Schwarz-gelbe Gesundheitspolitik Koalition verordnet Radikalkur fürs Gesundheitssystem

Union und FDP wollen die Finanzierung des Gesundheitswesens grundlegend ändern. Ein Teil der Beiträge soll voraussichtlich ab 2011 einkommensunabhängig erhoben werden.

Zu Jahresbeginn wurde er eingeführt – nun soll der Gesundheitsfonds grundlegend reformiert und Schritt für Schritt in ein neues Finanzierungssystem für das Gesundheitswesen umgewandelt werden. Das teilten die Chef-Unterhändler Ursula von der Leyen (CDU), Philipp Rösler (FDP) und Barbara Stamm (CSU) am Freitag mit. Damit hat Schwarz-Gelb ein Haupthindernis für den Koalitionsvertrag, der bis zum Samstag stehen soll, aus dem Weg geräumt.

Im laufenden und im kommenden Jahr bleibt aber offenbar alles noch beim Alten, der Gesundheitsfonds bleibt zunächst bestehen. In ihn fließen seit Beginn des Jahres die Beitragseinnahmen sowie Steuermittel und werden von dort an die Kassen verteilt. "Wir brauchen ihn im Augenblick noch", sagte von der Leyen, die als künftige Gesundheitsministerin im Gespräch ist.

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Allerdings müssen sich viele Krankenversicherte 2010 auf Zusatzbeiträge einstellen. Grund ist das erwartete Defizit der gesetzlichen Kassen; Experten rechnen dabei mit einem Finanzloch von 7,5 Milliarden Euro im kommenden Jahr. Zwar wollen Union und FDP zur Deckung des Defizits mehrere Milliarden Euro aus Steuermitteln in den Fonds pumpen. Der Rest aber muss durch Einsparungen und über Zusatzbeiträge von den Kassen-Mitgliedern aufgebracht werden.

Von der Leyen betonte, dass diese Zusatzbeiträge weiter maximal ein Prozent des Einkommens betragen dürfen. "Man kann sich darauf verlassen, dass sich daran jetzt nichts ändert." Der Beitrag für die Arbeitgeber hingegen wird eingefroren.

Voraussichtlich im Jahr 2011 soll das Finanzierungssystem dann radikal umgebaut werden. Eine Kommission, die die künftige Regierung gleich zu Beginn der Legislaturperiode einsetzen will, soll die neuen Regelungen zügig ausarbeiten. Kern der Reform ist die Schaffung einer vom Einkommen unabhängigen Pauschale, die die Kassen von ihren Mitgliedern erheben können.

Von der Leyen und ihr FDP-Kollege Rösler sowie CSU-Politikerin Stamm verteidigten ihre Pläne. Das System werde deutlich gerechter. Damit Versicherte mit kleineren Einkommen nicht überfordert werden, werde es nämlich einen Sozialausgleich aus Steuermitteln geben. Die Familienministerin betonte, dass dies fairer sei als der bestehende. Letzterer würde ja ausschließlich von kleinen und mittleren Einkommen bis zur Beitragsbemessungsgrenze getragen. "Es muss aber einen Ausgleich zwischen Arm und Reich im Steuersystem geleistet werden."

Auch Rösler, Chefunterhändler der Liberalen, sprach von einer fairen und transparenten Lösung. Damit würden Arbeitsplätze gesichert, da Unternehmen weniger durch Krankheitskosten belastet würden. Zudem werde mehr Transparenz geschaffen. Der FDP-Gesundheitsexperte Daniel Bahr zeigte sich ebenfalls zufrieden: "Der staatlich festgelegte Einheitsbeitragssatz im Gesundheitsfonds gehört der Vergangenheit an."

Der Gesundheitsbereich zählte in den vergangenen drei Wochen zu den schwierigsten Themen in den Koalitionsverhandlungen. Die FDP wollte den Gesundheitsfonds ganz abschaffen, die Union hatte sich dagegen gesträubt. Am Freitagnachmittag kommt die große Koalitionsrunde zusammen, um den Text des Koalitionsvertrages abschließend zu beraten.

Offenbar haben die Koalitionsspitzen inzwischen alle inhaltlichen Fragen grundsätzlich geklärt. Gesprächsbedarf gebe es nur noch in Einzelfragen, vor allem bei der Steuerpolitik sowie bei der Besetzung der Ministerposten. Die Gespräche mit den Kandidaten liefen noch, hieß es am Rande der Koalitionsverhandlungen.

Entscheidend für das abschließende Personaltableau galt die Frage, wer neuer Finanzminister wird. Laut Agenturberichten soll Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) auf diesen Posten rücken. Das Innenministerium soll an Karl Theodor zu Guttenberg (CSU) übergehen, der bislang als Wirtschaftsminister im ersten Kabinett von Bundeskanzlerin Angela Merkel gesessen hatte.

 
Leser-Kommentare
    • hardob
    • 23.10.2009 um 12:46 Uhr

    Weniger Netto von weniger Brutto.

    Da wird es wieder fleißig auwfärts gehen

    für die Wenigen

    und weiter abwärts für die Vielen

    So schaut's aus

    Räuber!

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    Hallo hardob,
    Ihre Feststellung bringt es auf den Punkt. Dass die noeliberale Clique nach dem Wahlsieg zuerst ihre Klientel bedient, war zu erwarten; dass sie es allerdings so schamlos tut, hätte ich doch nicht gedacht.
    In den nächsten vier Jahren wird Otto Normalo ein scharfer Wind um die Nase wehen. Eine Frage an alle Normalo FDP-Wähler: Wenn ihr unbedingt eurem Masochismus frönen wollt, warum geht ihr nicht einfach mal zu einer Domina? Geht schneller, ist billiger und andere müssen nicht mitleiden.

    Hallo hardob,
    Ihre Feststellung bringt es auf den Punkt. Dass die noeliberale Clique nach dem Wahlsieg zuerst ihre Klientel bedient, war zu erwarten; dass sie es allerdings so schamlos tut, hätte ich doch nicht gedacht.
    In den nächsten vier Jahren wird Otto Normalo ein scharfer Wind um die Nase wehen. Eine Frage an alle Normalo FDP-Wähler: Wenn ihr unbedingt eurem Masochismus frönen wollt, warum geht ihr nicht einfach mal zu einer Domina? Geht schneller, ist billiger und andere müssen nicht mitleiden.

    • Piepe
    • 23.10.2009 um 12:55 Uhr

    Einkommenserhöhung für FDP-Wähler.

    Es ist so gekommen wie es kommen musste.

    Der Sozialstaat wurde wieder ein Stück abgebaut.

    Wer geglaubt hat Frau Merkel sei sozialdemokratisiert, glaubt auch an den Weihnachtsmann.

    Ich hoffe, dass ich wie bisher, nie einen von diesen geldgierigen Quacksalbern brauchen werde.

  1. Es war schon vor der Wahl klar, dass die CDU zusammen mit der FDP die falschen Anreize setzen würde und genau das wird nun auch offensichtlich. Keine Spur mehr von Anreizen für die Binnenkonjunktur. Statt dessen schwindet das Nettoeinkommen immer mehr. Was wir erleben, ist reine Klientelpolitik und die ist nicht einmal gut. Eine durch Zusatzbelastungen und einen Ungerechtigkeits- uns Auslieferungsverdacht forcierte Zurückhaltung im Binnenmarkt schadet genau denen, die davon abhängig sind - der eigentlichen Klientel gerade der FDP. Mehr Belastungen für die Arbeitnehmer werden sich sicher nicht positiv auf die Kauflust und die Motivation auswirken.

    Im Endeffekt werden die Kassen nun alle Kosten auf Zusatzbeiträge abwälzen und den Versicherten zur Kasse bitten, steigen die Kosten. Dann ist auch Prävention oder das Verhandeln mit der Industrie kein Thema mehr - der Versicherte zahlt ja. Was daran fair, transparent oder gar gerecht sein soll, wird rätselhaft bleiben. Allerdings werden sich die Lobbyisten freuen und es wird wohl das eine oder andere Essen oder auch ein Pöstchen für Günstlinge heraus springen. Mal sehen, wer wann wo unter kommt.

  2. Schade, daß die FDP sich hier nicht durchsetzen konnte, und der Gesundheitsfond vorerst nicht abgeschafft wird. Beitragsautonomie für die Kassen ist jedoch schon einmal ein Schritt in die richtige Richtung.

    • etiam
    • 23.10.2009 um 13:14 Uhr

    sehr erfreulich, dass die Regierung jetzt doch keinen Blankoscheck auf Kosten der Allgemeinheit für das Gesundheitssystem ausstellt. Auf diese Weise entsteht wenigstens ein gewisser Anreiz zum Sparen - und genau darum muss es gehen. Es ist nämlich schließlich egal, ob man zig Milliarden aus Steuermitteln oder aus Beiträgen in das marode System pumpt - am Ende zahlt immer der Bürger! Und auch der Vorschlag die gesetzlichen Kassen für Zusatztarife zu öffnen, entspannt den ideologischen Streit der Sozialisten-Ulla, die ja nur die PKV an der Wand sehen wollte - je weiter dies geht um so bessser, dann kriegt jeder die Grundsicherung (von PKV oder GKV) und wer mehr will kann es dazukaufen (Zahnersatz, Homöopathie, Kostenersatz ambulant nach GOÄ=Privatpatient!, Selbstbehalte, Rückvergütung, ein/zweibettzimmer etc.). Und die PKVs sind dann auch nur eine Gruppe Versicherungsanbieter unter vielen.
    Ich hoffe nur dass der Steuergedeckte Sozialausgleich konsequent auf alle Ausgleichspositionen wie beitragsfreie Mitversicherung ausgeweitet wird.

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    Was heißt hier marodes System. Die ganzen Besserverdienenden sind in der PKV und die chronisch Kranken und Pflegefälle und die unterer Mittelschicht sind in der GKV. Das das nicht funktionieren kann ist doch logisch. Wenn die PKV so gut ist wie immer wieder getan wird dann führen wir sie doch für alle ein. Aber versuchen sie sich mal als chronisch Kranker bei einer PKV zu versichern! Die PKVs funktionieren nur so gut weil die kostspielgen Fälle bei den GKV landen. Eine Solidargemeinschaft ist das nicht. Das kann man wollen, muß es aber auch so sagen.

    Was heißt hier marodes System. Die ganzen Besserverdienenden sind in der PKV und die chronisch Kranken und Pflegefälle und die unterer Mittelschicht sind in der GKV. Das das nicht funktionieren kann ist doch logisch. Wenn die PKV so gut ist wie immer wieder getan wird dann führen wir sie doch für alle ein. Aber versuchen sie sich mal als chronisch Kranker bei einer PKV zu versichern! Die PKVs funktionieren nur so gut weil die kostspielgen Fälle bei den GKV landen. Eine Solidargemeinschaft ist das nicht. Das kann man wollen, muß es aber auch so sagen.

  3. Zwar stellte der Präsident der Republik Italien laut eines kürzlich in der Schweiz veröffentlichten Pressefotos seinen Kragenspiegel von blue collar worker auf white collar worker um. In den Europäischen Gemeinschaften indessen besitzt jedes Mitglied die Autonomie, eigenständige Politik betreiben zu können und nicht jeden privaten Ausflug in modische Fragen gleich beispielsweise in Gesundheitspolitik aus einem Guß umzumünzen und sämtlich hiesigen Versicherten weiße Krägen zu dekretieren, obwohl sie stets im Blaumann tätig waren und sind.

  4. Warum gibt es eigentlich in einem System, in dem es zu wenig Geld gibt, eine Beitragsbemessungsgrenze? Weil Reiche weniger solidarisch sein müssen?

    Demnächst muss man sich dann wohl auch die Notfallversorgung dazukaufen, hm?

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    so ist es. Ihr Vorschlag und dazu noch Sozialversicherungspflicht für alle, von der Friseuse bis Ackermann. Der Bundeshaushalt und die Sozialkassen wären in kürzester Zeit saniert.
    Leider sind die Politiker nicht für das Volk da, wie sie uns immer weißmachen wollen, sondern sie sind die Bluthunde des Kapitals.

    so ist es. Ihr Vorschlag und dazu noch Sozialversicherungspflicht für alle, von der Friseuse bis Ackermann. Der Bundeshaushalt und die Sozialkassen wären in kürzester Zeit saniert.
    Leider sind die Politiker nicht für das Volk da, wie sie uns immer weißmachen wollen, sondern sie sind die Bluthunde des Kapitals.

  5. Der Übernahmekampf für Ratiopharm hat begonnen.
    Es ist die Frage wer kann die ungeliebte
    Billigkonkurrenz fressen.Der Preisdruck der
    Generikafirmen bringt dem Staat doch etwas
    Handlungsspielraum,und setzt die Riesen
    deutlich unter Druck.
    Wie wäre es so wie bei Opel oder den Banken,
    die Ratiopharm kurzfristig zu verstaatlichen
    und dann beim Verkauf wieder ein eigenständiges Unternehmen
    zu garantieren ??

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