Aufruhr auf Parteitag Die SPD-Basis rechnet mit der alten Führung ab

Franz Müntefering hat mit seiner Abschiedsrede den Parteitag aufgebracht. In einer heftigen Debatte fordern viele Redner, mit dem Reformkurs der Regierungsjahre zu brechen.

Oh ja, sie lebt noch, diese alte, angeschlagene, geschundene SPD. Manch einer hatte sie nach dem ruinösen Wahlergebnis von 23 Prozent schon abgeschrieben, für tot erklärt. Doch die SPD ist noch da. Vielleicht sogar wieder ein wenig mehr als in den vergangenen Jahren. Denn sie streitet sich auf ihrem Parteitag in Dresden, so furios und lebendig, als wäre ein Damm gebrochen.



In gewissem Sinne ist das auch so. Verantwortlich dafür ist nicht nur das historisch schlechte Ergebnis der Bundestagswahl vor sieben Wochen. Auch Franz Müntefering hat seinen Anteil daran. Er hatte am Vormittag in der Dresdner Messehalle seine Abschiedrede als Parteichef gegeben – und kein einziges Wort der Selbstkritik verloren.

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Es war, als hätte Müntefering in ein Wespennest gestochen. Kaum hatte er seine Rede beendet, eilte ein Redner nach dem anderen auf das Podium, um mit der Parteiführung gnadenlos abzurechnen. Fünf Stunden lang wurden der alten Spitze ihre Politik und ihr Umgang mit der Basis gnadenlos vorgehalten. Der Zeitplan geriet derart durcheinander, dass wohl nicht wie vorgesehen heute noch die komplette neue Führungsriege gewählt werden kann.



Bestenfalls Kommunikations- und Umsetzungsprobleme räumte Müntefering in seiner Rede ein. Am politischen Weg der SPD in den elf Regierungsjahren, am Reformkurs, der die Partei Wahl um Wahl hatte verlieren lassen bis zum endgültigen Debakel am 27. September, rüttelte er nicht. Stattdessen gab Müntefering Durchhalteparolen zum Besten: „Die SPD“, sagte er, „ist kleiner geworden, die sozialdemokratische Idee nicht.“ Und er verkniff sich auch nicht, die Wähler dafür zu schelten, dass sie inmitten der größten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten ausgerechnet zur FDP, dem neoliberalen Schreckgespenst, abgewandert waren.



Wenn Müntefering glaubte, seine Rede voller Allgemeinplätze würde die Delegierten zufrieden stellen, hatte er sich gewaltig getäuscht. Aber vielleicht wollte er ja gerade allen Unmut auf sich ziehen, um die neue Führung zu entlasten.



Und so knöpfte sich ein Delegierter nach dem anderen die alte Führung und die SPD-Politik der letzten Jahre vor. Die Kritik eines Delegierten, er hätte sich von Müntefering deutlichere Worte der Selbstkritik gewünscht, gehörte dabei noch zu den harmloseren Wortmeldungen. Beklagt wurde von den Parteimitgliedern auf dem Podium und in den Fluren oft und ausgiebig der Realitätsverlust der Parteispitze: Nie habe es draußen im Land eine Mehrheit für die Rente mit 67, für Hartz IV, für den Afghanistan-Einsatz oder die Bahnprivatisierung gegeben. Trotzdem habe die SPD all dies beschlossen. „Wenn wir diese Realität nicht anerkennen, kommen wir aus dem Tal der Tränen nicht heraus“, sagte einer.



Mehrfach wurde eine Totalrevision des bisherigen Kurses gefordert. „Es geht nicht um Änderungen im Detail“, sagte der Parteilinke Ottmar Schreiner. Die SPD habe die Kernprinzipien sozialdemokratischer Politik ausgehöhlt. „Wir haben weder eine Perspektive für die Menschen in der Unterschicht, noch haben wir eine für die Arbeitnehmerschaft, die seit der Hartz-Gesetzgebung den sozialen Abstieg fürchtet", sagte Schreiner.



Leser-Kommentare
    • ngw16
    • 13.11.2009 um 18:44 Uhr

    Uneinsichtig bis zuletzt.

    There is no Alternative was das Motto der abgehobenen Diktatoren in der SPD.
    Und haben diese damit unwählbar gemacht.
    Die geforderte Nibelungentreue konnte nicht mehr von den getäuschten Wählern erzwungen werden.

    Neuanfang?
    Da müssen Gabriel & Co spätestens in einem Jahr selbst abtreten und neuen, glaubwürdigeren Leuten Platz machen.
    Die alte Riege ist verbrannt.

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    • luccas
    • 13.11.2009 um 19:17 Uhr

    Wo bitte sind denn die "neuen, glaubwürdigeren Leute"?

    • luccas
    • 13.11.2009 um 19:17 Uhr

    Wo bitte sind denn die "neuen, glaubwürdigeren Leute"?

    • luccas
    • 13.11.2009 um 19:17 Uhr
    2. Wo?

    Wo bitte sind denn die "neuen, glaubwürdigeren Leute"?

    Antwort auf "Münte und TINA"
  1. ... viel Glück auf dem Weg in die Sozialdemokratie des 20. Jahrhunderts. Aber geht bitte alleine!

    Wer seine letzten vernünftigen Köpfe zur Wahlfrust-Bewältigung opfert, braucht sich um meine Stimme nicht mehr zu bewerben.

    • TDU
    • 13.11.2009 um 20:27 Uhr

    Hätte die SPD so hart an Hartz IV gearbeitet wie Helmut Schmidt an der Durchsetzung des Nato Doppelbeschlusses, hätte sie das ganze viel näher an den Menschen regeln und kommunizieren können. Der Titel kam von einem Nicht Regierungs- Mitglied, zu sagen hatten alle möglichen auch nicht gewählten Berater und zum Schluss ein Basta. Und, man muss es leider sagen, der Artikel über seine Rede zeigt es: Man kann fast traurig werden über diese auch zum Schluss gesammelten Allgemeinplätze.

    • TDU
    • 13.11.2009 um 20:30 Uhr

    Die Kritiker setzen diese nach diesem Artikel offensichtlich fort. Will man wirklich die Fussballspieler in der Kabine nach einer vernichtenden Niederlage sehen? Jetzt mal sehen, was Gabriel sagt.

  2. Dadurch dass der Vorsitzende Müntefering die Fehler nicht mit Ross und Reiter benannt hat, hat er wissentlich eine Chance verspielt das sichtbar werden zu lassen was in 11 Jahren gut gearbeitet und auch in Ordnung gebracht wurde. Somit werden sich auch die Nachfolger noch schwerer damit tun die Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen und der weiteren Spaltung der Gesellschaft zu begegnen. Ein tolles Erbe! Da muss nun eine wirklich neue Mannschaft her, frei von den schon wieder gezogenen Fäden aus dem Sauerland und endgültig ade "Schröder-Blair-Papier"!!

    • TDU
    • 13.11.2009 um 20:34 Uhr

    Können Sie nicht einen Thread uner "SPD Parteitag" einrichten, dann könenn doch alle viel besser direkt diskutieren, streiten und trauern.

  3. Ihr seid ja nie zufrieden. Die SPD ist tausendmal besser als FDP und CDU. Ihr seht doch jetzt was sie uns alles erspart haben in der groen Koalition. Fast wäre sogar der mindestlohn druch gewesen. Ich bin froh, dass die SPD daraus Konsequenzen zeiht und versucht sich zu regenerieren. Bisher macht sie das gut und es ist OK wenn es Reibereien dabei gibt. Seid mal nicht so streng. Wir brauchen eine starke SPD im land, sonst sind wir den Neoliberalen und Konservativen schutlos ausgeliefert.

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    • sudek
    • 14.11.2009 um 6:48 Uhr

    Sie wollen doch gar nicht zufrieden sein. Sie haben doch alle Schwarz/Gelb gewählt und müssen hier Luft ablassen!! Und sehen jeden Tag, welche Amateurtruppe sie da in die Regierung gewählt haben.

    u.a.Chaos in der Außenpolitik

    "...Steinbach auf unversöhnlichem Kurs
    Die Vertriebenenpräsidentin pocht auf einen Sitz in der Stiftung zur Vertreibung..."

    • sudek
    • 14.11.2009 um 6:48 Uhr

    Sie wollen doch gar nicht zufrieden sein. Sie haben doch alle Schwarz/Gelb gewählt und müssen hier Luft ablassen!! Und sehen jeden Tag, welche Amateurtruppe sie da in die Regierung gewählt haben.

    u.a.Chaos in der Außenpolitik

    "...Steinbach auf unversöhnlichem Kurs
    Die Vertriebenenpräsidentin pocht auf einen Sitz in der Stiftung zur Vertreibung..."

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