Verfassungsgerichtsurteil Der Sonntag gehört mir!Seite 2/2

Das alles aber hat einen hohen Preis: den Verlust an fester freier Zeit, etwas, was dem Leben früher einen steten Rhythmus und die klare Trennung von Arbeit und Freizeit gab. Zumal die größer gewordene Freizeit von vielen mit wiederum kommerzialisierten Aktivitäten gefüllt wird. Natürlich ist es das gute Recht jedes Einzelnen, über seine Freizeit frei zu verfügen, und selbstredend hat die Lockerung der Ladenöffnungszeiten auch neue Freiheiten verschafft und gerade für Berufstätige den Stress vermindert, nach Dienstschluss noch schnell ins nächste Geschäft zu hetzen.

Aber muss und sollte die Gesellschaft dieser Entwicklung weiter völlig tatenlos zusehen? Gibt es nicht noch ein Leben außerhalb trister Einkaufszentren, Fitness-Studios und anderer gewerblicher Vergnügungsstätten? Die Verfassungsrichter geben hier eine klare, vielleicht altmodisch wirkende Antwort: Ja, der Staat hat auch hier eine Schutzfunktion. Denn er schützt nicht nur den Einzelnen – in diesem Fall die Arbeitnehmer in den Geschäften, vor allem Frauen, häufig mit Kindern - vor einer Überforderung durch eine fast unbeschränkte Geschäftigkeit 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche.

Nein, neben diesem gesundheitlichen und seelischen Schutz tritt auch das Ziel, in einer immer flexibleren Welt überhaupt noch so etwas wie sozialen Zusammenhalt zu gewährleisten. Denn Ehen und Familien verlieren ihren Zusammenhalt, wenn die Partner, Eltern und Kinder nicht wenigstens an einem Tag die Chance haben, sich ungestört zu treffen. Vereine, Verbände, auch Parteien und natürlich religiöse Gemeinschaften zerfallen, wenn jeder Einzelne parzelliert einem anderen Arbeitsrhythmus unterworfen ist und es keinen allgemein verbindlichen freien Tag oder ein freies Wochenende mehr gibt.

Der Sonntag ist also weit mehr als nur der Tag des Glockenläutens, des Messgangs für einige und gar ein weiterer von Arbeit freier Konsumtag. Er kann ein Anker sein, ein Ruhepol, ein Tag, an dem sich Familien, Freunde, gesellschaftliche Gruppen treffen, an dem Gesellschaft, Arbeit und Wirtschaft zumindest symbolisch innehalten.

Den Trend zur zeitlichen Entgrenzung, zum Konsumismus und zur Allzeitverfügbarkeit des Menschen wird der heutige Karlsruher Spruch vermutlich nicht aufhalten. Aber die Verfassungsrichter haben zumindest ein wichtiges, klares Zeichen gesetzt, dass es auch noch ein anderes Leben gibt. Besonders im Advent.

 
Leser-Kommentare
  1. Wer hat jetzt falsch berichtet? Oder sind es nur zwei verkaufsoffene Sonntage in dieser Zeit, die zulässig sind? http://kallewestrich.blog...

  2. dass man Arbeitsplätze vernichtet, weil man die vier Sonntag vor Weihnachten keinen Angestellten in Bedrängnis bringt, das Wort gegen den Schichtplan bzw. seinen Chef zu erheben?
    Dann meinen Sie auch, dass Familie von Kindergeld kommt, oder?

    Antwort auf
    • wp
    • 01.12.2009 um 18:30 Uhr

    Besonders amüsant, wie dieses religiös motivierte Urteil eine krampfhafte, lächerliche "weltliche" Begründung erfährt. Seit Jahren habe ich den Eindruck, daß bei diesen Richtergreisen erst das Urteil gefällt und dann nach einer Begründung gesucht wird.

    • Amreix
    • 01.12.2009 um 18:32 Uhr

    Ich habe mit Kirche nicht so viel am Hut, aber ich finde es wunderbar, wenn es noch einen Schutz für Freiräume gibt in denen Muße möglich ist. Ich merke wie negativ sich selbst die langen Samstag sich auswirken. Früher war mittags einfach Schluss. Natürlich war das morgens dann hektisch, aber es hat auch geklappt ... und dann 1 1/2 Tage Ruhe, das war köstlich. Natürlich wäre das auch heute möglich, aber es gelingt mir nicht so oft mich dann Samstags morgens wirklich aufzurappeln und dann so konzentriert alles zu erledigen, dass ich wirklich fertig bin. Sonntags habe ich bisher noch nie was eingekauft und das werde ich auch nie tun. Ein gemeinsamer Feiertag gehört für mich einfach zu einer Hochkultur - wobei das, wie gesagt nichts mit Kirche zu tun hat. Es ist ein Tag an dem ich einfach etwas ganz anderes mache als in der Woche, wo ich zu mir komme, Zeit für Freunde und Begegnungen habe usw. Also ich bin begeistert !

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    und finde es nebenher auch traurig wenn mancher Menschen Vergnügen einzig und allein der Shopping Bummel ist

    und finde es nebenher auch traurig wenn mancher Menschen Vergnügen einzig und allein der Shopping Bummel ist

  3. und finde es nebenher auch traurig wenn mancher Menschen Vergnügen einzig und allein der Shopping Bummel ist

  4. pro Familie, bei dem die Belange des familiären Zusammenhalts, die Relevanz eines intakten Familienlebens, nicht gering geschätzt, und allein dem schnöden Kommerz, bzw. dem grenzenlosen Reibach, untergeordnet werden!

    Ganz abgesehen von dem zusätzliche Aufkommen an völlig unnötigem Verkehrslärm und Umweltbelastungen. Mehr Umsatu lässt sich so ohnehin nicht generieren. Wie auch? schließlich kann Otto Normalverbraucher jeden sauer verdienten Euro immer nur einmal ausgeben, da können noch mehr Verkaufstage eben auch nicht noch mehr Kohle in die Kasse spülen!

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    • wp
    • 01.12.2009 um 20:05 Uhr

    Und immer schön drauf achten, daß des Nachbarn Hecke gerade geschnitten ist. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder machen darf, was er will. Hier herrscht Zucht und Ordnung!

    • wp
    • 01.12.2009 um 20:05 Uhr

    Und immer schön drauf achten, daß des Nachbarn Hecke gerade geschnitten ist. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder machen darf, was er will. Hier herrscht Zucht und Ordnung!

    • bumo
    • 01.12.2009 um 18:57 Uhr

    Schön, dass man den Verkäuferinnen und Verkäufern im Einzelhandel auch zugesteht, den Sonntag mit ihren Familien zu verbringen. Sie sind sowieso schon mit den unmöglichsten Arbeitszeiten gestraft. Die Klage mag religiös motiviert gewesen sein, das Urteil ist es nicht. Es wird vielmehr neoliberalistischen Tendenzen ein Riegel vorgeschoben.

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    dass man es zwar den Verkäufern-Verkäuferinnen zugesteht, aber wie sieht es bitte mit dem Krankenhauspersonals aus? Dem Personal der Altersheime usw.? Die sind den Verfassungsrichtern, den Kirchen offenbar vollkommen gleichgültig?!

    dass man es zwar den Verkäufern-Verkäuferinnen zugesteht, aber wie sieht es bitte mit dem Krankenhauspersonals aus? Dem Personal der Altersheime usw.? Die sind den Verfassungsrichtern, den Kirchen offenbar vollkommen gleichgültig?!

  5. "Der Sonntag ist also weit mehr als nur der Tag des Glockenläutens, des Messgangs für einige und gar ein weiterer von Arbeit freier Konsumtag. Er kann ein Anker sein, ein Ruhepol, ein Tag, an dem sich Familien, Freunde, gesellschaftliche Gruppen treffen, an dem Gesellschaft, Arbeit und Wirtschaft zumindest symbolisch innehalten."
    Genau, deswegen treffe ich mich mit meinen KollegInnen immer Sonntags während der rollenden Woche im Betrieb.

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