Oskar Lafontaine kann sich zufrieden im Saarland eine Flasche Wein aufmachen. Er hat sein Ziel erreicht: Dietmar Bartsch, sein selbstbewusster Kontrahent in der Parteiführung der Linken, hat am Freitag seinen Rückzug vom Amt des Bundesgeschäftführers verkündet – tief gekränkt und verbittert. Lafontaine und er verband schon lange nichts mehr, weder politisch noch persönlich. Ihr Verhältnis galt als zerrüttet. Eine Zusammenarbeit schien daher auch gar nicht mehr möglich. Angeblich soll Lafontaine seine erneute Kandidatur als Parteichef im Mai davon abhängig gemacht haben, dass Bartsch geht. Er oder ich, so lautete das Ultimatum. Rücksichtnahme auf Personen, schon gar auf politische Gegenspieler, war noch nie eine Eigenschaft des früheren SPD-Vorsitzenden.

Vordergründig störte Lafontaine an Bartsch dessen angebliche Indiskretion, wie er es ganz diskret lancieren ließ. Dem Spiegel soll Bartsch verraten haben, dass man in der Linken seit geraumer Zeit darüber nachdenke, wie eine mögliche Zukunft ohne Lafontaine aussehen könnte.

Seine Verteidiger finden diesen Vorwurf unverhältnismäßig. Es sei noch keine Majestätsbeleidigung, wenn man, höflich und transparent, drängende Zukunftsfragen thematisiere, sagte Thüringens Spitzenmann Bodo Ramelow zu Recht. Hinzu kommt, dass Oskar Lafontaine selbst stets ein Meister darin war, seine jeweilige Partei vor vollendete Tatsachen zu stellen und die Medien bisweilen früher zu informieren als die Gremien, denen er vorstand. Über eine Zukunft der Linken ohne ihren Vormann rechtzeitig nachzudenken wäre so gesehen sogar die Pflicht eines Bundesgeschäftsführers.

Der zweite Vorwurf ist unappetitlicher. Angeblich soll Bartsch gegenüber dem Spiegel auch über Lafontaines angebliche Affäre mit der Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht geplaudert haben. Allerdings gibt es dafür keine Belege. Bartsch bestreitet das konsequent, auch heute noch mal ausführlich und emotional in seiner Verzichtserklärung. Aufklären lässt es sich nicht. Sollte es diese Affäre tatsächlich geben, wissen vermutlich mehre Linken-Politiker davon. Wer da alles getratscht hat, lässt sich kaum nachprüfen.

Tatsächlich geht es aber nicht nur um die Person Bartsch und irgendwelche Verfehlungen. Hinter dem Personalkonflikt steckt die grundlegende Auseinandersetzung um die künftige Ausrichtung der seit drei Jahren vereinten Partei. Bartsch stand und steht für die pragmatischen und regierungswilligen Ost-Linken aus der früheren PDS. Lafontaine und mit ihm die Linken im Westen setzen dagegen unverdrossen auf eine radikale und fundamentale Oppositionslinie. 

Den neuen West-Verbänden galt Bartsch als Inbegriff der alten, verstaubten, vergangenheitsorientierten PDS. Seit 1979 war er Mitglied der SED, 1991 wurde er Bundesschatzmeister der PDS. Parteifreunde aus dem Westen klagten oft darüber, dass Bartsch ein Besserwisser sei und sich als heimlicher Parteichef aufspiele. Wenn irgendein Landesverband wieder ein revolutionäres Programm beschloss, Industrien verstaatlichen oder Drogen legalisieren wollte, war in der Regel er es, der den Zeigefinger hob – und Nachhilfe in Realpolitik anbot. "Dogmatisch" und "apodiktisch" sei er in seiner Biedermeierhaftigkeit, hieß es im Westen.

Außerdem störte es sie, dass Bartsch sich im Dezember, quasi öffentlich, mit Sigmar Gabriel traf. Im Berliner Promi-Café Einstein plauderte er vergnügt mit dem neuen SPD-Chef. Auch zu Vertretern anderer Parteien suchte Bartsch den Kontakt. Seine Kritiker spotteten: Da bastele ein "Salon-Sozialist" bereits an der Koalition von 2013.