Andrea Nahles "Ich mache es wie Jesus"

Die SPD-Generalsekretärin stellt in Berlin ihre Biografie vor. Dabei zeigt sie ihre beiden Gesichter: Provinzmädchen und Machtpolitikerin. Von Michael Schlieben

Kalt, berechnend, machtgeil. Dieses Bild von Andrea Nahles gefällt dem Münchner Pattloch-Verlag nicht, der an diesem Donnerstag in Berlin das Erstlingswerk der SPD-Generalsekretärin präsentiert. Reichlich eindimensional sei Nahles, die vermeintliche "Königsmörderin", bisher von der öffentlichen Meinung dargestellt worden, schreibt der Verlag in der Presseeinladung. Ein Nachrichtenmagazin titelte sogar einmal, ziemlich despektierlich: Frau Nahles sei "der letzte Mann der SPD".

Tatsächlich, so versichert der Verlag, sei Nahles eine "nachdenkliche", eine "gläubige" Frau, die "nichts so sehr liebt wie ihre Familie und ihr Dorf in der Eifel" und die sich stets "für die Schwachen" einsetze.

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Nahles selbst ist ebenfalls viel daran gelegen, dass diese zweite Facette ihrer Persönlichkeit bekannt wird. Deswegen hat sie das Buch geschrieben. Es heißt Frau, gläubig, links. Was mir wichtig ist. Keine klassische Biografie, sondern eine für den politischen Betrieb typische Hybridgattung aus persönlichem Erfahrungsbericht, politischer Programmatik und persönlich-politischer Abrechnung mit den Vorgängern, der soeben abgewählten Führungsriege der SPD.

So ist es auch diese andere Seite, die die ersten 20 Minuten der Buchpräsentation bestimmen. Das Menschliche steht im Vordergrund. Nahles öffnet sich. Sie, das "katholische Mädchen vom Lande" (Nahles über Nahles), erzählt von ihrer Realschule, von der Dörflichkeit, in der sie aufwuchs, von ihren Arbeiter-Eltern, die erst Jahre nach ihr der SPD beitraten.

Als zentrale und für Sozialdemokraten eher untypische Präge-Instanz führt Nahles ihren Glauben an. Der Katholizismus sei für sie eine "wichtige persönliche Kraftquelle". Sie wurde durch die ökumenische Jugendarbeit politisiert, auf einem Kloster in der Eiffel diskutierte sie viele Fragen zum ersten Mal. Hier "erschloss" sie sich "die Welt", hier entwickelte sie ihr "Rückgrat". Nahles wirkt bei solchen Sätzen durchaus authentisch und verletzlich.

Allerdings nicht gerade unbescheiden. Ihr "Leitmotiv", erzählt sie, habe ihr ein Bischof "mit auf dem Weg" gegeben: "Mache es wie Jesus, werde Mensch", lautet es. Was sie damit meint? Nahles erklärt: Man müsse sich "auch mal neben sich stellen, Fehler zugeben, zweifeln. Daran habe sie sich bisher gehalten, und das will sie auch künftig tun. Schließlich sei es doch der Kardinalfehler der SPD in den vergangenen elf Regierungsjahren gewesen: "Es durfte nicht mehr gezweifelt werden."

Nahles hat sich keinen prominenten Sparringspartner ausgesucht, keinen politischen Gegner wie etwa einst FDP-Chef Guido Westerwelle, dessen Biografie Frank-Walter Steinmeier vorstellte. Das Nahles-Buch präsentiert ein SWR-Redakteur, der nette, harmlose Fragen stellt.

Etwas hitziger wird die Atmosphäre, als die allgemeine Fragerunde eröffnet wird. Nun blitzt auch das zweite Gesicht von Andrea Nahles auf: das der Machtpolitikerin. Auf kritische Fragen antwortet sie streng. Mehrfach legt sie die Stirn in Falten und rechtfertigt sich: "Mit Verlaub, ich gehe nicht mit meinem Glauben hausieren!" Aus der verletzlichen Andrea wird in Sekundenschnelle die streiterprobte Generalin Nahles, die austeilen kann.

Nun übt sie Kritik an der alten SPD-Elite, von der es im Buch nur so wimmelt: an den Steinmeiers, Münteferings und Clements.

Die alte Agenda-SPD habe nicht nur als Regierungspartei falsche Entscheidungen getroffen: wie die Einführung der Rente mit 67 oder die Beschränkung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I ("der Sündenfall von Hartz"). Sie habe auch einen "menschlich unanständigen" Stil im Umgang miteinander eingeführt. Als Synonym für die verrohte Umgangskultur in der SPD miteinander reicht ihr ein Wort: "Schwielowsee". Hier mobbten Steinmeier und Müntefering den Ex-Parteichef Kurt Beck aus dem Amt.

Nahles bestreitet gar nicht, sich selbst ebenfalls mit Machtpolitik auszukennen. "Ich habe auch schon hart agiert", sagt sie im feinsten SPD-Sprech. Ob sie damit ihre Kampfkandidatur 2005 gegen den Müntefering-Vertrauten Kajo Wasserhövel meint?

Aber, was sie von der Schwielowsee-Connection unterscheide und was sie sich selbst zugute halte, sei, dass sie stets "durch die Vorder-, nicht nur die Hintertür" agiere. Herausfordernd funkelt sie die Journalisten an. Niemand widerspricht ihr. Nahles presst die Lippen aufeinander und lächelt.

 
Leser-Kommentare
    • Harzer
    • 10.12.2009 um 18:18 Uhr

    über die "alte" Agenda-connection von Schröder, Hartz4, über unanständigen Stiel ( auch den Wählern gegenüber ! ) bis zu Schwielosee sagt, ist Klar und richtig, und endlich gibt es jemand aus der SPD-Führung zu.
    Nur, von den "Alten" sind noch einige da, von Herrn Steinmeier bis zu Herrn Matschie.
    Also, so schnell ist das Vertrauen nicht zurück zu gewinnen.
    " An ihren Taten sollt Ihr sie erkennen ! "

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    sind gewiss nicht verzichtbar. Und Frau Nahles wird noch
    lernen müssen, dass Flügelkämpfe, wie entschieden gerade
    mit ihrer Hilfe "Gewinn" eingefahren werden soll, in jedem
    Fall Schaden anrichten. Eigentlich ist gerade von Frau
    Nahles zu erwarten, dass sie schon aus eigener Erfahrung
    in dieser Sache klug geworden sein sollte. Ist sie aber
    offenbar noch nicht. Ob's noch wird?

    Lassen Sie die Frau erstmal machen...
    Von den Alten in der SPD lernen, wenn Sie die Herren Schröder
    Clement, Steinmeier etc meinen, von denen braucht die Dame nichts lernen, denn die waren es, die die SPD in den Abgrund gerissen haben, durch ihre Agendapolitik und die Anbiederung
    an die Wirtschaft.

    sind gewiss nicht verzichtbar. Und Frau Nahles wird noch
    lernen müssen, dass Flügelkämpfe, wie entschieden gerade
    mit ihrer Hilfe "Gewinn" eingefahren werden soll, in jedem
    Fall Schaden anrichten. Eigentlich ist gerade von Frau
    Nahles zu erwarten, dass sie schon aus eigener Erfahrung
    in dieser Sache klug geworden sein sollte. Ist sie aber
    offenbar noch nicht. Ob's noch wird?

    Lassen Sie die Frau erstmal machen...
    Von den Alten in der SPD lernen, wenn Sie die Herren Schröder
    Clement, Steinmeier etc meinen, von denen braucht die Dame nichts lernen, denn die waren es, die die SPD in den Abgrund gerissen haben, durch ihre Agendapolitik und die Anbiederung
    an die Wirtschaft.

  1. sind gewiss nicht verzichtbar. Und Frau Nahles wird noch
    lernen müssen, dass Flügelkämpfe, wie entschieden gerade
    mit ihrer Hilfe "Gewinn" eingefahren werden soll, in jedem
    Fall Schaden anrichten. Eigentlich ist gerade von Frau
    Nahles zu erwarten, dass sie schon aus eigener Erfahrung
    in dieser Sache klug geworden sein sollte. Ist sie aber
    offenbar noch nicht. Ob's noch wird?

    Antwort auf "Was Frau Nahles"
  2. "...eine "gläubige" Frau, die "nichts so sehr liebt wie ihre Familie und ihr Dorf in der EIFEL"

    und

    "...erzählt [...] von der PFÄLZISCHEN Dörflichkeit, in der sie aufwuchs,"

    Wie gut, dass es immer noch Journalisten gibt, die sich so gut in Deutschland auskennen. :-))

  3. dass wir solche Kritiker haben, die die Eifel in Teilen nicht in Rheinland-Pfalz verortet sehen:

    http://www.mapsofworld.co...

    Geografischer Gruß
    Pf.

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    Die Eifel hat mit der Pfalz nichts zu tun, selbst wenn sie zum Teil in Rheinland-Pfalz liegt. Die Eifel liegt zur Gänze im Rheinland.

    Ebensowenig kann man die Eifel jenseits der Grenze zu Westfalen erklären, obschon das Gebiet zu Nordrhein-Westfalen gehört.

    Andererseits habe ich mich schon fast daran gewöhnt, daß Ignoranten meine bergische Heimat zum "Sauerland" erklären, was genauso abwegig ist. (Berg liegt im Rheinland, das Sauerland in Westfalen...)

    Eigentlich sollte ich noch was zu Frau Nahles schreiben, um die Form zu wahren... aber Landeskunde ist wichtiger:)

    Die Eifel hat mit der Pfalz nichts zu tun, selbst wenn sie zum Teil in Rheinland-Pfalz liegt. Die Eifel liegt zur Gänze im Rheinland.

    Ebensowenig kann man die Eifel jenseits der Grenze zu Westfalen erklären, obschon das Gebiet zu Nordrhein-Westfalen gehört.

    Andererseits habe ich mich schon fast daran gewöhnt, daß Ignoranten meine bergische Heimat zum "Sauerland" erklären, was genauso abwegig ist. (Berg liegt im Rheinland, das Sauerland in Westfalen...)

    Eigentlich sollte ich noch was zu Frau Nahles schreiben, um die Form zu wahren... aber Landeskunde ist wichtiger:)

  4. Die Eifel hat mit der Pfalz nichts zu tun, selbst wenn sie zum Teil in Rheinland-Pfalz liegt. Die Eifel liegt zur Gänze im Rheinland.

    Ebensowenig kann man die Eifel jenseits der Grenze zu Westfalen erklären, obschon das Gebiet zu Nordrhein-Westfalen gehört.

    Andererseits habe ich mich schon fast daran gewöhnt, daß Ignoranten meine bergische Heimat zum "Sauerland" erklären, was genauso abwegig ist. (Berg liegt im Rheinland, das Sauerland in Westfalen...)

    Eigentlich sollte ich noch was zu Frau Nahles schreiben, um die Form zu wahren... aber Landeskunde ist wichtiger:)

    Antwort auf "@ 3 und wie gut,"
  5. a) liegt Adenau in der Eifel?

    b) zu welchem Bundesland gehört Adenau?

    Hilfestellung:

    http://www.mapsofworld.co...

  6. Die Eifel und der Westerwald - das sind die Landstriche um Bonn herum, in denen die Türen niedriger und die Menschen lustiger sind, ja, sogar oftmals grinsend auf den Treppenstufen sitzen.

    Eigentlich ist das das Entscheidende und nicht so sehr die Zugehörigkeit zu den Bundesländern.

  7. sich gegen Kommentar 3 abgrenzen.

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