Günter Schabowski "Wir wollten uns mit dem Westen arrangieren"Seite 4/4

Frage: Nämlich?

Schabowski: Ich bin der Meinung, dass wir alles falsch gemacht haben. Weil der Versuch, ein sozialistisches Gesellschaftskonstrukt zu schaffen, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Der Mensch ist nicht in der Lage, seine Egoismen auszuschalten, und deshalb ist Sozialismus immer ein falscher Versuch.

Frage: Es gab also auch für die DDR keine Rettung, keinen Zeitpunkt für Reformen, den man schlicht verpasst hat?

Schabowski: Nein, das ganze Experiment war zum Scheitern verurteilt. Zu glauben, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt die Gesellschaft ideal zu formen sei, ist eine Illusion.

Frage: Eine Illusion deshalb, weil die Menschen gar nicht mitgehen?

Schabowski: Genau. Es gibt natürlich einzelne Menschen, die Idealvorstellungen haben, aber sie sind nicht imstande, auch eine Idealgesellschaft zu formen.

Frage: Es war aber eine Illusion, die relativ viele Menschen damals geteilt haben.

Schabowski: Nicht nur damals, auch heute teilen sie noch einige. Von den 2,3 Millionen Parteimitgliedern, die die SED zu DDR-Zeiten hatte, sind 50.000 letztlich übrig geblieben. Der allergrößte Teil hat also relativ schnell begriffen, dass es nicht besser wird mit dem Sozialismus. Und die, die jetzt in der Linkspartei vereint sind, haben noch keine Konsequenzen aus dem gescheiterten Sozialismus-Experiment gezogen, gar keine.

Frage: Aber die Linkspartei hat Zulauf.

Schabowski: Das stimmt und auch das ist ein Ausdruck für die Unvollkommenheit der Menschheit. Schließlich wird diese Partei ja sogar von denen gewählt, die eigentlich überzeugt sein müssten, dass deren Vorstellungen keinen Zweck haben.

Frage: Das heißt, Sie gestehen der Linken ihren Platz in der Opposition zu, aber nicht in der Regierung.

Schabowski: Ich gestehe ihr ihren Platz in der Gesellschaft zu. Ich kann sie mir sogar in einer Regierung vorstellen. Aber sie wird es niemals schaffen, eine ideale Gesellschaft zu formen. Außerdem muss man auch mal, bei allem Aufstieg der Linken, realistisch bleiben. Die Mehrheit der Gesellschaft pfeift auf die Vorstellungen der Linken. So viel sind 20 Prozent Wählerstimmen nämlich auch wieder nicht. Außerdem hat sich ja auch die Linke von sozialistischen Vorstellungen verabschiedet, auch von ihrer Terminologie. Die Linkspartei möchte nur das abschöpfen, was von den sozialistischen Träumen übrig geblieben ist, um daraus politischen Gewinn zu ziehen.

Frage: Wie viel SED steckt noch in der Linkspartei?

Schabowski: Eine Menge. Von den 50.000 sind 30.000 bis 40.000 noch Anhänger der SED. Wie ich die Dinge sehe, wird sie empören. Weil ich mit angeblich so edlen Zielen so rigoros umgehe und mich davon löse. Viele in der Linkspartei sind nicht bereit, sich mit den negativen Konsequenzen des Sozialismus und der SED auseinanderzusetzen.

Frage: Bietet nicht die Wirtschafts- und Finanzkrise einen Nährboden für neue sozialistische Träume?

Schabowski: Das sind Unzulänglichkeiten der jetzigen Gesellschaft, das stimmt. Die auch verändert werden müssen. Aber eine Illusion über eine bessere, eine ideale Gesellschaft bringt keine Lösungen. Solche sozialistischen Vorstellungen haben vielleicht die Funktion, negative Erscheinungen einer Gesellschaft zu korrigieren, aber sie werden letztlich nicht zu einer besseren Gesellschaft führen. Ich halte den Kommunismus als Modell für gescheitert. Ob aber diese Illusion noch einmal auflebt, kann man nicht voraussagen, jedoch man muss damit rechnen. Die Menschheit wird immer wieder auch Dinge fertigen, die nicht funktionieren.

Frage: Sie sind der Einzige aus der ehemaligen SED-Führungsriege, der so einen radikalen Bruch vollzogen hat. Warum sind es nicht mehr?

Schabowski: Das kann ich nicht beantworten. Ich habe die DDR auch als Experiment betrachtet. Und das habe ich bis zum Exzess ausgekostet. Wir hatten die Zeit und die Möglichkeiten, dieses sozialistische Experiment einzugehen. Und nicht nur wir. Man kann sagen: Von der Oder bis nach Kamtschatka, dieses ungeheure Gebiet mit all seinen – auch materiellen – Möglichkeiten war der Ansatz für eine sozialistische Gesellschaft. Und sie ist von Kamtschatka bis an die Oder gescheitert. 80 Jahre hat der Kommunismus existiert und herausgekommen ist die Pleite, die wir erlebt haben. Schauen wir doch auf den Schund nicht nur bei uns, sondern auch in der Sowjetunion. Ich kenne die Sowjetunion mit all ihren Unzulänglichkeiten aus eigener Erfahrung und Anschauung gut. Da frage ich mich: Warum soll ich mich damit noch weiter beschäftigen? Aus dem Scheitern muss man doch Konsequenzen ziehen, dem muss man sich stellen. Ich habe mich gestellt.

Das Gespräch führten Matthias Schlegel und Christian Tretbar.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.11.2009)

 
Leser-Kommentare
  1. ... um es mal so drastisch auszudrücken. Und demnach wird es auch nie eine "ideale Gesellschaft" geben. Ist diese Erkenntnis auch gleichzeitig eine Aufforderung keine Visionen mehr zu haben?

    Die Frage ist, mit welchen Mitteln man diese Visionen anstrebt. Ganz sicher funktioniert es nicht gegen die Menschen; denn Visionen müssen geteilt und miteinander verfolgt werden. Den Menschen allerdings auf seine Egoismen zu reduzieren ist fatal und armselig gleichzeitig!
    Das würde bedeuten, dass der Mensch "altrusitische" Motive nicht nur nicht kennt, sondern auch nicht danach handeln kann. Das ist ganz sicher falsch.
    Gerade die Menschen, die anerkanntermaßen nach solchen Motiven gehandelt haben, sind auch nach Jahrtausenden noch bekannt UND werden noch heute verehrt (z.B. Jesus und Buddha).
    Im Gegensatz zu großen historischen Führern, die nach vorrangig egoistischen Motiven gehandelt haben. Sie sind zwar auch heute bekannt, aber gelten als abschreckende Beispiele.

    Menschen brauchen Visionen, die sie anstreben zu können und Vorbilder, an denen sie sich orientieren, gerade weil egoistische Reflexe so machtvoll sind. Auch wenn eine Gesellschaft ihr "Idealbild" nie erreichen wird, braucht sie eine Idealvorstellung von ihr, ansonsten verliert sie ihren Zusammenhalt. Es ist der Kitt jeder Gesellschaft ...

  2. ... als ob die DDR nicht am "sozialistischen Experiment" teilgenommen hätte! Aber Schabowski ist nicht nur in Geographie eine Niete. Er spielt sich als Held auf, bloß weil er den berühmten Zettel seines Chefs falsch vorgelesen hat und entblödet sich nicht zu behaupten, die SED-Bonzen hätten die Mauer niedergerissen, und nicht etwa die Menschen auf der Straße.
    [Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion/vv]
    Heute hängt Herr Schabowski, wie so viele andere, sein Fähnchen in den Wind. Ein Wendehals der ersten Stunde. Wer wissen will, warum das "sozialistische Experiment" gescheitert ist, braucht sich nur Schabowski anzusehen und sich klarzumachen, dass die Elite der DDR aus solchen Typen bestand.

    Egal, nun sind wir ihn schon seit 20 Jahren los. Und, mit Verlaub, ich hätte auf ein Wiedersehen mit ihm hier in der ZEIT verzichten können.

  3. die Linkisch-Linken, haben sich selbst und zugleich die anderen schon immer getaeuscht gehabt. Egal ob es ihre „Erleuchteten“, wie Marx, Lenin, Stalin, Mao Tsetung bzw. Mussolini, Hitler-, oder ob die vom ihren Abgedunkelten, wie z.B. Alice Schwarzer, waren. Hier und da, und auch noch dort lagen sie richtig, doch eben laengst nicht insgesamt. Und das wird sich nie aendern, damit muessen die Unbelehrbaren halt leben!
    Den Deutschen das Deutschtum aus-/schlechtzureden, ihnen es mit List und Tuecke zu hintertreiben oder gar mit Brachialgewalt auszutreiben, haben sie schon immer versucht. Ja, dabei auch epochale Siege gefeiert, doch es waren eben auch nur Teilsiege, wie es sich DANACH immer wieder herausstellte. Und das Tolle: dabei wird es auch bleiben. Die Ideologien kommen und vergehen, die Voelker aber bleiben. Das Volk der Deutschen wird darunter seinen ehrenvollen Platz sich zu sichern wissen. Da koennen die Sozialisten, egal welcher Art, noch so Verbrecherisches unternehmen, sie werden dieses nicht verhindern koennen. Siehe ua. die neuesten Umfragen, aus denen eindeutig hervorgeht, dass die Deutschen weltweit die beliebtesten sind- allen Sozialistenungemach zum Trotz!

  4. dass er im entscheidenden Moment und mit Glück das Richtige getan hat. Das Glück hatten wir alle, und wenn er nicht in voller Absicht und Erwartung der Konsequenzen handelte, dann ändert das nichts an dem Faktum. Die Entscheidung, auf Gewalt zu verzichten, hatten die Bonzen in der DDR für sich persönlich wohl schon weitgehend getroffen, sonst hätten sie anders gehandelt. Zu verlangen, dass man das nur darf, wenn man schon eine vollständige Analyse der Situation und einen Entwicklungsplan im Kopf hat ist überheblich und unsinnig. Besser hätte es kaum gehen können.

  5. herr schabowski hat auf der beruehmten pressekonferenz lediglich inkompetenz und schlechte vorbereitung bewiesen. nicht darueber informiert zu sein, ab wann die angekuendigte reisefreiheit denn gelte, zeugt neben einer geradezu unglaublichen arbeitsauffassung auch von einem fehlen jeglicher verantwortung. anstatt der friedlichen maueroeffnung haette es an diesem abend durch den lapsus auch ein grosses blutvergiessen geben koennen. wie herr schabowski ueber eine maueroeffnung dachte, geht auch aus seinen letzten reden in der volkskammer hervor.

    sich heute als der grosse visionaer und mauerspalter hinzustellen, ist so lachhaft wie bemitleidenswert.

  6. ... wäre die Mauer auch (ein paar Tage später) augestoßen worden.

    Die DDR war reif wie eine Pflaume im sonnigen Oktober.

    Das alles so friedlich abging muss man auch in Nachhinein als höhere (Nicht-)Gewalt ansehen. Alle Politiker (auch Gorbi und Genschman) und Amtspersonen waren zu diesem Zeitpunkt mehr Getriebene als aktiv Handelnde.

    Die wahren Helden, waren die Leute von der Straße (das Volk), die man für den Friedensnoblepreis vogeschlagen haben sollte.

    PS: Können Sie sich Angela Merkel mit einem schnellen 10 Punkte-Programm vorstellen?

  7. Den Umstand, dass auch dieser Tage zum 20-jährigen Jubiläum die Rolle des Journalisten Ehrmann bei der Pressekonferenz eher ausgelassen wird, rechne ich dem westdeutschen Willen zu, der DDR, wo man ihre kein Unvermögen unterstellen kann, ihr wenigstens Trotteligkeit zuzuweisen. Eine Art mediale Siegerjustiz des bis hierher überdauernden Systems.

    Dass das "bessere" System das nötig hat, macht skeptisch.

    Die Ehrmann-Geschichte, soweit sie öffentlich ist.

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    Kleines Detail am Rande:
    Ich hatte das Glück, 1989 Umgang mit Herrn Ehrmann zu haben. In einem kurzen Gespräch sagte er Ostern (!!!) 1989, daß ich mir keine Sorgen machen solle, Weihnachten 1989 würden alle DDR-Bürger in den Westen können.
    Und zufälligerweise stellte ausgerechnet dieser Journalist die Frage aller Fragen zu Maueröffnung.
    Sehr seltsam.

    Kleines Detail am Rande:
    Ich hatte das Glück, 1989 Umgang mit Herrn Ehrmann zu haben. In einem kurzen Gespräch sagte er Ostern (!!!) 1989, daß ich mir keine Sorgen machen solle, Weihnachten 1989 würden alle DDR-Bürger in den Westen können.
    Und zufälligerweise stellte ausgerechnet dieser Journalist die Frage aller Fragen zu Maueröffnung.
    Sehr seltsam.

  8. Wer das Interview liest, bekommt einen Eindruck davon, wes Geistes Kind Mitglieder des SED-Politbuero waren. Mit solchen "Geistesgroessen" wie Schabowski und Co. konnte der legitime und richtige Versuch, eine sozialistische Gesellschaft zu errichten, nur scheitern. Das er sich jetzt als grosser Wiedervereinigungsheld feiern laesst, das die Medien dies, trotz Kenntnis der wahren Umstaende, auch noch aufgreifen und transportieren, sagt einiges aus ueber die Meinungsmache in dieser Angelegenheit. Insofern ist seine Weigerung, Fehler beim Einigungsprozess zu erkennen und zu benennen, nur die folgerichtige Handlung eines Wendehalses, der sich arangiert hat.

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