Türkische Verkäuferinnen vor einem Geschäft für Brautmoden und Abendroben: 26 dieser Läden bringen Geld nach Marxloh © Jan Zappner

Einmal im Jahr reisen die Damen aus dem Gefolge des Schützenkönigs von Wesel am Niederrhein ins benachbarte, aber fremde Marxloh, um sich bei Gül Alp neu auszustaffieren. "Wenn sie zu Peek & Cloppenburg gehen, müssten sie befürchten, dass beim Schützenfest drei oder vier Frauen mit dem gleichen Kleid auflaufen", sagt Frau Alp sichtlich amüsiert. Der energischen Dame im eleganten weißen Hosenanzug gehört eines der 26 Marxloher Brautmodengeschäfte, in dem sie außerdem Abendkleider verkauft. Sie zeigt auf einem Foto, wie sich der Weseler Hofstaat darin macht.

Im weiten Umfeld hat sich inzwischen herumgesprochen, dass man in Marxloh gut für Festtage einkaufen kann. Aus ganz Nordrhein-Westfalen, sogar aus dem benachbarten Holland und aus Belgien kommen die Kunden. Entstanden ist der Trend aus der türkischen Tradition, Hochzeiten als riesige kostspielige Feste auszurichten, mit entsprechend aufwendigen Roben. Frau Alps Tochter soll bald eine Filiale in Düsseldorf eröffnen. Andere Marxloher haben schon Geschäfte in Dortmund und Gelsenkirchen.

Diese wachsende Branche bringt Kaufkraft nach Marxloh, wo sie bislang nur abfloss. Und sie verstärkt einen Hoffnungsschimmer für den abgehängten Stadtteil im Duisburger Norden, wo sich bislang auf siebeneinhalb Quadratkilometern die Probleme ballen: Die letzten Reste der alten Schwerindustrie verschwinden, die ehemaligen Gastarbeiterfamilien bleiben zurück, die einkommensstarken unter den deutschen Einwohnern sind längst weg. 18.000 Menschen aus 42 Nationen leben heute hier, die türkischstämmigen sind in der Mehrheit.

Marxloh ist die Welt, wie sie im Integrationsbericht der Bundesregierung beschrieben wird: Der Arbeitslosenanteil liegt hier stetig über 20 Prozent – etwa doppelt so hoch wie bei der Gesamtbevölkerung. Ebenso das Armutsrisiko, die Zahl der Empfänger staatlicher Transferleistungen und der Schulabgänger ohne Abschluss sowie die Kriminalitätsrate unter Jugendlichen. Alle diese Werte sind alarmierend hoch, weil die Integration bislang nicht funktioniert.

Deshalb setzt die Stadt nun auf die Eigeninitiative der Zugewanderten, auf Menschen wie Gül Alp, die vier Kinder hat. Und weil auch in Duisburg die Bevölkerung schrumpft, wirbt man nun um die Türken, man will das Potenzial der Migranten nutzen. Der Dezernent für Stadtentwicklung, Jürgen Dressler, verkündet diese Botschaft so: "Warum lassen wir keine türkischen Stadtteile mit eigener kultureller Identität, Läden und Moschee zu? Diese Schmelztigel werden sich fortentwickeln. Nicht im Sinne einer Zwangsintegration, sondern als Win-Win-Situation für die ganze Stadt." Erfolgreiche Städte im Ausland hätten schließlich auch ein Little Italy oder ein Chinatown. „Es geht nicht darum, aus jedem Türken qua Pass einen Deutschen zu machen. Wir müssen nicht jeden jungen Menschen mit diesem Hintergrund fragen, welchen deutschen Bildungsabschluss er hat, sondern 'was kannst du?'”

Durch den Stadtteil zieht sich die Weseler Straße wie Mainstreet USA. Die Modeläden sind hier wie an einer Perlenschnur aufgereiht. Davor kreuzt die Straßenbahn, an einer Trinkhalle lungern ein paar deutsche Säufer herum. Andere sitzen auf dem nahen Bebel-Platz. Immer wieder weist Bürgermeister Adolf Sauerland (CDU) auf die Problemecken in Marxloh hin, und darauf, dass es nicht die Türken sind, die Schwierigkeiten machen. Nun will sich die Stadt um diejenigen Marxloher kümmern, die sich regen.

Innerhalb von drei Jahren hat sich die Zahl der Modegeschäfte verdoppelt. Demnächst will die Universität Duisburg-Essen eine Studie zu dieser speziellen Art der Marxloher Ökonomie erstellen. Wie viel Geld hier mit dem Hochzeitsgeschäft umgesetzt wird, wie viele Arbeitsplätze es bietet, weiß nämlich niemand.

Auch nicht der "Verein türkischer Geschäftsleute". Dessen Geschäftsführer Aykut Yildirim weist darauf hin, dass man hier einer orientalischen Handelstradition folge: "Deutsche Ökonomen verstehen das nicht. Aber türkische Kunden gehen bei Bedarf einfach in eine Straße, wo es entweder Schuhe, Fisch oder eben Brautmode gibt." Um zu vergleichen und um über die Preis zu verhandeln.