Leserdebatte Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?

9. November 1989: Haben Sie das andere Deutschland besucht? Saßen Sie fassungslos vor dem Fernseher? Feierten Sie mit Freunden? Schreiben Sie uns, was Sie am Tag des Mauerfalls machten.

Was für ein Tag: Wer hätte sich am Morgen des 9. November 1989 träumen lassen, was kurz nach Mitternacht an der Bornholmer Straße in Berlin und später an anderen Grenzübergängen geschehen würde. Wer hätte gedacht, dass urplötzlich ein Bollwerk durchlässig werden würde, das den Menschen in Ost- wie in West-Deutschland als unüberwindbar erschien. Jeder wurde von diesem Ereignis, das von so vielen seltsamen Zufällen befördert wurde, überrascht. Auch die Regierungen in aller Welt. Das Politbüro war mit sich selbst beschäftigt, Moskau schlief. Bundeskanzler Kohl weilte ahnungslos zu Besuch in Warschau. US-Präsident Bush senior saß staunend vor dem Fernseher.

Zur gleichen Zeit feierten die Menschen in Berlin ausgelassen. Zumindest diejenigen, die noch wach waren. Viele – vor allem in anderen Regionen der beiden deutschen Staaten – hörten und sahen das Unfassbare erst mit den Morgennachrichten des 10. November.

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Wie haben Sie den 9. November und die Tage danach erlebt? Wie erfuhren Sie vom Fall der Mauer, von der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze? Schreiben Sie uns Ihre Erlebnisse und Empfindungen – nutzen Sie dazu einfach das Kommentarfeld am Ende des Artikels.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Montag war ich zu einer Diskussionsrunde über "Das war die DDR" hier in Südfrankreich in Montpellier im "Heidelberghaus" (vor dem "Stammtisch" mit "Ost-Bier" - Wernersgrüner, Radeberger, Köstrizer). Es war sehr interessant, viele interessiert Franzosen, und ich hab auch einiges erzählt, und hab gemerkt, wie wichtig es ist, dass wir unmittelbar "Beteiligten" auch selbst erzählen!
    Im November 1989 war ich selbst in Berlin, damals Doktorandin an der Humboldt-Uni, und am Vorabend dann bei einer Buchlesung mit dem beeindruckenden Stefan Heym in Wartenberg/Hohenschönhausen, was mich so beschäftigt hat, dass es danach einer der wenigen Abende war, wo ich nicht noch Nachrichten gehört und gesehen habe, so dass ich schliesslich die Nacht des Mauerfalls verschlafen habe! (Telefon hatte ich ja nicht, war ja noch rar.) Und dann bin ich am nächsten Tag von der Universität/Biophysik aus in der Invalidenstrasse (neben dem Naturkundemuseum) zu einem ersten Spaziergang in Westberlin gewesen ... Und am Sonnabend danach hab ich meine kleine Tochter (1.5 J) in das Rückentragegestell gepackt und hab meine eine Schwester in Westberlin (war paar Jahre vorher ausgereist) besucht, die ich die letzten Jahre nicht mehr gesehen hatte und die also auch meine Tochter noch nicht kannte. Und von dem geschenkten Geld hab ich weder "Bananen" noch "Kassettenrecorder" noch "Jeans" oder so gekauft sondern zu Weihnachten dann einen grossen gelben Eimer Duplo-Bausteine für meine Tochter ...

  2. Natürlich hatte ich als politisch interessierter Westmensch die Ereignisse verfolgt: Die Wandlung der Sowjetunion mit Gorbatschow, die Ereignisse in Ungarn und der damaligen Tschechoslowakai - aber ich glaubte nicht, dass sich in der DDR irgendetwas so sehr bewegen könnte, dass sich die Verhältnisse nachhaltig ändern würden...Spät abends am 09.11. kam mein damaliger Mann nach Hause und meinte, wir müssten den Fernseher anschalten, er hätte da was im Radio gehört. Und dann sahen wir die Bilder und konnten es nicht fassen: Leute standen auf der Mauer in Berlin, jubelten, weinten, feierten, lagen sich in den Armen - es war unglaublich, eigentlich fast unwirklich. Am liebsten wären wir sofort hingefahren, denn es war klar - wir sind Zeitzeugen eines Jahrhundertereignisses. Wegen unserer schlafenden Tochter sind wir schließlich zuhause gebleiben, denn sie hätte mit ihren 14 Monaten keinen Spaß an einer nächtlichen Reise gehabt. Meine Gefühle zu den Ereignissen waren Freude und Begeisterung - es gab nicht einen Moment des Zweifelns und was das alles eigentlich bedeuten würde - diese Frage stellte sich noch nicht. Später, wenn wir dann auf der A2 in Richtung Berlin fuhren, standen "im Westteil" auf den Brücken winkende Menschen und begrüßten so die vielen Autos aus "dem
    Osten". Heute denke ich, wir brauchen noch 20 weitere Jahre für den Prozess der Annäherung, aber ich finde das völlig in Ordnung, denn schließlich war Deutschland auch 40 Jahre geteilt...

  3. Ich saß tief im Westen im Wohnzimmer vor dem Fernseher und war nicht ganz sicher, ob die Bilder aus Berlin vielleicht nicht doch fiktive Inszenierungen waren. Die Bilder konfrontierten mich mit meiner Interpretation der deutschen Geschichte im 20.Jahrhundert und mit meinen politischen Überzeugungen: War dies der Auftakt für eine Wiedervereinigung der deutschen Staaten? Wäre ein wiedervereinigtes Deutschland nicht ein Risiko für eine europäische Friedensordnung? War die Teilung des Landes nicht der angemessene Preis für den Griff nach der Weltmacht und den Völkermord? Wäre der Untergang der DDR für die Idee eines demokratischen Sozialismus, den ich wollte, nicht ein Vorteil oder wäre er der Anfang vom Ende jeder Form von Sozialismus? So viele Fragen und in den nächsten Wochen und Monaten viele Versuche, Antworten zu finden. Die Frage der Fiktion wurde Neujahr 1990 geklärt: der Sylvesterfeier in Spandau gingen wir am Morgen über die Grenze nach Falkensee, von freundlichen Grenzern begrüßt, die so taten, als hätten sie alles unter Kontrolle. Dann im Frühjahr an manchen Wochenenden lange Fahrten nach Neubrandenburg, um den dortigen Sozialdemokraten beim Wahlkampf zu helfen. Dann die Enttäuschung über das Wahlergebnis, später dann die Mitteilung, dass viele Genossen, mit denen wir zu tun hatten, informelle Mitarbeiter der Stasi gewesen waren. Dann der 3.Oktober: Mit Freunden gingen wir türkisch essen, weil die schwarz-rot-goldenen Farben in der Stadt uns auf den Geist gingen.

    • C.G.
    • 06.11.2009 um 16:46 Uhr

    Seit zwei Monaten war ich Theologiestudent am damaligen Theologischen Seminar in Leipzig. Wir machten in diesen Tagen alles mögliche, nur keine Studien. Parteiengründung z.B. An diesem Abend fand in einer Leipziger Kirche ein Treffen zur Vorbereitung der Gründung des Demokratischen Aufbruchs statt (so umständlich wie dieser Satz war auch das Geschäft). Richtung und Profil waren noch ziemlich unklar, von Programm nicht zu reden. Plötzlich kommt eine Freundin zu mir in die Bankreihe und sagt mit ziemlicher Lässigkeit mir ins Ohr: "Du, die Grenze ist offen." Ich verstand nur Bahnhof und fragte irgend etwas zurück. Sie musste mir mehrmals diesen Satz ins Gesicht sagen: "Die Grenze ist offen, der Schabowski hats im Fernsehen gesagt, die Tagesschau brachte es gerade." Und wieder bewahrheitete sich die Erfahrung dieser Tage, dass man, wenn man mal drei Stunden keine Nachrichten hört, vom Weltgeschehen völlig abgehängt wird. Die Maueröffnung sprach sich in Windeseile in der Kirche herum, und die Versammlung war umgehend zu Ende. Den Rest des Abends verbrachte ich mit Freunden vor dem Fernseher. Immer wieder mussten wir diesen komischen Ausschnitt aus der Pressekonferenz von Schabowski sehen. Das krude Satzgebilde hören, hinter dem sich dieses ganz und gar unglaubliche Ereignis verbarg, die Menschen in Berlin an den offenen Schlagbäumen, die Tränen, die Freude, die Freiheit...
    Ob's hält? Wir waren erstaunlich zuversichtlich. Die Wochen zuvor machten unerhörten Mut.

    • fmies
    • 09.11.2009 um 10:27 Uhr

    Was am Abend des 9. Nov. 1989 auf friedliche Weise mit der Öffnung der Mauer passsiert ist, kann man erst teilweise im Nachhinein begreifen.
    Ja es war ein großes Glück und vieles passte zusammen.
    Die Solidanornoc in Polen ab 1981, der polnische Papst Johannes Paul II,
    Regan der die UDSSR bankrott gerüstet hatte. Präsident Bush, Michael Gorbatschow und Helmut Kohl, drei Männer die sich vertrauten und auf dessen Wort man sich verlassen konnte. Die Bürger der DDR, die in friedlichen Demonstrationen ihre Unterdrückung ablegten und ihre Forderung nach Freiheit kundtaten.
    Noch nie ist ein Staat wiedervereinigt worden, ohne daß ein Schuß fiel.
    Ich selbst , Jahrgang 1943, Westerwälder, habe am Abend des 9. Nov. 1989, nachdem die Nachrichten über die Öffnung der Mauer gelaufen waren, in unserer Kneipe im Hausflur auf der Treppe gesessen und vor Glück und Zufriedenheit "Rotz und Wasser" geheult. Dabei hatte ich einen Gedanken für die Zukunft: Wenn ich es, der eigentlich keinen Krieg erlebt habe (als Baby zu klein um Erinnerungen zu haben) es noch erleben könnte, daß wir in einem vereinten Europa in Frieden und Freiheit leben könnten, dann wäre mein Leben vollkommen.
    Dafür allen danke!

  4. Tagsüber und die Tage vorher war ich auf einer Fortbildung. In den Pausen hörte ich Radio. Die Nachrichten saugte ich fast süchtig ein und ich spürte, dass etwas Weltbewegendes geschieht. Ich bedauerte ein bisschen, in den vergangenen Wochen nicht in Leipzig, Plauen oder Dresden, meinen beiden Heimatstädten, auf den Demonstrationen oder Veranstaltungen dabei gewesen zu sein. Abends dann zuhause vor dem Fernseher nach der Meldung von Schabowski wurde ich von meinen Gefühlen überwältigt. Meine eigene Geschichte, die ich bis dahin als nichts Besonderes bewertete, kam mir ins Bewusstsein. Die zwei Fluchtversuche über die grüne, verminte Grenze. Zum ersten Mal der sogenannte Versuch, „die Grenze im Vogtland zu durchbrechen“, bei dem ich, 18-jährig, mit meinem Freund festgenommen wurde und für 8 Monate in das Gefängnis musste. Ich dachte an die langen Verhöre und daran, als mir der Stasibeamte nach längerer Zeit angeboten hatte, dass ich am Abend zuhause sein könne, „wenn du mit uns zusammenarbeitest“. Auf die Frage reagierte ich nicht und an diesem Abend des Mauerfalls spürte ich erstmals etwas Stolz. Dann kam mir der zweite, ein Jahr später an der thüringisch-bayerischen Grenze gelungene Fluchtversuch vor Augen. Und es schien an diesem Abend, als würde eine 25 Jahre getragene Last abfallen; ich konnte meine Tränen nicht stoppen und hatte endlich das gute Gefühl zuhause, in meiner Heimat zu sein.

  5. Das hörte ich am 10.11.2009 früh in meiner Armeekaserne in der DDR. Ich benötigte einige Minuten zur Realisierung und um zu erkennen, dass dies nunmehr kein Staatsverbrechen war. Das das besonnene Handeln der Armeeführung einen Anteil an der weitgehend gewaltfreien Entwicklung hatte, soll hier noch einmal herausgestellt werden.

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    Das Datum war 10.11.1989

    Das Datum war 10.11.1989

  6. 8. Update

    Das Datum war 10.11.1989

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