Afghanistan Bundesregierung gegen konkretes Abzugsdatum

Die SPD fordert den Abzug aus Afghanistan bis 2015 - und wird dafür heftig von Außenminister Westerwelle kritisiert. Ein konkretes Datum zu nennen, sei kontraproduktiv.

Deutsche Soldaten in der Nähe von Kundus: Wie lange die Bundeswehr in Afghanistan bleibt, ist umstritten

Deutsche Soldaten in der Nähe von Kundus: Wie lange die Bundeswehr in Afghanistan bleibt, ist umstritten

Die SPD nannte am Freitag einen Zeitkorridor von 2013 bis 2015, in dem nach ihrer Vorstellung der deutsche Abzug beendet werden sollte. Außenminister Guido Westerwelle reagierte darauf mit scharfer Kritik: "Damit lädt man doch die Terroristen ein, noch zwei, drei Jahre durchzuhalten, bis wir verschwunden sind und sie ihr Unwesen wieder treiben können." Zudem appellierte der FDP-Vorsitzende "an diejenigen, die den Einsatz in Regierungszeiten gestartet haben, sich nicht in Oppositionszeiten aus der Verantwortung zu stehlen".

"Kein Politiker kann heute versprechen: Am 31. 12. 2013 ist alles gewonnen und alles vorbei. Wer das aus der Opposition verspricht, dem geht es nicht um die Sache, sondern um Punkte bei der nächsten Wahl oder Umfrage", sagte er der Bild am Sonntag.

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Es sei richtig, eine Abzugsperspektive zu schaffen, sagte Westerwelle. "Wir wollen auf der internationalen Afghanistan-Konferenz in London vereinbaren, dass wir 2010 und 2011 mit dem Prozess der Übergabe der Verantwortung an die Afghanen beginnen."

Er werbe für eine breite Mehrheit im Bundestag für die Afghanistan-Politik. "Ich habe in der vergangenen Woche zwei Mal in größeren Runden mit allen Fraktionen gesprochen", berichtete Westerwelle. Er betonte aber, dass er sich nicht von der Opposition abhängig machen werde. "Nur weil in Nordrhein-Westfalen Wahlkampf ist, kann ich nicht Dinge unterlassen, die für das Sicherheitsinteresse unseres Landes von fundamentaler Bedeutung sind."

Auch Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg lehnt es ab, ein Abzugsdatum der Bundeswehr festzulegen. "Wir wollen den Beginn festlegen", sagte Guttenberg. "Das Abzugsende bereits festzustellen, würde bedeuten, dass man jenen in die Hände spielt, die dann wieder die Uhren zurückdrehen wollen und die im Grunde nur warten, bis der letzte internationale Soldat Afghanistan verlässt."

Ähnlich äußerte sich der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, Andreas Schockenhoff. Er kritisierte die SPD-Forderung ebenfalls scharf. "Seriöserweise kann man das Ende des Einsatzes nicht benennen", sagte der CDU-Politiker der Berliner Zeitung. "Wir können nicht schon heute den Rückflug für den letzten deutschen Soldaten buchen." Das spiele nur den Terroristen in Afghanistan in die Hände.

Darin müssen für die Bevölkerung klar ersichtlich die Ergebnisse des bisherigen Einsatzes von Militär- und Zivilkräften stehen.

Ulrich Kirsch, Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes

Der Vorsitzende des Deutschen Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, forderte die Bundesregierung indes zu einer raschen Bestandsaufnahme des Afghanistan-Einsatzes auf. Bundeskanzlerin Angela Merkel müsse bei ihrer Regierungserklärung am Mittwoch eine längst überfällige, schonungslose Bilanz des bisherigen deutschen Einsatzes mit Daten, Zahlen und Fakten vorlegen, sagte Kirsch der BZ am Sonntag. "Darin müssen für die Bevölkerung klar ersichtlich die Ergebnisse des bisherigen Einsatzes von Militär- und Zivilkräften stehen." Dazu gehöre auch der Stand von Polizeiausbildung und zivilem Wiederaufbau von Justiz und Verwaltung. Daraus ergebe sich dann als Schlussfolgerung, was Deutschland an militärischen und zivilen Kräften künftig einsetzen muss.

Die Bundeswehr engagiert sich seit Ende 2001 in Afghanistan. Derzeit sind rund 4270 deutsche Soldaten in der Internationalen Schutztruppe Isaf am Hindukusch stationiert.

 
Leser-Kommentare
    • k2
    • 23.01.2010 um 12:27 Uhr

    Justizministerin und viele Liberale dem derzeitigen Einsatzplan[ Afghanistan-ISAF ] eher abgeneigt sind.

  1. 2. Na,

    nur nicht konkret werden und erst mal schauen was der große Meister Obama macht.

  2. Zum ersten und wahrscheinlich auch zum letzten mal muss ich westerwelle zustimmen, ein konkretes abzugsadtum zu nennen, was ja nun schon seit einigen monaten öffentlich in den medien diskutiert wird -und das nicht nur hierzulande sondern auch und vorallem in den USA oder Kanada- ist genauso leichtsinnig wie unbedacht. Als ob die taliban über kein internet oder andere quellen verfügen würden, um solche informationen abzufangen. Politiker sollten sich einfach aus militär-strategischen Dingen heraushalten oder sich zumindest etwas diskreter verhalten und darüber nachdenken, welche folgen die herausgabe von solch sensiblen Informationen an die Medien haben könnte. Die geforderte transparente Informationspolitik hin oder her, aber das ist einfach nur bescheuert und nicht im intresse der angelegenheit. Ich würde gerne wissen, was die Taliban über den angeblich in allen belangen so überlegenen westen denken, wenn solche fatalen fehler -scheinbar unbewusst- gemacht werden ohne konsequenzen zu fürchten. Die Taliban werden sich bedanken, sie müssen auf diese weise nichts weiter tun, als warten.

    • jps-mm
    • 23.01.2010 um 15:04 Uhr

    Ausgerechnet zum Auftakt liefert die Süddeutsche Zeitung der Opposition (SPD, Grüne, Linke) neue Munition in dieser Sache. Sie schreibt, dass Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) am 6. November, als er den Luftschlag als "militärisch angemessen" bezeichnete, schon ganz andere Informationen hatte, als er zugibt.

    Guttenberg erklärt ja bis heute, er habe sich mit seiner Einschätzung hinter die Truppe stellen wollen. Außerdem hätten die ihm damals vorliegenden Papiere gar keinen anderen Schluss zugelassen, als dass der Angriff auf zwei im Sand steckende Tanklaster alternativlos gewesen sei. Erst viel später habe er aus mehreren Berichten erfahren, dass bei dem Luftschlag Fehler passiert seien.

    Das jedoch stimme nicht - behauptet die Süddeutsche Zeitung. Der Einsatzführungsstab seines Hauses habe Guttenberg schon Anfang November ein Papier vorgelegt, in dem seine Militärs zur gleichen Einschätzung kommen wie zuvor die Nato: dass nämlich Oberst Klein Fehler machte.

    • jps-mm
    • 23.01.2010 um 15:06 Uhr

    Guttenberg gerät unterdessen in zusätzliche Erklärungsnot. Der CSU-Politiker hatte Anfang November erklärt, der tödliche Luftschlag, bei dem bis zu 142 Menschen getötet wurden, sei unvermeidlich gewesen. Laut «Süddeutscher Zeitung» enthält aber ein jetzt bekanntgewordenes Papier seines Einsatz-Führungsstabs, das Guttenberg seinerzeit vorlag, dafür keine Anhaltspunkte. Es unterstreicht vielmehr die von der Nato festgestellten Fehler des Kommandeurs Klein, der den Luftschlag angeordnet hatte. Das Papier des Stabes enthält laut «SZ» auch alle wesentlichen Kritikpunkte, die Guttenberg erst aus späteren Berichten erfahren haben will, die ihm zunächst nicht vorgelegen hätten. Sie führten letztlich zur Entlassung von Staatssekretär Peter Wichert und Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan.

    Unter dem Datum 3. November analysierte der Einsatzführungsstab demnach den geheimen Nato-Untersuchungsbericht, der am 28. Oktober, dem Tag der Amtsübernahme Guttenbergs, im Verteidigungsministerium eingegangen war. Über diesen Nato-Bericht unterrichtete Guttenberg am 6. November die Bundestagsfraktionen. Anschließend sagte der Minister auf einer Pressekonferenz, dass der Luftschlag als «militärisch angemessen» zu bewerten sei. Darüber hinaus erklärte er mehrmals, dass es zwar «Verfahrensfehler» gegeben habe, es aber auch ohne diese Fehler zu dem Angriff hätte «kommen müssen».

    • jps-mm
    • 23.01.2010 um 15:06 Uhr

    Aus dem Papier geht laut «Süddeutscher Zeitung» hervor, dass der Luftschlag keineswegs, wie vom Ministerium wochenlang dargestellt, nur die Zerstörung der beiden Tanklaster zum Ziel gehabt hat. Vielmehr habe Klein auch die Taliban selbst «bekämpfen» wollen, die sich bei den Lastern auf der Sandbank im Kundus-Fluss aufhielten. Deshalb habe er auch den Vorschlag der US-Piloten abgelehnt, die Rebellen durch niedrige Überflüge zu verjagen. Darüber hinaus habe Klein den Einsatz der US-Kampfbomber durch die wahrheitswidrige Aussage erreicht, Truppen hätten Feindberührung. Dies ist eine der Voraussetzungen, unter denen Luftunterstützung in Afghanistan angefordert werden kann. Guttenberg revidierte seine Einschätzungen Anfang Dezember. Wie er angesichts der ihm vorliegenden Informationen überhaupt zu dieser Bewertung gekommen ist, wird er dem Untersuchungsausschuss erklären müssen.

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