Steuerreform

Liberale drohen Union mit Alleingang

Im Streit über eine radikale Steuerreform schlägt die FDP harte Töne an: Sollte Finanzminister Schäuble nicht mitziehen, werde man einen eigenen Gesetzentwurf vorlegen.

Verteidigt seine Zurückhaltung in Sachen Steuerreform: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble

Verteidigt seine Zurückhaltung in Sachen Steuerreform: Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble

Im Streit um eine Steuerreform bremst der CDU-Finanzminister die Koalitionspartner. Wolfgang Schäuble schloss einen grundsätzlichen Umbau des Systems bis 2013 aus, was die Liberalen kritisierten. FDP-Parteivize Andreas Pinkwart drohte mit einem eigenen Gesetzentwurf. "Wenn Herr Schäuble sich weigert, den Gesetzentwurf zu machen, dann übernimmt die FDP das." Es sei schon beachtlich, wenn ein Minister die Kanzlerin "meint zurückpfeifen zu können", sagte er der Rheinischen Post.

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FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger geht weiter von einer grundlegenden Reform aus und bemühte sich, Streit zu schlichten: Schäuble benutze eine andere Formulierung, sehe es in der Sache aber genauso. Widerstand kommt auch von der CSU. "Die FDP verbindet die Strukturreform mit einem Stufentarif, wir nicht", sagte Generalsekretär Alexander Dobrindt.

In seiner Antrittsrede als Finanzminister im Parlament sprach Schäuble nur von "weiteren strukturellen Vereinfachungen", wie sie Union und FDP im Koalitionsvertrag vereinbart hätten und über die im nächsten Jahr gesprochen werde. Schäuble bekräftigte, dass man 2011 mit dem Schuldenabbau beginne. Die Oppositionsfraktionen warfen der Koalition Klientelpolitik und einen finanzpolitischen Blindflug vor. Sie bezweifeln, dass Steuersenkungen auf Pump das Wachstum ankurbeln.

FAMILIEN

Der Kinderfreibetrag soll vom kommendem Jahr an von 6024 Euro auf 7008 Euro angehoben werden. Zugleich wird das Kindergeld ab 1. Januar um 20 Euro erhöht. Für das erste und zweite Kind gibt es ab 2010 also 184 Euro, für das dritte 190 Euro, ab dem vierten 215 Euro.

UNTERNEHMEN

Unternehmen sollen unter anderem bei der Übernahme einer Problemfirma deren Verlustvorträge künftig ohne zeitliche Begrenzung steuerlich nutzen können. Die sogenannte Sanierungsklausel für Unternehmen im "Bürgerentlastungsgesetz Krankenversicherung" ist derzeit auf zwei Jahre befristet.

Der Abzug von Verlusten bei bestimmten Umstrukturierungen innerhalb miteinander verbundener Unternehmen soll möglich werden ("Konzernklausel").

Neben der "Konzernklausel" soll bei der Verlustverrechnung bei Einstiegen in andere Unternehmen auch die Übernahme der Verluste in Höhe der stillen Reserven zugelassen werden.

Zinsschranke: Es soll eine dauerhafte Freigrenze von drei Millionen Euro geschaffen werden, um Mittelstandsfirmen bei der Kreditbeschaffung zu entlasten.

Die Abschreibung von geringwertigen Wirtschaftsgütern wie Büromöbel im Wert von bis zu 410 Euro soll verbessert werden.

Der Teil der Aufwendungen für Immobilienmieten, der bei Ermittlung der Gewerbesteuerlast hinzugerechnet und somit versteuert werden muss, soll von 65 auf 50 Prozent gesenkt werden.

Umstrukturierung von Unternehmen, die Auswirkungen auf die Gewerbesteuer haben, sollen erleichtert werden.

STEUERN

Firmenerben sollen durch Änderungen am Zeitraum der Fortführungspflicht und der damit verbundenen Lohnsummenklausel entlastet werden. Bislang muss ein Erbe bei der Fortführung des Betriebes über sieben Jahre 15 Prozent der eigentlich fälligen Erbschaftsteuer zahlen. Er muss aber in dieser Zeit in etwa die Zahl
der Beschäftigten halten.

Der Steuertarif für Geschwister und deren Kinder bei Erbschaften und Schenkungen soll gesenkt und künftig zwischen 15 und 43 Prozent liegen.

Die Mehrwertsteuer für Beherbergungsleistungen im Hotel- und Gaststättengewerbe soll von 19 auf 7 Prozent gesenkt werden.

Zusätzlich will die Bundesregierung das erst vor kurzem reformierte Erneuerbare-Energien-Gesetz rückwirkend zum 1. Januar korrigieren und Fördernachteile für vor 2009 in Betrieb genommene Biogasanlage beseitigen.

Massive Kritik äußerten auch die so genannten Wirtschaftsweisen. Im neuen Gutachten heißt es laut Medienberichten, weitere Steuerentlastungen würden in der derzeitigen Wirtschaftslage verpuffen. Durch weitere Steuergeschenke lasse sich der Konsum der Verbraucher nicht beleben.

Schäuble hatte vor seiner Bundestagsrede eine grundlegende Reform der Einkommensteuer ausgeschlossen. Dafür fehle in den kommenden vier Jahren das Geld, sagte er. Erst kürzlich hatte Schäuble sich skeptisch zum so genannten Stufentarif geäußert, den die FDP vertritt und der die Einkommenssteuer in drei Stufen steigen lässt.

ökonomisch unsinnig

SPD-Fraktionsvize Poß zur geplanten Steuerentlastung

Die Erholung der Wirtschaft führt nach den Worten Schäubles nicht automatisch zu größeren finanzpolitischen Spielräumen. Wie die Wirtschaftsweisen rechnete Schäuble vor, dass der gesamte Schuldenstand Deutschlands 2011 auf fast 80 Prozent der Wirtschaftsleistung steige.

Nach wie vor gebe es Risiken und noch keinen selbsttragenden Aufschwung: 2010 sei ein deutlicher Anstieg der Arbeitslosigkeit zu erwarten. Es drohe weiter eine Kreditklemme. Insolvenzen belasteten die Finanzwirtschaft, bei Banken sei weiterer Kapitalbedarf zu erwarten. Alle weiteren Maßnahmen stünden unter dem Vorbehalt europäischer und nationaler Vorgaben, sagte der Minister. 

SPD: Ökonomischer Unsinn, Grüne: "absurd"

Schäuble verteidigte die geplanten ersten Steuersenkungen der Koalition. Sie sehen Entlastungen von jährlich 8,5 Milliarden Euro vor allem für Familien, aber auch für Unternehmen, Erben und Hotels vor. Mit diesem ersten Schritt schon 2010 sollen unter anderem der Kinderfreibetrag und das Kindergeld steigen.

SPD-Fraktionsvize Joachim Poß nannte die Steuerpläne der neuen Regierung "ökonomisch unsinnig". Das Bekenntnis zu EU-Stabilitätspakt und Schuldenabbau werde vermindert, weil es nicht mit Maßnahmen unterlegt sei. Alle wichtigen Themen habe die Koalition in Kommissionen verlagert. Vor der Wahl in Nordrhein-Westfalen Anfang Mai entscheide die Regierung nichts.

Die Haushaltsexpertin der Linken, Gesine Lötzsch, nannte die Pläne ein "Umverteilungs-Beschleunigungsgesetz", Alexander Bonde von den Grünen sprach von "Traumtänzerei." Es seien "absurd hohe Wachstumsraten" nötig, um die Vorstellungen von Union und FDP zu erfüllen. "Das passt hinten und vorne nicht zusammen."

Das "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" behandelte das Parlament in erster Lesung. "Für diese Regierung steht steuerliche Wachstumspolitik nicht im Widerspruch zur genauso notwendigen Konsolidierung", sagte Schäuble. Man müsse beides verwirklichen, beides sei notwendig. 2011 werde die Koalition mit der Konsolidierung der öffentlichen Haushalte beginnen, wenn es einen selbsttragenden Aufschwung gebe.

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Leser-Kommentare

  1. Einfach die 500 Mrd. von den Banken zurückholen, dann ist genug Geld da.

    Uuuups - Unsinn. Würde die FDP nie machen.

    Hätten die Banker ja keine Boni mehr.

    Und das geht nun wirklich nicht.

  2. Soll doch die FDP "ihr" Steuergesetz schreiben. Zustimmen muss die Ministerrunde, die Kanzlerin und dann das Parlament.

    Wenn CDU/CSU nicht oder nicht vollständig zustimmen, dann macht sich die FDP nur lächerlich.

    Herr Schäuble wurde von Merkel genau als Stopp-Schild für die FDP im Finanzministerium installiert und das aus gutem Grund.

    Es scheint immer mehr, das die Wunschkoalition so "wünschig" gar nicht ist und beim Thema Gesundheit wird es demnächst auch noch knallen und rauchen.

    Wie immer alles zu Lasten und auf dem Rücken der kleinen Leute und des Mittelstandes und zugunsten von Arbeitgebern und Großkopferten in diesem Land.

    Wenn die Politik es ganz in Ordnung findet, das zig große Firmen mit jeweils zweistelligen Milliardenumsätzen (und auch entsprechenden Erträgen) sich arm rechnen können und in Deutschland keine Steuern zu entrichten haben (was in dem Bereich an Körperschaftssteuern eingenommen wird, ist eher ein Witz), dann funktioniert die Umverteilung von unten nach oben schon sehr lange und wird stetig weiter ausgebaut.

  3. hätten Sie mal einen Beleg, dass die Bürgschaften von 500 Milliarden Euro tatsächlich an die Banken geflossen sind? Und wenn Sie schon googeln, googeln Sie bitte auch, wieviel % der Aktien (im Nennwert) der Bund sich dann für geleistete Bürgschaften an den entsprechenden Bankenkapitalien geholt hat.

  4. muss zumindest mal getest werden, wie sollen wir sonst wissen, ob er funktioniert? Wir erwarten schwarze Wirtschaftslöcher und keiner weiß, ob es morgen noch Stellengebote gibt. Bei Arbeitslosigkeit sind Steuererleichterungen auch egal. http://viereggtext.blogsp...

  5. Natuerlich wird jetzt von den Maechtigen dieser linkisch-linken Krummenrepublik alles nur moegliche aufgefahren, um das Steuersenkungskonzept der FDP zu zerstoeren. Nicht die krankhaft schwache Binnennachfrage, nicht die Kaufkraft des Michels, nicht das Prokopfeinkommen der Deutschen, welches seit Jahren im Sturzflug begriffen ist, soll gestaerkt werden, nein, nein und nochmals NEIN. Das an Fremde gezahlte Geld, des Michels Kapital –Tropf zur Staerkung dieser und jenes , darf unter keinen Umstaenden gekuerzt werden! Na, und was ist mit der so oft beschworenen klar gehaltenen Bierdeckel- Steuerreform? Die sollen sich die Deutschen schleunigst aus dem Kopf schlagen, und zwar moeglichst fuer immer. Absolute Katastrophe, wenn sie auch nur zu ahnen beginnen, wie mit ihren Zaster rundum geschachert wird!
    Ein gewagtes Spiel allerdings. Es koennte naemlich durchaus sein, dass die ueber den Kopf des Michels gezogene Decke zu sehr seine Fuesse frieren laesst und er deshalb wider aller Erwarten richtig boese wird.

    • 12.11.2009 um 23:15 Uhr
    • PGMN

    Ich bin kurz davor, es in Berlin mit dem Megaphon von den Dächern zu verkünden: "Eine Steuerreform heißt nicht unbedingt eine Steuersenkung!!!" Vielleicht würde das dann auch mal beim Politiker ankommen.
    Eine VEREINFACHUNG des Steuersystems wäre wohl quasi sofort möglich... Halt, ich vergaß... Dann würde ja auf einen Schlag sichtbar, wie viel der Staat vom Bürger abzweigt und die Regierung könnte nicht mehr so schön verdeckt Klientelpolitik betreiben...

  6. Ich kann das Auftreten der FDP zu diesen Thema verstehen, obwohl ich auch der Meinung bin, eine Steuersenkung ist jetzt nicht möglich, eine Vereinfachung schon.Die Steuerpolitik ist bei den Koaltionsgesprächen ausführliches Thema gewesen und es war jedem klar nach den Äußerungen von Westerwelle,daß er auf eine Steuersenkung besteht.Diesem Verlangen von Westerwelle hat Merkel in den Koaltionsverhandlungen nachgegeben, sonst hätte die wahrscheinlich gar keinen Koaltionspartner gehabt. Nun mit einem Artikel zu kommen, der wahrscheinlich unter Allgemeines steht, ist für mich link. Ein aufrechter Mensch tut so etwas nicht. Hinzu kommt, daß Merkel nicht selbst hierzu Stellung bezieht, sondern Schäuble vorschiebt. Dies ist für mich Mißbrauch einer weiteren Person durch Merkel.Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht und wenn er auch die Wahrheit spricht oder was will Merkel sagen:"Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!"

    • 13.11.2009 um 16:35 Uhr
    • Mr. T
    8. Dito

    Ich beschäftige mich jetzt im Studium schon eine Weile mit unserem Einkommensteuersystem und bin durch die aktuelle Debatte völlig frustriert. Die Betonung bei einer SteuerSTRUKTURreform sollte eben auf der Vereinfachung der Struktur liegen und nicht auf dem stumpfen Senken der Steuersätze. Vor allem die CSU ist in diesem Punkt absolut unverbesserlich.
    Steuersenkungen sind wohl langfristig eine feine Sache, aber in der aktuellen Lage muss schleunigst ein einfaches und zugleich gerechtes Steuersystem her und zwar kostenneutral!

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