Politische Netzwerke Genmais stoppen übers Internet

Konkrete Themen, sichtbarer Einfluss, zeitlich begrenzt: Junge Menschen sind bereit, sich über Online-Plattformen politisch und sozial zu engagieren. Aber nur, wenn die Bedingungen stimmen.

Jugendliche vernetzen sich online, um offline gemeinsam soziale und politische Projekte umzusetzen: Tolle Idee, befanden das Bundesfamilienministerium, die Bundeszentrale für politische Bildung und der Deutsche Bundesjungendring. Zusammen starteten sie 2007 das interaktive Portal du-machst.de, das jungen Menschen Hilfe bei solchen Projekten leisten und zudem als soziales Netzwerk fungieren sollte.

Statt zu einem pulsierenden Partizipationsangebot zu gedeihen, verwaiste die Seite jedoch. Im Oktober dieses Jahres ging sie schließlich vom Netz.

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Politische Beteiligung wird im und durch das Internet zwar leichter. Interessierte müssen sich nicht erst einer Partei, einem Verband oder einer Bürgerinitiative anschließen, sondern können sich auf geeigneten Plattformen Gleichgesinnte suchen und mit ihnen für spontane Aktionen verabreden. Aber das Beispiel von du-machst.de zeigt, dass nicht jedes Mitmachangebote im Netz erfolgreich ist. Die Technik ist bloß das Mittel, nicht die Botschaft. Politische Netzwerke und Plattformen müssen verschiedene Bedingungen erfüllen, um mobilisierend zu wirken.

„Die Kernfrage einer politischen Community ist, ob sie nur dazu da ist, vorgegebene Sandförmchen zu füllen, oder ob die Mitglieder tatsächlich Einfluss ausüben können“, sagt Sebastian Deterding, der du-machst.de bei der Bundeszentrale für politische Bildung mitbetreut hat. Wer sich online engagiert, möchte wissen, was er real damit bewirken kann. Teilhabe und Einfluss müssten sichtbar sein.

Dies können die meisten Partei-Communitys bisher nicht leisten. Untersuchungen der Universität Hohenheim während des Bundestagswahlkampfs haben gezeigt, dass die Mitglieder der parteieigenen Netzwerke in der Regel die Inhalte der Parteikampagnen kaum substanziell beeinflussen konnten. „Kritische und diskursive Impulse wurden unterdrückt oder zumindest nicht konsequent aufgenommen“, sagt der Hohenheimer Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider, der an der Studie mitwirkte.

Im Falle des gescheiterten Jugendportals du-machst.de kollidierten interaktive Web-Struktur und Behörden-Logik heftig miteinander: Anfangs bestand das Ministerium auf der Vorkontrolle aller Nutzerbeiträge. Erst kurz vor dem Onlinegang und nach heftigen internen Auseinandersetzungen sah man ein, dass so kein lebendiger Diskurs auf der Plattform zu Stande kommen würde.

Unmittelbarer Einfluss und klare Erfolgschancen sind dagegen Gründe, weshalb campact.de, ein internetbasierten Aktionsforum, recht gut funktioniert. Die gut 186.000 registrierten Mitglieder beteiligen sich auf unterschiedliche Weise an thematisch klar fokussierten Kampagnen, durch Spenden, das Unterschreiben von Aufrufen und Protestbriefen oder durch die Teilnahme an realen Aktionen. „Wir engagieren uns bei politischen Konflikten, deren Ausgang noch relativ ungewiss ist“, sagt Campact-Sprecher Christoph Bautz. Die Kampagnen könnten durchaus etwas bewirken, beispielsweise bei der Entscheidung über den Anbau von Genmais. „Wir erzeugen öffentlichen Druck und haben eine Chance, das Thema für uns zu gewinnen“, sagt Bautz.

Konkrete Ziele und sichtbare Ergebnisse begründen auch den Erfolg von betterplace.org, einem Spendenportal. Die Mitglieder können weltweit über das Internet Projekte unterstützen, beispielsweise den Kauf einer Solaranlage für eine Schule in Kambodscha. „Die Spender bekommen dann schnell eine Rückmeldung, was mit ihrem Geld passiert“, sagt Moritz Eckert, Sprecher der Plattform. Ist die Solaranlage gebaut, erhalten die Unterstützer Fotos und Berichte aus Kambodscha. Dies könnte sie wiederum dazu motivieren, weitere Projekte zu unterstützen und andere darauf aufmerksam zu machen. Schnelle Rückmeldung über Erfolg oder Misserfolg des Einsatzes erhöht offenbar die Glaubwürdigkeit des Angebots: Vor Kurzem hat betterplace.org ein Gesamtspendenvolumen von einer Million Euro erreicht.

Authentisch und glaubwürdig sind nach Meinung vieler Nutzer eher kleine Projekte und Plattformen, die erst in der Zusammenarbeit mit ihnen wachsen und weiterentwickelt werden. „Wir haben es geschafft, Vertrauen bei unseren Nutzern aufzubauen“, sagt Daniel Pichert von fairdo.net. Das Netzwerk bringt Gleichgesinnte zusammen, die sich für Umweltschutz, Nachhaltigkeit oder fairen Handel engagieren, und fungiert damit auch als Organisationsplattform für Graswurzelbewegungen. Angebote wie fairdo.net oder auch campact.de gehören zu keiner großen Organisation und sind nicht parteipolitisch orientiert. Klein gestartet, ist fairdo.de inzwischen mit dem Aktionsportal der Tageszeitung taz fusionieren.

Alle belebten Freiwilligennetzwerke ermöglichen eine zeitlich befristete, auf ein konkretes Thema oder Anliegen bezogenes Engagement. Das kommt vor allem Jugendlichen entgegen, die sich heute meist nicht mehr an eine Partei, eine Gewerkschaft oder eine andere Organisation mit ihren starren Strukturen fest binden wollen. „Die Partizipationsforschung zeigt, dass junge Menschen nicht politisch desinteressiert sind, aber andere Partizipationsformen entwickeln“, sagt der Kommunikationswissenschaftler Brettschneider. Voraussetzung für Engagement sei dabei stets, dass Thema und Ansprache stimmten. Abstrakte und allgemeine Botschaften hätten kaum Erfolgsaussichten. Allgemeinplätze wie „Tu was für eine gerechtere Welt“ könnten Jugendliche nicht mobilisieren. Und die Ansprache muss in der Online-Lebenswelt junger Menschen erfolgen, am besten durch gut vernetzte Multiplikatoren.

Sollte das Familienministerium einmal ein Nachfolgeportal von du-machst.de initiieren, hat es in seiner neuen Ministerin Kristina Köhler immerhin eine Web-2.0-affine Chefin.

Weitere Online-Plattformen und -Netzwerke:

demowatch.de: Die Seite gibt einen Überblick über geplante Demonstrationen.
realisr.com: Einzelne Mitglieder wie auch Organisationen können in einem Netzwerk für Ideen werben und sich Unterstützung für eigene gesellschaftspolitische und soziale Projekte holen, ebenso andere unterstützen.
diegesellschafter.de: Die Plattform ist eine Initiative der Aktion Mensch und bietet den Netzwerkmitgliedern die Möglichkeit, sich über soziale und gesellschaftliche Initiativen und Projekte zu informieren und daran teilzuhaben, ebenso eigene Projekte vorzustellen und Unterstützer dafür zu finden. Zudem will die Plattform Diskussionen über die Zukunft der Gesellschaft fördern.


 

 
Leser-Kommentare
  1. Obwohl ich 59 Jahre alt bin, gehöre ich zu den Netz-aktivisten, fahre aber auch auf Demos. Die Frage ist immer, was man sich verspricht: wenn ich Avaaz.org, campact.de, bund.de oder lobbycontrol unterstütze, punktuell auch mit Geld, trage ich zu einer Dynamik bei, die herkömmliche Organisationen nicht schaffen können, auch wegen ihrer potentiellen Korrumpierbarkeit ("Interessenkonflikt").

    Es ist auch mal schnell was organisiert, in 1-2 Tagen kann man Leute mobilisieren, das ist mit anderen Mitteln nicht möglich. Das Internet ist das geniale Medium dafür, und es ist eine Schande, daß Politiker aller Parteien es nicht für mehr Bürgernähe nutzen. Daran wird auch Frau Dr. Köhler nichts ändern.

    Mein Eindruck ist, das das Internet von vielen Politikern geradezu gefürchtet wird. Wenn sie es selbst konstruktiv nutzen würden, minderte das die Politikverdrossenheit. Wenn immer mehr Bürger es nutzen, auch für Aktionen und solche Sachen wie "Abgeordnetenwatch", müssen sich die Politiker stärker kontrolliert vorkommen, und das können die Zeitungen ja nicht mehr leisten, wegen Gewinnmaximierungsvorgaben. Bürger in Aktionskreisen können es ebenso gut und das wird stärker werden. Die Demokratie wird gestärkt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Moin,

    das ist sicherlich ein wichtiger Punkt. Der zweite, wesentlich maßgeblichere ist aber in meinen Augen, dass die Politik schlicht und ergreifend keinen ernstzunehmenden Bezug zur Lebensrealität "des Volkes" hat. So wird - unter vielem anderen - einfach nicht erkannt, was eigentlich wirklich über das Medium Internet passiert, wie weit es sich entwickelt hat. Das ist nicht zuletzt an den hilflosen Versuchen auch im Netz die Lobbyisten zu bedienen erkennbar. Anders sind vergangene und laufende Netzsperren, Urheberrechts, Überwachungs- und sonstige Diskussionen meines Erachtens nicht zu erklären. Diese Diskussionen sind auf Seiten der Politik von Unwissenheit und Misverständnissen geprägt und münden - da sind wir wieder bei Ihrer Aussage - in der Feststellung: "Was ich nicht verstehe will ich zumindest kontrollieren!"... mit allen Konsequenzen, von albern bis bitter.

    Alternativ gibt es noch jene, die sich in dem Versuch, das Netz für ihre Zwecke zu nutzen, einfach nur lächerlich machen, so zum Beispiel vor der Bundestagswaqhl via Twitter & Co.

    Ich wünsche einen schönen Tag! ;)

    Moin,

    das ist sicherlich ein wichtiger Punkt. Der zweite, wesentlich maßgeblichere ist aber in meinen Augen, dass die Politik schlicht und ergreifend keinen ernstzunehmenden Bezug zur Lebensrealität "des Volkes" hat. So wird - unter vielem anderen - einfach nicht erkannt, was eigentlich wirklich über das Medium Internet passiert, wie weit es sich entwickelt hat. Das ist nicht zuletzt an den hilflosen Versuchen auch im Netz die Lobbyisten zu bedienen erkennbar. Anders sind vergangene und laufende Netzsperren, Urheberrechts, Überwachungs- und sonstige Diskussionen meines Erachtens nicht zu erklären. Diese Diskussionen sind auf Seiten der Politik von Unwissenheit und Misverständnissen geprägt und münden - da sind wir wieder bei Ihrer Aussage - in der Feststellung: "Was ich nicht verstehe will ich zumindest kontrollieren!"... mit allen Konsequenzen, von albern bis bitter.

    Alternativ gibt es noch jene, die sich in dem Versuch, das Netz für ihre Zwecke zu nutzen, einfach nur lächerlich machen, so zum Beispiel vor der Bundestagswaqhl via Twitter & Co.

    Ich wünsche einen schönen Tag! ;)

  2. Moin,

    das ist sicherlich ein wichtiger Punkt. Der zweite, wesentlich maßgeblichere ist aber in meinen Augen, dass die Politik schlicht und ergreifend keinen ernstzunehmenden Bezug zur Lebensrealität "des Volkes" hat. So wird - unter vielem anderen - einfach nicht erkannt, was eigentlich wirklich über das Medium Internet passiert, wie weit es sich entwickelt hat. Das ist nicht zuletzt an den hilflosen Versuchen auch im Netz die Lobbyisten zu bedienen erkennbar. Anders sind vergangene und laufende Netzsperren, Urheberrechts, Überwachungs- und sonstige Diskussionen meines Erachtens nicht zu erklären. Diese Diskussionen sind auf Seiten der Politik von Unwissenheit und Misverständnissen geprägt und münden - da sind wir wieder bei Ihrer Aussage - in der Feststellung: "Was ich nicht verstehe will ich zumindest kontrollieren!"... mit allen Konsequenzen, von albern bis bitter.

    Alternativ gibt es noch jene, die sich in dem Versuch, das Netz für ihre Zwecke zu nutzen, einfach nur lächerlich machen, so zum Beispiel vor der Bundestagswaqhl via Twitter & Co.

    Ich wünsche einen schönen Tag! ;)

  3. Redaktion

    Liebe Leser,
    wir haben den Absatz zum Jugendportal du-machst.de und den Diskussionen um die Vorkontrolle der Nutzerbeiträge etwas konkretisiert. Die ursprüngliche Version war etwas missverständlich formuliert.

    Beste Grüße,
    Markus Horeld
    ZEIT ONLINE

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