Oettinger wird EU-Kommissar Genug der Pleiten

Günther Oettinger hat sich sein Scheitern selbst zuzuschreiben. Spätestens nach der Affäre Filbinger gingen viele Parteifreunde auf Distanz.

Von Stuttgart nach Brüssel: Günther Oettinger scheidet als baden-württembergischer Ministerpräsident aus und wird EU-Kommissar

Von Stuttgart nach Brüssel: Günther Oettinger scheidet als baden-württembergischer Ministerpräsident aus und wird EU-Kommissar

Die Entscheidung der Kanzlerin, Günther Oettinger zum neuen EU-Kommissar zu berufen, überraschte selbst Spitzenpolitiker in der Union. Ein Wechsel an der baden-württembergischen Landesspitze hatte sich bereits angedeutet. Doch dass der Ministerpräsident ausgerechnet nach Brüssel zieht, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn in Brüssel erlebte er eines dieser seltsamen Mediendebakel, für die Oettinger so berüchtigt ist und die ihm selbst stets ein Rätsel blieben.

Der peinliche Vorfall, der Oettinger unverhohlenen Spott selbst in der eigenen Partei eintrug, ereignete sich im Januar 2007. Die baden-württembergische Landesvertretung lud zu ihrem Neujahrsempfang, der deutsche EU-Kommissar Günther Verheugen und manch anderer prominenter Politiker kamen. In der Schwarzwaldstube des honorigen Hauses kreisten die Gläser. Es war spät geworden, da ergriff Baden-Württembergs führender CDU-Politiker, der bereits eine lustige Kappe auf dem Scheitel trug, eine aus zwei Teesieben gebastelte Brille und guckte, nunmehr als Fliege maskiert, in die Kamera eines der anwesenden Journalisten. Das Bild zeigte einen enthemmten Regierungschef, der zu vorgerückter Stunde die Würde seines Amtes vergisst.

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Bis zur Veröffentlichung des Schnappschusses verstrichen allerdings einige Monate, das Foto wurde erst Ende 2007 in der Bild am Sonntag abgedruckt. Just zu einem Zeitpunkt, als Oettinger erneut private Schlagzeilen machte. Er gab in der Bild-Zeitung die Trennung von seiner Frau Inken bekannt. Mitglieder der Stuttgarter Landespressekonferenz, sonst im Glauben, alles Wichtige zuerst zu erfahren, reagierten indigniert. Oettingers Liaison mit dem Boulevard aber hörte nicht mehr auf. Im August 2008 durften Bild-Reporter den Regierungschef und dessen Sohn Alexander exklusiv auf einer Rundreise mit dem Campingmobil durch Italien begleiten. Wieder fragten sich Parteifreunde, was den "MP" geritten hatte.

Dass Oettinger ein Mann der verschwiegenen Hinterzimmer ist, einer, von dem niemand genau weiß, wie viel er schon auf seinen Reisen durchs Ländle mit wie vielen Handschlägen versprochen hat, das ist ein Vorwurf, der seit Jahren nicht nur in den Oppositionsparteien geäußert wird. Sprunghaft sei Oettinger und kulturlos, wetterten Politiker von SPD und Grünen schon im Jahr 2006. Das hatte seinen Grund.

Oettinger hatte gerade die Rettung des klammen Markgrafen von Baden verkündet, der in seinem Schloss in Salem am Bodensee lebt und in kaum zu zählenden Vereinen, Gremien und Verbänden des Landes sitzt. Der Plan: Damit der Adlige sein Schloss sanieren kann, das immerhin zu den Kulturschätzen des Südwestens zählt, sollte das Land ihm wertvolle Bilder abkaufen, vor allem die auf einen Wert von acht Millionen Euro veranschlagte Markgrafentafel von Hans Baldung Grien. Schon warb Oettinger kräftig Drittmittel für den Bilderkauf ein, da meldete sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung der Freiburger Historiker Dieter Mertens zu Wort: "Oettinger haut acht Millionen auf den Kopf". Mertens wies nach, dass Griens Kunstwerk zwar in Salem hing, aber bereits seit Jahrzehnten dem Land gehörte.

Wer in der Berliner Parteispitze der CDU noch zu Oettinger hielt, verlor spätestens im April 2007 mit ihm die Geduld. Der Ex-Ministerpräsident Hans Filbinger, der als Richter während des Dritten Reichs Todesurteile verhängt hatte und der, als das bekannt wurde, seine politische Karriere beendete, wurde zu Grabe getragen. Oettinger hätte bei seiner Grabrede im Freiburger Münster manches Unverfängliche sagen können, doch er wählte diese Sätze: "Anders als in einigen Nachrufen zu lesen, gilt es festzuhalten: Hans Filbinger war kein Nationalsozialist. Im Gegenteil: Er war ein Gegner des NS-Regimes." Erst Tage später, erst auf Druck der Kanzlerin Angela Merkel, distanzierte sich Oettinger von seiner Rede. Den Ruf eines geschichtslosen Politikers, der manchmal nicht weiß, was er redet, war nicht mehr abzustreifen.

Noch einmal versuchte Oettinger im Vorfeld der Bundestagswahlen Profil in der eigenen Südwest-Partei zu gewinnen, die mit größer werdendem Schrecken verfolgte, wie der Regierungschef aus Stuttgart sich in Berlin immer mehr isolierte. Nicht zufällig halten die Baden-Württemberger Volker Kauder und Wolfgang Schäuble seit jeher peinlich genau Distanz zu ihrem als tollpatschig geltenden Landsmann. Dass Oettinger im Wahlkampf versuchte, sein Image in der Abgrenzung zu Kanzlerin Merkel aufzupolieren, indem er sich als vorbildlicher Haushälter gab, als strikter Gegner der Neuverschuldung, konnte ihn nicht mehr retten.

Und Baden-Württemberg, das Oettinger zum Musterbeispiel eines Bundeslandes stilisierte und immer wieder betonte, dass seine Regierung 2010 keine neuen Schulden aufnehmen werde, rutscht im kommenden Jahr weiter in die roten Zahlen, so viel steht längst fest. Wer das innerhalb der Stuttgarter Landesregierung in den vergangenen Wochen so offen sagte wie der CDU-Finanzminister Willi Stächele wurde von Oettinger abgestraft.

Leser-Kommentare
  1. Nichts hat sich geändert, leider.
    Fachkompetenz wird halt nicht als Voraussetzung angesehen, kein Wunder das das Ansehen von Brüssel weiter sinkt

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    In Brüssel wird dieser Mann aber wohl noch mehr Geld "verdienen" als hier. Und es sind gerade Politiker, die immer von "Anreizen" (zur Billigarbeit) reden, dabei selbst überhaupt keine Anreize haben, gute Arbeit zu machen. Würde mir wünschen, dass die FDP mit den Privilegien der Politiker und höheren Beamten (oft durch Glück und Beziehungen dorthin gelangt) aufräumt. Aber da kann man wohl lange warten.

    In Brüssel wird dieser Mann aber wohl noch mehr Geld "verdienen" als hier. Und es sind gerade Politiker, die immer von "Anreizen" (zur Billigarbeit) reden, dabei selbst überhaupt keine Anreize haben, gute Arbeit zu machen. Würde mir wünschen, dass die FDP mit den Privilegien der Politiker und höheren Beamten (oft durch Glück und Beziehungen dorthin gelangt) aufräumt. Aber da kann man wohl lange warten.

    • kayob
    • 25.10.2009 um 16:26 Uhr
    2. naja

    das stimmt schon.
    es ist erstaunlich, wie offen parteipolitik vor allen anderen erwägungen steht.
    ein frischer wind der demokratie weht leider nicht über s land.
    für s ländle zu schlecht, aber für europa als deutscher kommisar, wahrscheinlich für industrie, gut genug?
    und die wähler und die presse?
    hätte man oettinger oder andere die mal aus dem ruder laufen, nicht stärkerzu rücktritten drängen können?
    zumindest auf mehr inner-parteiliche demokratie pochen können?
    oder wollen wir solche politiker tief im inneren doch?
    ich finde, den schutz der parteien durch das grundgesetz sehr sehr löblich, aber ehrlich gesagt, brauchen wir klarere regeln und bestimmungen, die auf mehr transparenz und mehr wähler entscheidungsmöglichkeiten ausgerichtet sind.
    ich fasse es als insgesamte bedrohung der demokratie auf, wenn das system nicht funktioniert, dass diejenigen, die sich als inkompetent für die gestellte aufgabe erweisen, diese aufgabe verlieren.
    über anreizsysteme von bankern, die nicht dem gesamtwohl dienlich sind, wird viel geredet und wenig getan. wenn über die von politikern doch wenigstens geredet würde...

  2. In Brüssel wird dieser Mann aber wohl noch mehr Geld "verdienen" als hier. Und es sind gerade Politiker, die immer von "Anreizen" (zur Billigarbeit) reden, dabei selbst überhaupt keine Anreize haben, gute Arbeit zu machen. Würde mir wünschen, dass die FDP mit den Privilegien der Politiker und höheren Beamten (oft durch Glück und Beziehungen dorthin gelangt) aufräumt. Aber da kann man wohl lange warten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "In Brüssel wird dieser Mann aber wohl noch mehr Geld "verdienen" als hier. Und es sind gerade Politiker, die immer von "Anreizen" (zur Billigarbeit) reden, dabei selbst überhaupt keine Anreize haben, gute Arbeit zu machen."

    Dabei hatte Oettinger vor einigen Jahren gefordert, Arbeitnehmern, die über 50 sind, geringer zu entlohnen, weil sie nicht mehr so leistungsfähig wie in jungen Jahren wären.
    So sind sie, unsere Politiker: Wasser predigen und Wein saufen.
    [Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/vv]

    "In Brüssel wird dieser Mann aber wohl noch mehr Geld "verdienen" als hier. Und es sind gerade Politiker, die immer von "Anreizen" (zur Billigarbeit) reden, dabei selbst überhaupt keine Anreize haben, gute Arbeit zu machen."

    Dabei hatte Oettinger vor einigen Jahren gefordert, Arbeitnehmern, die über 50 sind, geringer zu entlohnen, weil sie nicht mehr so leistungsfähig wie in jungen Jahren wären.
    So sind sie, unsere Politiker: Wasser predigen und Wein saufen.
    [Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen und bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/vv]

  3. So sieht die ehrliche Einschaetzung der EU durch Frau Merkel aus : am Telefon mit Battoso kungeln reicht, als Kommissar schickt man nicht den besten, sondern aktuell heissen Giftmuell. Auch in diesem Bereich keine Visionen sondern nur Machtspiele.

  4. wird irgendetwas in Brüssel....

    Leider ist dieser Satz, frei nach "wer nix wird wird Wirt" wohl richtig... Die EU-Verwaltung dient immer noch als Auffangbecken für Politiker und das mit besten Bezügen und wenig Fragen, denn für den Normalbürger ist diese Art Administrative ja weit weg und herzlich uninteressant, auch wenn natürlich das EU Recht so wichtig ist...

  5. Selbstverständlich ist es äußerst bedenklich, daß Merkel die Kommission als Mittel mißbraucht, um Parteifreunde aus dem Verkehr zu ziehen. Allerdings gibt auch der Verfasser dieses Artikels durch den Titel seine abgrundtiefe Verachtung für die europäischen Institutionen zu Protokoll. Warum zum Teufel soll die Nominierung zum Kommissar ein "Scheitern" sein und je nach persönlichem Gusto nicht ein die Karriere krönender Erfolg?

    Mit ebensoviel Recht könnte man nämlich die Wahl zum Bundespräsidenten als politisches Scheitern bezeichnen. Immerhin sind die Betreffenden danach politisch gewissermaßen auf Lebenszeit kastriert.

    • kayob
    • 25.10.2009 um 21:26 Uhr

    es ist ja eben ein unterschied, ob man sich für ein amt interessiert, wie zb schäuble für den bundesköhlerjob, oder ob man aus gründen die wohl nur gott oder teufel kennen, glaubt man habe eigentlich das zeug zum kanzler, oder zumindest tollem minister und diese stunde werde noch kommen...oettinger wollte den job nicht.
    der job ist für einen ehemaligen beamten oder hohen parteifunktionär klar ne aufstieg...aber nicht für den ministerpräsidenten eines als musterländl wirtschaftlich starken bundeslandes...drüber ist nur superminister kanzler oder papst...

    • kayob
    • 25.10.2009 um 21:31 Uhr

    übrigens haben sie recht, der ehemalige bürgermeister von berlin, der sich mit sehr populären und scharfsinnigen worten viele freunde und in der eigenen partei viele feinde gemacht hat, wurde auch vom chef seinerzeit, aus genau dem von ihnen genannten grund zum bundespräsidenten gemacht.
    danach war die konkurrenz ausgeschaltet.
    hätte weizsäcker weiter den offenen cdu-mann gespielt...wer weiß, vielleicht hätten biedenkopf süßmuth geißler, späth und er den kohl doch stürzen können...
    aber öttinger wurde klar belohnt, dafür, dass er keinen unüberlegten stress macht und einfach aufhört...ja, sie haben recht, gibt schlimmere strafen...gesundheitsminister z b. hahahahaha

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