Unter Berufung auf ihre heiligen Bücher haben Christen und Muslime in der Geschichte mal für Gewalt mal für Gewaltlosigkeit gepredigt. Ihre Rede ist frei – gerade die Religionsfreiheit ist in Europa mühsam und erst nach vielen Kriegen errungen worden. Die Bischöfin Käßmann kann folglich schreiben, sagen und predigen, was sie will, auch als Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Ihr Worte und ihre Predigten haben aber für uns, weltliche Vertreter und Bürger eines weltlichen Staates, nur so viel Autorität, wie die Rationalität ihrer Argumente Gewicht hat. Die kommen nicht vom Himmel hoch. Sie provozieren Widerspruch, und der ist mehr als ein pikierter Verweis auf die Errungenschaft des säkularen Staates.

Wenn jetzt allerdings Politiker meinen, Frau Käßmann beispringen zu müssen, weil sie wie sie gegen en Afghanistan-Krieg sind, werten sie ihre analytisch schwachen Statements unnötig auf. Denn die Auffassungen der EKD-Vorsitzenden sind nicht aus religiösen, sondern aus politischen Gründen problematisch: Wer Waffeneinsatz kategorisch ablehnt, verabschiedet sich von den mühsam errungenen Grundsätzen der internationalen Gemeinschaft, wie sie in der Charta der Vereinten Nationen niedergelegt sind.

Krieg könne sie "aus christlicher Sicht nicht legitimieren", sagte Käßmann in einem Interview der Berliner Zeitung zu Weihnachten. Selbst den Krieg gegen das nationalsozialistische Deutschland will sie nicht als gerechtfertigt ansehen. Ich kann diese Ansicht nicht teilen. In seiner Friedensnobelpreisrede hat Barack Obama gesagt, dass man die Fehler der amerikanischen Pazifisten der 1930er und 1940er Jahre nicht wiederholen dürfe. Recht hat er: Ernsthafter Friedenswille allein reicht leider nicht immer. Auch die Taliban werden sich nicht nur durch gute Worte oder finanziellen Sanktionen, wie sie Frau Käßmann fordert, vom Morden abhalten lassen. 

Frau Käßmann sagte nun in ihrer Neujahrspredigt: "Krieg soll nicht sein." Natürlich wäre es schön, wenn die Welt so wäre, dass militärische Gewalt nie notwendig ist. Natürlich soll niemand Kriege provozieren. Aber was soll man machen, wenn schon irgendwo ein Krieg oder Bürgerkrieg tobt? Die UN-Charta und die Beschlüsse zur Verantwortung zum Schutz vor Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ("Responsibility to Protect") legitimieren und verpflichten die internationale Gemeinschaft, Verletzungen von Menschenrechten in großem Maßstab vorzubeugen. Auch der Einsatz in Afghanistan ist durch die UN-Charta und einen Beschluss des Sicherheitsrates gedeckt. Manchmal eröffnet eben erst ein Militäreinsatz die Aussicht auf den notwendigen Schutz
der Zivilbevölkerung. Dann ist er moralisch geboten und gerechtfertigt.

Einen solchen Einsatz abzukanzeln, weil Krieg grundsätzlich nie zu rechtfertigen sei, wird der Geschichte und den gegenwärtig 18 robusten friedenserhaltenden Missionen der Vereinten Nationen, von Kosovo bis Haiti, nicht gerecht. Die internationale Gemeinschaft hat sich verpflichtet, ein weiteres Ruanda oder Srebrenica zu verhindern. Das ist schwer genug, aber ohne eine ernsthafte Option auf Waffeneinsatz unmöglich.

Wenn Bischöfin Käßmann den Primat der zivilen Konfliktbearbeitung fordert, stimme ich ihr allerdings aus ganzem Herzen zu. Ich habe mich während meiner Zeit als Leiter der UN-Mission in Afghanistan stets für eine wirksamere zivile Aufbauhilfe und besseren Schutz der Bevölkerung eingesetzt. Doch ohne den Einsatz militärischer Mittel war und ist dort beides nur sehr begrenzt möglich. 

Wenn die Debatte über den Krieg in Afghanistan, um Kanzel- und Kanzlerinnenworte, dazu führt, dass die Bundesregierung mehr Energie auf die Vorbeugung bewaffneter Konflikte verwendet, dass polizeiliche und zivile Mittel vor militärischen dominieren, und dass deutsche Einsätzkräfte besser und systematischer auf solche Aufgaben vorbereitet werden, dann leistet sie einen Beitrag zum Frieden in der Welt. Wenn sie die deutschen Einsatzkräfte in UN-Missionen, ob in Afghanistan oder anderswo, moralisch und politisch delegitimiert, führt sie eher zum Gegenteil.