Koalitionsverhandlungen CSU und FDP streiten über Steuern und Betreuungsgeld
Betreuungsgeld, Gentechnik, EU-Exporthilfen: Vor allem zwischen CSU und FDP gibt es auf vielen Feldern große Differenzen. Scharf wurde der Ton beim Thema Steuern.
© dpa - Bildfunk

Die CSU will Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen, ein Betreuungsgeld zahlen
Bei den Koalitionsverhandlungen zwischen Union und FDP in Berlin droht das sogenannte Betreuungsgeld zu einem der Hauptstreitpunkte in der Arbeitsgruppe Familienpolitik zu werden. "Bei dieser Frage kommt es zum Schwur", kündigte die bayerische Sozialministerin Christine Hardertauer am Mittwoch an und machte damit deutlich: Die CSU ist in dieser Frage offenbar nicht zum Einlenken bereit.
Das Betreuungsgeld ist ein Anliegen, für das die CSU bereits seit Jahren kämpft. 150 Euro zusätzlich sollen nach dem Willen der bayerischen Christsozialen all jene Eltern bekommen, die für Kinder unter drei Jahren keinen staatlich geförderten Betreuungsplatz in Anspruch nehmen.
Die schwarz-rote Koalition hatte in Zusammenhang mit dem Beschluss über den Ausbau der Kindertagesstätten die Einführung eines Betreuungsgeldes für 2013 vereinbart. Die CSU hatte dies damals zur Bedingung für ihre Zustimmung gemacht.
Auch im gemeinsamen Wahlprogramm von CDU und CSU wird an dem Vorhaben festgehalten, obwohl es in der CDU stets viel Widerstand gegen eine solche Sozialleistung gab.
Insbesondere Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) hatte das Betreuungsgeld ursprünglich scharf abgelehnt, da sie befürchtete, gerade sozial schwächere Familien könnten versucht sein, ihre Kinder nicht in Krippen zu schicken sondern lieber das Geld zu nehmen. Insbesondere Kinder aus dem bildungsfernen Milieu würden von einer frühzeitigen Außer-Hausbetreuung aber besonders profitieren, argumentierte die Ministerin.
Diese Ansicht teilt auch die FDP. Sie hat ihre Ablehnung des Betreuungsgeldes sogar mit einem Parteitagsbeschluss bekräftigt.
CDU und FDP erwägen nun offenbar als Kompromiss, den betroffenen Eltern statt eines Betreuungsgeldes Bildungsgutscheine auszuhändigen. Damit entfiele für ärmere Väter und Mütter der Anreiz, ihre Kinder nur deswegen zu Hause zu behalten, weil sie sich dadurch eine Aufbesserung des Familieneinkommens erhoffen.
Hardertauer lehnte dies allerdings ab. "Das ist eindeutig eine andere Baustelle", sagte sie der Nachrichtenagentur dpa. Die CSU wolle eine Politik "für die breite Masse der Eltern, die ihrer Aufgabe und Verantwortung bei der Erziehung und Betreuung ihrer Kleinkinder persönlich nachkommen wollen". Diese dürften nicht unter einen Generalverdacht gestellt werden, nur weil es einzelne Problemfamilien gäbe.
Die FDP-Familienpolitikerin Miriam Gruß bestritt dagegen, dass über das Betreuungsgeld ernsthaft verhandelt werde. Hadertauers Vorstoß habe "keine reale Bedeutung", sagte sie. Die Koalitionsverhandlungen würden nicht über die Medien geführt.
- Knackpunkte: Kinder
-
Heftig streiten CSU und FDP auch über die Einführung eines Betreuungsgelds für Kleinkinder.
Die CSU hat ihre alte Forderung nach dieser Beihilfe wiederbelebt und will mit 150 Euro im Monat Familien helfen, die ihre Kinder bis zum Alter von drei Jahre zu Hause betreuen.
Die FDP lehnt das strikt ab.
In der Großen Koalition hatte die CSU ein Betreuungsgeld ab 2013 durchgesetzt.
- Arbeit
-
Hier zeichnet sich ein heftiges Tauziehen ab, weil Kanzlerin Angela Merkel den FDP-Forderungen nach einer Lockerung der Arbeitnehmerbestimmungen, insbesondere des Kündigungsschutzes vorab schon eine Absage erteilte.
Die Liberalen wollen die Probezeit für Neueingestellte von derzeit 6 auf 24 Monate vervierfachen. Erst danach soll der Kündigungsschutz für die Betroffenen gelten.
In der Diskussion ist daneben ein von der FDP favorisiertes Optionsmodell: Dabei kann ein Beschäftigter zwischen Kündigungsschutz oder – im Falle einer betriebsbedingten Kündigung – einer Abfindung oder Weiterbildung auf Kosten des Arbeitgebers wählen.
- Bürgergeld
-
Kaum vorstellbar ist, dass sich die FDP mit ihrer Forderung nach Einführung eines Bürgergeldes durchsetzt.
Es soll Hartz IV ablösen und an die Stelle aller bisherigen Sozialleistungen treten: vom Arbeitslosengeld II über Grundsicherung im Alter oder Kinderzuschlägen bis hin zum Wohngeld. Für einen Alleinstehenden sind als Bürgergeld nach dem FDP-Modell etwa 662 Euro monatlich vorgesehen.
Die CDU hat bereits abgewunken, zeigt sich aber offen, den negativ besetzen "Kampfbegriff Hartz IV" zu ersetzen.
- Hartz IV
-
Zur Vermeidung von Altersarmut streben beide Seiten für Langzeitarbeitslose ein höheres Schonvermögen an, das bei Inanspruchnahme staatlicher Unterstützung nicht angegriffen wird. Höhere Freigrenzen beim Schonvermögen sind allerdings mit höheren Kosten für die Staatskasse verbunden.
Denkbar ist, dass sich beide Seiten auf großzügigere Hinzuverdienstgrenzen für Hartz-IV-Empfänger einigen. Eine solche Neuregelung soll Anreiz zur Aufnahme einer Arbeit sein, da dann mehr vom selbst verdienten Geld übrig bleibt und ein geringerer Teil mit der staatlichen Unterstützung verrechnet wird.
- BA
-
Die FDP will die Bundesagentur für Arbeit komplett auflösen und die Aufgaben von Arbeitsagenturen und Jobcentern den Kommunen übertragen. Die Union will dabei nicht mitmachen.
Als schwere Last dürfte sich der wachsende Schuldenberg BA erweisen – etwa 50 Milliarden Euro könnten es Ende 2013 sein. Zu entscheiden ist, ob der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung deshalb kräftiger als geplant steigen soll, Qualifizierungsmaßnahmen für Jobsuchende eingeschränkt werden oder ob der Bund der BA gar wie früher Geld zuschießt.
Bei der vom Bundesverfassungsgericht geforderten Neuordnung der Jobcenter sind sich beide Seiten weitgehend einig. Sollte dazu aber eine Änderung des Grundgesetzes erforderlich sein, wären die künftigen Koalitionäre wegen der dafür nötigen Zwei- Drittel-Mehrheit auf Unterstützung anderer Parteien angewiesen.
- Löhne
-
Es sieht danach aus, dass es – zumindest zunächst – keine neuen Branchen-Mindestlöhne gibt. Die bereits beschlossenen werden nicht angetastet.
Spätestens 2011 wird aber auch eine schwarz- gelbe Koalition in Zugzwang geraten, wenn die volle Freizügigkeit für Arbeitnehmer in Kraft tritt. Dann dürfen auch Leiharbeiter aus Osteuropa nach Deutschland kommen - zu Niedrigtarifen.
An einem verbindlich vorgeschriebenen Mindestlohn für die Zeitarbeitsbranche dürfte daher kein Weg vorbeiführen.
- Rente
-
Noch offen ist, wie Schwarz-Gelb in der Rentenpolitik agiert. Die FDP will weg von dem festen Renteneintrittsalter 67. Weitgehend einig ist man sich, dass es einen flexibleren Rentenzugang geben soll.
In der Diskussion ist die Forderung, die jüngst beschlossene Schutzklausel gegen Rentenkürzungen auch bei sinkenden Löhnen wieder aufzuheben.
Zur Entscheidung steht - 20 Jahre nach dem Mauerfall - die Angleichung des Rentenrechts in Ost und West an.
Auch in der Arbeitsgruppe Agrar, Umwelt und Verbraucherschutz brach am Mittwoch ein offener Konflikt zwischen CSU und FDP aus. So will die CSU an dem Verbot für den Anbau der genveränderten Maissorte MON 810 festhalten. "Wir wollen keinen kommerziellen Anbau in Bayern", sagte der dortige Umweltminister Markus Söder (CSU) kurz vor Sitzungsbeginn. Eine Aufhebung des Anbauverbots sei "nicht akzeptabel". Er sei aber nicht gegen Forschung.
Die FDP forderte, dass das im vergangenen April von CDU-Agrarministerin Ilse Aigner durchgesetzte Verbot wieder aufgehoben und der Anbau der Gen-Stärkekartoffel Amflora unterstützt wird.
Scharfe Töne bei Steuern
Aigner hatte den Anbau wegen unklarer Umweltrisiken vorerst gestoppt. Monsanto hatte dagegen geklagt, eine endgültige Entscheidung steht aus.
Aigner leitet die Arbeitsgruppe gemeinsam mit dem FDP-Umweltpolitiker Michael Kauch. Die künftigen Koalitionäre wollten neben Gentechnik auch über erneuerbare Energien, die Besteuerung von Biosprit, eine besser Lebensmittelkennzeichnung und den Anlegerschutz sprechen. Einig sind sich beide Seiten darin, dass Lebensmittel-Imitate klar gekennzeichnet werden sollen. Der Schutz von Anlegern soll verbessert werden.
- Datum 07.10.2009 - 19:52 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa, ks, tst
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Eines wird beim Lesen des Artikels deutlich:
Bei der Erhöhung der Ausgaben ist man sich schnell einig. Dort ist der Dissens nicht vorhanden. Geht es aber um Einsparpotenziale, trennt die beiden Parteien ein großer Graben. Die Union und besonders die CSU präsentieren sich dabei als fortschrittsfeindlich und zeigen kein Interesse an Reformen. Dies ist schade. Gerade auf Feldern, wo Innovation mit wenig finanziellem Einsatz verbunden wäre, wie z.B. bei einem Umdenken in der GEntechnik, schaltet die Union auf Stur. Darunter leidet vor allem der Forschungsstandort Deutschland.
Zuletzt noch eine Anmerkung zu den Erklärungen seitens der Zeit:
Wieso schreibt man "an einem verbindlich vorgeschriebenen Mindestlohn für die Zeitarbeitsbranche dürfte daher kein Weg vorbeiführen" ?
Wie kommt man auf so eine Idee?
Dass Mindestlöhne falsch sind, sollte mittlerweile ein jeder eingesehen haben. Hier das Schreckgespenst vor der osteuropäischen Gefahr zu beschwören, ist billig und entspricht nicht den Tatsachen. Wer keine Leiharbeit will, braucht nur den Kündigungsschutz zu lockern, so einfach ist das.
Da muss ich ja echt lachen. Die FDP wird umfallen. Frau Merkel ist in einer superkomfortablen Situation. Sie kann ohne Gesichtsverlust auch eine große Koalition eingehen und ich bin mir sicher, dass sie der FDP nun damit droht. Nun rächt es sich für die FDP, dass sie sich so frühzeitig an die Union gebunden hat.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren