Generaldebatte im Bundestag Die Opposition rechnet mit der "Klientelregierung" ab

Im Bundestag beschwört Schwarz-Gelb den Neuanfang. Doch die Generaldebatte zeigt vor allem: Bisher macht es die Regierung der Opposition ziemlich leicht.

Wenn es an diesem zweiten Tag der Haushaltsdebatte eine Geste gibt, die zeigen soll, dass zwischen den neuen Regierungspartnern nun endlich alles, aber auch wirklich alles wieder zum Besten steht, dann ist es das in die Hand gestützte Kinn von Guido Westerwelle. Während es auf der Regierungsbank ansonsten mit der Aufmerksamkeit während der Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht immer sehr weit her ist – Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner plauschen zwischendurch – folgt der FDP-Chef und Außenminister seiner Chefin fast durchweg in dieser Pose höchster Aufmerksamkeit.

Generaldebatte heißt das, was alljährlich anlässlich der Beratungen über den Kanzleramtsetat aufgeführt wird, und dies ist für Opposition und Regierung stets die Gelegenheit zum großen Schlagabtausch. Für die noch junge schwarz-gelbe Koalition ist es aber auch eine weitere Gelegenheit, nach dem verpatzten Start nun doch noch endlich zu erklären, wo die Reise in den nächsten Jahren eigentlich hingehen soll.

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Angela Merkel hat sich dafür zumindest eine schöne Chiffre zurechtgelegt: Mit einem "neuen Denken" werde die Regierung die Krise überwinden. Erneuerung verspricht Merkel nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch im Verhältnis von Bürger und Staat und für den Zusammenhalt in der Gesellschaft. "Freiheit in Verantwortung" sei das Ziel, wiederholt sie die Losung, die sie schon in ihrer ersten Regierungserklärung ausgegeben hat.

Sehr konkret wird Merkel bei all dem allerdings nicht, was zweifellos auch damit zu tun hat, dass die Koalition sich in vielen Frage – etwa der Gesundheitsreform und vor allem der genauen Gestaltung der geplanten Steuerreform – eben immer noch nicht festgelegt hat. Am ehesten versteht man noch, dass das neue Denken damit zu tun haben soll, Steuersenkungen trotz Rekordverschuldung mit Haushaltskonsolidierung und Schuldenbremse irgendwie zusammenzubringen. "Dieser politischen Kunst sind wahrscheinlich nur wir fähig", sagt Merkel und erntet dafür großes Hohngelächter von Seiten der Opposition.

Wie groß der Annäherungsbedarf zwischen Union und FDP nach wie vor ist, macht auch die Rede von FDP-Chefin Birgit Homburger deutlich. Ihre in gleich bleibend schrillem Ton vorgetragene Ausführungen erwecken teilweise den Eindruck, sie sei immer noch in der Opposition gegen die vormalige Große Koalition. Von SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt habe man ein marodes Gesundheitssystem übernommen, sagt Homburger zum Beispiel. Da guckt Merkel gar nicht erfreut. Die von Schmidt durchgeführte letzte große Gesundheitsreform hat sie schließlich stets verteidigt. Ein langes Nicken Westerwelles bestätigt der Fraktionsvorsitzenden hinterher dennoch: Gut gemacht! Wenig Applaus gibt es dagegen von der Union. So nah sind sich Schwarze und Gelbe dann doch noch nicht.

Mit einer Regierung, die einen solchen miesen Start hingelegt hat wie FDP und Union, hat die Opposition in einer solchen Debatte dann leichtes Spiel. Der Angriff fällt entsprechend heftig aus.  "Angekündigten Wahlbetrug" etwa wirft Linksparteichef Gregor Gysi der Regierung vor, weil sie ihre Steuerpläne erst nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen offenbaren will.

Renate Künast, die Grünen-Fraktionschefin, nimmt die Zerstrittenheit der Koalitionäre aufs Korn. Seit 90 Tagen müsse man nun den Kämpfen der Häuptlinge von CSU und FDP zusehen, und dann werde als Zeichen der Versöhnung auch noch rohes Fleisch verzehrt – im Restaurant Borchardt nämlich nach dem Krisentreffen am Sonntag. "Das erinnert mich an die archaischen, blutigen Rituale von Stammesfürsten", ätzt Künast.

Auch SPD-Fraktionschef Frank Walter Steinmeier bemüht sich nicht um ein allzu differenziertes Urteil. "Politisches Totalversagen" wirft er der Regierung vor. Mit roten Ohren säßen die Regierungsmitglieder auf ihrer Bank, als wollten sie für das, was sie bisher geleistet hätten, um Vergebung bitten. Woran das liegt, weiß Steinmeier natürlich genau. Seit Ex-Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) und Ex-Arbeitsminister Olaf Scholz (SPD) nicht mehr im Kabinett säßen – sich selbst erwähnt er nicht –, fehlten Angela Merkel einfach die fähigen Ratgeber. Nun stehe sie mit leeren Händen dar.

Eine Steilvorlage für die Opposition sind natürlich die diversen Spenden, die nicht nur die FDP sondern auch CDU und CSU aus der Hotelbranche bekommen haben, bevor die Regierung als eine der ersten Maßnahmen die Mehrwertsteuer für Hotels senkte, Kostenpunkt eine Milliarde Euro. Der Vorwurf der Klientelpolitik fehlt an diesem Tag in keiner Oppositionsrede. Vor einer "Bimbesrepublik" warnt Steinmeier. Helmut Kohl lässt grüßen.

Mit dem Prinzip Hoffnung speise die Regierung das Parlament ab, hatte Künast zuvor kritisiert. Das Prinzip Hoffnung gibt es allerdings auch bei Steinmeier. "Das Vertrauen in diese Regierung wird wegbrechen", prophezeit er. Angela Merkel guckt da ungerührt an ihrem vormaligen Vizekanzler vorbei.

Dabei sollte sie den Rat vielleicht ernst nehmen. Denn mit dem Wegbrechen des Vertrauens von Wählern kennt sich die SPD immerhin ziemlich gut aus.
 

 
Leser-Kommentare
  1. 1. hä?

    Aber er ruft dann doch einmal zu oft "Skandal", um ganz glaubhaft zu wirken.

    Ich vermisse die Schglagzeile:

    Wahlbetrug mit Ansage

    Man kann es nicht oft genug sagen. Es ist ein Skandal, und wird nicht weniger wahr, wenn man es immer wieder sagt.
    Noch größer ist der Skandal, dass es nicht als Schlagzeile in jeder Zeitung steht. Unabhängig davon ob man links oder rechts eingestellt ist.

  2. was soll das Geschrei, jedem ist bekannt, dass die Parteien Geld von der Industrie bekommen. Besser sollte man es per Gesetz verbieten.

  3. Wenn die Demokratie nicht bald zu einer leeren Hülle ala' D(DR) verkommen soll dann muß das Parteien und Lobbysystem vollständig hinterfragt werden. Entsprächende Ansätze über eine innerparteiliche direkte Demokratie verfolgen die Piraten!

    Das Personal einfach umzutauschen reicht daher nicht denn die dahinter kommen sind nur noch schlechter!

    • xpol
    • 20.01.2010 um 17:46 Uhr

    ... war diese Debatte für die Regierung.
    So früh in der Legislaturperiode können die Aufgeregtheiten der Opposition die Regierung kalt lassen - mutmasslich auch in 4 Jahren noch, da sich an den Anwürfen bis dahin wenig geändert haben dürfte. Ich lese nur Standardphrasen, die bisher noch jeder Regierung entgegengehalten wurden.

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    hätte ich vermutlich einen ähnlichen Kommentar geschrieben wie Sie. "Ich lese nur Standardphrasen, die bisher noch jeder Regierung entgegengehalten wurden." Das mag sein, aber das entscheidend Neue ist, dass die Vorhaltungen nie berechtigter waren, als heute. Mir klingen noch die überheblich-penetranten FDP-Sprüche aus dem Bundestagswahlkampf im Ohr: "Wir haben das beste Konzept für Wachstum. Wir haben das beste Konzept für Bildung. Wir haben das beste Konzept für eine Steuerreform." Und, was hat die FDP wirklich? Gar nichts! Allein der ungerechte Drei-Stufen-Steuertarif ist schon ein Ausdruck schierer Inkompetenz. Ob die Union mehr Potenzial hat als die gelben Politzwerge, muss sie allerdings erst noch beweisen.

    • xpol
    • 21.01.2010 um 6:26 Uhr

    ... der Frankfurter Rundschau sieht das ähnlich - welche Rückschlüsse auf seine politischen Präferenzen ziehen Sie daraus?

    hätte ich vermutlich einen ähnlichen Kommentar geschrieben wie Sie. "Ich lese nur Standardphrasen, die bisher noch jeder Regierung entgegengehalten wurden." Das mag sein, aber das entscheidend Neue ist, dass die Vorhaltungen nie berechtigter waren, als heute. Mir klingen noch die überheblich-penetranten FDP-Sprüche aus dem Bundestagswahlkampf im Ohr: "Wir haben das beste Konzept für Wachstum. Wir haben das beste Konzept für Bildung. Wir haben das beste Konzept für eine Steuerreform." Und, was hat die FDP wirklich? Gar nichts! Allein der ungerechte Drei-Stufen-Steuertarif ist schon ein Ausdruck schierer Inkompetenz. Ob die Union mehr Potenzial hat als die gelben Politzwerge, muss sie allerdings erst noch beweisen.

    • xpol
    • 21.01.2010 um 6:26 Uhr

    ... der Frankfurter Rundschau sieht das ähnlich - welche Rückschlüsse auf seine politischen Präferenzen ziehen Sie daraus?

  4. Rede von Steinmeier gehört haben? Er hat sich sehr wohl ausführlich und differenziert mit der Regierung und insbesondere Frau Merkel auseinandergesetzt. Er hat klar gemacht, dass es kein schwarz / gelbes Gesamtkonzept gibt, sondern bisher eher ein "Zuckerl" hier ein Zuckerl da. Steuersenkungen auf Pump aber nicht wann und wie. Besetzung von Schlüsselpostionen bei Gesundheit und Umwelt mit Lobbyisten. Über den Führungsstil der Kanzlerin, dass sie sich in den Büschen versteckt und Schäuble, der Aussagen zur Steuerreform machte, mit einem Interview beim Handelsblatt in den Rücken gefallen ist. Dass die Bürger ein Anrecht haben, zu wissen was passieren soll und zwar vor der Wahl in NRW. Dass die Steuerschätzung nur als Vorwand genommen wird um keine klaren Aussagen zu treffen.

    Und Frau Schuler sie werden Herrn Steinmeier doch nicht absprechen wollen, dass die Finanzkrise ohne die Sozialdemokraten schlechter gehändelt worden wäre. Hätte Frau Merkel ein Konzept müsste sie ja nicht über "Neues Denken" reden, sondern könnte einfach ihr Konzept vorlegen. Und dass die 3 (Merkel, Westerwelle und Seehofer) sich demonstrativ in einem Nobelrestaurant treffen und sich dabei filmen lassen, kann man doch eigentlich nicht als ernsthafte Politik bezeichnen.

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    Sie sind wohl immer noch stolz auf Ihre SPD? Nachdem diese Partei Deutschland in die Pleite gefuehrt hat und jetzt, oppurtunistisch wie sie ist, den Kurs der Marktliberalen verurteilt? Deren Politik ist doch den Herren Steinmeier und Steinbrueck wie auf den Leib geschneidert. Nein, diese Partei muss sich zunaechst vom Kopf her erneuern und zwar mit unbelastetem Personal. Mit Gabriel, Steinmeier, Nahles etc. wird das nichts.

    Sie sind wohl immer noch stolz auf Ihre SPD? Nachdem diese Partei Deutschland in die Pleite gefuehrt hat und jetzt, oppurtunistisch wie sie ist, den Kurs der Marktliberalen verurteilt? Deren Politik ist doch den Herren Steinmeier und Steinbrueck wie auf den Leib geschneidert. Nein, diese Partei muss sich zunaechst vom Kopf her erneuern und zwar mit unbelastetem Personal. Mit Gabriel, Steinmeier, Nahles etc. wird das nichts.

  5. Ein Grundproblem aller Regierungsparteien* der letzten Jahre war und ist, dass ihnen die Fähigkeit fehlt sich mit den eigenen Entscheidungen der letzten Legislaturperioden (öffentlich ) angemessen selbstkritisch auseinanderzusetzen. Indem sie sich nicht den Problemen stellt die ihre eigenen politischen Entscheidungen bereitet haben, versucht die Politik an Symptomen rumzudoktern die an einer schlüssigen Ursachenbeseitigung völlig vorbeigeht und letztendlich dazu dient das eigene Versagen zu verschleiern!

    Das führt in der Konsequenz dazu, dass das Handeln der Politik inzwischen völlig an der erlebten Realität des Alltags in diesem Lande vorbeigeht. Mithin ein Teil der Politiker offensichtlich die Realität politisch verdrängt, um sich mit dieser nicht auseinandersetzen zu müssen!

    Und so begegnen wir derzeit einer Vielzahl von ungelösten Problemen in diesem Land, die uns zweifelsfrei immer stärker in eine umfassende Sozialkrise führen, mit erheblichen Auswirkungen für die Zukunft dieses Landes.

    Ich bin inzwischen versucht zu sagen: Wir sind es unseren Kindern schuldig zu verhindern, dass sich dieses Spirale durch die offensichtliche Unfähigkeit der Politik(er) noch weiter beschleunigt!

    *) Hierzu zähle ich nicht die FDP. Die FDP in dieser Regierung halte ich für einen „Betriebsunfall“ in dieser Demokratie, der offensichtlich lediglich der fehlgeleiteten Tatsache geschuldet war, dass es Kräfte in der CDU/CSU gab, die ausschließlich auf Machterhalt fixiert waren.

  6. Neues Denken ist nach Albert Einsein notwendig, wenn man fundamentale Probleme lösen muß, denn man 'könne die Probleme nicht mit der Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind'.

    Wer sich auf die Suche den hilfreichen Theorieen und Inhalten der neuen Denbkweise macht, wird nur bei den Theorieaussagen der Evolutionsprozess- und Chaosphysiker fündig werden. Davon gibt es leider noch sehr wenige. Aber : Angela Merkel hat sich zur einer solchen Physikerin entwickelt. Auch Papst Bendikt XVI. erscheint mir den neuesten Stand der Evolutionsprozessphysik sich angeeignet zu haben. Seine Rede von einem 'gesteuerten Evolutionsprozess' deutet darauf hin. Aber die wirklichen NEUERER werden nur durch ihre erfolgreichen TATEN wahr- und ernstgenommen.

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    oh je, da liegen Sie aber falsch.

    Das klingt wie Gentechnik für den Staat.

    Es geht darum die Meinungsbildungs und Entscheidungsfindungsprozesse zu beschleunigen, und....
    Berücksichtigung aller für die politische Evolution notwendigen Informationen.

    Vollständige und richtige Informationen sind die Grundlage für bestmögliche Entscheidungen. Da die Regierung sich weigert, die Sichtweise der Bevölkerung zu berücksichtigen, sind auch deren Entscheidungen nur bedingt richtig.

    Das gilt auch für die Bevölkerung, denen die Informationen vorenthalten werden, um bestmögliche Entscheidungen bei Wahlen zu treffen. (s. das Gehampel mit dem Warten bis zur Steuerschätzung)

    Wir brauchen einfach demokratischere Verhältnisse.

    oh je, da liegen Sie aber falsch.

    Das klingt wie Gentechnik für den Staat.

    Es geht darum die Meinungsbildungs und Entscheidungsfindungsprozesse zu beschleunigen, und....
    Berücksichtigung aller für die politische Evolution notwendigen Informationen.

    Vollständige und richtige Informationen sind die Grundlage für bestmögliche Entscheidungen. Da die Regierung sich weigert, die Sichtweise der Bevölkerung zu berücksichtigen, sind auch deren Entscheidungen nur bedingt richtig.

    Das gilt auch für die Bevölkerung, denen die Informationen vorenthalten werden, um bestmögliche Entscheidungen bei Wahlen zu treffen. (s. das Gehampel mit dem Warten bis zur Steuerschätzung)

    Wir brauchen einfach demokratischere Verhältnisse.

  7. oh je, da liegen Sie aber falsch.

    Das klingt wie Gentechnik für den Staat.

    Es geht darum die Meinungsbildungs und Entscheidungsfindungsprozesse zu beschleunigen, und....
    Berücksichtigung aller für die politische Evolution notwendigen Informationen.

    Vollständige und richtige Informationen sind die Grundlage für bestmögliche Entscheidungen. Da die Regierung sich weigert, die Sichtweise der Bevölkerung zu berücksichtigen, sind auch deren Entscheidungen nur bedingt richtig.

    Das gilt auch für die Bevölkerung, denen die Informationen vorenthalten werden, um bestmögliche Entscheidungen bei Wahlen zu treffen. (s. das Gehampel mit dem Warten bis zur Steuerschätzung)

    Wir brauchen einfach demokratischere Verhältnisse.

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