Die ausführenden US-Kampfpiloten haben das Bombardement zweier Tanklastzüge im afghanischen Kundus offenbar stärker hinterfragt als bislang bekannt: Sie hätten nicht nur einen oder zwei warnende Tiefflüge vorgeschlagen, sondern fünf, berichtet das Nachrichtenmagazin Der Spiegel unter Berufung auf Auszüge aus dem Nato-Abschlussbericht. Der Fliegerleitoffizier des deutschen Oberst Georg Klein habe dies jedoch abgelehnt und verlangt, das Ziel sofort anzugreifen.

Außerdem habe der Offizier sechs Bombenabwürfe verlangt. Die Besatzung der US-Kampfjets vom Typ F-15 habe dem widersprochen. Es seien nur zwei Bomben nötig. Bei dem Angriff vom 4. September waren bis zu 142 Menschen getötet oder verletzt worden, darunter auch Zivilisten. Die Washington Post hatte dagegen Anfang September berichtet, die US-Piloten hätten Bomben mit größerer Zerstörungskraft einsetzen wollen, was wiederum vom deutschen Kommando abgelehnt worden sei.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte am Donnerstag seine Bewertung des Luftangriffs korrigiert. Im Gegensatz zu seiner Stellungnahme von Anfang November bezeichnete der Minister das Bombardement als "militärisch nicht angemessen". Er begründete seine Kehrtwende damit, dass ihm wichtige Dokumente über den Vorfall vorenthalten worden seien. Gegen Oberst Georg Klein ist derzeit ein Verfahren bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe anhängig. Die Behörde muss klären, ob er mit seinem Befehl gegen Völkerstrafrecht verstoßen hat.

Unterdessen will die Union auch den ehemaligen Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) in den geplanten Untersuchungsausschuss zu dem Luftangriff vorladen. "Wir werden den früheren Außenminister im Untersuchungsausschuss befragen, was er und das Auswärtige Amt wussten", kündigte Fraktionschef Volker Kauder (CDU) in der Passauer Neuen Presse an. "Die restlose Aufklärung verlangt auch nach einer Beantwortung dieser Frage. Schließlich ist für die Auslandseinsätze der Bundeswehr das Auswärtige Amt ebenso zuständig wie das Verteidigungsressort."

Zugleich nahm er Angela Merkel gegen Angriffe der Opposition in Schutz: Die Bundeskanzlerin habe zu dem Bombardement mit zivilen Opfern nichts verschwiegen. "Die Opposition unternimmt hier den untauglichen Versuch, diesen Fall nahe ans Kanzleramt heranzurücken. Das wird nicht gelingen", sagte Kauder.

Seiner Ansicht nach ist es überdies für einen erfolgreichen Einsatz am Hindukusch entscheidend, dass die Afghanen selbst die Sicherheit gewährleisten können. Enorm wichtig sei dabei die Ausbildung der Polizei. "Hier müssen wir mehr tun. Der Bundesinnenminister muss die Frage klären, wie das Kontingent der Polizeiausbilder vergrößert werden kann."