Der Donnerstag hätte ein ruhiger Tag werden können in Berlin. Eine Plenardebatte im Bundestag über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan war angesetzt. Besondere Spannung war damit nicht verbunden. Die anstehende Verlängerung des Isaf-Mandats ist unumstritten, außer bei den Grünen und der Linken. Am spannendsten erschien noch die Frage, welche Abweichungen sich der ehemalige Außenminister Frank-Walter Steinmeier als sozialdemokratischer Oppositionsführer zu seinen früheren Positionen erlauben würde.

Doch dann kommt es ganz anders. Denn plötzlich stehen nicht der alte Außenminister oder der neue Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) im Mittelpunkt des Interesses, sondern dessen Vorgänger, der neue Arbeitsminister Franz Josef Jung.

Mit großen Schlagzeilen hatte die Bild-Zeitung vom Donnerstag schwere Vorwürfe gegen den CDU-Politiker erhoben. "Hat Minister Jung die Wahrheit verschwiegen?", fragt das Blatt unter Berufung auf ein "streng geheimes Bombenvideo" der Bundeswehr.

Jung haben die Schatten der Vergangenheit eingeholt. Abermals geht es um jenen Vorfall im Norden Afghanistan, der den Minister schon in der vergangenen Legislaturperiode schwer in Bedrängnis gebracht hatte. Am 4. September hatte der deutsche Oberst Georg Klein nahe Kundus die Bombardierung zweier von Taliban entführter Tanklastzüge befohlen, die in einer Sandbank feststeckten. Er rechnete mit einer direkten Gefahr für das in der Nähe gelegene Bundeswehrlager. Bis zu 142 Menschen starben, darunter viele Zivilisten, wie man heute weiß.

Verteidigungsminister Franz Josef Jung geriet damals in die Kritik, weil er tagelang von einer erfolgreichen militärischen Operation sprach und sich vor den deutschen Oberst stellte. Erst Kanzlerin Angela Merkel fand später in einer Regierungserklärung angemessene Worte für die Opfer.

Nach dem Bild-Bericht steht nun allerdings nicht mehr nur zur Debatte, ob Jung sich ungeschickt und taktlos verhielt, sondern vielmehr, ob er den Vorfall wider besseren Wissens falsch dargestellt hat. Zumindest in seinem Ministerium lagen nämlich bereits am Abend der Bombardierung Informationen darüber vor, dass längst nicht alle Opfer Taliban waren, schreibt das Blatt. Auch habe da schon festgestanden, dass Klein den Angriff auf der Grundlage uneindeutiger Bilder und der Aussage eines unglaubwürdigen Informanten befohlen hatte.

Dass diese Vorwürfe nicht aus der Luft gegriffen sind, wird am Donnerstagmorgen sehr schnell deutlich. Verteidigungsminister zu Guttenberg eröffnet die Debatte mit einem Paukenschlag. Der Generalinspekteur der Bundeswehr, der ranghöchste Soldat des Landes, Wolfgang Schneiderhan, übernehme die Verantwortung für die Informationspannen nach der Bombardierung. Er habe um seine Entlassung gebeten, teilt zu Guttenberg mit. Gehen muss auch Staatssekretär Peter Wichert.