF) zurückzuholen.
- Staatshilfe
Das Ministerium verwaltet den "Deutschlandfonds" mit Krediten und Bürgschaften für notleidende Unternehmen. Der Wirtschaftsminister ist damit oberster Krisenmanager und Helfer für viele mittelständische Firmen. Im Topf sind 115 Milliarden Euro. Der aktuelle Streit um die Milliarden-Bürgschaft für die Reederei Hapag- Lloyd zeigt, dass vor allem die FDP auf strengere Auflagen bei der Vergabe der Hilfen dringt.
- Post/Telekom
Die FDP will das Steuerprivileg der Deutschen Post so schnell wie möglich kippen. Das fordern private Brief- und Paketdienste schon lange. Derzeit ist ausschließlich die Deutsche Post bei bestimmten Briefsendungen sowie privat verschickten Paketen von der Mehrwertsteuer von 19 Prozent befreit. Dadurch entgehen dem Staat nach früheren Angaben jährlich rund 500 Millionen Euro. Dieses Geld könnte Schwarz-Gelb dringend zur Haushaltssanierung gebrauchen. Auch die Deutsche Telekom muss sich mit der FDP auf härtere Zeiten in Regulierungsfragen einstellen.
- Energie
Die Union macht sich für eine "Energiepolitik aus einer Hand" stark. Die Union würde gerne die Oberaufsicht über Atommeiler und Öko-Energien - bisher im Umweltministerium - ins Haus holen. Die FDP hatte sich für ein eigenständiges Energieministerium starkgemacht. Das forderte auch E.on-Chef Wulf Bernotat. Die Atomindustrie hofft unter Schwarz-Gelb auf längere Laufzeiten für Atommeiler. Von langfristig riesigen Zusatzgewinnen will die Union etwa 40 bis 50 Milliarden Euro abschöpfen und in einen Fonds zum Ausbau erneuerbarer Energien und zum Stromsparen stecken.
- Aufbau Ost
Dass das Thema in dieser Arbeitsgruppe behandelt wird, ist ein Fingerzeig, dass die Ost-Förderung vom Verkehrs- zum Wirtschaftsministerium wechseln könnte. Einige Politiker halten einen Ost-Beauftragten (bisher Wolfgang Tiefensee/SPD) für überflüssig. Diese Aufgabe könnte auch im Kanzleramt erledigt werden.
Bis tief in die Nacht zum Dienstag hatten sich die Spitzenvertreter von Union und FDP in der nordrhein-westfälischen Landesvertretung in Berlin getroffen. Am Donnerstag wollen sie das Gespräch in der großen Runde fortsetzen. Parallel machten beide Seiten in Interviews und Stellungnahmen verschiedene Forderungen auf, die auch Thema der Koalitionsrunden werden könnten: Vor allem die FDP-Politiker verlangten die Sicherheitsgesetze zu entschärfen, den Gesundheitsfonds abzuschaffen, anstelle von Hartz IV ein Bürgergeld einzuführen sowie Geld im Bundeshaushalt einzusparen.
Das Arbeitslosengeld II abzuschaffen, hat die Union bisher ausgeschlossen. Beim Gesundheitsfonds zeichnen sich zumindest Korrekturen ab. Der Fonds ist aus Sicht der FDP bereits in diesem Jahr pleite, weil in der Rezession die Beitragseinnahmen schwinden. FDP-Gesundheitsexperte Daniel Bahr warnte die Union, zu sehr an dem mit der SPD gefundenen Kompromiss zu hängen. "Wer stur an dem Gesundheitsfonds festhält, wird die Krankenkassen in die Insolvenz treiben." Ein weiteres Problem: Wie das Kanzleramt errechnete, fehlen der Bundeskasse bis 2013 weitere 40 Milliarden Euro.
Drei weitere Koalitionsarbeitsgruppen trafen sich am Dienstag, darunter auch die für Innen- und Justizpolitik und für Informationsgesellschaft. Dort stehen besondere Streitpunkte wie die Innere Sicherheit, Justiz und Datenschutz auf der Tagesordnung. Die frühere und möglicherweise auch künftige Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) will das BKA-Gesetz und den Datenschutz auf den Prüfstand stellen. Die FDP forderte auch eine Aussetzung der Vorratsdatenspeicherung. Hessens Innenminister Volker Bouffier (CDU) sagte: "Wir sind weit auseinander in einigen Grundpositionen."
Die Verhandlungen und die Besetzung der Minister- und Staatssekretärsposten folgen einem ehrgeizigen Zeitplan: Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will mit den Koalitionsverhandlungen spätestens bis zum 9. November, dem 20. Jahrestag des Mauerfalls, fertig sein. Bundespräsident Horst Köhler könnte bereits in der konstituierenden Sitzung des Bundestags noch vor Ende des Monats das Kabinett vereidigen und Merkel im Amt bestätigen.
- Datum 07.10.2009 - 09:00 Uhr
- Serie Energie
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa, tst
- Kommentare 3
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Noch ist ja nchts entworfen, aber ein neues Ministerium, warum nicht. Wegen Quote Zwei Staatsekretäre 4 Abteilungsleiter 2 Referenten 16 Sachbearbeiter und 32 fürs Grobe. Dann haben wir endlich staatliche Energiewirtschaft mit allen technischen Neuerungen, die die Ministerien ja ständig produzieren.
Dann denke ich, ein Kommnunikations- und Medienministerium, die Intendaten von Ard und ZDF werden Minister mit Personal, siehe oben *3 und gut is.
Ein Gerücht ist allerdings, dass der Tüv zusammen mit dem Innenministerium ein Prüfungs- und Überwachungsministerium bilden wird.
Eins wird sicher sein - die FDP wird in den meisten Fragen umfallen, denn Angela Merkel kann ja auch Unions-SPD-Koalition - also eine Koalition mit ohne FDP. Zumindest lässt es sich hinter den Türen trefflich damit drohen und Guido Westerwelle wird hübsch spuren. Wenn die FDP nämlich wieder in der Opposition landen sollte, nur weil man auf FDP-Standpunkte bei den Verhandlungen beharrt hat - wie etwa Bürgerrechte, Innere Sicherheit, Bürgergeld etc., dann dürfte es sehr sehr eng für ihn werden.
Splittung von Energiefragen zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium soll also aufgehoben werden und das Wirtschaftsministerium bekommt die Oberhand.
Klingt im Artikel fast so als ob Postengeschacher der Hauptgrund hierfuer waere - aber mal ehrlich: Inhaltlich bezogen auf die Glaubensgrundsaetze der zukuenftigen Koalitionsparteien ist der Schritt absolut konsequent.
Meines Erachtens ist es aber erschreckend rueckwaertsgewandt um nicht zu sagen ignorant, gerade im Schatten des Klimawandels nun die Kompetenzen in Energiefragen rein ins Wirtschaftsressort zu verlagern, wo noch mehr als bisher zu erwarten ist, dass Rendite vor Nachhaltigkeit geht.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren