NS-Prozess Demjanjuks Verteidiger wirft Richter Befangenheit vor

Der Anwalt Demjanjuks hat zum Auftakt des Prozesses versucht, das Verfahren hinauszuzögern. Er stellte einen Befangenheitsantrag gegen das Gericht.

Der mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher, Iwan "John" Demjanjuk, ist nur eingeschränkt verhandlungsfähig

Der mutmaßliche NS-Kriegsverbrecher, Iwan "John" Demjanjuk, ist nur eingeschränkt verhandlungsfähig

Der mutmaßliche KZ-Wachmann Iwan "John" Demjanjuk sei wie alle Kriegsgefangene, die auf Geheiß der Nazis als Wächter im Vernichtungslager Sobibor arbeiten mussten, Opfer und kein Täter gewesen, sagte sein Verteidiger Ulrich Busch am Montag. Hochrangige Nazis seien dagegen in der Vergangenheit freigesprochen worden. Diese Fälle seien den Richtern und Staatsanwälten bekannt. Der Prozess sei deshalb "moralischer und juristischer Doppelstandard", argumentierte Busch.

Er halte die Richter und die Staatsanwaltschaft in dem Fall für befangen, erklärte der Anwalt zum Prozessbeginn vor dem Landgericht München. Mit Befangenheitsanträgen will Busch versuchen, den vermutlich letzten großen Prozess um Nazi-Verbrechen hinauszuzögern.

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Das Verfahren, das im In- und Ausland mit großer Aufmerksamkeit verfolgt wird, hatte am Morgen wegen des großen Andrangs von Journalisten und Prozessbeobachtern erst mit über einstündiger Verspätung beginnen können. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 89-Jährigen Beihilfe zum Mord an 27.900 Menschen überwiegend jüdischen Glaubens in Sobibor im heutigen Polen vor. Demjanjuk, der nach dem Zweiten Weltkrieg viele Jahre unbehelligt in den USA lebte, bestreitet die Vorwürfe und wird sich nach Angaben seines Anwalts nicht schuldig bekennen. Er wurde im Rollstuhl in den Sitzungssaal geschoben.

Demjanjuk ist nach Angaben des Simon-Wiesenthal-Zentrums der meistgesuchte Kriegsverbrecher. Er soll Kinder, Frauen und Männer in Gaskammern getrieben haben. Laut Anklage kam er als Soldat der sowjetischen Armee 1942 in deutsche Gefangenschaft und diente 1943 der SS als Wachmann in Sobibor.

Der Fall Demjanjuk: Sobibór

Das Vernichtungslager im Südosten Polens wurde 1942 im Rahmen der "Aktion Reinhardt" eingerichtet.

Nach Schätzungen wurden dort bis zu 250.000 Juden vergast, darunter 33.000 aus den Niederlanden.

Nach einem Aufstand von Häftlingen wurde das Lager 1943 dem Erdboden gleichgemacht.

Trawniki

Die KZ-Häftlinge nannten die nichtdeutschen Helfer der SS "Trawniki", nach dem Ausbildungslager der SS in der Nähe von Lublin in Ostpolen.

Sie kamen meist aus der Ukraine. Aber auch Letten, Esten, Litauer, Polen und Russlanddeutsche waren darunter.

Viele von ihnen, Schätzungen zufolge mehrere hundert, wurden nach Kriegsende von sowjetischen Gerichten als Kollaborateure verurteilt und hingerichtet.

Im Westen hatten Trawniki meist mehr Glück.

Liudas Kairys, in Litauen geborener Oberwachmann im Vernichtungslager Treblinka, wurde 1993 aus den USA nach Deutschland abgeschoben. Ein deutsches Ermittlungsverfahren wurde sechs Jahre später eingestellt, Kairys war gestorben.

Dimitrij Sawchuk, gebürtiger Ukrainer, soll im Vernichtungslager Belzec Zwangskommandos überwacht haben. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg stellte ein Verfahren nach drei Jahren ein.

Franz Swidersky trug als Wachmann in Treblinka den Beinamen "der Hammer": Er erschlug Insassen, die zu schwach oder zu jung für die Zwangsarbeit waren. 1971 wurde er in Düsseldorf als "Exzesstäter" verurteilt und saß sieben Jahre in Haft.

Die Ausbilder

Die Befehlsgewalt über das Lager in Trawniki hatte seit Oktober 1941 SS-Sturmbannführer Karl Streibel.

Er und fünf weitere Beschuldigte wurden im Juni 1976 von einem bundesdeutschen Gericht freigesprochen. Der SS-Mann behauptete erfolgreich, er habe lediglich zwei Gruppen von Ausgebildeten nach Belzec und Sobibór abgestellt – Ende 1941, zum Bau von Lagern, deren Zweck er nicht gekannt habe.

Prozesse

1950 wurde Erich Bauer, verantwortlich für die Gaskammern in Sobibór, zum Tode verurteil, das Urteil wurde in lebenslanges Zuchthaus umgewandelt.

Hubert Gomerski, der Leiter des Wachkommandos, wurde zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt.

Johann Klier, der unter anderem die Lager-Bäckerei unter sich hatte, wurde freigesprochen, weil er jüdischen Häftlingen geholfen hatte.

1965 wurden in Hagen zwölf SS-Wachleute des Lagers vor Gericht gestellt. Einer bekam lebenslang, fünf weitere wurden zu Haftstrafen zwischen drei und ach Jahren verurteilt. Fünf Angeklagten billigte das Gericht "Putativnotstand" zu, einer brachte sich vor dem Plädoyer um.

Der Lagerkommandant Karl Frenzel  wurde erst in den 80er Jahren endgültig zu Lebenslang verurteilt. 

Dem gebürtigen Ukrainer droht in Deutschland eine lebenslange Haftstrafe. Angesetzt sind zunächst 35 Verhandlungstage bis Anfang Mai 2010. Da Demjanjuk nur eingeschränkt verhandlungsfähig ist, wurde die Dauer auf zweimal 90 Minuten pro Sitzungstag beschränkt. Rund 20 Zeugen sollen im Laufe des Prozesses vernommen werden. Es gibt 34 Nebenkläger, meist Angehörige der Opfer. Für das Verfahren haben sich weit mehr als 200 Journalisten aus aller Welt angemeldet.


 

 
Leser-Kommentare
    • pbosch
    • 30.11.2009 um 23:23 Uhr

    Ich habe Achtung vor den Opfern und deren Angehörigen wie auch vor deren Gefühlen. Sicher wollen die endlich Genugtuung.

    Was soll das denn aber, einen Greis in bedauerswertem Zustand vor den Kadi zu zerren in einem beispielslosen Rummel und ihn wegen etwas anzuklagen was nach dem Kriege bisher in keinem Falle vor einem deutschen Gericht abgeurteilt wurde.

    Dessen Jäger und die ganzen Gaffer sollten sich etwas schä-
    men.

    Ich wette, dass es keine Verurteilung geben wird.

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