Schilderungen der Opfer Die Vergangenheit will nicht enden
Der Prozess gegen den früheren KZ-Wächter Demjanjuk geht in die Beweisaufnahme. Bisher schilderten Angehörige der Opfer, wie der Holocaust auch ihr Leben prägte.
Es ist ein einziges Wort, bei dem Philip Jacobs die Stimme versagt. Ein grauenhaftes Wort. Der feine alte Herr hält für einen winzigen Moment inne, holt tief Luft, setzt neu an, aber er bringt das Wort nicht heraus. Er kämpft damit, würgt daran herum, und als er es endlich hervorpressen kann, da überschlägt sich seine Stimme. Sie wird spitz und schrill und hoch, wie der Schrei eines Vogels. Wie ein Schrei des Entsetzens. "Deportiert".
Das ist das furchtbare Wort: "Deportiert" wurden seine Eltern und seine Ruth, "meine erste große Liebe", gerade 21 Jahre alt, alle im selben Zug nach Sobibor. Abtransportiert aus dem niederländischen Sammellager Westerbork, vergast im Vernichtungslager Sobibor am 23. Juli 1943.
Philip Jacobs ist ein würdiger Greis. Er trägt einen blauen Blazer, ein weißes Hemd und eine gepunktete Krawatte. Sehr aufrecht hält er sich, trotz seiner 87 Jahre, nur das Gehen fällt ihm ein wenig schwer, und so stützt er sich auf seinen Anwalt und die Dolmetscherin, als er nach vorne tritt, an den Zeugentisch im Schwurgerichtssaal des Landgerichts München. Er ist einer der Nebenkläger in dem Strafverfahren gegen John Demjanjuk, der Wachmann in Sobibor gewesen sein soll, und er hat sich gründlich auf seine Aussage vorbereitet.
Präzise, in vorzüglichem Deutsch, spricht der pensionierte Apotheker aus Amsterdam davon, wie er seine Freundin Ruth, deren Eltern aus Berlin vor den Nazis nach Holland geflohen waren, in einem zionistischen Verein kennengelernt habe. Wie die deutschen Truppen 1940 die Niederlande "überfluteten", alle aber auf einen kurzen Krieg gehofft hätten. Wie ihn sein Vater zwei Jahre später gedrängt habe, außer Landes zu gehen. Wie er auf abenteuerlichen Umwegen über Kanada nach Großbritannien gelangt sei und sich zum Dienst in der britischen Armee gemeldet habe.
Jacobs spricht gefasst und konzentriert, die Richter, die Staatsanwälte, die Journalisten hören ihm gebannt zu. Nur Demjanjuk döst äußerlich unbeteiligt auf einem Krankenbett, das eigens für ihn im Gerichtssaal aufgebaut wurde. Wahrscheinlich ist der Angeklagte auch der einzige, den es nicht durchzuckt, als Jacobs plötzlich bei dem schier unaussprechlichen Wort stockt und aufschluchzt: "Deportiert."
Es ist nicht leicht, ein Kind weinen zu sehen. Aber nur weniges ist so erschütternd wie ein weißhaariger Mann, der um seine Eltern weint. Oder um den Vater, den er nie kennengelernt hat.
Fünf oder sechs Jahre alt sei er gewesen, erinnert sich Leon Vieyra, auch er Nebenkläger im Prozess gegen Demjanjuk, als er bald nach dem Krieg seine Mutter gefragt habe: "Warum habe ich keinen Vater? Andere Jungs haben einen Papa. Einen Papa, der mit ihnen Fußball spielt. Warum ich nicht?"
- Der Fall Demjanjuk: Sobibór
-
Das Vernichtungslager im Südosten Polens wurde 1942 im Rahmen der "Aktion Reinhardt" eingerichtet.
Nach Schätzungen wurden dort bis zu 250.000 Juden vergast, darunter 33.000 aus den Niederlanden.
Nach einem Aufstand von Häftlingen wurde das Lager 1943 dem Erdboden gleichgemacht.
- Trawniki
-
Die KZ-Häftlinge nannten die nichtdeutschen Helfer der SS "Trawniki", nach dem Ausbildungslager der SS in der Nähe von Lublin in Ostpolen.
Sie kamen meist aus der Ukraine. Aber auch Letten, Esten, Litauer, Polen und Russlanddeutsche waren darunter.
Viele von ihnen, Schätzungen zufolge mehrere hundert, wurden nach Kriegsende von sowjetischen Gerichten als Kollaborateure verurteilt und hingerichtet.
Im Westen hatten Trawniki meist mehr Glück.
Liudas Kairys, in Litauen geborener Oberwachmann im Vernichtungslager Treblinka, wurde 1993 aus den USA nach Deutschland abgeschoben. Ein deutsches Ermittlungsverfahren wurde sechs Jahre später eingestellt, Kairys war gestorben.
Dimitrij Sawchuk, gebürtiger Ukrainer, soll im Vernichtungslager Belzec Zwangskommandos überwacht haben. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg stellte ein Verfahren nach drei Jahren ein.
Franz Swidersky trug als Wachmann in Treblinka den Beinamen "der Hammer": Er erschlug Insassen, die zu schwach oder zu jung für die Zwangsarbeit waren. 1971 wurde er in Düsseldorf als "Exzesstäter" verurteilt und saß sieben Jahre in Haft.
- Die Ausbilder
-
Die Befehlsgewalt über das Lager in Trawniki hatte seit Oktober 1941 SS-Sturmbannführer Karl Streibel.
Er und fünf weitere Beschuldigte wurden im Juni 1976 von einem bundesdeutschen Gericht freigesprochen. Der SS-Mann behauptete erfolgreich, er habe lediglich zwei Gruppen von Ausgebildeten nach Belzec und Sobibór abgestellt – Ende 1941, zum Bau von Lagern, deren Zweck er nicht gekannt habe.
- Prozesse
-
1950 wurde Erich Bauer, verantwortlich für die Gaskammern in Sobibór, zum Tode verurteil, das Urteil wurde in lebenslanges Zuchthaus umgewandelt.
Hubert Gomerski, der Leiter des Wachkommandos, wurde zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt.
Johann Klier, der unter anderem die Lager-Bäckerei unter sich hatte, wurde freigesprochen, weil er jüdischen Häftlingen geholfen hatte.
1965 wurden in Hagen zwölf SS-Wachleute des Lagers vor Gericht gestellt. Einer bekam lebenslang, fünf weitere wurden zu Haftstrafen zwischen drei und ach Jahren verurteilt. Fünf Angeklagten billigte das Gericht "Putativnotstand" zu, einer brachte sich vor dem Plädoyer um.
Der Lagerkommandant Karl Frenzel wurde erst in den 80er Jahren endgültig zu Lebenslang verurteilt.
Auch Leon Vieyra versagt die Stimme, als er das sagt, auch ihm kommen die Tränen. Aber auch er zwingt sich, weiterzusprechen. "Mehr als siebzig meiner Angehörigen wurden ermordet. Ich konnte niemanden fragen, wie mein Vater war."
Und die Mutter?
Sie musste untertauchen, als die Deportationen begannen, wurde von ihrem 14 Tage alten Baby getrennt, fand ihn erst Monate nach dem Krieg wieder. "Da war sie eine zornige, frustrierte Frau", sagt Vieyra. "Sie hat nie etwas erzählt. Sie hat sogar die letzte Postkarte meines Vaters zerstört. Sie wollte nicht, dass andere Menschen das lesen."
Es ist still im Gerichtssaal. Nach einem Moment fragt der Vorsitzende Richter: "Gibt es Fragen an den Zeugen?" Die Staatsanwaltschaft hat keine Fragen. Die Verteidiger von John Demjanjuk schütteln nur wortlos den Kopf. Was sollen sie auch fragen?
- Datum 12.01.2010 - 06:54 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 7
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Mich hat es immer schon geärgert, dass sich die Holocausterinnerung so einseitig auf die Ermordeten konzentriert.
Dabei sind die Geschichten jener, die das Morden - oft nur durch Zufall oder Glück - überlebten, genauso wichtig. Niemand kann erfassen, was es bedeutet, jahrelang von den Erinnerung gejagt zu werden. Oftmals auch jahrelang mit der verzweifelten Hoffnung zu leben, dass man selbst doch nicht der einzige Überlebende sei. Viele der Überlebenden träumen noch heute jede Nacht von ihren Angehörigen, sehen ihre Gesichter in den Gesichtern von Passanten auf der Strasse. Nach einer Studie hat rund ein Viertel der Überlebenden zumindest einen Suizidversuch hinter sich.
Die "grossen" Holocaustfilme (und auch die israelische Geschichtsschreibung) unterschlagen diesen Schmerz nahezu immer, am Ende gibt es nur den hoffnungsvollen Neuaufbruch, den "Hunger nach Leben". Einer der wenigen, der ihn thematisiert, ist "Fugitive Pieces", ein weitgehend unbekannter, aber sehenswerter Film, basierend auf dem gleichnamigen Buch von Anne Michaels.
Wer mit Holocaustüberlebenden zu tun hat, der schämt sich jedesmal, wenn in Deutschland wieder die "Schlussstrich-Debatte" aufflammt. Weil es den Schmerz dieser Menschen entwertet, ihn zu einem Fall für die Aktenablage macht. Auch deshalb ist dieser Prozess so wichtig.
Je länger dieses Theter weitergeht, dest mehr hoffe ich, dass Demjanuk freigesprochen wird und genau so davonkommt, wie so viele andere vor ihm, die deutsche und keine Ukrainer sind oder waren und noch viel schlimmere Verbrechen begannen haben. Aber wie man an dem Prozess gegen Alexander S. gesehen hat, wird man als männliche Person aus dem Osten für das gleiche Verbrechen in DE viel härter verurteilt als eine aus dem Westen! Dass Demjanuk wegen seiner Mittäterschaft schon 7 Jahre in Israel im Gefängnis war und damit schon viel härter bestraft wurde als so viel andere deutsche NS Vernrecher spielt gar keine Role mehr. Seine Anwälte sind auch sehr geschickt und lassen eben von allen Nebenkägern aussagen, dass sie es eben nicht bezeugen können, dass er irgendwelche Verbrechen begannen hat. Da kann er doch nur freigesprochen werden. Wenn er freigesprochen wird werde ich erleichtert jubeln und hoffen, dass die Geschichtsumschreibung in DE, die die deutschen als Opfer der Nazis darstellt einen Rückschlag erlitten hat. Der Papst behauptet in Ausschwitz, dass vor allem die deutschen die Opfer der Nazis waren, im Fernsehen werden Schicksale einiger Frauen gezeigt, die von Soldaten der Roten Armee vergewaltigt wurden, in Dresden trauert man den Opfern der Bomberangriffe hinterher und die ganzen armen Kriegsgefangenen tun mir auch sehr leid. Ich glaube: wenn es keien Gott gäbe, gäbs heute keine Deutschen mehr.
unschuldig ist, oder begründete Zweifel an seiner Schuld bleiben?
Wird er dann entschädigt? Und wie?
Darf man einen Menschen nach 64 Jahren in dieser Weise instrumentalisieren, um sich selbst ein gutes Gewissen zu verschaffen?
Siehe ZEIT, "Ein Dienstausweis und viele Fragen", 30.11.2009
http://www.zeit.de/politi...
http://community.zeit.de/...
Es wäre nur gerecht,
wenn die ZEIT auch einmal einen sorgfältig recherchierten Artikel über die Lage der sowjetischen Kriegsgefangenen und deren Überlebenschancen in deutschen Lagern veröffentlichte (nach meiner Kenntnis weniger als 50%) - und auch, was mit den Überlebenden nach dem Krieg in der UdSSR geschah (kann man bei Solschenizyn nachlesen).
Dann würde man die zynischen Anführungsstriche um das Wort "gezwungen" vielleicht weglassen, und auf den Zweifel, ob diese Menschen bei Auflehnung etwas zu befürchten hätten, vielleicht doch verzichten.
Und vielleicht würde man auch fragen, ob es je einen Prozess gegen die Verantwortlichen für jene Gefangenenlager gegeben hat (vermutlich in der Wehrmacht zu finden), oder gegen die Wachleute (vermutlich deutsche Soldaten?), und falls nicht, warum.
Sollte D. schuldig sein (es gilt immer noch die Unschuldsvermutung), so hat er bereits 7 Jahre im Gefängnis gesessen und auf die Hinrichtung gewartet für Dinge, welche er definitiv nicht getan hat - damit sollte eigentlich das dringendste Rachebedürfnis bereits gestillt sein.
Sollte er unschuldig sein, so ist das Verfahren eine Quälerei eines alten Mannes.
Wahrscheinlich wird man dies aber niemals mit Sicherheit entscheiden können.
Wie können Sie behaupten, dass Demjanjuk bestraft wird "für Dinge, welche er definitiv nicht getan hat"? Eine solch extreme Behauptung sollten Sie schon belegen können!
ein Israelisches Berufungsgericht hat ihn nach 7 Jahren Haft von dem Vorwurf freigesprochen, als "Iwan der Schreckliche" im KZ Treblinka gemordet zu haben - er war von Zeugen mit jemand anderem verwechselt worden, und von einem israelischen Gericht zum Tode verurteilt worden. Das sollte man bei der Diskussion, ob das jetzige Verfahren gerechtfertigt ist, nicht ganz vergessen.
Es ist allerdings möglich, daß gerade einer der Gegenbeweise gegen D.s Anwesenheit im KZ Treblinka gerade jenes Dokument des KZ Sobibor war. Ob darüberhinaus auf anderem Weg bewiesen wurde, daß es nicht mit jenem "Iwan der Schreckliche" identisch war, weiß ich nicht.
Jedenfalls hat Demjanjuk schon 7 Jahre im Gefängnis - mit der Aussicht auf die Hinrichtung - gesessen wegen eines Vorwurfs, von welchem er am Ende in Israel freigesprochen worden ist. Das unterscheidet seinen Fall von all jenen, in denen freigesprochen wurde, oder niedrige Strafen verhängt wurden, mit Verjährung argumentiert wurde, oder überhaupt nicht erst Anklage erhoben wurde.
ein Israelisches Berufungsgericht hat ihn nach 7 Jahren Haft von dem Vorwurf freigesprochen, als "Iwan der Schreckliche" im KZ Treblinka gemordet zu haben - er war von Zeugen mit jemand anderem verwechselt worden, und von einem israelischen Gericht zum Tode verurteilt worden. Das sollte man bei der Diskussion, ob das jetzige Verfahren gerechtfertigt ist, nicht ganz vergessen.
Es ist allerdings möglich, daß gerade einer der Gegenbeweise gegen D.s Anwesenheit im KZ Treblinka gerade jenes Dokument des KZ Sobibor war. Ob darüberhinaus auf anderem Weg bewiesen wurde, daß es nicht mit jenem "Iwan der Schreckliche" identisch war, weiß ich nicht.
Jedenfalls hat Demjanjuk schon 7 Jahre im Gefängnis - mit der Aussicht auf die Hinrichtung - gesessen wegen eines Vorwurfs, von welchem er am Ende in Israel freigesprochen worden ist. Das unterscheidet seinen Fall von all jenen, in denen freigesprochen wurde, oder niedrige Strafen verhängt wurden, mit Verjährung argumentiert wurde, oder überhaupt nicht erst Anklage erhoben wurde.
ein Israelisches Berufungsgericht hat ihn nach 7 Jahren Haft von dem Vorwurf freigesprochen, als "Iwan der Schreckliche" im KZ Treblinka gemordet zu haben - er war von Zeugen mit jemand anderem verwechselt worden, und von einem israelischen Gericht zum Tode verurteilt worden. Das sollte man bei der Diskussion, ob das jetzige Verfahren gerechtfertigt ist, nicht ganz vergessen.
Es ist allerdings möglich, daß gerade einer der Gegenbeweise gegen D.s Anwesenheit im KZ Treblinka gerade jenes Dokument des KZ Sobibor war. Ob darüberhinaus auf anderem Weg bewiesen wurde, daß es nicht mit jenem "Iwan der Schreckliche" identisch war, weiß ich nicht.
Jedenfalls hat Demjanjuk schon 7 Jahre im Gefängnis - mit der Aussicht auf die Hinrichtung - gesessen wegen eines Vorwurfs, von welchem er am Ende in Israel freigesprochen worden ist. Das unterscheidet seinen Fall von all jenen, in denen freigesprochen wurde, oder niedrige Strafen verhängt wurden, mit Verjährung argumentiert wurde, oder überhaupt nicht erst Anklage erhoben wurde.
Die vorgehenden Kommentare beschäftigen sich mit einer Person. Ob D. es war oder ob er es nicht war wissen wir nicht, noch nicht und vielleicht werden wir es auch nie wissen, was nicht zu wünschen wäre.
Was wir aber wissen ist, dass für viele die Vergangenheit nicht enden will. Dass sehr sehr alte Menschen seit nunmehr 6 Jahrzehnten mit einem Schmerz leben müssen, der für Nichtbetroffene nur eins bleiben kann: nicht vorstellbar. Wie wertvoll Leben ist, das Leben das Kostbarste ist und das in unserem Land so viele mit Begeisterung anderen dieses genommen haben ist und bleibt nur eins: nicht zu reparieren.
Ich grüße Gertrud Kolmar, Jakob von Hoddis, Eugen Gottlob Winkler, Adam Kuckhoff, Ernst Weiß und Walter Hasenclever, die Dichter, die deutschen Dichter, aus dem Land der Dichter und Denker. Exakter: aus dem Land der Dichter und Denker und der Henker
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren