SPD und Hochschule Gabriel, der Studentenversteher

Die SPD-Führung wirbt an der FU Berlin um die Sympathie der protestierenden Studenten. Nebenbei zeigt Gabriel dem Genossen Steinmeier, wer der Chef ist. Von M. Schlieben

Der Hörsaal A im Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin ist rappelvoll. Alle Klappstühle sind besetzt, selbst ein Stehplatz ist zehn Minuten vor Beginn der Veranstaltung kaum mehr zu ergattern. Das Publikum speist sich aus der Zielgruppe, bei der die SPD einst bärenstark war, nun aber, bei der Bundestagswahl im September, die größten Verluste hinnehmen musste: aus Jungwählern.

Vor der Tür verteilen Jungsozialisten rote Flyer, auf denen sie ihre Gedanken zum diesjährigen Uni-Protest zusammengefasst haben. Geladen hat die Juso-Hochschulgruppe. Oder war es doch die SPD-Führung selbst, die um diesen Termin gebeten hat, wie SPD-Chef Gabriel später andeuten wird? Schließlich ist es das erklärte Ziel der neuen Parteispitze, nun in der Opposition wieder auf die alte Basis zuzugehen, mit gesellschaftlichen Gruppen den Dialog aufzunehmen, sie im Idealfall zurückzugewinnen.

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Egal, das Interesse ist auf beiden Seiten groß, wie sich schnell herausstellt. Als Steinmeier und Gabriel, zehn Minuten zu spät, eintreffen - und sich die schmale Treppe an den Studenten vorbei herunterzwängen, werden sie mit lautem, höflichem Applaus bedacht. Der Partei- und der Fraktionsvorsitzende erwidern die freundliche Begrüßung, indem sie sich an einen kleinen Tisch auf der Bühne zwängen und erst einmal aufmerksam zuhören. Ein Student hält ein kluges, zorniges Referat, in dem er die "Forderung aus dem Bildungsstreik" zusammenfasst.

Schon in diesen ersten Minuten kann das ganze Auditorium wahrnehmen, wie beim neuen SPD-Führungsduo die Rollen verteilt sind. Gabriel leiht sich bei seiner Sitznachbarin ein Blatt Papier und beginnt, mit angeregter Miene Notizen zu machen. Steinmeier zeigt weniger Anspannung. Er hängt zurückgelehnt und mit verschränkten Armen in seinem Stuhl – und lächelt schief vor sich hin. Später wird er ein paar Gähner so gut es geht hinter der Hand verstecken.

Es ist offensichtlich, dass Gabriel bei den Studenten besser ankommt. Der frühere Lehrer und spätere Umweltminister spricht frei, manchmal jovial, manchmal akademisch-pathetisch: Alle paar Momente lässt er ein Witzchen einfließen. In den anderen Momenten berichtet er von seinen eigenen, inzwischen gut drei Jahrzehnte zurückliegenden Erfahrungen als Lehramtsstudent.

Steinmeier hingegen, der frühere Spitzenbeamte, spricht langatmiger, schwerfälliger. Er erzählt, wie wichtig ihm, der "ohne Klavier und Bibliothek" aufgewachsen sei, eine freie und sozial gerechte Bildung sei. Aber, so bittet er die Studenten, die Dinge "ganzheitlich" und im "politischen Kontext" zu betrachten: Schwarz-Gelb begünstige derzeit mit der neuen Erbschaftssteuer die Wohlhabenden und schränke die Spielräume für Bildung ganz gewaltig ein.

Spätestens als Steinmeier vom "Schuldenstand von Bochum" referiert, ist die andächtige Stille, die bei Gabriel noch herrschte, einem Grundgemurmel gewichen. Verstohlen blicken einige Studenten auf ihre Uhren. "Wen interessiert der Scheiß?", murmelt einer. Derjenige, der Steinmeier am aufmerksamsten zuzuhören scheint, ist Gabriel, der weiter seinen Zettel vollkritzelt.

Aber Gabriels entscheidender Vorteil gegenüber Steinmeier sind an diesem Nachmittag nicht nur seine rhetorischen Kniffe und Fertigkeiten. Hinzu kommt: Der neue Parteichef fühlt sich für die elfjährige Regierungszeit der SPD auf Bundesebene weit weniger verantwortlich als der frühere Kanzleramtschef und Vize-Kanzler.

Gabriel scheut sich nicht, Versäumnisse und Fehler aus dieser Zeit offen anzusprechen. So sei es ein "großes Probleme der SPD", dass sie es "nicht mal" geschafft habe, die staatlichen Bildungsinvestitionen auf OECD-Durchschnitt zu hieven. Dass sie die Abiturienten-Quote nicht signifikant gesteigert hat. Dass sie nicht mehr Ganztagsschulen eingeführt hat. Steinmeier knetet bei solchen Sätzen die Hände und starrt auf den Boden.

Er ahnt in diesem Moment wohl schon, welche Art Kritik gleich in der Fragerunde auf sie einprasseln wird. "Die SPD hat jahrelang den Bildungsminister gestellt", sagt eine Politikstudentin auch gleich sehr streng. Sie sei doch selbst verantwortlich für die Bildungsreformen, die die Studenten kritisieren: für die Verschulung des Studiums, die mit der Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen einhergegangen sei, für die Exzellenzinitiative, die zu einer Verflachung der Lehre geführt habe, weil alle Professoren bloß noch den Drittmitteln hinterherrennen.

Gabriel ist es wieder, der zuerst antwortet. Steinmeier bleiben danach nur noch "ein paar ergänzende Anmerkungen", die er beisteuern möchte. Gabriel ist diskursiver. Er spricht die Studenten frontal an, greift deren Gedanken auf: "Erklären Sie noch mal: Wieso ist das Exzellenzprogramm schlecht?", fragt er und notiert sich gleich die nächsten Stichwörter.

Steinmeier dagegen rechtfertigt sich, die rot-grüne Regierung und die Große Koalition. Er erinnert an den "Hochschulpakt I", an den "Hochschulpakt II" und an die Verdienste der "ehemaligen Bildungsministerin" Edelgard Bulmahn. "Seit Helmut Kohl" sei das BAföG verdoppelt worden. Einige Studenten schauen sich ratlos an. Bulmahn? Wovon spricht der? Muss vor unserer Zeit gewesen sein!

Die Veranstaltung endet 30 Minuten später als angekündigt – und reichlich versöhnlich, ganz ohne studentischen Aufruhr. Gabriel suchte häufiger den Dissens zu einzelnen Studenten, etwa bei der Forderung nach einem BAföG für alle. Dennoch kündigt er an, den Dialog fortführen zu wollen. Er lädt ein paar Studenten auf die SPD-Präsidiumssitzung Mitte Dezember ein. Dafür verteilt er noch Hausaufgaben: Er bittet sie zu einigen Punkten "konkret" und "schriftlich" Vorschläge auszuarbeiten. Als Diskussionsgrundlage.

Steinmeier ist da schon aufgestanden. Schnellen Schrittes schiebt er sich die enge Hörsaal-Treppe nach oben. Eigentlich wollte er pünktlich gehen. Gabriel folgt ihm lässig. Auf halber Höhe stoppt er und sucht noch einmal die Debatte mit den Studenten, die er in zwei Wochen im Willy-Brandt-Haus empfangen will. Steinmeier steht daneben. Etwas unbeholfen schäkert er mit einer Phoenix-Kamerafrau. Als die sich nach ein paar Sekunden wegdreht, schaut Steinmeier sich verloren um. Dann beugt er sich nach vorn und hört seinem Parteichef und den Studenten zu.

 
Leser-Kommentare
  1. Liest man diesen Artikel, so drängt sich als ein mögliches Plot-Vorbild sogleich die alte Kriminalfilm-Methode "good cop - bad cop" auf.

    • useuro
    • 08.12.2009 um 21:21 Uhr

    Ein herrlicher Artikel! Steinmeier döst und spricht über so wunderbare Dinge wie "Hochschulpakt I" und "Hochschulpakt II", während aus dem Keller tiefes Schnarchen nach oben in den Saal dringt und die im Saal verbliebenen Zuhörer sich Streichhölzer zwischen die Augenlider klemmen. Gähn! Und Grövors Gabriel fragt äußerst klug, wieso das "Exzellenzprogramm" schlecht sei. Nee wirklich, der fragt das! Wenn er's nicht sieht, wird er es nie verstehen. Wieder zwei ahnungslose Politiker mehr, die hilflos im Wörtersee versinken. Die Studenten aber haben völlig recht. Allons enfants de la patrie! Europa braucht Bildung!

  2. Studentenversteher? Studentenversteher? Ich glaube der Grund, warum ich befürchte, dass sich eine neue APO bildet, ist, dass die etablierten Bundestagsparteien weit davon entfernt sind, die Studenten zu verstehen. So sieht es nämlich aus.

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    So wird es wohl kommen. Die SPD kommt immer mehrere Schritte zu spät. Das scheint sich auch in der Opposition nicht zuu verändern.

    So wird es wohl kommen. Die SPD kommt immer mehrere Schritte zu spät. Das scheint sich auch in der Opposition nicht zuu verändern.

  3. Ich hab lieber ne blöde SPD als ne gute CDU. Also liebe Mitbürger und Kommentatoren: Aufhörn zu kritisieren und anfangen zu wählen. Besser wirds nicht.

  4. So wird es wohl kommen. Die SPD kommt immer mehrere Schritte zu spät. Das scheint sich auch in der Opposition nicht zuu verändern.

    Antwort auf "Lustig, lustig!"
    • JeMa
    • 09.12.2009 um 9:45 Uhr

    "Studentenversteher", da ist es, das Wort, mit dem man ganz leicht die Diskussion in eine bestimmte Richtung drängen kann. Und: Die hiesigen Kommentare zeigen auch größtenteils, dass das gelungen ist.
    Da stellt sich der Chef einer Partei hin und hört zu, diskutiert mit Studenten, macht eben nicht auf "Sie haben recht, und wir kümmern uns irgendwie drum!" - und die Presse berichtet vom "Studentenversteher"...
    Wer die SPD nach der Wahl genauer beobachtet, müsste eigentlich zu einem anderen Schluss kommen: Auf dem Bundesparteitag hatte Gabriel angekündigt, die SPD werde sich auf einen langen Weg machen, um wieder mehr Gedanken "von außen" einzubinden und die eigenen Standpunkte zu überprüfen. Die SPD "als lernende Partei" sozusagen. - Dafür war die Veranstaltung mit den Studierenden ein gutes Beispiel. Dafür, dass dort eben nicht schnelle Antworten kamen sondern das Angebot einer Vertiefung der Diskussion, sollte man dankbar sein.
    Den Wert schneller Antworten kann man inzwischen auch im Bildungsbereich allzu leicht erkennen: Wenn die Steuerreform z.B. trotz Schuldenbremse mit Bildungsausgaben erkauft werden soll (eine Quadratur des Kreises aus dem Hause FDP), anstatt Steuererleichterungen einfach mal bleiben zu lassen und einfach so Bildungsinvestitionen vorzunehmen...
    Die SPD ist auf einem guten Weg, wenn sie so vorgeht, wie nun zusammen mit den Studenten.

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    Gebe Ihnen 100% Recht. Auch ich finde, dass Gabriel den richtigen Weg eingeschlagen hat und dass man ihm auf seinem Weg eine Chance geben sollte und nicht gleich von vornherein alles madig reden.

    Gebe Ihnen 100% Recht. Auch ich finde, dass Gabriel den richtigen Weg eingeschlagen hat und dass man ihm auf seinem Weg eine Chance geben sollte und nicht gleich von vornherein alles madig reden.

  5. 7. APO

    Dieses Land mit seinen übersaturierten, gestopften "Eliten" wird ohne eine gesellschaftlich spürbare und bedrohlich wahrgenommene APO keinen Schritt mehr voran kommen.

    Daher ist der von der SPD getane Schritt sicher richtig, fraglich allerdings, wie ernst es den Herren damit ist.

  6. ... wurde heute Morgen im Radio verkündet! Dank Studiengebühren und Bologna-Chaos gibt immer weniger Absolventen und anstatt jungen Leute in Deutschland ein paar Tausend Euro in die Hand zu drücken (mit garantierter TOP-Rendite) und zum Studium zu motivieren werden dann lieber Leute mit gekauften Abschlüßen aus Mexiko oder Hong Kong eingestellt! Verkehrte Welt und schon längst Praxis! Gabriel ist ja anscheinend einer der wenigen Politiker die ein wenig den Durchblick haben!

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