Zum Tod von Lambsdorff Ritter der liberalen Sache
Er war schroff und kantig, sarkastisch und immer geradeaus. Reden konnte er wie kein Zweiter. Er hat alles für die FDP getan. Zum Tod von Otto Graf Lambsdorff
Unter seinen Augen haben sich die dunklen Ränder vertieft. Die Falten, die sein Gesicht durchziehen, sind noch schärfer geworden. Müde sitzt er im Wagen. Er hat Schmerzen im Beinstumpf, der die Folge einer schweren Verwundung ist, acht Tage vor Kriegsende. Dann noch dieser Hexenschuss. Er hat sich fit spritzen lassen, einmal, zweimal. "Ich komm nicht? Das gibt’s nicht." Allmählich weicht die Anspannung. Schluss für heute. Ende einer Wahlkampftour zur Wahl 1987, mit Veranstaltungen vor 120 Menschen in Isernhagen, 18 in Garbsen, 70 in Langenhagen, 50 in einem Nebensaal der Stadthalle in Hannover. So war das damals.
Otto Friedrich Wilhelm Freiherr von der Wenge Graf Lambsdorff ist tot. Was für ein Name. Geboren ist er in Aachen, aber die Familie ist verbunden mit dem zaristischen Russland. Ein Vorfahr war Außenminister des Zaren, ein anderer kaiserlich russischer General der Infanterie, der Vater noch Kadett in St. Petersburg. Und was für ein Kerl war er – das hätte der große Schroffe, der Mann mit dem geschliffenen Sarkasmus selbst gesagt. Am 20. Dezember wäre Lambsdorff, dem die FDP das Überleben mit verdankt, 83 Jahre alt geworden.
Er war einerseits ein Gütesiegel, für die Liberalen ganz sicher, andererseits ein Fanal: Wann immer sein Name ertönte, war klar, dass es kein Vertun geben würde. Die SPD hat er gequält vor 1982 mit einem Papier zur künftigen Wirtschaftspolitik. Da wollte er Einschnitte ins soziale Netz, wollte Konsolidierung, Sparen, Umsteuern, so dass die Genossen stöhnten und ihn, angeführt von Herbert Wehner, von nun an als "Marktgraf" verhöhnten. Sein Papier wurde zum "Wendepapier", und Bundeskanzler Helmut Schmidt setzte der FDP den Stuhl vor die Tür. "Reisende soll man nicht aufhalten", sagte er im Bundestag. Lambsdorff blieb Wirtschaftsminister, Schmidt nicht Kanzler. Statt seiner kam Helmut Kohl von der CDU. Aber Lambsdorff war der, der die Wende durchsetzte – Sympathien hat es ihm nicht eingebracht. Auch nicht bei Kohl.
Zwei Jahre später holte ihn die Vergangenheit ein und versetzte seiner politischen Laufbahn einen Tritt, der lange nachwirkte – die große Flick-Affäre, wo zur "Pflege der politischen Landschaft" Gelder an Parteien ausgereicht worden waren. Aber wie: Ermittlungen liefen an, der Graf trat zurück, 1984, er musste, weil gegen ihn im Spendenskandal der Vorwurf der Bestechlichkeit erhoben worden war. 1986, im Juli, wurde der Vorwurf fallengelassen, aber es gab eine Geldstrafe, 180.000 Mark wegen Steuerhinterziehung beziehungsweise Beihilfe zur Steuerhinterziehung. Lambsdorff war vorbestraft. Und seine Partei hatte ein schlechtes Gewissen.
Der "Lordsiegelbewahrer der Marktwirtschaft", als den ihn Franz Josef Strauß, der ebenso wortmächtige CSU-Chef, einmal zu karikieren versuchte, hatte tatsächlich lange im Kreditgewerbe gearbeitet, war im Bankhaus Trinkaus Generalbevollmächtigter gewesen, dann Vorstand in einer Rückversicherung, später Anwalt, Aufsichtsrat. Er wusste also, wovon er sprach, das gestanden ihm sogar Strauß und Helmut Schmidt zu. Ein brillanter Redner war er sowieso. Bloß war Lambsdorff eben so anders als das Bild, dass die beiden von den Liberalen hatten: kein Taktieren, keine Balance-Übungen, stattdessen Offenheit, Klarheit, Festigkeit. Nie lamentierend, höchst selten lavierend, sondern zur Not unter Zurhilfenahme seiner Krücke mit dem Silbergriff argumentierend. Und manchmal sich selbst mit allzu flotten Sarkasmen ohne Not desavouierend. Unvergessen seine Lehre nach einer Japan-Reise 1980: "Mehr arbeiten, weniger krankfeiern." Die Japaner haben ihn seither verehrt. Er mochte immer japanische Küche und Kunst.
Nach seinem Rücktritt als Wirtschaftsminister, dem Amt, das noch heute alle seine Nachfolger an ihm misst, hat er weiter Politik gemacht. Er konnte gar nicht anders. Seit 1951 Mitglied der FDP, Schatzmeister in NRW, Bundesvorstandsmitglied, 1988 bis 1993 Bundesvorsitzender, dann Ehrenvorsitzender, bis 1998 Mitglied des Bundestages – so liest sich eine stolze Vita. Sie sagt nur nicht alles.
Lambsdorff war nie bloß der Marktgraf. Er hat mitgearbeitet am sagenumwobenen Freiburger Programm, wo auch vermeintlich linke Thesen vertreten wurden, linksliberale. Darauf angesprochen hat er nur geschnarrt: "Links? Rechts? Für mich gibt’s nur liberal." Und der Begriff sozial gehörte eben auch irgendwie zum Begriff liberal. Darum warnte Lambsdorff zur Überraschung mancher immer mal wieder vor Neomerkantilismus, vor fehlgeleitetem industriepolitischen Ehrgeiz, vor der Macht der Banken. Das übrigens lange, lange schon.
Wegen dieser Eigenständigkeit, seiner Widerborstigkeit, war er in Menschenrechtsfragen einer, den die Linke achtete und die Außenminister der eigenen Partei fürchteten. Tibet, der Dalai Lama, der "kritische Dialog" – mancher "Hammelsprung" im Bundestag ist ihm zu verdanken, man frage nur Klaus Kinkel, seinen späteren Nachfolger als FDP-Chef. Als Chef der Friedrich-Naumann-Stiftung hat Lambsdorff seinen unbestechlichen Ruf noch gepflegt.
1988 bis 1993 ist er FDP-Vorsitzender. Jürgen Wilhelm Möllemann, zu der Zeit noch in Gnaden, in Würden als NRW-Vorsitzender der FDP und der starke Mann in den Kulissen, hat ihn durchgesetzt mit einem fast amerikanischen Wahlkampf. Möllemann hat mit harten Bandagen gegen Irmgard Adam-Schwaetzer, die wie Lambsdorff aus seinem Landesverband kommt, gekämpft. Ihm geht es nicht um eine späte Wiedergutmachung oder um eine "Resozialisierung" des Grafen, wie mancher Sozialdemokrat hinter vorgehaltener Hand hämt. Nein, er ist überzeugt, dass die FDP jetzt einen braucht, der den geraden Kurs halten kann. Gerade in einer Koalition mit Kohl. Es gelingt, Lambsdorff gewinnt mit 211 Stimmen gegen 187. Ein Ministeramt strebt er nicht mehr an.
- Datum 06.12.2009 - 19:04 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Für mich war er ein politischer Gegner - aber ein Großer. Und darin einer der letzten seiner Art.
Korruption ist das gefährlichste Verbrechen, daß in einer Demokratie vorkommen kann. Er hat als Minister von Flick Geld bekommen und für Flick eine sachlich nicht gerechtfertigte Steuerbefreiung erteilt. Um da keinen Zusammenhang zu sehen, muß man wohl deutscher Richter sein. Die Steuerdelikte waren dann doch so gut dokumentiert, so daß kein Auge mehr zugedrückt wurde. Und Lambsdorff selbst fand das immer in Ordnung, weil er sich ja nicht persönlich bereichert hat, nur die Partei. Ist Machtgier weniger schlimm als Habgier? Muß so jemand posthum auf den Sockel gestellt werden?
Sie werden hoffentlioh nie einen Fehler machen, an dem man ihr ganzes Leben aufhängen kann.
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Als ich gestern auf dieser Seite war, entspann sich hier eine interessante, weil kontroverse Diskussion über das Leben und Wirken Otto Graf Lambsdorffs.
Heute morgen war hier von den immerhin auf vier Seiten angewachsenen keine Spur mehr zu finden. Sind hier etwa die negativen Beiträge zensiert worden?
Man kann einem Politiker vom Schlage Lambsdorff zu Recht viel Gutes und viel Schlechtes nachsagen, aber das Mundtotmachen eines politische Andersdenkenden durch Zensur hätte sicherlich auch er selbst als respektlos und würdelos empfunden.
diesen Thread?
Übrigens eine Frage an die Redaktion:
Warum steht der originale Thread, der übrigens über die Seite nicht mehr erreichbar ist, in der Rubrik Sport/Fußball?
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Sie werden hoffentlioh nie einen Fehler machen, an dem man ihr ganzes Leben aufhängen kann.
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Warum steht der originale Thread, der übrigens über die Seite nicht mehr erreichbar ist, in der Rubrik Sport/Fußball?
Hier der Link.
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[entfernt, bitte bleiben Sie höflich und vermeiden Sie den unpassenden Begriff Zensur/ Redaktion; svb]
Lambsdorff hat z.B. mit seinem Papier von 1982 ein streitbares Erbe hinterlassen, dessen Auswirkungen unsere Gesellschaft noch weit über seinen Tod hinaus beschäftigen werden. Durch sein Ableben werden diese Thesen aber nicht automatisch zur universellen Wahrheit, sondern bleiben streitbar und diskussionwürdig.
Wenn Lambsdorf ein echter Demokrat war, hätte er bestimmt auch dieses Zitat von Voltaire unterschrieben:
„Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“
In allen Ehren, aber die offene Diskussion muss weiter gehen!
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Lambsdorff hat z.B. mit seinem Papier von 1982 ein streitbares Erbe hinterlassen, dessen Auswirkungen unsere Gesellschaft noch weit über seinen Tod hinaus beschäftigen werden. Durch sein Ableben werden diese Thesen aber nicht automatisch zur universellen Wahrheit, sondern bleiben streitbar und diskussionwürdig.
Wenn Lambsdorf ein echter Demokrat war, hätte er bestimmt auch dieses Zitat von Voltaire unterschrieben:
„Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“
In allen Ehren, aber die offene Diskussion muss weiter gehen!
[entfernt, bitte bleiben Sie höflich und vermeiden Sie den unpassenden Begriff Zensur/ Redaktion; svb]
Lambsdorff hat z.B. mit seinem Papier von 1982 ein streitbares Erbe hinterlassen, dessen Auswirkungen unsere Gesellschaft noch weit über seinen Tod hinaus beschäftigen werden. Durch sein Ableben werden diese Thesen aber nicht automatisch zur universellen Wahrheit, sondern bleiben streitbar und diskussionwürdig.
Wenn Lambsdorf ein echter Demokrat war, hätte er bestimmt auch dieses Zitat von Voltaire unterschrieben:
„Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“
In allen Ehren, aber die offene Diskussion muss weiter gehen!
Zu diesem Papier wird viel in die Welt gesetzt, was in der Interpretation nicht richtig ist.
Das Lambsdorff Papier war zunächst eine Zustandsbeschreibung der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft nebst zukünftiger Entwicklung. Zusätzlich dazu Handlungsempfehlungen, wie diesen Entwicklungen zu begegnen ist.
Kritiker verunglimpfen vor allem die Handlungsempfehlungen als neoliberal in heutigem Sinne, was aber so pauschal schlicht falsch ist.
Fakt ist, das über diese Thesen die sozialliberale Koalition stürzte. Linke Sozialdemokraten machen dafür vor allem diese Thesen verantwortlich und damit die FDP. Allerdings ist die SPD jede inhaltliche Diskussion zu den aufgestellten Thesen schuldig geblieben. Sie wurden schlicht negiert, weil sie nicht zu den linken Vorstellungen weiterer sozialstaatlicher Ansprüche passten.
Man kann über die Handlungsempfehlungen streiten, einige waren in der Nachschau auch sicher nicht zielführend. Doch entscheidend bleibt, das die Sozialdemokratie sich damals den Realitäten verweigerte, in keiner Weise bereit war die Fakten zur Kenntnis zu nehmen und die Herausforderungen, besonders die Demographische zu gestalten.
Letztlich ist dieser 30-jährige Zeitverlust größte Ursache und Wurzel der heutigen Probleme des Staatshaushaltes und auch des Niedergangs der SPD. Besonders Oscar Lafontaine´s Name ist entscheidend mit diesem historischen Versagen verknüpft, der durch das ignorante und sture Beharren erst die lange Regierungszeit Kohls möglich machte.
H.
Zu diesem Papier wird viel in die Welt gesetzt, was in der Interpretation nicht richtig ist.
Das Lambsdorff Papier war zunächst eine Zustandsbeschreibung der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft nebst zukünftiger Entwicklung. Zusätzlich dazu Handlungsempfehlungen, wie diesen Entwicklungen zu begegnen ist.
Kritiker verunglimpfen vor allem die Handlungsempfehlungen als neoliberal in heutigem Sinne, was aber so pauschal schlicht falsch ist.
Fakt ist, das über diese Thesen die sozialliberale Koalition stürzte. Linke Sozialdemokraten machen dafür vor allem diese Thesen verantwortlich und damit die FDP. Allerdings ist die SPD jede inhaltliche Diskussion zu den aufgestellten Thesen schuldig geblieben. Sie wurden schlicht negiert, weil sie nicht zu den linken Vorstellungen weiterer sozialstaatlicher Ansprüche passten.
Man kann über die Handlungsempfehlungen streiten, einige waren in der Nachschau auch sicher nicht zielführend. Doch entscheidend bleibt, das die Sozialdemokratie sich damals den Realitäten verweigerte, in keiner Weise bereit war die Fakten zur Kenntnis zu nehmen und die Herausforderungen, besonders die Demographische zu gestalten.
Letztlich ist dieser 30-jährige Zeitverlust größte Ursache und Wurzel der heutigen Probleme des Staatshaushaltes und auch des Niedergangs der SPD. Besonders Oscar Lafontaine´s Name ist entscheidend mit diesem historischen Versagen verknüpft, der durch das ignorante und sture Beharren erst die lange Regierungszeit Kohls möglich machte.
H.
gerade ist mir eingefallen, dass "al capone" wegen steuerhinterziehung verurteilt wurde. offensichtlich konnte ihm weiteres nicht nachgewiesen werden... keine ahnung warum mir das ausgerechnet jetzt einfiel.
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