Ohne diesen Artikel wäre Angela Merkel vermutlich nicht Parteichefin der CDU geworden – und somit wohl auch nicht Kanzlerin. Ihr Gastbeitrag, publiziert am 22. Dezember 1999 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung , war ein klarer, mutiger Aufruf zur Trennung von Helmut Kohl . Von dem Mann also, der 25 Jahre lang die CDU geführt hatte, der sich nun aber durch seine Verstrickung in den Parteispendenskandal und durch seine Weigerung, die Spendernamen zu nennen, täglich mehr diskreditierte.

Der Artikel und seine Vorgeschichte

Helmut Kohl hat "der Partei Schaden zugefügt", schrieb Merkel damals. Es sei nicht hinnehmbar, dass er "in einem rechtswidrigen Vorgang" sein Wort "über Recht und Gesetz" stelle. Für die CDU bedeute das, dass man sich von Kohl lösen müsse. "Nur auf einem wahren Fundament kann Zukunft entstehen". Die Partei müsse nun "laufen lernen, sich zutrauen, in Zukunft auch ohne (...) Helmut Kohl (...) den Kampf mit dem politischen Gegner aufnehmen".

Der Text war ein kalkulierter Affront. Bis dahin hatte es in der CDU, geschweige denn: in der CDU-Führung, niemand gewagt, öffentlich mit dem Parteipatron zu brechen. Der damalige Parteichef Wolfgang Schäuble führte in diesen Winterwochen einige Telefonate mit Kohl, flehte ihn fast an, der CDU und sich selbst zuliebe die vermaledeiten Spendernamen zu nennen. Aber Kohl ignorierte die Bitten. Stattdessen gab er unangekündigte Interviews, in denen er den Unbeugsamen mimte. Schäuble scheute den Konflikt; er wollte die Partei nicht spalten. Außerdem war er als früherer Kanzleramtsleiter, Fraktionschef und designierter Kronprinz, viel zu sehr Teil des Systems, als dass er es glaubhaft hätte verdammen können.

Merkel hingegen, damals Schäubles Generalsekretärin, scheute sich nicht, die unangenehme Wahrheit auszusprechen. Sie war ernsthaft empört über die Enthüllungen. Mit dem Kameradschaftsdenken, dem rheinischen Paternalismus, der "unverbrüchlichen Treue", die sie in der CDU vorgefunden hatte, konnte die ostdeutsche Naturwissenschaftlerin nie viel anfangen – bis heute nicht.

Hinzu kam, dass sie schon seit geraumer Zeit genervt von Kohl war, der im Jahr nach seiner Abwahl nach wie vor omnipräsent zu sein schien. Er nahm als Ehrenvorsitzender weiter an Präsidiumssitzungen teil, ließ sich auf Parteitagen feiern, zog Strippen. Seine frühere Ministerin Merkel mobbte er dabei regelrecht. Er verübelte ihr, dass sie neue CDU-Slogans präsentierte, wie "Mitten im Leben" oder "Risiko statt falscher Sicherheit", die sich demonstrativ von seiner alten Regierungszeit abgrenzten.  

Insofern boten die Spendenenthüllungen Merkel auch einen guten Anlass, sich von Kohl zu distanzieren – und in rund 150 Zeitungszeilen die Partei zum Bruch mit ihm aufzurufen. Zumal der Konflikt insgeheim schon seit Jahren schwelte. In der Spätphase der Kanzlerschaft Kohls hatte Merkel und Schäuble eines verbunden: die heimliche Unzufriedenheit mit einem Regierungschef, der Reformen aufschob und sich zunehmend mit Ja-Sagern umgab.

Die Reaktionen

Merkels FAZ -Text wurde schon damals, noch in seiner Erscheinungswoche, als historisch bewertet. Jeder, der ihn las oder von ihm hörte, ahnte, dass der CDU eine Weichenstellung, womöglich eine Spaltung bevor stand. Jeder CDU-Anhänger sah sich zur Positionierung genötigt. War man für Merkel? Oder für Kohl?

Merkels politische Karriere hing jedenfalls fortan an einem seidenen Faden. Noch am 22. Dezember formierten sich ihre Kritiker. In Leserbriefen oder Kommentaren auf der neuen Homepage der CDU nannte man sie "Vatermörderin", "Nestbeschmutzerin" und dergleichen mehr.

 

Alte Getreue des Kanzlers distanzierten sich sofort von der Generalsekretärin. Etwa der frühere Kanzleramtsminister Friedrich Bohl , der Merkels Beitrag "politisch nicht hilfreich" nannte. Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel rügte ausdrücklich "diese Los-von-Kohl-Bewegung". Und der frühere Staatsminister Anton Pfeiffer im Kanzleramt schäumte: Wer Kohls Lebensleistung zur Disposition stelle, nehme in Kauf, dass "die CDU ein entscheidendes Stück ihrer Identität" verliere.  

Aber nicht nur die alten Weggefährten Kohls reagierten pikiert, sondern auch viele junge CDU-Politiker, die in der Ära Kohl sozialisiert worden waren. Volker Rühe und Jürgen Rüttgers galten damals als Hoffnungsträger der Partei. Sie hatten im kommenden Frühjahr Landtagswahlen zu bestreiten. Merkels Aufruf zur Loslösung von Kohl kam ihnen ungelegen. Sie wollten die Debatte am liebsten so schnell wie möglich beenden. Rüttgers rief die Partei zur Geschlossenheit auf. Rühe nannte Merkels Artikel erst "unverständlich", später "angemessen". Andere Landeschefs wie Roland Koch in Hessen oder Peter Müller im Saarland hielten sich vornehm zurück oder schwankten ebenfalls in ihrem Urteil.

Merkel wurde aber nicht nur kritisiert, sondern auch vom ersten Tag an gelobt. Einer der ersten Führungspolitiker der CDU, der sie öffentlich unterstützte, war der junge stellvertretende Fraktionschef im Bundestag, Friedrich Merz . Er ließ sich Heiligabend '99 mit dem Satz zitieren: "Ich unterschreibe jeden Satz". Auch die Junge Union stellte sich hinter Merkel, ebenso: viele alte Kohl-Gegner, sowie einige ostdeutsche und die großstädtischen Landesverbände. Und nicht zuletzt: die Medien. Der Boulevard, die Wochenzeitungen, ein Großteil der Tagespresse – sie alle gaben Merkel Recht.

Die Folgen

Merkel wurde also durch einen einzigen Text Meinungsführerin der CDU und – erstmals in ihrer Karriere – beliebteste Politikerin der Republik. Dies sicherte ihr ihre wichtigste Ressource für den Aufstieg nach ganz oben: die Unterstützung der Basis. Nachdem Schäuble über widersprüchliche Aussagen über einen dubiosen Deal mit einem noch dubioseren Waffenhändler gestürzt war und als Parteichef zurücktreten musste, wurde "Angie" auf den folgenden Regionalkonferenzen förmlich an die Spitze der Partei gerufen. Mit 95,9 Prozent wählte man sie auf dem Parteitag im April 2000 zur Vorsitzenden, ihr bis heute bestes Ergebnis. Potentielle Rivalen verzichteten auf eine Gegenkandidatur, als sie sahen, wie kompromisslos die Basis sie unterstützte.

Obgleich Merkel oft nachgesagt worden ist, sie sei führungsschwach und halte mit ihrer Meinung hinter dem Berg, wandelte sich die CDU unter ihrer Führung durchaus. Sie installierte eine Familienkommission, mit Ursula von der Leyen an der Spitze, brach so mit dem alten christdemokratischen Hausfrauen-Ideal. Sie ließ ein neues Gesundheits- und ein neues Steuerkonzept entwerfen, entfernte sich so peu a peu von der Blüm'schen Sozialstaatspolitik. Kurz, unter ihr wurde die Union liberaler: gesellschaftspolitisch moderner und wirtschaftspolitisch kälter.

Angekündigt hatte sie diesen Transformationsprozess bereits in ihrem FAZ -Artikel, im Dezember 1999. Der letzte Absatz wird von einer Passage im Futur II eingeleitet. "Wenn wir diesen Prozess annehmen, wird unsere Partei sich verändert haben", schrieb Merkel damals. Sie hat Wort gehalten.