Führungskampf An Bartsch spalten sich die Linken

Die Linken-Führung will den Bundesgeschäftsführer Bartsch opfern, damit Lafontaine Vorsitzender bleibt. Doch die Ost-Verbände stemmen sich dagegen. Von Michael Schlieben

Was hat Gregor Gysi da bloß geritten? Bis gestern galt der Fraktionschef der Linken als ein Vertrauter des Bundesgeschäftsführers Dietmar Bartsch. Die beiden Ostdeutschen und früheren PDS-Helden würden schon in der Führungsspitze der vereinten Linkspartei zusammenhalten, gegen die Wessis, und notfalls auch gegen Oskar Lafontaine, von dem im Moment niemand weiß, ob er Vorsitzender bleiben will. So dachte man zumindest, bis zu Gysis Auftritt gestern auf der politischen Jahresauftaktsitzung der Linken.

Was die Zuhörer im Berliner Congress Center hörten, war ein unmissverständliches Misstrauensvotum gegen Bartsch. "Obwohl ich ihn sehr mag", leitete Gysi ein, "der Bundesgeschäftsführer war gegenüber einem Vorsitzenden nicht loyal." Das habe "Folgen", da nun das "Vertrauensverhältnis in der engeren Führung beschädigt" sei. Einige Zuhörer applaudierten nach diesem Satz. Bartsch hingegen und viele seiner Unterstützer erstarrten.

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Umso lauter war die Aufregung hinterher. "Ein Scherbengericht" sei hier abgehalten worden, Bartsch sei öffentlich politisch geköpft worden, hieß es bei den aufgeregten Parteifreunden. Und niemand hatte noch Zweifel daran, dass hier einer gehen soll, weil sein Verhältnis zu Lafontaine als zerrüttet gilt. Der Saarländer, der sich von seiner Krebsoperation erholt, soll sein Verbleiben als Parteichef auf dem Parteitag im Mai gar von der Ablösung Bartschs abhängig gemacht haben.

Die Reaktion erfolgte noch am gleichen Abend: Die Landes- und Fraktionschefs aus den fünf ostdeutschen Ländern schlossen sich zusammen und solidarisierten sich mit Bartsch. Er sei "für viele Mitglieder unserer Partei eine wichtige Integrationsfigur", hieß es in einer gemeinsamen Erklärung. Als Wahlkampf-Manager sei er überdies für das "erfolgreichste Jahr in der Geschichte unser Partei" mitverantwortlich.

Auf Gysi sind die Ost-Vorsitzenden nun zornig. Bisher hatten sie ihn immer als ihren Interessenvertreter in der Parteiführung wahrgenommen. Steffen Bockhahn, Landeschef aus Mecklenburg-Vorpommern, twitterte, was viele dachten: "Bin enttäuscht von Gregor Gysi. Er sollte sich für Dietmar Bartsch als Geschäftsführer stark machen. Es kann nicht nur nach Oskar gehen!" ZEIT ONLINE sagte er, Gysi habe sich mit seiner Kritik am "großartigen" Bundesgeschäftsführer "selbst illoyal verhalten".

Gysi wird Unverhältnismäßigkeit vorgeworfen. Ohne es näher auszuführen, stütze er sich mit seinem Vorwurf wohl auf eine Passage in einem Spiegel-Artikel vom letzten Herbst. Darin sagte Bartsch, dass es schon "Anfang des Jahres Diskussionen darüber gegeben" habe, ob Lafontaine auch nach der Wahl die Fraktion weiter führen werde. Zudem wird von Linken-Politikern im Westen gemutmaßt, Bartsch habe das Magazin zu dem Bericht über eine angebliche Affäre Lafontaines mit der Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht inspiriert.

Bartsch weist das alles entschieden zurück – und die ostdeutschen Landesspitzen glauben ihm. Zudem halten sie das genannte Zitat nicht für ausreichend, um ein solch hartes Urteil über ihn zu fällen. Bodo Ramelow, Linken-Spitzenkandidat aus Thüringen, sagte daher am Morgen: Bartsch habe mit seinen Äußerungen keine "Majestätsbeleidigung" begangen. Sein Landesparteichef Kurt Korschewsky sagte ZEIT ONLINE, es sei falsch, Bartsch nun wegen einer Äußerung "in Schall und Rauch zu verdammen".

Die ostdeutschen Linken-Chefs wittern in dem Führungsstreit etwas anderes, tiefer Gehendes. "Dahinter verbirgt sich die Frage, ob wir eine pragmatische Volkspartei sein wollen oder eine linke Klientelpartei", sagt der Rostocker Bockhahn. Die westdeutschen Landesverbände seien an ernsthafter Regierungsarbeit gar nicht interessiert. "Bartsch steht für Realpolitik", sagt der Thüringer Korschewsky.

Leser-Kommentare
  1. ...ist: Die Linken sind wieder einmal an einem Punkt angelangt, an dem sie sich nur noch selber schaden. Diese Szenerie gab es schon oft in der Geschichte der linken Bewegung in Deutschland. Es ist nicht mit anzusehen, wie man sich mit sich selber beschaeftigt, statt dem politischen Gegner zu atackieren. Und gerade jetzt, vor der wichtigen Wahl in NRW demontiert sich die linke Fuehrung oeffentlich vor den Augen des ganzen Landes selbst. Kaum zu glauben, dass solche intelliegenten Persoenlichkeiten wie Gysi und Lafontaine, dies, statt es zu verhindern, noch befoerdern. Die Konservativen werden sich ins Faeustchen lachen.

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    und laengst zu erwartendes gewesen. Der Gleichschaltung der bisherigen Bundestagparteien, und vorallem die Gruenen Displinierung und Systemkonformierung sind schon lange davor in dieser linkisch-linken Krummenrepublik erfolgreich durchgefuehrt worden.
    Die verkappt wirkenden SED-Apparatschiks meinen Ihre Zeit sei nun gekommen, um sich an Stelle ihrer beiden bisherigen Zugpferde im ihren Sinne in die Riemen zu werfen. Mit Solidaritaet Gysis gegenueber Lafontain hat dieser dauerschleimiger und hinterlistiger Pack allerdings nicht gerechnet. Konnten sie auch nicht, da Anstaendigkeit und Aufrichtigkeit noch nie zu ihren stalinistisch-bolschewistischen Kampfbegriffen gehoerte.
    Gysi und Lafontaine sollten die Ihnen aufgezwungene Konfrontation nun dazu nutzen, um die Linke klar vor die Wahl zu stellen: Entweder Bolschewia-Liebaeugeln bzw. Stalinnostalgie oder wir -, d. h. diejenigen, die euch hierzulande auf breiter Basis erst moeglich machten, und die den „demokratischen Sozialismus“ wirklich als absolute Verpflichtng, als den Imperativ schlechthin betrachten.

    und laengst zu erwartendes gewesen. Der Gleichschaltung der bisherigen Bundestagparteien, und vorallem die Gruenen Displinierung und Systemkonformierung sind schon lange davor in dieser linkisch-linken Krummenrepublik erfolgreich durchgefuehrt worden.
    Die verkappt wirkenden SED-Apparatschiks meinen Ihre Zeit sei nun gekommen, um sich an Stelle ihrer beiden bisherigen Zugpferde im ihren Sinne in die Riemen zu werfen. Mit Solidaritaet Gysis gegenueber Lafontain hat dieser dauerschleimiger und hinterlistiger Pack allerdings nicht gerechnet. Konnten sie auch nicht, da Anstaendigkeit und Aufrichtigkeit noch nie zu ihren stalinistisch-bolschewistischen Kampfbegriffen gehoerte.
    Gysi und Lafontaine sollten die Ihnen aufgezwungene Konfrontation nun dazu nutzen, um die Linke klar vor die Wahl zu stellen: Entweder Bolschewia-Liebaeugeln bzw. Stalinnostalgie oder wir -, d. h. diejenigen, die euch hierzulande auf breiter Basis erst moeglich machten, und die den „demokratischen Sozialismus“ wirklich als absolute Verpflichtng, als den Imperativ schlechthin betrachten.

    • spa
    • 12.01.2010 um 19:54 Uhr

    ... sehr sehr unverständlich und unvernünftig, wenn der auch bei den medien beliebteste mann der linken öffentlich öl ins feuer gießt, statt mit ruhiger hand feuerwehr zu sein. was ihn dazu geritten hat, wird wohl in einigen jahren in (auto)biografien nachzulesen sein.

  2. Hat die Linke keine anderen Probleme, als sich in abstrusen Flügelkämpfen zwischen den Realos und der West-Linken zu verzetteln.
    Ich kann mich da nur Kommentator 1 anschließen, es sollte der Linken gelingen in den Landtag in NRW zu kommen, anstatt diese Mätzchen zu machen. Das bringt parteilich gar nichts und nützt nur dem politischen Gegner.
    Irgendwie erinnert mich das an die K-Gruppen, wahrscheinlich weil diese auch teilweise in der neuen Linken sind.

  3. 4. Linke

    Was sind das doch für kleine Leute!

    • fubel
    • 12.01.2010 um 20:18 Uhr

    Dietmar Bartsch ist vieles zu verdanken. Bis jetzt habe ich Oskar und Gregor immer unterstützt, doch die Rede von Gysi war übertrieben ungerecht, nur selbstdarstellend. Ich weiß, dass Oskar ein Garant für den Erfolg der Linken ist. Aber er ist nicht Die Linke - die Mitglieder der Partei sind Die Linke.

    Wenn Dietmar Bartsch nicht Bundesgeschäftsführer bleibt werde ich mein Parteibuch zurückgeben.

  4. Jetzt wird endlich offenbar, was jedem denkenden Menschen eigentlich hätte klar sein solln. Die LINKE ist nun mal eine ideologische Träumerpartei. Nur das ihre Vorstellugen von dem wie es ist - oder sein sollte - totaler Blödsinn ist (vgl. Wahlprogramm mit Zwangsenteignungen usw. incl. ideologischem Unterbau.)
    Das größte Problem aber dieser Partie ist und bleibt, dass sie keine Aufarbeitung der eigenen Geschichte betrieben hat. So ist sie in der Zwickmühle theoretisch für längst überholte Ideen einzustehen, diese an der Macht aber nicht umsetzten zu können und wollen.
    Was bleibt ist verbale Schönfärberei, die aber keinen satt macht.
    Ich sag nur 40 Jahre Plan Übererfüllung und zum Schluss war die DDR Bankrott.
    Aber der Realität kann sich keine Partei entziehen!

    Gruß

  5. 7. @6

    Keine Angst, den Bankrott schaffen wir hier auch noch.

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    und das auch ganz ohne Planwirtschaft.

    Gruß

    zu @7
    wir sind doch schon mittendrin. Und gegen die Hasardeure wird nichts unternommen. Im Gegenteil: Ruhe soll wieder die erste Bürgerpflicht werden.

    Lustig, das Gesabbel vom Bankrott höre ich jetzt seit über dreißig Jahren, und meine Eltern berichten, daß sie es seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland hören. Und siehe: in der Realität ist die Bundesrepublik Deutschland heute eines der freiesten, sichersten, reichsten und sozialsten Länder der Welt, das die zusammengebrochene DDR in jedem dieser Punkte mit weitem Abstand aussticht.

    Deswegen müssen Sie die Bundesrepublik Deutschland natürlich trotzdem nicht gleich mögen, und es gibt ja auch viele allzu berechtigte Kritikpunkte. Aber wenn Sie von vernunftbegabten Mitbürgern ernst genommen werden möchten, sollten Sie sich an die simple Realität gewöhnen, daß der Bankrott in absehbarer Zukunft äußerst unwahrscheinlich ist.

    und das auch ganz ohne Planwirtschaft.

    Gruß

    zu @7
    wir sind doch schon mittendrin. Und gegen die Hasardeure wird nichts unternommen. Im Gegenteil: Ruhe soll wieder die erste Bürgerpflicht werden.

    Lustig, das Gesabbel vom Bankrott höre ich jetzt seit über dreißig Jahren, und meine Eltern berichten, daß sie es seit Gründung der Bundesrepublik Deutschland hören. Und siehe: in der Realität ist die Bundesrepublik Deutschland heute eines der freiesten, sichersten, reichsten und sozialsten Länder der Welt, das die zusammengebrochene DDR in jedem dieser Punkte mit weitem Abstand aussticht.

    Deswegen müssen Sie die Bundesrepublik Deutschland natürlich trotzdem nicht gleich mögen, und es gibt ja auch viele allzu berechtigte Kritikpunkte. Aber wenn Sie von vernunftbegabten Mitbürgern ernst genommen werden möchten, sollten Sie sich an die simple Realität gewöhnen, daß der Bankrott in absehbarer Zukunft äußerst unwahrscheinlich ist.

  6. 8. Ja

    und das auch ganz ohne Planwirtschaft.

    Gruß

    Antwort auf "@6"

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