"Wir wollten uns mit dem Westen arrangieren"
Frage: Waren Sie überrascht, dass das an diesem Abend einen solchen Massenansturm an der Grenze auslöste?
Schabowski: Ich war eher überrascht davon, dass sich das alles so relativ vernünftig entwickelte. Das war ja noch alles verbunden mit der Vorstellung, die DDR bleibe erhalten, Kapitalismus und Sozialismus würden sich vertragen, es gibt eine Möglichkeit des Arrangements zwischen beiden Systemen.
Frage: Hatten Sie die Sorge, dass die Russen eingreifen könnten, oder hatten Sie Signale aus Moskau, dass sie diese Entwicklung akzeptieren?
Schabowski: Sie wussten, dass wir ein neues Reisegesetz verabschieden würden. Gorbatschow selbst hatte uns ja veranlasst, zu solchen Kompromissen zu kommen. Honecker war dazu viel zu stur gewesen. Gorbatschow hat uns gewissermaßen den Weg dorthin gewiesen. Allerdings betraf das zum damaligen Zeitpunkt noch nicht die deutsche Einheit. Es war nicht die sowjetische Vorstellung, dass wir uns sofort vereinen und einen neuen Faktor in Europa, nämlich ein geeintes Deutschland, schaffen würden. Da gab es eher Hindernisse und Vorbehalte von sowjetischer Seite.
Frage: Was ist in den vergangenen zwanzig Jahren falsch gelaufen im Ost-West-Verhältnis und -Verständnis?
Schabowski: Mit diesem Aspekt befasse ich mich nicht. Die Bundesrepublik hat sich so entwickelt, wie sie sich entwickeln musste – ohne bestimmten Vorsatz. Wenn man schon wieder mit einer programmatischen Vorstellung kommt, gerät man sofort wieder in eine solche Entartungssituation. Es geht nicht darum, was richtig und was falsch gemacht wurde. Woran will man das messen? Eine Gesellschaft entwickelt sich von selbst, und sie macht dabei Fortschritte und Fehler, das ist das Leben einer Gesellschaft. Wenn man ihr Vorschriften machen wollte, wie sie zu existieren hat, würde das früher oder später zum Scheitern führen.
Frage: Weil das immer mit Repression und Unfreiheit verbunden ist?
Schabowski: Mit Repression, mit Einschränkung. Ich sage es noch einmal: Es gibt keine ideale Gesellschaft. Es gibt nur eine mit mehr oder weniger Einwänden. Die Konsequenz ist: Jeder Versuch, eine sozialistische Gesellschaft, eine Gesellschaft nach einer Rezeptur zu bilden, ist zum Scheitern verurteilt.
Frage: Trägt deshalb Ihr kürzlich erschienenes Buch den Titel „Wir haben fast alles falsch gemacht“?
Schabowski: Ehrlich gesagt, ich halte den Titel, den der Verlag gewählt hat, für falsch. Das hört sich so an, als hätten wir einiges richtig gemacht. Ich bin aber grundsätzlich anderer Auffassung.
- Datum 9.11.2009 - 12:29 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
- Kommentare 17
- Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






... um es mal so drastisch auszudrücken. Und demnach wird es auch nie eine "ideale Gesellschaft" geben. Ist diese Erkenntnis auch gleichzeitig eine Aufforderung keine Visionen mehr zu haben?
Die Frage ist, mit welchen Mitteln man diese Visionen anstrebt. Ganz sicher funktioniert es nicht gegen die Menschen; denn Visionen müssen geteilt und miteinander verfolgt werden. Den Menschen allerdings auf seine Egoismen zu reduzieren ist fatal und armselig gleichzeitig!
Das würde bedeuten, dass der Mensch "altrusitische" Motive nicht nur nicht kennt, sondern auch nicht danach handeln kann. Das ist ganz sicher falsch.
Gerade die Menschen, die anerkanntermaßen nach solchen Motiven gehandelt haben, sind auch nach Jahrtausenden noch bekannt UND werden noch heute verehrt (z.B. Jesus und Buddha).
Im Gegensatz zu großen historischen Führern, die nach vorrangig egoistischen Motiven gehandelt haben. Sie sind zwar auch heute bekannt, aber gelten als abschreckende Beispiele.
Menschen brauchen Visionen, die sie anstreben zu können und Vorbilder, an denen sie sich orientieren, gerade weil egoistische Reflexe so machtvoll sind. Auch wenn eine Gesellschaft ihr "Idealbild" nie erreichen wird, braucht sie eine Idealvorstellung von ihr, ansonsten verliert sie ihren Zusammenhalt. Es ist der Kitt jeder Gesellschaft ...
... als ob die DDR nicht am "sozialistischen Experiment" teilgenommen hätte! Aber Schabowski ist nicht nur in Geographie eine Niete. Er spielt sich als Held auf, bloß weil er den berühmten Zettel seines Chefs falsch vorgelesen hat und entblödet sich nicht zu behaupten, die SED-Bonzen hätten die Mauer niedergerissen, und nicht etwa die Menschen auf der Straße.
[Anmerkung: Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Die Redaktion/vv]
Heute hängt Herr Schabowski, wie so viele andere, sein Fähnchen in den Wind. Ein Wendehals der ersten Stunde. Wer wissen will, warum das "sozialistische Experiment" gescheitert ist, braucht sich nur Schabowski anzusehen und sich klarzumachen, dass die Elite der DDR aus solchen Typen bestand.
Egal, nun sind wir ihn schon seit 20 Jahren los. Und, mit Verlaub, ich hätte auf ein Wiedersehen mit ihm hier in der ZEIT verzichten können.
die Linkisch-Linken, haben sich selbst und zugleich die anderen schon immer getaeuscht gehabt. Egal ob es ihre „Erleuchteten“, wie Marx, Lenin, Stalin, Mao Tsetung bzw. Mussolini, Hitler-, oder ob die vom ihren Abgedunkelten, wie z.B. Alice Schwarzer, waren. Hier und da, und auch noch dort lagen sie richtig, doch eben laengst nicht insgesamt. Und das wird sich nie aendern, damit muessen die Unbelehrbaren halt leben!
Den Deutschen das Deutschtum aus-/schlechtzureden, ihnen es mit List und Tuecke zu hintertreiben oder gar mit Brachialgewalt auszutreiben, haben sie schon immer versucht. Ja, dabei auch epochale Siege gefeiert, doch es waren eben auch nur Teilsiege, wie es sich DANACH immer wieder herausstellte. Und das Tolle: dabei wird es auch bleiben. Die Ideologien kommen und vergehen, die Voelker aber bleiben. Das Volk der Deutschen wird darunter seinen ehrenvollen Platz sich zu sichern wissen. Da koennen die Sozialisten, egal welcher Art, noch so Verbrecherisches unternehmen, sie werden dieses nicht verhindern koennen. Siehe ua. die neuesten Umfragen, aus denen eindeutig hervorgeht, dass die Deutschen weltweit die beliebtesten sind- allen Sozialistenungemach zum Trotz!
dass er im entscheidenden Moment und mit Glück das Richtige getan hat. Das Glück hatten wir alle, und wenn er nicht in voller Absicht und Erwartung der Konsequenzen handelte, dann ändert das nichts an dem Faktum. Die Entscheidung, auf Gewalt zu verzichten, hatten die Bonzen in der DDR für sich persönlich wohl schon weitgehend getroffen, sonst hätten sie anders gehandelt. Zu verlangen, dass man das nur darf, wenn man schon eine vollständige Analyse der Situation und einen Entwicklungsplan im Kopf hat ist überheblich und unsinnig. Besser hätte es kaum gehen können.
herr schabowski hat auf der beruehmten pressekonferenz lediglich inkompetenz und schlechte vorbereitung bewiesen. nicht darueber informiert zu sein, ab wann die angekuendigte reisefreiheit denn gelte, zeugt neben einer geradezu unglaublichen arbeitsauffassung auch von einem fehlen jeglicher verantwortung. anstatt der friedlichen maueroeffnung haette es an diesem abend durch den lapsus auch ein grosses blutvergiessen geben koennen. wie herr schabowski ueber eine maueroeffnung dachte, geht auch aus seinen letzten reden in der volkskammer hervor.
sich heute als der grosse visionaer und mauerspalter hinzustellen, ist so lachhaft wie bemitleidenswert.
... wäre die Mauer auch (ein paar Tage später) augestoßen worden.
Die DDR war reif wie eine Pflaume im sonnigen Oktober.
Das alles so friedlich abging muss man auch in Nachhinein als höhere (Nicht-)Gewalt ansehen. Alle Politiker (auch Gorbi und Genschman) und Amtspersonen waren zu diesem Zeitpunkt mehr Getriebene als aktiv Handelnde.
Die wahren Helden, waren die Leute von der Straße (das Volk), die man für den Friedensnoblepreis vogeschlagen haben sollte.
PS: Können Sie sich Angela Merkel mit einem schnellen 10 Punkte-Programm vorstellen?
Den Umstand, dass auch dieser Tage zum 20-jährigen Jubiläum die Rolle des Journalisten Ehrmann bei der Pressekonferenz eher ausgelassen wird, rechne ich dem westdeutschen Willen zu, der DDR, wo man ihre kein Unvermögen unterstellen kann, ihr wenigstens Trotteligkeit zuzuweisen. Eine Art mediale Siegerjustiz des bis hierher überdauernden Systems.
Dass das "bessere" System das nötig hat, macht skeptisch.
Die Ehrmann-Geschichte, soweit sie öffentlich ist.
Kleines Detail am Rande:
Ich hatte das Glück, 1989 Umgang mit Herrn Ehrmann zu haben. In einem kurzen Gespräch sagte er Ostern (!!!) 1989, daß ich mir keine Sorgen machen solle, Weihnachten 1989 würden alle DDR-Bürger in den Westen können.
Und zufälligerweise stellte ausgerechnet dieser Journalist die Frage aller Fragen zu Maueröffnung.
Sehr seltsam.
Wer das Interview liest, bekommt einen Eindruck davon, wes Geistes Kind Mitglieder des SED-Politbuero waren. Mit solchen "Geistesgroessen" wie Schabowski und Co. konnte der legitime und richtige Versuch, eine sozialistische Gesellschaft zu errichten, nur scheitern. Das er sich jetzt als grosser Wiedervereinigungsheld feiern laesst, das die Medien dies, trotz Kenntnis der wahren Umstaende, auch noch aufgreifen und transportieren, sagt einiges aus ueber die Meinungsmache in dieser Angelegenheit. Insofern ist seine Weigerung, Fehler beim Einigungsprozess zu erkennen und zu benennen, nur die folgerichtige Handlung eines Wendehalses, der sich arangiert hat.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren