Schwarz-Gelb Koalitionäre streiten um die letzten Knackpunkte

Die Verhandlungen gehen in die heiße Phase. Bis Samstag sollen die letzten strittigen Fragen geklärt werden, sonst wird es eng mit dem Zeitplan von Angela Merkel.

Union und FDP starten in die entscheidende Schlussrunde des schwarz-gelben Verhandlungsmarathons. Am Mittwoch, Donnerstag und Freitag wollen die 27 Spitzenvertreter der drei Parteien endgültig den Koalitionsvertrag ausarbeiten. Am Samstag soll die Vereinbarung dann quasi unterschriftsreif vorliegen.



Bis zum Wochenende soll aber nicht nur das Regierungsprogramm stehen, sondern auch alle strittigen Punkte ausdiskutiert und das neue schwarz-gelbe Kabinett geplant sein. Für die Parteien bedeutet das noch eine Menge Arbeit: Zwar konnte bei zahlreichen Themen bereits eine Einigung erzielt werden, doch müssen noch einige offene Knackpunkte geklärt werden.

Anzeige

Einer der Hauptstreitpunkte ist der Bereich Steuern und Finanzen. Im Grundsatz besteht zwar Einigkeit über Korrekturen bei der Unternehmens- und Erbschaftsteuer schon 2010 und Entlastungen bei der Einkommensteuer voraussichtlich ab 2011. Umfang und Details zu den Steuertarifen sind aber noch strittig. Im Gespräch sind Steuerentlastungen von 20 bis 25 Milliarden Euro.

Am Dienstag verkündete Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zudem, dass die Frage der Finanzierung von Milliardendefiziten bei den Sozialversicherungen nicht den Bürgern aufgebürdet werden solle. Die Beiträge sollten stabil bleiben. Damit wollen Union und FDP sicherstellen, dass die geplanten Steuerentlastungen nicht durch höhere Beiträge bereits wieder aufgezehrt werden. Die Löcher sollen zunächst vom Staat über zusätzliche Schulden in einem Sonderfonds bereitgestellt werden. Im Gespräch sei ein Schattenhaushalt für 2009 über 40 bis 50 Milliarden Euro.

Begriff

Als "Schattenhaushalt" oder "Nebenhaushalt" werden Sondervermögen des Bundes bezeichnet.

Dieses Sondervermögen kann sich zum einen aus Sonderfonds speisen, die über den Bundeshaushalt finanziert werden (beispielsweise das von Schwarz-Rot geschaffene Sondervermögen zum Ausbau der Kinderbetreuungsplätze).

Zum anderen kann Sondervermögen aus Geld vom Kapitalmarkt – außerhalb des Bundesetats – geschaffen werden (beispielsweise der Sonderfonds SoFFin zur Bankenrettung).

Über diese Schattenhaushalte werden Kredite aufgenommen, ohne dass die Beträge im Bundesetat in Erscheinung treten. Sie tauchen in der Neuverschuldung des Bundes nicht auf, bleiben "im Schatten".

Schwarz-gelbe Pläne

Die künftige schwarz-gelbe Regierung will für die durch die Wirtschaftskrise entstandenen Fehlbeträge bei den Sozialversicherungen einen solchen Fonds auflegen Dieser Schattenhaushalt soll mindestens 50 Milliarden Euro umfassen. 45 Milliarden davon sollen über mehrere Jahre an die Bundesagentur für Arbeit fließen. Auf diese Weise soll der Beitragssatz der BA nicht auf über drei Prozent steigen. Die gesetzliche Krankenversicherung soll im nächsten Jahr etwa vier Milliarden erhalten. Insgesamt fehlen ihr allein 2010 allerdings 7,5 Milliarden Euro. 3,5 Milliarden müssten also trotz Sonderfonds eingespart werden.

Das Sondervermögen ist dem Zugriff der im seit kurzem im Grundgesetz verankerten Schuldenbremse entzogen, wenn es vor 2011 eingerichtet wird.

Kritik

Die Opposition spricht von Bilanzfälschung und von einer neuen Qualität finanzpolitischer Trickserei. Die Schuldenbremse werde mit schmutzigen Tricks umgangen.

Doch auch der Industrie- und Handelskammertag fordert, Schulden dürften nicht versteckt werden. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft und der Bund der Steuerzahler verlangten, Steuersenkungen durch Ausgabenkürzungen zu finanzieren. 

Kritische Stimmen kommen aber auch aus der Union selbst. Vor allem Länderpolitiker fordern, die Schuldenbremse müsse auf jeden Fall eingehalten werden. Sowohl bei der Arbeitslosenversicherung wie auch in der Gesundheitspolitik seien Einsparungen möglich, mit denen sich der Sonderfonds vermeiden ließe.

Auch beim Thema Gesundheit herrscht bislang Ratlosigkeit. Noch ist unklar, wie das Milliardendefizit der gesetzlichen Krankenkassen gedeckt werden soll. Allein 2010 wird ein Loch von fast 7,5 Milliarden Euro erwartet. Im Gespräch sind höhere Bundeszuschüsse bis zu 4,6 Milliarden Euro über eine Fondslösung. Gespart werden soll durch den vorläufigen Stopp der elektronischen Gesundheitskarte oder neue Preisverhandlungen von Kassen und Pharmaindustrie.

Im Bereich Soziales konnte Schwarz-Gelb bereits ein Übereinkommen erzielen: Langzeitarbeitslose dürfen künftig mehr als bisher vom Zuverdienst behalten. Hartz-IV-Beziehern soll auch mehr Vermögen als bisher für die Altersversorgung bleiben: Es verdreifacht sich auf 750 Euro pro Lebensjahr. Die FDP-Forderung nach einem Bürgergeld, das Hartz IV und alle anderen staatlichen Sozialleistungen ersetzen soll, lehnt die Union aber weiterhin ab.

Auch beim Thema Arbeitsmarkt gibt es noch Diskussionsbedarf. Forderungen von FDP und dem CDU-Wirtschaftsflügel nach Änderungen bei Kündigungsschutz, Mitbestimmung und Mindestlohn lehnt Kanzlerin Merkel vehement ab. Für Defizite bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) stehen entweder mehr Staatszuschüsse oder höhere Beitragssätze zur Debatte. Einigkeit gibt es hingegen für ein Verbot sittenwidriger Löhne. Der branchenübliche Durchschnittslohn darf nicht mehr als ein Drittel unterschritten werden.

Die CDU-Verhandler

An der Spitze der Delegation steht Kanzlerin Angela Merkel.

Die stellvertretenden Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (Nordrhein-Westfalen), Christian Wulff (Niedersachsen) und Roland Koch (Hessen) repräsentieren die Länder.

Innenminister Wolfgang Schäuble, Kanzleramtschef Thomas de Maizière und Bildungsministerin Annette Schavan könnten auch Mitglieder des neuen schwarz-gelben Kabinetts sein. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla dürfte Arbeitsminister werden.

Die CDU-Parlamentarier repräsentiert Unions-Fraktionschef Volker Kauder.

CSU

Die Bayern werden von Ministerpräsident Horst Seehofer angeführt, der aber in München bleiben will.

Die CSU-Landesgruppe schickt ihre Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg (Wirtschaft) und Ilse Aigner (Agrar) in die Verhandlungen, die in der Regierung bleiben dürften. Landesgruppenchef Peter Ramsauer könnte für den Fall, dass die CSU drei Minister stellt, ins Kabinett wechseln.

Der Rest ist bayerische Politprominenz: CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, die Landesminister Markus Söder (Umwelt) und Georg Fahrenschon (Finanzen) sowie die Vize-Parteichefinnen Beate Merk und Barbara Stamm.

FDP

Leitfigur ist Parteichef Guido Westerwelle, der als designierter Außenminister gilt.

Rainer Brüderle und Hermann Otto Solms können sich Hoffnung auf die Posten als Wirtschafts- oder Finanzminister machen. Chancen haben auch Sabine Leutheusser-Schnarrenberger auf das Innen- oder Justizressort und die Ex-Generalsekretärin Cornelia Pieper auf das Bildungsministerium. Auch die bisherige Verteidigungsexpertin Birgit Homburger gilt als potenzielle Minister-Kandidatin.

Weiter mit von der Partie: Generalsekretär Dirk Niebel, NRW-Vize-Ministerpräsident Andreas Pinkwart und sein niedersächsischer Amtskollege Philipp Rösler.

Über die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken über das bisherige Enddatum 2022 hinaus gibt es ebenfalls eine Einigung. Voraussetzung soll der technisch neueste Stand sein. Auch beschlossen: Die finanzielle Förderung von Solarstrom soll maßvoll gekürzt werden.

Alle Konfliktthemen der Inneren Sicherheit wurden schon vor der Schlussrunde gelöst. Online-Durchsuchungen von Computern sind nur dem Bundeskriminalamt und nur nach Genehmigung durch Bundesrichter erlaubt. Gespeicherte Telefon- und Internet-Daten dürfen nur noch bei schweren Gefahren genutzt werden. Kriminelle Seiten im Internet etwa mit Kinderpornografie sollen gelöscht und nicht wie bisher gesperrt werden. Jugendliche Straftäter sollen härter bestraft werden.

 
Leser-Kommentare
  1. Knackpunkt 1 = Weniger Steuern für Besserverdiener und Wirtschaft.

    Die Steuerausfälle werden über Schulden finanziert, die anschließend dann von allen Steuerzahlern via. Mehrwertsteuer u.a. Steuern zurückgeführt werden müssen. Eines dürfte klarsein: Insider verlangen eine Korrektur der Mittelstandslasten auf v.g. Wege. Eine "clevere Maßnahme", eine Umverteilung der Steuerlasten zu erreichen.

    Knackpunkt 2: Der Pflegebeitrag soll von den Arbeitnehmern und nicht mehr von Arbeitgebern gezahlt werden. Die Methode Kapitaldeckdung wird wieder aus dem finanzpolitischen Keller geholt - wider besseres Wissen, Finanzkrise war gestern.

    Zwei Knackpunkte, die der Wahlbürger erinnern muss, wenn in NRW Wahlen sind.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service