Fallen lassen werde er ihn nicht, hatte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) dem deutschen Oberst Georg Klein versprochen und in gleichem Atemzug dessen Befehl zum Luftschlag am Kundus-Fluss "militärisch nicht angemessen" genannt. Jetzt wird die Solidarität des Ministers mit seinem Soldaten weiter auf die Probe gestellt. Am Samstag bekannt gewordene Dokumente bringen Klein, gegen den ein Ermittlungsverfahren wegen Kriegsverbrechen geprüft wird, unter Druck.

"Am 4. September um 1 Uhr 51 entschloss ich mich, zwei am Abend des 3. September entführte Tanklastwagen sowie an den Fahrzeugen befindliche INS (Insurgents, Aufständische, Anm. d. Red.) durch den Einsatz von Luftstreitkräften zu vernichten", berichtet der Spiegel aus einer Meldung, die Klein am 5. September an den damaligen Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan schrieb. Er sei gegen null Uhr geweckt worden und in den Befehlsstand der Task Force 47 gegangen. Aus den Bildern der Bomberpiloten habe er geschlossen, dass die Anwesenheit von Unbeteiligten sehr unwahrscheinlich sei. Das Bombardement habe er befohlen, "um Gefahren für meine Soldaten frühzeitig abzuwenden und andererseits mit höchster Wahrscheinlichkeit nur Feinde des Wiederaufbaus zu treffen". Den Eindruck, Klein sei es um Taliban gegangen, stützt auch der offizielle Untersuchungsbericht der Afghanistan-Schutztruppe Isaf zu dem umstrittenen Kommando.

Sollten sich die Aussagen noch nicht in den Akten der Generalbundesanwältin Monika Harms befinden, sie könnte sich dafür interessieren. Die Karlsruher Behörde sichtet derzeit Unterlagen und Berichte. Denn zu den nach dem Völkerstrafrecht "verbotenen Methoden der Kriegsführung" gehört auch ein Angriff, wenn man mit einer unverhältnismäßig hohen Zahl ziviler Opfer zu rechnen hatte. Stirbt dann tatsächlich jemand, liegt die Mindeststrafe bei fünf Jahren Haft.

Die Bundeswehr verteidigte die Bomben auf die festgefahrenen Tanklaster bisher damit, sie habe einen unmittelbaren Anschlag mit den Lastern befürchten müssen. Nach den derzeit bekannten Informationen sah es danach nicht aus. Neben Taliban befanden sich offenbar auch Zivilisten aus einem nahe gelegenen Dorf bei den Fahrzeugen, um sie auszuschlachten und Treibstoff abzulassen. Die Süddeutsche Zeitung zitiert aus dem Isaf-Bericht, Klein habe Nachricht bekommen, die Zivilisten seien später in der Nacht abgezogen, nur Taliban und mehrere ihrer Anführer seien noch anwesend. Klein habe sodann amerikanische Bomber unter dem Vorwand angefordert, seine Truppen hätten Feindkontakt. Die Besatzung habe sich, als sie die Lage erkannte, beim Gefechtsstand des Isaf-Kommandeurs Stanley McChrystal rückversichern wollen, aber der deutsche Fliegerleitoffizier habe dies ebenso abgelehnt wie das Angebot einer Machtdemonstration im Tiefflug. Die Deutschen hätten stattdessen bekräftigt, es drohe Gefahr, die Taliban formierten sich neu. Daraufhin feuerten die Flieger.

Für ein mögliches Verfahren gegen den Oberst wird es auf die Frage ankommen, was er in der Nacht über die Situation am Kundus-Fluss wusste und nach seinen Informationen vermuten durfte. Wie sicher waren die Angaben, vor Ort seien nur Taliban? Dabei könnten auch die Aussagen der Bomberpiloten eine Rolle spielen, die für ein Eingreifen offenbar keinen Anlass sahen. Auch wenn die Karlsruher Behörde zum Schluss kommt, ein Kriegsverbrechen liege nicht vor, droht immer noch ein Verfahren mindestens wegen fahrlässiger Tötung.

Unabhängig davon ist fraglich, ob es zum Ziel der Isaf-Truppe gehört, "Feinde des Wiederaufbaus" zu vernichten, zumal für einen deutschen Kommandeur. Um das UN-Mandat zur Aufbauhilfe durchzusetzen, ist militärische Gewalt zwar erlaubt, zulässig ist nach dem Parlamentsbeschluss auch Selbstverteidigung und "bewaffnete Nothilfe". Die gezielte Tötung von Gegnern aber würde den Auftrag der Schutztruppe wohl überdehnen.