Ehemalige Partner Rot-grüne Entfremdung
Für die Grünen sind die Sozialdemokraten nicht mehr der alleinige Bündnispartner. Die SPD reagiert darauf empfindlich. Besonders deutlich wird das mit Blick auf die NRW-Wahl.
Der erste parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion nahm sich Mitte vergangener Woche die Partei vor, mit der er eigentlich liebend gerne regieren würde. Die Grünen machten sich unglaubwürdig, dozierte Thomas Oppermann vor Journalisten: Zwar protestierten sie laut gegen die Absetzung von ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, doch ihre saarländischen Parteifreunde hinderten den CDU-Ministerpräsidenten Peter Müller nicht daran, gegen Brender zu stimmen. "Ich halte das für einen schwerwiegenden politischen Fehler", urteilte der SPD-Politiker.
Gereizte Töne und spitze Bemerkungen von Sozialdemokraten in Richtung Grüne häufen sich, seit sich die Ökopartei im Oktober im Saarland für eine Regierungsbildung mit Union und FDP ("Jamaika-Koalition") entschied und damit die Hoffnungen von SPD-Spitzenkandidat Heiko Maas auf eine rot-rot-grüne Regierung zunichte machte. Denn die Entscheidung im Saarland gilt vielen in der SPD als böses Omen für die wichtige Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 2010. Zwar halten die Sozialdemokraten im größten Bundesland eine Jamaika-Koalition für unwahrscheinlich. Schwarz-Grün trauen sie der Ökopartei aber durchaus zu.
Tatsächlich haben die NRW-Grünen bislang keine Regierungsoption explizit ausgeschlossen – auch wenn sie Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) scharf angreifen. Eine Wahlaussage will die Landespartei frühestens im Februar treffen. Die Grünen seien zwar gegen Atomkraft, stichelte deshalb der neue SPD-Chef Sigmar Gabriel mit Blick aufs Saarland: "Aber sie verhelfen Konservativen zur Mehrheit, sofern sie Regierungsposten erhalten." Auch in NRW liebäugelten sie mit der CDU. NRW-Sozialdemokraten reagierten verbittert darauf, dass sich die Ökopartei in den Städten Essen und Dortmund nach langen Verhandlungen überraschend gegen die SPD und für die CDU entschied. Dabei gehe es den Grünen gar nicht um Inhalte empörte sich ein wichtiger NRW-Genosse: "Die sind als Postenjäger noch schlimmer als die FDP."
"Kein Anhängsel der Sozialdemokratie"
Gabriels Attacke wiesen die Grünen zurück und verbaten sich eine Einordnung als natürliche SPD-Hilfstruppe. In der rot-grünen Koalition in Düsseldorf seien die Grünen zwischen 1995 und 2005 von der SPD "permanent gedemütigt" worden, konterte NRW-Landtagsfraktionschefin Sylvia Löhrmann. Das ist ein Argument, das auch stets von Hamburgs Grünen ins Feld geführt worden war, als sie sich außerhalb der Hansestadt für das erste schwarz-grüne Bündnis auf Länderebene rechtfertigen mussten. Die Bereitschaft der Basis zu Bündnissen mit anderen Kräften als der SPD auch auf Landes- und Bundesebene hatte sich die Führung der Bundespartei nach dem Ende der rot-grünen Regierung 2005 in einem mühsamen Prozess erarbeitet.
Die Partei setzt darauf, dass sie mit mehr Machtoptionen auch mehr grüne Ziele durchsetzt. Wie SPD-Spitzenpolitiker betont auch Grünen-Chefin Claudia Roth, dass die inhaltlichen Übereinstimmungen so groß sind wie mit keiner anderen. Doch die Angriffe will sie nicht auf ihrer Partei sitzen lassen. "Die SPD steckt in einer tiefen Krise", sagte sie dem Tagesspiegel: "Mit Ablenkungsdebatten über uns Grüne wird sie diese nicht lösen." Der Wunschpartner solle endlich lernen, "dass wir eine eigenständige Kraft und kein Anhängsel der Sozialdemokratie sind". Mit wem die Grünen im Ernstfall koalierten, hänge immer auch davon ab, "mit wem grüne Inhalte verlässlich und auf gleicher Augenhöhe verhandelt werden können". Die SPD müsse wieder so attraktiv werden, dass sie "gemeinsam mit gleichberechtigten Partnern wieder eine Mehrheitsfähigkeit in Deutschland erlangt".
Auch die Sozialdemokraten im Bundestag verfolgen die Entwicklung aufmerksam. Die Spitze der SPD-Fraktion rechnet damit, dass sich die Probleme in Zukunft noch verschärfen werden. Zwar gelten die Grünen-Fraktionschefs Renate Künast und Jürgen Trittin als zuverlässige Partner, die das Jamaika-Experiment im Saarland gerne verhindert hätten. Doch auf die neue, deutlich verjüngte Grünen-Fraktion sieht der Wunsch-Bündnispartner mit Skepsis. Besorgnis erregend sei, dass man auf die jüngeren Grünen nicht mehr bauen könne, meint ein wichtiger SPD-Politiker: "Die sortieren sich nach beiden Seiten."
Erschienen in Der Tagesspiegel
- Datum 07.12.2009 - 10:46 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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In einem 5-Parteiensystem, in dem keine Partei über 40% der Stimmen kommt, ist es doch nur gut, dass endlich einmal die Inhalte bei der Bildung einer Koalition in den Vordergrund gestellt werden. Sollte es einzelnen Parteien wirklich nur um Posten gehen haben die Wähler ja in regelmäßigen Abständen die Gelegenheit, dies bei Wahlen zu honorieren. Und wer ohnehin keinen Unterschied zwischen den etablierten Parteien sieht, hat in unserem Mehrparteiensystem ja reichlich Chancen andere Parteien zu wählen, gemäß dem Motto: "Klarmachen zum Ändern". Leider passt da das Zuhausesitzen und Nichtwählen, aber anschließend alles Schlechtreden, viel besser in die deutsche Jammermentalität.
... ehemaliger Bundesminister in einer schwarz-roten Koalition: "Aber sie [Grüne] verhelfen Konservativen zur Mehrheit, sofern sie Regierungsposten erhalten."
Bei "Schiffe versenken" müsste es jetzt heißen, Treffer und versenkt.
Wenn radioaktiver Müll die gleiche Halbwertzeit wie das Gedächtnis von Politikern hätte, dann würde auch ich postitver der Atomkraft gegenüber stehen.
Mutti hat es halt trefflich geschafft, Themen aller politischen Spektren zu besetzen. Es kommt zwar nichts sinnvolles dabei raus, aber es verhilft der CDU zur Option auch mit den Grünen koalieren zu können.
Auf der anderen Seite werden die Grünen ja von Spöttern auch als FDP mit ökologischem Gewissen tituliert, denn wieviele sozial schwache gehen im Reformhaus einkaufen?
Ich bin nicht negativ zu den Grünen eingestellt, und Schwarz-Grün klingt nach einer brauchbaren Alternative. Wie die Grünen im Saarland aber auch mit der FDP koalieren können ist mir schleierhaft, denn "Vorfahrt für Wachstum" bedeutet für die Umwelt selten Gutes.
MfG
AoM
Bei "Schiffe versenken" müsste es jetzt heißen, Treffer und versenkt.
Wenn radioaktiver Müll die gleiche Halbwertzeit wie das Gedächtnis von Politikern hätte, dann würde auch ich postitver der Atomkraft gegenüber stehen.
Mutti hat es halt trefflich geschafft, Themen aller politischen Spektren zu besetzen. Es kommt zwar nichts sinnvolles dabei raus, aber es verhilft der CDU zur Option auch mit den Grünen koalieren zu können.
Auf der anderen Seite werden die Grünen ja von Spöttern auch als FDP mit ökologischem Gewissen tituliert, denn wieviele sozial schwache gehen im Reformhaus einkaufen?
Ich bin nicht negativ zu den Grünen eingestellt, und Schwarz-Grün klingt nach einer brauchbaren Alternative. Wie die Grünen im Saarland aber auch mit der FDP koalieren können ist mir schleierhaft, denn "Vorfahrt für Wachstum" bedeutet für die Umwelt selten Gutes.
MfG
AoM
Bei "Schiffe versenken" müsste es jetzt heißen, Treffer und versenkt.
Wenn radioaktiver Müll die gleiche Halbwertzeit wie das Gedächtnis von Politikern hätte, dann würde auch ich postitver der Atomkraft gegenüber stehen.
Mutti hat es halt trefflich geschafft, Themen aller politischen Spektren zu besetzen. Es kommt zwar nichts sinnvolles dabei raus, aber es verhilft der CDU zur Option auch mit den Grünen koalieren zu können.
Auf der anderen Seite werden die Grünen ja von Spöttern auch als FDP mit ökologischem Gewissen tituliert, denn wieviele sozial schwache gehen im Reformhaus einkaufen?
Ich bin nicht negativ zu den Grünen eingestellt, und Schwarz-Grün klingt nach einer brauchbaren Alternative. Wie die Grünen im Saarland aber auch mit der FDP koalieren können ist mir schleierhaft, denn "Vorfahrt für Wachstum" bedeutet für die Umwelt selten Gutes.
MfG
AoM
wär Schwarz/Geld abwählen will, muss SPD wählen. Die SPD wird schneller wieder an die Macht kommen als manche geschrieben und
gehofft haben.
...wird sich noch schwarz ärgern. Wenn es wenigstens so wäre, dass in einer schwarz-grünen Zusammenarbeit tatsächlich (fortschrittliche) grüne Inhalte umgesetzt würden - aber was ist in Hamburg passiert? Kaum waren dort die Pöstchen verteilt, wurde das Kohlekraftwerk genehmigt, das die Grünen im Wahlkampf vehement bekämpfen wollten und das weitere Ausbaggern der Elbe beschlossen. Dort hat sich am Ende einfach die stärkere CDU durchgesetzt. Und im Saarland wird es nicht anders kommen.
Wenn man ernsthafte politische Ziele hat, dann kann man nur mit solchen Parteien zusammen etwas erreichen, deren eigene Ziele zumindest teilweise mit diesen vereinbar sind. Wer das nicht wahrhaben will, verrät zwangsläufig sein Programm und wird damit als politische Kraft dauerhaft überflüssig.
das den Grünen ja Posten und Pöstchen wichtig sind als alles Andere haben wir ja an der Unseeligen Zustimmung zum Afganistan Krieg gesehen...
ich sage nur 'Hamburg'
Die Grünen sind mal als Anti-Partei entstanden und sammelten den Protest gegen das Parteiensystem.
Als einer der ersten Grundsätze wurde das Rotationsprinzip aufgegeben. Einige,denen Oligarchie schon tief im Blut steckte, haben sich ohnehin nicht dran gehalten.
Dann war der Schritt nicht mehr so weit, das Gründe im Ministerdienstwagen fahren.
Heute sind sie längst eine verwechselbare Partei mit den genau gleichen Mechanismen einer solchen. Machterwerb und .erhalt stehen ganz vorne, die Inhalte sind dem zugeordnet.
Die Oligarchie, die von diesem System profitiert, regiert nach innen die Basis, Das ist sicher auch heute bei den Grünen schwieriger als bei anderen Parteien, aber im Krötenschlucken der Machtbeteiligung wegen können sie inzwischen einiges vorweisen.
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