Verkürzter Wehrdienst Zivildienst mutiert zum Sozialpraktikum

Mit dem Wehrdienst verkürzt sich 2011 auch der Zivildienst von neun auf sechs Monate. Wohlfahrtsverbände befürchten Einschnitte und suchen nach Alternativen zu den Zivis.

Der Zivildienstleistende Gregor Wierciochin rasiert Josef Krauß, einen Bewohner des Hospizes St. Vinzenz in Köln. Die Koalition aus CDU und FDP plant, die Dauer des Wehr-und Zivildienstes ab 2011 auf sechs Monate zu verkürzen

Der Zivildienstleistende Gregor Wierciochin rasiert Josef Krauß, einen Bewohner des Hospizes St. Vinzenz in Köln. Die Koalition aus CDU und FDP plant, die Dauer des Wehr-und Zivildienstes ab 2011 auf sechs Monate zu verkürzen

Offiziell darf kein Zivildienstleistender einen regulären Arbeitsplatz besetzen. Inoffiziell tut er es doch. Er spielt mit alten Damen Backgammon, betreut körperlich und geistig Behinderte, fährt Alte und Kranke durchs Land. Der Zivi, ein wichtiger Teil des Sozialsystems.

Künftig wird er den Wohlfahrtsverbänden nur noch sechs Monate zur Verfügung stehen.  Die neue Regierung hat im Koalitionsvertrag beschlossen, die Wehrpflicht zum 1. Januar 2011 von neun auf sechs Monate zu reduzieren. Damit verkürzt sich auch der Zivildienst.

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"Die Einschnitte werden erheblich sein", sagt Michael Bergmann, der Leiter der Arbeitsstelle Zivildienst des deutschen Caritasverbands. Der Verband beschäftigt derzeit über 12.000 der insgesamt 76.000 Zivildienstleistenden in Deutschland. Bergmann rechnet damit, dass bestimmte Zivildienststellen abgebaut werden müssen. Für qualifizierte Tätigkeiten sei eine Dienstzeit von sechs Monaten zu kurz.

"Für viele Einrichtungen und Verbände wird es nicht mehr effizient sein, einen Zivildienstleistenden zu beschäftigen", sagt Svenja Koch, die Pressesprecherin des DRK. Faktisch stehe der Zivi wegen der Einberufung in die Zivildienstschule, Urlaubs- und Einlernphase nur wenige Wochen voll zur Verfügung.

Aus diesem Grund waren bereits mit der schrittweisen Verkürzung der Dienstzeit von einst 20 auf neun Monate Zivildienststellen im direkten Pflegebereich abgebaut worden. 2011 könnten sie, ebenso wie die begehrten Stellen im Rettungsdienst, ganz wegfallen. Das Deutsche Rote Kreuz bittet die Koalition, eine Verkürzung durch geeignete Konzepte zu kompensieren.

"Der Zivildienst verliert den Charakter des Lerndienstes und wird zu einem verlängerten Sozialpraktikum", beklagt Bergmann. Dabei leiste der Dienst auch einen wertvollen Beitrag zur beruflichen Orientierung. Viele Zivildienstleistende blieben aufgrund ihrer Erfahrungen in sozialen Berufen hängen. Das ist eine wichtige Begleiterscheinung. Der Bedarf an Pflegepersonal wird in den kommenden Jahren weiter steigen.

Schon heute haben die Einrichtungen Schwierigkeiten, die Zivildienstplätze durchgehend zu besetzen. Jede dritte Stelle war im Oktober 2009 unbesetzt. Die meisten Kriegsdienstverweigerer beginnen direkt im Anschluss an die Schulzeit oder die Ausbildung im Sommer. Bereits im Winter werden sie ihren Dienst künftig wieder beenden. Wer studieren will, dem bleiben bis zu zehn Monate Zeit bis zum ersten Semester. Der Großteil der Studiengänge beginnt seit der Umstellung auf Bachelor und Master erst im Winter.

Günter Knebel, der Geschäftsführer der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer, findet das alles nicht so schlimm. "Die Dienststellen sollten froh sein, dass ihnen die Jungs überhaupt noch sechs Monate zur Verfügung stehen." Eine Verkürzung des Zivildienstes werde auf den Sozialbereich kaum eine Auswirkung haben. Vorausgesetzt, Politik und Wohlfahrtsverbände treffen geeignete Maßnahmen.

Eine Lösung könnte die freiwillige Verlängerung des Grundwehrdienstes sein. So hatte es Helga Roesgen, die Präsidentin des Bundesamtes für den Zivildienst, 2006 vorgeschlagen. Ob der Vorschlag ein weiteres Mal geprüft wird, bleibt abzuwarten.

Fest steht: Die Wohlfahrtsverbände müssen sich nach Alternativen zu den Zivildienstleistenden umsehen. Sonst wird der Spielenachmittag im Seniorenheim künftig ausfallen oder zum teuren Vergnügen für die Pflegebedürftigen. Ehrenamtliche, angelernte Hilfskräfte und "FSJler" könnten helfen.

Das Interesse am Freiwilligen Sozialen Jahr ist groß, besonders das der weiblichen Jugendlichen. Während es ein Überangebot an Zivildienststellen gibt, kommen auf jede FSJ-Stellen durchschnittlich bis zu drei Bewerber. Junge Männer, die ersatzweise für den Zivildienst ein Freiwilliges Soziales, Kulturelles oder Ökologisches Jahr absolvieren, müssen mindestens zwei Monate länger als Zivildienstleistende arbeiten und werden nicht vom Staat, sondern vom Träger selbst entlohnt. Der erstattet Fahrtkosten, zahlt ein Taschengeld, Verpflegung und Unterkunft – ein Betrag, weit unter dem staatlichen Sold des Zivildienstleistenden.

Ähnlich verhält es sich mit dem sogenannten "Anderen Dienst im Ausland". Auf diesem Weg engagieren sich jährlich zirka 1100 junge Männer für soziale Projekte im Ausland. Künftige Helfer dürften von der Dienstzeitverkürzung kaum betroffen sein. "Bleibt es bei der bestehenden Regelung, reduziert sich die Pflichtzeit auf acht Monate, was nicht heißen muss, dass die jungen Männer bereits nach eben dieser Zeit die Heimreise antreten", erklärt Jens Kreuter, der Bundesbeauftragte für den Zivildienst, ZEIT ONLINE.

Welche Folgen die mögliche Verkürzung der Dienstzeit indes für den Zivildienst hat, möchte er nicht beurteilen. Er habe mit ihnen zu leben und Rahmenbedingungen zu schaffen. Damit wird er, setzt die neue Koalition ihre Pläne in die Tat um, ohnehin genug zu tun haben.

 
Leser-Kommentare
  1. Man führe ungefähr die Steuersätze von 1980 wieder ein -- und schon hat die öffentliche Hand Geld für zigtausende *sinnvolle*, ordentlich bezahlte Arbeitsplätze.

    Ach nein, geht ja nicht, die Reichen brauchen ja mehr Geld.
    Also doch weiter Sklaverei ("Dienstpflicht").

  2. Die "Sozialverbände" haben lange genug mit Zwangsarbeit Kasse gemacht. Das hat jetzt ein Ende und das ist gut so!

  3. Ich war selbst Zivi, ist aber schon länger her, damals gab's noch Wehrgerechtigkeit, und Ausmustern war noch nicht so einfach. Als Zivi ist man nicht nur Arschputzer, nein, man kostet den Träger auch überhaupt nichts, und wird deshalb als Lohndrücker eingesetzt, schließlich ist man ja ein billiger Zwangsarbeiter. Kein Wunder, dass die Träger am liebsten Zivis nehmen, und sich die Mädels um die Stellen für's freiwillige soziale Jahr prügeln müssen (dabei ist auch das ein Job mit asozial niedrigem Lohn). Kassiert hat der Träger für die Leistungen des Zivis übrigens trotzdem erheblich: Für jedes Blutdruckmessen bei Privatpatienten z.B. 10DM.

    Wie man über den Umweg Zivi einen sozialen Arbeitsplatz schmackhaft gemacht bekommt, ist mir auch unklar - mich hat das eher abgeschreckt, und wie mir ging es vielen anderen Zivis auch.

    Schade, dass sich die FDP nur teilweise durchgesetzt hat, und der Unsinn Wehrpflicht nicht gleich ganz abgeschafft wird - oder zumindest ausgesetzt, denn im Moment stören die Wehrpflichtigen auch bei der Bundeswehr mehr als sie nützen. Stehlt den jungen Leuten kein halbes Jahr.

  4. Einfach Zivildienst bzw. Bundeswehr auch für Frauen verpflichtend machen, und - schwupps! - schon ist das Problem gelöst und die Welt ein bisschen gleichberechtigter.

  5. ... denn mit nur 6 Monaten Zivildienst verliert man wenigstens nur ein Semester. Nach 13 Jahren Schule und 9 Monaten Zivildienst bin ich nun mit 20 im ersten Semester, während viele Kollegen von mir aus Bundesländern mit einem 12jährigen Schulsystem kommen und sich vor Wehrdienst/Zivildienst gedrückt haben und so erst 18 sind.

    Sicher hat mir der Zivildienst nicht geschadet, zumal ich im Krankenhaus mehr Sachen machen durfte als die normalen Schwesternschüler, trotzdem ist es schade um die zwei verlorenen Semester. Da ich Medizin studiere hätte ich dem Gesundheitssystem wohl als Arzt mehr geholfen, als als Zivildienstleistender.

    Im Prinzip ist der Zivildienst aber eine vernünftige Institution und jeder der später im Alter gepflegt werden möchte, sollte mindestens einmal ein Pflegepraktikum geleistet haben, das öffnet einem schon sehr die Augen (z.B. sind Krankenschwestern NICHT, wie viele Patienten glauben, nur am Kaffee trinken, sondern haben im Krankenhaus so etwa den schwersten Job).

    Zivildienst sollten ALLE leisten, Männer und Frauen und man sollte sich auch nicht befreien können... Was hat beispielsweise eine Bienenstich- oder Sojaallergie mit der Arbeit im Krankenhaus zu tun?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • wll
    • 03.11.2009 um 14:12 Uhr

    "...denn mit nur 6 Monaten Zivildienst verliert man wenigstens nur ein Semester."

    ...denn an vielen Hochschulen bzw. Studiengängen kann das Studium nach wie vor nur im Wintersemester begonnen werden. Wenn man dann Anfang April entlassen wird, muss man trotzdem bis Oktober warten.

    Man kann höchstens die Zeit bis dahin sinnvoller nutzen...

    • wll
    • 03.11.2009 um 14:12 Uhr

    "...denn mit nur 6 Monaten Zivildienst verliert man wenigstens nur ein Semester."

    ...denn an vielen Hochschulen bzw. Studiengängen kann das Studium nach wie vor nur im Wintersemester begonnen werden. Wenn man dann Anfang April entlassen wird, muss man trotzdem bis Oktober warten.

    Man kann höchstens die Zeit bis dahin sinnvoller nutzen...

  6. Man kann ja sagen was man will, aber ungerecht ist diese ganze Wehrpflichgeschichte von vorne bis hinten. Alleine dafür gehören CDU/CSU schon nicht gewählt. Jetzt machen aber auch die mal zumindest einen Schritt in die richtige Richtung, da wird bedauert, dass es nicht mehr genug Zivis gibt. Aber nach wie vor interessiert sich niemand dafür, dass man uns immer noch 6 Monate klauen will. Gerade genug um den Semesteranfang zu verpassen. Super.
    Mag auch sein, dass es viele Jugendliche gibt, die gerne ein Jahr überbrücken wollen, was ja die hohen FSJ-Anfragen von Frauen auszusagen scheinen. Wobei wir da wieder bei der Lösung der Gleichberechtigung wären, wenn es einfach beide Geschlechter machen müssten. Trotzdem ist der Zivildienst, der ja eigentlich nur eine Ausnahmeregelung für pazifistische junge Menschen ist, eine altmodische, teure und bescheurte Pflicht.

    Ich bin zur Zeit selbst Zivi. Ich finde es zwar nicht toll, dass es das überhaupt gibt, aber mit der Idee etwas soziales/ökoligisches oder kulturelles für das Vaterland zu tun kann ich durchaus leben. Aber ungerecht und alt bleibt auch ungerecht und alt wenn man es um ein Drittel küzt. Und die Diskussion über die fehlende Ware "Zivi" machts nicht besser...

  7. Einfach Zivildienst bzw. Bundeswehr auch für Frauen verpflichtend machen, und - schwupps! - schon ist das Problem gelöst und die Welt ein bisschen gleichberechtigter.

    Noch besser, Berufsarmee und Zivildienst 12 Monate für beide Geschlechter. FSJ könnte man dann abschaffen.

  8. Offiziell darf kein 1-Euro Jobber einen regulären Arbeitsplatz besetzen. Inoffiziell tut er es doch. Der Hartz IV-ler, ein wichtiger Teil des Sozialsystems.

    Wer fragt in diesem System noch nach Gerechtigkeit?

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