Die Bundesregierung wird den Angehörigen der zivilen Opfer eines von der Bundeswehr befohlenen Bombardements Geld zahlen. Wie die finanzielle Wiedergutmachung konkret aussehen soll, verhandele das Ministerium nun mit dem Anwalt der Angehörigen, teilte der Sprecher des Verteidigungsministeriums Christian Dienst mit. Ein Oberst der Bundeswehr hatte Anfang September zwei Tanklaster von US-Fliegern bombardieren lassen. Die Taliban hatten die beiden Lastwagen entführt. Weil sie die Ladung an Zivilisten verschenkten, waren viele Bewohner des nahen Dorfes bei den Fahrzeugen.

Dienst sagte, es werde geprüft, ob es im Sinne der Angehörigen außergerichtlich eine Lösung geben könne, um einen möglicherweise jahrelangen Rechtsstreit zu vermeiden. "Fakt ist, es wird eine Lösung
geben." Auf die Frage, wie man dabei zwischen zivilen Opfern und und radikalislamischen Taliban unterscheiden wolle, sagte Dienst: "Das werden die Verhandlungen mit sich bringen." Die Strategie sei aber nicht, möglichst wenig zivile Opfer herauszuhandeln.

Einen großen Teil der Opferfamilien vertritt der deutsch-afghanische Rechtsanwalt Karim Popal. Er bezeichnete die von der Bundesregierung zugesagte Entschädigung als Erfolg. "Die Frage ist aber, wie die Opfer und die Hinterbliebenen entschädigt werden sollen", sagte der Rechtsanwalt Karim Popal. "Unser Ziel ist, dass sie eine langfristige Entschädigung erhalten." Das könne zum Beispiel ein Fonds sein, der zumindest das Existenzminimum der Verletzten und der Familien der Toten sichere. "Es reicht nicht, denen 1000 oder 2000 Euro in die Hand zu drücken." Am Mittwoch will Popal erneut nach Afghanistan reisen, um sich mit seinen Mandanten zu treffen. Er hat nach eigenen Angaben 78 Vollmachten. Popal hatte zuvor erklärt, er hoffe auf eine außergerichtliche Einigung mit der Bundesregierung. Sollte diese scheitern, wolle er auf Schadenersatz wegen fehlerhaften und grob fahrlässigen Verhaltens der Bundeswehr klagen.

Seit Wochen hatten der 50-jährige Popal und seine Kollegen für eine Entschädigungszahlung gekämpft. Auf seinen Reisen hatte Popal in einem Dorf unweit des Bundeswehrstützpunktes Beweise dafür gesammelt, dass bei dem von einem deutschen Oberst angeordneten Bombardement nicht nur Taliban ums Leben kamen, sondern auch zahlreiche Unschuldige. 179 Tote oder Verletzte will Popal gezählt haben. 36 Kinder und Jugendliche starben nach seinen Angaben. Ein NATO-Bericht dagegen spricht von bis zu 142 Toten und Verletzten.

Die Reisen finanzierte der in Afghanistan geborene Anwalt aus eigener Tasche, Honorar erhält er nach eigenen Angaben nicht. Dennoch macht sich der Fall für ihn bezahlt: Er bekommt mittlerweile Anfragen von Medien aus der ganzen Welt. "Ich fühle mich verpflichtet, was für meine alte Heimat zu tun", sagte Popal, der als 19-Jähriger nach Deutschland kam. Später kehrte er viele Male zurück nach Afghanistan, um Richter, Anwälte und Polizisten auszubilden.

Nach der Neubewertung des Angriffs durch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte sich Popal bessere Chancen für eine Entschädigung ausgerechnet. Guttenberg hatte den Angriff zunächst als militärisch angemessen bezeichnet und diese Auffassung in der vorigen Woche revidiert, nachdem kritische Berichte der Bundeswehr auftauchten, die er nach eigenen Angaben zuvor nicht gekannt hatte.