ZEIT ONLINE: Die CSU trifft sich zu ihrer Klausurtagung zu einer Zeit, in der die Partei tief verunsichert ist, nachdem sie auch bei der Bundestagswahl die absolute Mehrheit in Bayern verloren hat und sie zudem von Affären und dem Debakel um die Bayerische Landesbank schwer gebeutelt wird. Steckt die CSU in einer Existenzkrise?

Heinrich Oberreuter: Sie ist nicht in einer Existenzkrise, aber in einer Erfolgskrise. Die mäßigen Ergebnisse bei der Landtags- und Kommunalwahl haben sich bei der Bundestagswahl fortgesetzt. Das Ganze spielte sich ab vor dem Hintergrund eines Führungswechsels und des Verschleißes des alten Führungspersonals. Aber nicht nur das Gefüge der Partei hat sich verändert, sondern auch das Umfeld. Die Gesellschaft ist auch in Bayern eine andere geworden. Die CSU hat das bis heute noch nicht recht begriffen.

ZEIT ONLINE: Die CSU hat ihre überaus starke Verankerung in der Wählerschaft verloren. Ist damit auch ihre Sonderrolle als letzte halbwegs intakte Volkspartei dahin?

Oberreuter: Auch die CSU ereilt der Erosionsprozess der Volksparteien, der seit den 1970er Jahren anhält. Schon unter Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber hat sie sich – mit Ausnahme der Wahl von 2003 – von einstigen Ergebnissen über 60 Prozent der 50-Prozent-Marke genähert. Aber das Desaster der CSU spielt sich immer noch auf einem hohen Niveau ab. Es gibt heute kaum noch eine Partei in Europa, die regelmäßig Ergebnisse über 40 Prozent einfährt. Insofern ist eine Hoffart der CDU, die ja auf ihre bayerische Schwester angewiesen ist, um regierungsfähig zu bleiben, keineswegs gerechtfertigt.

ZEIT ONLINE: Aber viele in der CSU sprechen selber von einem Niedergang.

Oberreuter: Ja, die Partei ist verunsichert. Sie wird Gefangene ihrer eigenen Illusionen, die mit der Zielmarke 50 Prozent verbunden sind. Wenn sie Ergebnisse über 40 Prozent halten kann, ist sie immer noch der Prototyp einer Volkspartei in ganz Europa. Aber sie muss in dieser Krise kühlen Kopf bewahren. Vor allem muss sie sich endgültig von der Arroganz lösen, eine Mehrheit der bayerischen Wähler stünde ihr praktisch immer zur Verfügung.

ZEIT ONLINE: Im Moment besteht eher die Gefahr, dass sie noch unter 40 Prozent rutscht. 

Oberreuter: Wenn die CSU die Zeichen der Zeit nicht erkennt, wenn sie nicht reagiert auf die gesellschaftlichen Veränderungen, auch bei der Auswahl ihres Führungspersonals, dann könnte es auch für sie weiter bergab gehen. Dann könnte auch sie bei Ergebnissen von 30 + x landen. Das wäre eine Wende, auf die sich die Parteiführung noch längst nicht eingestellt hat. 

 ZEIT ONLINE: Horst Seehofer hat im Herbst 2008, als er die Führung von Partei und Regierung übernahm, einen Neuanfang versprochen. Hat er denn die Zeichen der Zeit erkannt?

Oberreuter: Horst Seehofer hat einen Generationenschnitt im Kabinett vollzogen. Ansonsten hat er programmatisch und konzeptionell weder in der Partei noch in der Landesregierung bislang einen klaren Kurs erkennen lassen. Edmund Stoiber hatte klare Zukunftsvisionen, wenngleich die bisweilen sicher zu angestrengt waren. Aber so etwas kann man bei Seehofer überhaupt nicht erkennen. Er springt von Thema zu Thema, gelegentlich in sehr populärer Weise, ohne eine sichtbare Linie, die mit der Partei und der Landtagsfraktion abgestimmt wäre. Dieses Defizit hat er offensichtlich erkannt. Sowohl die Landesregierung als auch die Fraktion sollen sich jetzt mit Zukunftsvorstellungen befassen.

ZEIT ONLINE: Zunächst müssen sie sich aber mit den Milliarden-Lasten herumschlagen, die ihnen die früheren Spitzen von Partei und Landesregierung in Form der BayernLB hinterlassen haben.

Oberreuter: Ja, diese Probleme kommen zu allen anderen noch hinzu. Da hat sich in der Vergangenheit eine Hybris von Bankern und Politikern vereint, das Geschäft der Landesbank praktisch auf die ganze Welt auszudehnen. Da sind sicher eine Reihe von Kontrollmechanismen außer Acht gelassen worden. Das war aber kein spezifisch bayerisches Problem. Die Verantwortung trägt die Finanzwirtschaft genauso wie die Politik.