Wehrpflicht-Verkürzung

Sozialverbände fürchten dramatische Einbrüche beim Zivildienst

Rettungsdienste, Altenheime, Krankenhäuser in Not, die Wohlfahrtsverbände schlagen Alarm: Angesichts der Verkürzung der Wehrpflicht auf sechs Monate sei der Zivildienst sinnlos geworden.

Muss man auf Zivildienstleistende künftig verzichten, weil sich ihre Einarbeitung für sechs Monate nicht mehr lohnt?

Muss man auf Zivildienstleistende künftig verzichten, weil sich ihre Einarbeitung für sechs Monate nicht mehr lohnt?

Die geplante Verkürzung von Wehr- und Zivildienst auf sechs Monate wird zu weniger Einsatz von Zivildienstleistenden führen. Dies befürchtet einer der großen Wohlfahrtsverbände. "Unsere Mitgliedsorganisationen haben bereits signalisiert, dass sie die Stellen dann zurückgeben und nicht mehr besetzen werden", sagte Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, dem Kölner Stadt-Anzeiger. Für die Organisationen dieses Dachverbandes arbeiten nach seinen Angaben rund 500.000 Menschen, davon 15.000 "Zivis".

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Die Wohlfahrtsverbände wären nach der Verkürzung nicht mehr in der Lage, "Zivildienstleistende noch vernünftig einzusetzen", sagte Schneider. Im Rettungsdienst dauere die Ausbildung an den Fahrzeugen drei Monate. "Da bringen sechs Monate dann gar nichts mehr. Bei der Pflege, in Kindergärten oder der Arbeit mit Behinderten kann man es den Menschen einfach nicht zumuten, alle halbe Jahre die Bezugsperson zu wechseln."

Auch den Einsatzstellen könne man nicht zumuten, stets neue Leute einarbeiten zu müssen. Schneider: "Wenn man auf sechs Monate geht, dann ist der Zivildienst am Ende." Der Verlust lasse sich allerdings durch Freiwillige im sozialen und ökologischen Jahr ausgleichen, wenn dafür mehr Geld bereitgestellt werde. Für beide Dienste gebe es derzeit doppelt soviel Bewerber wie Stellen.

Auch das Deutsche Rote Kreuz ist alarmiert. Es bestätigt die Aussagen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes: "Da die Ausbildung zum Rettungssanitäter allein drei Monate dauert, lohnt sich die Investition nicht mehr", sagte Gabriele Thievissen vom Deutschen Roten Kreuz Nordrhein der Süddeutschen Zeitung.

Bei der Behindertenbetreuung, bei der etwa 1800 Zivildienstleistende im Einsatz sind, werde es ebenfalls "dramatische Einbrüche" geben, sagte Robert Anstetter der Süddeutschen Zeitung. Ähnliches hört man von der Deutschen Krankenhausgesellschaft.

Kliniken, Wohlfahrtsverbände und Caritas fordern von der Politik, das Geld, das beim Zivildienst eingespart wird, künftig für das Freiwillige Soziale Jahr einzusetzen.

Bei einfacheren Tätigkeiten wie Fahrdiensten und "Essen auf Rädern" wollen die Verbände aber weiter auf die derzeit rund 76.000 Zivis setzen. Man plane jetzt "keinen theatralischen Ausstieg", sagte eine Sprecherin der
Arbeiterwohlfahrt.

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Leser-Kommentare

    • 03.11.2009 um 13:25 Uhr
    • Peejen

    Einfach die Wehrpflicht abschaffen und dafür ein soziales Pflichtjahr für alle einführen - egal ob Mann oder Frau

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... sprechen mir aus der Seele.

    Da die Frauenverbände aber immmer noch die Gleichberechtigung und mitnichten die Gleichstellung fordern, wird das wohl auf sich warten lassen.

    Auch wenn es IMHO keinen objektiven Grund gibt, warum junge Männer zum Dienst herangezogen werden, Frauen aber nicht.

  1. ...von den Bürgern des Landes einen Zwangsdienst zu verlangen.

    Das ist die existenzielle Notwendigkeit von ausreichender Truppenstärke für die Landesverteidigung.

    Ist diese Truppenstärke nicht mehr nötig (dies ist bereits heute der Fall, die Wehrpflicht von 6 Monaten ist ein anachronistischer Witz), fällt die Begründung des Zwangsdienstes weg.

    Der Zivildienst ist ein nachrangiger Konstrukt, um trotz der Möglichkeit einer Wehrdienstverweigerung Gerechtigkeit im Zwang walten zu lassen.

    Ein soziales Pflichtjahr, wie von Ihnen verlangt, wäre einfach staatliche Sklaverei, nicht mehr, nicht weniger.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Ein soziales Pflichtjahr, wie von Ihnen verlangt, wäre einfach staatliche Sklaverei, nicht mehr, nicht weniger."

    Einverstanden. Wenn die Wehrpflicht abgeschafft wird, besteht für eine allgemeine Dienstpflicht kein einleuchtender Grund mehr. Es würde dann reichen, die Möglichkeit eines freiwilligen SJ zu schaffen - das ja bereits von vielen Trägern angeboten wird.

    Solange es jedoch eine Wehrpflicht gibt, muss es IMHO auch eine vergleichbare Dienstpflicht für Frauen geben. Wer dann nicht zur Bundeswehr geht bzw. dort nicht genommmen wird, muss dann eben sozialen Dienst leisten - gleichgültig, ob Mann oder Frau.

    Alles andere ist in meinen Augen glatt verfassungswidrig - vgl. Art. 3 Abs. 2 u. 3 GG.

    • 03.11.2009 um 13:38 Uhr
    • wll
    3. Sie...

    ... sprechen mir aus der Seele.

    Da die Frauenverbände aber immmer noch die Gleichberechtigung und mitnichten die Gleichstellung fordern, wird das wohl auf sich warten lassen.

    Auch wenn es IMHO keinen objektiven Grund gibt, warum junge Männer zum Dienst herangezogen werden, Frauen aber nicht.

    Antwort auf "Wehrpflicht abschaffen"
  2. Hat bei diesem Satz die Schlussredaktion bei Redigieren gepatzt, oder verstehe ich einfach den Sinn dieser sperrigen Formulierung nicht? "Dies befürchtet einer der großen Wohlfahrtsverbände mit."
    Ich vermute, zuerst hieß der Satz "Dies teilte einer der großen Wohlfahrtsverbände mit." und dann wurde sehr unaufmerksam das Verb geändert...

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    @Textautomat   Markus Horeld

    Das stimmt, da ging etwas schief. Herzlichen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert.

    Beste Grüße,
    Markus Horeld
    ZEIT ONLINE

  3. 5. Klar

    der Wehrdienst gehört sofort ersatzlos abgeschafft, wenn doch eh nur noch wenige Prozent der jungen Männer eingezogen werden können. Und ein Rätsel ist es ebenfalls, warum für bestimmte Aufgaben junge Männer schlecht bezahlten Dienst tun sollen, wenn Millionen Arbeitslose gerne einen Job hätten. Werden halt bestimmte Dienste etwas teurer, na und? Ich kann das Gejammere der Verbände jetzt schon nicht mehr hören.

    • 03.11.2009 um 13:55 Uhr
    • JCO

    Typisch Wohlfahrtsverbaende, das kenne ich noch aus meiner eignen Zivizeit. Kein Handgriff, wenn er nicht vom Staat bezahlt wird. Nur Kreisstellenleiter und Sekretaerin fest angestellt, praktisch alle anderen Sozialarbeiter damals auf ABM-Stellen. Dazu einen Stall Zivis zum Kaffeekochen. Ich habe spaeter in der Industrie nie wieder eine derart ausbeuterische Umgebung kennengelernt.

    • 03.11.2009 um 13:57 Uhr
    • wll

    "Ein soziales Pflichtjahr, wie von Ihnen verlangt, wäre einfach staatliche Sklaverei, nicht mehr, nicht weniger."

    Einverstanden. Wenn die Wehrpflicht abgeschafft wird, besteht für eine allgemeine Dienstpflicht kein einleuchtender Grund mehr. Es würde dann reichen, die Möglichkeit eines freiwilligen SJ zu schaffen - das ja bereits von vielen Trägern angeboten wird.

    Solange es jedoch eine Wehrpflicht gibt, muss es IMHO auch eine vergleichbare Dienstpflicht für Frauen geben. Wer dann nicht zur Bundeswehr geht bzw. dort nicht genommmen wird, muss dann eben sozialen Dienst leisten - gleichgültig, ob Mann oder Frau.

    Alles andere ist in meinen Augen glatt verfassungswidrig - vgl. Art. 3 Abs. 2 u. 3 GG.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...ist aber aus meinen vorgenannten Gründen gegenstandslos.

    Wehrpflicht entstammt den Zeiten der Massenheere in denen absolute physische Stärke erforderlich war.

    Weder sind z.Z. Massenheere erforderlich noch die physische Stärke, die Männer gemeinhin mitbringen.

    Es gibt sogar Gründe anzunehmen, das Frauen für hochtechnisiertes Militär geeigneter wären.

    Egal, solange wir nicht irgendwo auf der Welt mit der tatsächlich nötigen Truppenstärke Imperium (oder Imperiumssupport) spielen wollen, oder uns plötzlich die Russen angreifen, solange brauchen wir keine Wehrpflicht mehr.

  4. Vielerorts wurden die schon immer ausgebeuteten Zivis schon durch noch billiger zu bekommende EEJ ersetzt, die noch zusätzlich eine monatliche Mitgift von 500 € vom Arbeitsamt mitbringen und noch rechtloser sind als die Zivis.

    Wenn sich Ausbildung für nur noch 6 Monate nicht mehr rechnet, wie wäere es dann mit regulär eingestelltem Personal zu fairen Löhnen? Rettungssanitäter auf Zivi-Basis (und ähnliches) war doch immer schon ziemlich daneben.

    Hier geht es schlicht um Ausbeutung von rechtlich wehrlos gestellten, für die niemand der Verantwortlichen vom Sozialverband bis zur Regierung auch nur irgend einen müden Euro bezahlen möchte, aber die Dienstleistung fast umsonst nutzen möchte, die dann aber zum vollen Tarif gegenüber Krankenversicherungen usw. berechnet wird.

    Dieses System stinkt erbärmlich vom Kopf bis in die Füße - egal ob kirchlich, staatlich, privwatwirtschaftlich oder sonstwie organisiert.

    Bei den JobCentern werden mindestens 35.000 (größtenteils) examinierte Menschen mit langjähriger Erfahrung in der Kranken- und Altenpflege als arbeitslos geführt, die man sofort "vermitteln" könnte.

    Die kosten aber mehr Geld als EEj und Zivis, selbst wenn nur die inzwischen in der Branche üblichen Niedriglöhne gezahlt werden, die teilweise noch Hartz IV Aufstockung nötig machen. Also tut man so, als gäbe es diese freien Kräfte nicht und orientiert sich nach Rumänien und gar nach China für noch billigere Ersatzkräfte - die neue Problem verursachen.

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  • Datum 3.11.2009 - 17:55 Uhr
  • Quelle ZEIT ONLINE
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  • Schlagworte Sozialpolitik | Zivildienst | Bundeswehr
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