Koalitionsverhandlungen Schwarz-Gelb hadert mit Steuerversprechen

Die leere Kasse sorgt für Streit zwischen Union und FDP: Die Kanzlerin hält neue Schulden für tolerabel, die Liberalen lehnen dies ab – und bestehen auf Reformen.

Merkel nebst Niebel (l.) und Westerwelle: Union und FDP können ihre Steuerversprechen nicht halten

Merkel nebst Niebel (l.) und Westerwelle: Union und FDP können ihre Steuerversprechen nicht halten

Nach einer Woche Vorgeplänkel wird es in den schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen allmählich ernst. Man erkennt das schon an dem härteren Tonfall, der sich durch die jüngsten öffentlichen Äußerungen zieht. Die Rollenverteilung bleibt dabei die gleiche wie von Anfang an: Die FDP will augenfällige Veränderungen durchsetzen, in der Union überwiegt die Neigung zu unspektakulären Korrekturen.

Hauptbremse ist auf den ersten Blick das Geld, das fehlt. Doch steckt dahinter ein eminent politischer Konflikt.

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Deutlich wurde der am Wochenende in einer sozusagen halböffentlich geführten Diskussion. Der FDP-Chefunterhändler Finanzen, Hermann Otto Solms, reagierte auf eine interne Äußerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel in der großen Koalitionsrunde. Die CDU-Chefin hat dort daran erinnert, dass die Regelungen zur Schuldenbremse ein Schlupfloch enthalten, das in Krisenzeiten eben doch Schuldenmachen zulässt. Solms lehnte in der Welt am Sonntag die Offerte ab, davon schon 2011 Gebrauch zu machen: Ausnahmeregeln zur Finanzierung von Steuersenkung kämen "nicht in Betracht".

Daraus zu schließen, dass die FDP von der – sukzessiven – Umstellung auf Solms’ Drei-Stufen-Steuermodell Abschied genommen hat, wäre allerdings verfrüht. Zwar räumen auch Freidemokraten ein, dass das 35-Milliarden-Euro-Projekt bis 2013 wohl nicht abgeschlossen werden könne. Aber möglichst große Schritte in die Richtung will die FDP durchsetzen. Und was an Geld dafür fehlt, sagt ein FDP-Finanzpolitiker, müsse durch "mehr Einsparungen" eingefahren werden.

Knackpunkte: Finanzmarkt

Die Bankenaufsicht soll neu geordnet und unter dem Dach der Bundesbank konzentriert werden. Umstritten ist, ob auch die Versicherungsaufsicht einbezogen wird.

Ausgelotet werden auch mögliche Korrekturen an den bisher kaum genutzten "Bad Bank"-Modellen zur Auslagerung von Schrottpapieren und Geschäftsfeldern aus Bankbilanzen.

Angesprochen werden die Gefahr einer Kreditklemme, Eigenkapitalregeln für Banken, Bonus-Zahlungen sowie neue Regeln für die Finanzmärkte.

Der Umgang mit Banken mit Staatsbeteiligung, die Neuordnung der Landesbanken oder Pläne für ein Gesetz zur Rettung wichtiger Banken außerhalb des üblichen Insolvenzrechts und unterhalb der Schwelle einer Enteignung dürften ebenfalls Thema sein.
 

Haushalt

Der wegen Rekordschulden ohnehin schon geringe Spielraum wird nochmals eingeengt durch die Auflagen der neuen Schuldenbremse. Allein wegen dieser Verfassungs-Vorgabe müssen im Bundeshaushalt zwischen 2011 und 2013 zusätzlich rund 34,5 Milliarden Euro noch erwirtschaftet werden – über höhere Einnahmen oder Ausgabenkürzungen.

Dieses Defizit erhöht sich auf 40,6 Milliarden Euro, wenn weitere "ungedeckte" Posten berücksichtigt werden, etwa für Rente oder Forschung und Entwicklung (2011 insgesamt: 7,2 Milliarden; 2012: 12,8 Milliarden; 2013: 20,6 Milliarden).

Hinzu kommt die Last der bisher bis 2013 veranschlagten neuen Schulden des Bundes von 262 Milliarden Euro. Projekte der Regierung sind dabei noch nicht berücksichtigt. Selbst wenn die Wirtschaft – in der bisherigen Finanzplanung sind nach 2011 ehrgeizige Wachstumsraten von jährlich 1,5 Prozent unterstellt – überraschend stärker zulegt, müssten konjunkturbedingte Mehreinnahmen nach der neuen Schuldenregel zum Schuldenabbau genutzt werden.

2010 könnte das Wachstum höher ausfallen als angenommen, die Lage auf dem Arbeitsmarkt weniger dramatisch sein und der Bundesetat so etwas entlastet werden. Steuersenkungen könnten damit gerechtfertigt werden. Aber: 2010 ist entscheidend für den Einstieg in den Sparkurs und die verfassungsrechtlich verankerte Schuldenregel.

Steuern

Union und FDP streben weitere Entlastungen für Bürger und Unternehmen an – über die für 2010 beschlossenen Steuersenkungen von rund zehn Milliarden Euro hinaus. Die Union will 15 Milliarden Euro, die FDP mindestens 35 Milliarden. Das von Brüssel wegen der hohen Neuverschuldung des Staates eingeleitete Defizit-Verfahren setzt den Plänen jedoch enge Grenzen.

Rasch einig sein dürften sie sich über Gesetzeskorrekturen für Firmenerben und Mittelstandsfirmen.

Daneben haben sich die neuen Koalitionäre so gut wie darauf verständigt, dass der Grundfreibetrag von 8004 Euro von 2010 an auch für Kinder gilt. Auch der Eingangssteuersatz von 14 Prozent könnte weiter gesenkt werden.

Das Problem der "kalten Progression" – eine Art heimliche Steuererhöhung, weil Lohnzuwächse durch die stetig steigende Steuerlast größtenteils aufgezehrt werden – dürfte entschärft werden. Die FDP will nach ersten Schritten aber einen Radikal-Umbau des Steuersystems.

Dieses Thema wiederum fasst die Union mit spitzen Fingern an. Merkel steht hier wie bei allen anderen Fragen der Landtagswahltermin in Nordrhein-Westfalen vor Augen. Mindestens bis zu diesem 9. Mai 2010 soll von Berlin kein Hauch sozialer Kälte ausgehen. Dieser Grundsatzstreit wird sich in den nächsten Tagen verschärfen.

Immerhin ist seit Mitte vergangener Woche in etwa die Finanzbasis klar. Höchstens 35, wahrscheinlich um die 30 Milliarden Euro muss die neue Regierung als Sparbedarf bis 2013 einkalkulieren, um die Schuldenbremse-Regeln ab 2011 einzuhalten.

Prinzipielle Einigkeit besteht auch darüber, dass Spielräume – nach Stand der Union etwa 20 Milliarden Euro, was die FDP aber noch nicht für das letzte Wort hält – primär für Steuersenkung und höhere Bildungsinvestitionen verwendet werden. Grundsätzlich soll jede Zusatzausgabe durch Einsparungen im gleichen Ressort finanziert werden, ausgenommen sind die Bereiche Steuern, Bildung und Investitionen für Wachstum.

Die CDU-Verhandler

An der Spitze der Delegation steht Kanzlerin Angela Merkel.

Die stellvertretenden Parteivorsitzenden und Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers (Nordrhein-Westfalen), Christian Wulff (Niedersachsen) und Roland Koch (Hessen) repräsentieren die Länder.

Innenminister Wolfgang Schäuble, Kanzleramtschef Thomas de Maizière und Bildungsministerin Annette Schavan könnten auch Mitglieder des neuen schwarz-gelben Kabinetts sein. CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla dürfte Arbeitsminister werden.

Die CDU-Parlamentarier repräsentiert Unions-Fraktionschef Volker Kauder.

CSU

Die Bayern werden von Ministerpräsident Horst Seehofer angeführt, der aber in München bleiben will.

Die CSU-Landesgruppe schickt ihre Bundesminister Karl-Theodor zu Guttenberg (Wirtschaft) und Ilse Aigner (Agrar) in die Verhandlungen, die in der Regierung bleiben dürften. Landesgruppenchef Peter Ramsauer könnte für den Fall, dass die CSU drei Minister stellt, ins Kabinett wechseln.

Der Rest ist bayerische Politprominenz: CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, die Landesminister Markus Söder (Umwelt) und Georg Fahrenschon (Finanzen) sowie die Vize-Parteichefinnen Beate Merk und Barbara Stamm.

FDP

Leitfigur ist Parteichef Guido Westerwelle, der als designierter Außenminister gilt.

Rainer Brüderle und Hermann Otto Solms können sich Hoffnung auf die Posten als Wirtschafts- oder Finanzminister machen. Chancen haben auch Sabine Leutheusser-Schnarrenberger auf das Innen- oder Justizressort und die Ex-Generalsekretärin Cornelia Pieper auf das Bildungsministerium. Auch die bisherige Verteidigungsexpertin Birgit Homburger gilt als potenzielle Minister-Kandidatin.

Weiter mit von der Partie: Generalsekretär Dirk Niebel, NRW-Vize-Ministerpräsident Andreas Pinkwart und sein niedersächsischer Amtskollege Philipp Rösler.

So wenig konkret das noch klingt – andere Arbeitsgruppen sind nicht viel weiter. Die AG Innen und Recht etwa hat einen derart umfangreichen Arbeitsplan, dass ganze Gebiete wie Integration und Ausländerrecht noch gar nicht zur Sprache gekommen sind. Auch Berichte aus anderen Arbeitsgruppen über Einigungen sind mit Vorsicht zu genießen. Im Moment geht es um Zwischenstände.

 
Leser-Kommentare
  1. als in den so genannten "weichen" Themen, für die sie von vielen "einfachen" und "taktischen" Wechselwählern gewählt wurde, und die nicht unter finanziellem Vorbehalt "verschoben" werden müssen.
    Als erstes
    Volksentscheid in das Bundesgesetz (Grundgesetz) , der gar nicht so "weich" ist, was an der störrischen Fraktionshaltung der CDU bisher zu erkennen war und ist.
    Viele einzelne CDU ler sind ja schon dafür, und doch unter Fraktionszwang bisher dagegen.
    Neuer Koalitionsvertrag heißt neue Chance für den Volksentscheid auf dem kürzesten Weg, sonst bei nächster Wahl die FDP wieder weg.

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