Schattenhaushalt Abschied von einer Eintagsfliege

Der Nachtragsetat für die Defizite bei Arbeitslosen- und Krankenversicherung ist vorerst vom Tisch. 2010 aber könnte ein Sonderfonds die Milliardenlöcher stopfen helfen.

Wie können die Milliardenlöcher bei den Sozialkassen gestopft, die im Grundgesetz verankerte Schuldenbremse eingehalten und trotzdem die Steuern gesenkt werden? Um diese Frage wurde bei den Koalitionsverhandlungen von FDP, CDU und CSU seit Anfang der Woche heftig gerungen. Vor wenigen Tagen schienen die Koalitionäre bereits den Durchbruch erzielt zu haben. Die zusätzlichen Ausgaben für die Sozialversicherungen – Mittel für die Bundesagentur für Arbeit (BA) und die gesetzlichen Krankenkassen (GKV) – sollten in einem zusätzlichen, rund 60 Milliarden Euro umfassenden Fonds außerhalb des Bundeshaushalts untergebracht werden. 

Nicht zuletzt wegen des verheerenden Echos aus der Öffentlichkeit und der immensen verfassungsrechtlichen Bedenken der eigenen Fachleute haben Union und FDP dieses Vorhaben jetzt wieder verworfen. Als "Trickser" wolle man keinesfalls in die Legislatur starten, hieß es am Donnerstag am Rande der Koalitionsverhandlungen. Der bayerische Finanzminister Georg Fahrenschon, zugleich CSU-Verhandlungsführer in der zuständigen Arbeitsgruppe, wurde noch deutlicher: "Der Nachtragshaushalt für 2009 ist vom Tisch". Stattdessen verständigten sich die Koalitionäre darauf, die krisenbedingten Einnahmeausfälle nun doch über den ordentlichen Haushalt 2010 zu finanzieren.

Anzeige

Das Ringen um die Finanzierung der geplanten Milliarden-Steuersenkungen geht damit aber in eine neue Runde. Und so hat Schwarz-Gelb beschlossen, die Einrichtung eines "Sondervermögens" im Zusammenhang mit der Aufstellung des Bundeshaushaltes 2010 erneut zu prüfen. So steht es in einem gemeinsamen Papier von Kanzleramtsminister Thomas de Maizière (CDU), Fahrenschon und dem FDP-Finanzexperten Hermann Otto Solms. Dadurch solle gewährleistet sein, dass die Mindereinnahmen von Arbeitslosenversicherung und gesetzlichen Krankenkassen ohne Beitragserhöhungen ausgeglichen werden können.

Dabei bleibt den künftigen Koalitionären nach Angaben aus Verhandlungskreisen aber weniger Spielraum als bisher gedacht. Denn haushalterische Vorschriften verbieten es zum einen, in das Sondervermögen 2010 auch Ausgaben für die darauf folgenden Jahre einzustellen. Zum anderen würde wegen der ab 2011 wirkenden neuen Schuldenbremse ein erneutes Sondervermögen im Haushaltsjahr 2011 auf die dann strengere Neuverschuldungsregelung angerechnet. Deshalb müsste dann eine Gegenfinanzierung für die Etataufstellung gefunden werden.

Die Bedenken gegen den sogenannten Schattenhaushalt kamen vor allem von Rechtsexperten aus dem Innenministerium. Das Kanzleramt dagegen hatte keine Vorbehalte. Die FDP monierte, dass es "sehr schön" gewesen wäre, "wenn beide Häuser zu einer einheitlichen Bewertung gekommen wären". Man sei sehr verwundert, wie unterschiedlich die Union agiere.

Als klar war, dass der Widerstand gegen den Sonderfonds zu groß werden würde, berieten die Unterhändler fieberhaft über Alternativen, die ihnen trotzdem die im Wahlkampf versprochenen Steuersenkungen ermöglichen. Geeinigt hat man sich auf eine Variante, wonach das bisher vorgesehene Darlehen an die BA in einen Zuschuss umgewandelt wird. Ziel sei eine "transparente und verfassungsrechtlich saubere Lösung", der Zuschuss solle an "strenge Kriterien" geknüpft sein. CDU-Verhandlungsführer de Maizière sprach von einer Größenordnung in Höhe von etwa 20 Milliarden Euro.

In Verhandlungskreisen hieß es, mit dieser Maßnahme würde zwar die Neuverschuldung des Bundes im Jahr 2010 stark steigen. Doch zugleich verbessere sich die Ausgangslage für den von 2011 bis 2016 von der Schuldenbremse vorgeschriebenen Abbaupfad: Zwar müsse die Neuverschuldung jährlich stärker zurückgefahren werden, in absoluten Zahlen könnten aber in den Folgejahren mehr Kredite aufgenommen werden.

Allerdings kommen auf die BA durch das Darlehen mehr Kosten zu, da sie das Geld ja zurückzahlen muss. Dadurch könnte auch der Druck auf die Beträge steigen. Sie werden möglicherweise stärker angehoben als bislang geplant. De Maizière, Solms und Fahrenschon allerdings betonten in ihrer Erklärung, dass die Beiträge stabil gehalten werden sollen. "Damit spannen wir einen Schirm auf zum Schutz der Arbeitnehmer in der Krise." Bisher haben sich die Koalitionäre darauf verständigt, dass die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung bei drei Prozent (derzeit 2,8 Prozent) gedeckelt werden sollen.

Ganz ums Sparen können sich Union und FDP allerdings nicht drücken. Konkrete Sparlisten werde der Vertrag zwar nicht enthalten, dafür aber "goldene Regeln". So heißt es im Entwurf für den Koalitionsvertrag, dass "das Ausgabenwachstum unter dem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes liegen" müsse. Dies ist nicht weniger als eine strenge Anweisung an die Ministerien: In den kommenden Jahren müssen sie straff sparen.

Zudem will sich das Kabinett in Zukunft vor Beginn der Haushaltsplanung auf die Eckwerte des Etats verständigen und erst dann den Ministerien deren Ausgestaltung überlassen. Gegenwärtig funktioniert die Etataufstellung genau anders herum. Dies führt am Ende dazu, dass in den Ressorts doch immer mehr Geld ausgegeben wird als vorher geplant.
 

 
Leser-Kommentare
    • Piepe
    • 22.10.2009 um 16:43 Uhr

    der letzte Schildbürgerstreich des Herrn Struck.
    Die Wirtschaftspolitik der Vorgängerregierung war ein Vernichtungsfeldzug gegen das sozialversicherungspflichtige Normalarbeitsverhältnis. Dies führte zu immer höheren Staatszuschüssen.
    Herrn Westerwelle war dass sehr Recht. Er wird diese Wirtschaftspolitik fortführen.
    So kann er Leistungen des umlagefinanzierten Versicherungssystemes mit der Begründung ihrer Nichtfinanzierbarkeit abbauen.
    Das hat auch Herr Struck getan.
    Medien, die uns immer wieder erzählt haben, wie böse böse steigende Lohnnebenkosten sind, haben ihren Beitrag dazu geleistet.
    Für den Arbeitnehmer, dessen Reallöhne gesunken sind, bleibt nur der Verzicht auf Versicherungsleitungen oder eine weitere Senkung seines Reallohnes hinzunehmen.
    Er muss künftig mehr bezahlen und bekommt weniger Leistungen.

  1. An die Macht wollten sie. Für ihre Klientel. Mehr nicht.
    Und jetzt dieses Gehampel um offene oder verdeckte Schulden,
    um offenes oder Verdecktes Umverteilen.
    Dank der endlich wachsamen Medien werden die Regierungsparteien zwar nicht für die gesellschaftliche Spaltung aufkommen, aber hoffendlich wenigstens bei der NRW Wahl abgestraft.

    • o_O
    • 22.10.2009 um 19:47 Uhr

    ... dass ich es wirklich mehr als erstaunlich finde, wie in den Medien - und besonders hier - immer wieder über diese Verhandlungen berichtet wird. Unseriös ist hier mMn noch milde ausgedrückt...

    Nichts als heisse Luft wird hier produziert, wirklich lächerlich...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Unseriös berichtet? Unseriöse Verhandlungen sind das! Dilettanten! Wer so auftritt sollte gleich wieder abtreten. Wo soll man bei so einem Beginn das Vertrauen für 4 Jahre hernehmen?

    Unseriös berichtet? Unseriöse Verhandlungen sind das! Dilettanten! Wer so auftritt sollte gleich wieder abtreten. Wo soll man bei so einem Beginn das Vertrauen für 4 Jahre hernehmen?

  2. Bedauerlich, dass die neue Regierung nicht endlich die kostenlose Mitversicherung von Familienangehörigen abschafft. Ein System, in dem es sehr viel mehr Leistungsberechtigte als Beitragszahler gibt, kann nun mal nicht funktionieren.
    Wenn sich ein Ehepaar entscheidet, dass nur noch einer arbeiten geht, obwohl beide arbeitsfähig sind, dann muss eben der verdienende Partner für den Zuhause-Partner den Krankenkassenbeitrag zahlen. Stattdessen werden durch diese private Entscheidung die übrigen Beitragszahler belastet. Das ist alles andere als solidarisch!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Gibt es irgendwo auf diesem Planeten ein Gesundheitssystem, egal ob Privat oder Staatlich finanziert, das funktioniert???
    In den USA sind die Kosten doppelt so hoch wie hier und trotzdem sind 1/6 der Bevölkerung nicht versichert. In England, dem Mekka der deutschen Ärzteschaft, gibt es immer noch nicht eine ausreichende Versorgung für chirurgische Notfälle usw usf...

    • TDU
    • 23.10.2009 um 13:25 Uhr

    Meine Frau arbeitet und trotzdem wären zwei Beiträge nicht zu bezahlen. Aber es ist schon richtig. Die größte wirtschaftliche Dummheit meines Lebens war zu heiraten und Kinder zu bekommen.

    Und Solidarität?. In diser kinderfeindlichen und kinderlosen Gesellschaft, wo Kinder nur noch unter dem Gesichtspunkt des staatlichen Wohls und seiner Einnahmen gesehen werden?. Besser hätte ich den Sohn nicht zur Höflichkeit und zum Gemeinsinn erzogen, sondern zum ständigen und effezienten Gebrauch seiner Ellenbogen.

    Gibt es irgendwo auf diesem Planeten ein Gesundheitssystem, egal ob Privat oder Staatlich finanziert, das funktioniert???
    In den USA sind die Kosten doppelt so hoch wie hier und trotzdem sind 1/6 der Bevölkerung nicht versichert. In England, dem Mekka der deutschen Ärzteschaft, gibt es immer noch nicht eine ausreichende Versorgung für chirurgische Notfälle usw usf...

    • TDU
    • 23.10.2009 um 13:25 Uhr

    Meine Frau arbeitet und trotzdem wären zwei Beiträge nicht zu bezahlen. Aber es ist schon richtig. Die größte wirtschaftliche Dummheit meines Lebens war zu heiraten und Kinder zu bekommen.

    Und Solidarität?. In diser kinderfeindlichen und kinderlosen Gesellschaft, wo Kinder nur noch unter dem Gesichtspunkt des staatlichen Wohls und seiner Einnahmen gesehen werden?. Besser hätte ich den Sohn nicht zur Höflichkeit und zum Gemeinsinn erzogen, sondern zum ständigen und effezienten Gebrauch seiner Ellenbogen.

  3. Unseriös berichtet? Unseriöse Verhandlungen sind das! Dilettanten! Wer so auftritt sollte gleich wieder abtreten. Wo soll man bei so einem Beginn das Vertrauen für 4 Jahre hernehmen?

  4. (Ha, ha) Diese sehr neue Regierung ist ein schlechter Scherz, oder?

    Möglicherweise hätte Merkels Rückwärtsrudern in gemäßigten Zeiten für Gleichmäßigkeit gesorgt. Ich dagegen gewinne seit ein paar Jahren den leisen Eindruck, als habe sie sich in dieses stille Rudern zu sehr verliebt, für ein de facto Staatsoberhaupt. Gerade in so wackeligen Momenten wie diesen hätte Offenheit gereicht, um mit der Öffentlichkeit abzurechnen.

    Aber ich konnte beobachten, dass die Zufriedenheit mancher Bekannten von mir mit der Politik ihrer Regierung dazu führt, dass sie ihre Wahlentscheidungen hinterfragen. Ich hoffe, die Medien erinnern sich der öffentlichen Schlappen in vier Jahren noch. Mich würde dann nicht wundern, wenn Merkel und Westerwelle fulminant verabschiedet werden.

    Merkels Politikerei jedenfalls durchschaue ich nicht. Vielleicht ist der Posten zu groß für sie, ich weiß es nicht.

    • ibm
    • 22.10.2009 um 20:33 Uhr

    dieser Geldverschiebereien zusammenfasst:
    Die Stuersenkungen für Besserverdienende werden über höhere Beiträge bei der Arbeitslosenversicherung finanziert. Sauber.

  5. Und die grosse Ironie dabei ist ,dass gerade die FDP versprochen hat keine Wischi-Waschi-Politik zu betreiben.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service