Integration Kreuzberg am Rhein
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Besinnung auf eigene Traditionen

Zur orientalischen Handelstradition gehören aber auch die zahlreichen privaten Beschäftigungsverhältnisse. In einem der Läden an der Weseler Straße sitzt ein junger Mann aus Anatolien an einer Nähmaschine. Er sei bloß für ein paar Monate in Deutschland, um der Familie zu helfen, erzählt er. Schließlich habe man gerade viel zu tun. Auf der anderen Straßenseite bringt der Inhaber eines Restaurants seine Familienangehörigen aus der Türkei in einer Wohnung über dem Lokal unter. Deutsch spricht hier nur der Kellner. Der Laden prosperiert, er hat bereits Filialen in anderen Städten.

Das Zentrum von Marxloh ist heute die riesige Merkez-Moschee, die vor einem Jahr eingeweiht wurde und an jedem Freitag von mehr als 1000 Gläubigen gefüllt wird. In Wahlkampfzeiten kommen auch Politiker gerne vorbei: Jürgen Rüttgers, Gesine Schwan, Cem Özdemir. Der Trubel um die Moschee vermittelte schnell das trügerische Bild einer Musterintegration des ganzen Stadtteils. Die Marxloher lassen sich die neue Aufmerksamkeit aber gerne gefallen, und Moslems aus der ganzen Region nehmen den Moscheebesuch zum Anlass für einen Einkaufsbummel mit Familie.

Die Moschee und die Besinnung auf eigene Traditionen hat das Selbstbewusstsein zurück gebracht. Vor einigen Jahren noch sind türkische Familien von hier aus zurückgezogen in ihre alte Heimat. "Damals dachte meine Familie auch lange darüber nach. Hier ging ja alles den Bach runter", sagt Erkan, ein Jurastudent, der beim Gewerbeverein aushilft.

Die Familie blieb; Erkan will nun Anwalt werden. Weil er weiß, dass seine Leute einem deutschen Anwalt nicht trauen. "Ich würde meinen Handyvertrag ja auch niemals bei einem Deutschen abschließen."

Auch bei anderen der Neu-Marxlohern herrscht die sehr deutsche Meinung vor, dass die Probleme sich schon regeln, wenn die Menschen sich nur rühren und sich um ihre lokale Umgebung kümmern. "Integration, das hört sich immer so an, als hätten wir eine Krankheit", sagt Aykut Yildirim, "diese deutsche politische Korrektheit jedenfalls hilft niemandem".

Und dann redet er wieder vom Geschäft. "Ethnomarketing" sei ein wichtiges Wort in Marxloh. Dabei geht es nicht bloß darum, wie etwa die Citibank mit Flugblättern auf Türkisch zu versuchen, an neue Kreditnehmer zu kommen "Sondern darum, wie wir noch mehr Deutsche in unsere Geschäfte holen." 

Vor allem die vielen Russlanddeutschen im Ruhrgebiet haben die türkischen Geschäftsleute als neue Zielgruppe entdeckt. Denn auch die feiern gerne große Feste.

Auch Dezernent Dressler wirbt nicht nur um die Türken: "Migration, Weiblichkeit und auch Homosexuelle bringen eine Region voran, wie Metropolen zeigen".  Sie brächten Arbeit und Kreativität. Toleranz als Standortfaktor: In Marxloh hofft man auf Kreuzberger Verhältnisse.

 
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