Streit um Zusatzbeiträge der Krankenkassen Merkel gegen Merkel

Die Kanzlerin wettert gegen die Zusatzbeiträge der Kassen und brüskiert ihren Gesundheitsminister, der die Kopfprämie will. Dabei ist beides auch ihre Idee. Von L. Greven

Die Zusatzabgaben, die eine Reihe gesetzlicher Krankenkassen ab 1. Februar einziehen wollen, erregen verständlicherweise öffentlichen Unmut. Denn viele Versicherte werden nicht einsehen, weshalb sie neben ihrem regulären Beitrag, der Praxisgebühr und vielfältigen Zuzahlungen künftig auch noch monatlich acht Euro überweisen sollen, nur weil ihre Kasse mit dem Geld nicht hinkommt. Selbst wenn der Betrag nicht jedem wehtut: Die Last der weiter steigenden Kosten des Gesundheitssystems werden so Schritt für Schritt allein auf die Schultern der Versicherten gelegt; höhere Extrabeiträge könnten folgen.

Angela Merkel hat diesen Unmut nun aufgegriffen und angekündigt, die Bundesregierung werde den Kassen genau auf die Finger schauen. Denn in der Tat ist die Situation der einzelnen Versicherungen sehr unterschiedlich. Manche mit einer hohen Anzahl von Kranken und Alten unter ihren Versicherten oder hohen Verwaltungsgebühren können ihre Ausgaben aus dem Einheitsbeitrag, den sie aus dem Gesundheitsfonds erhalten, nicht mehr finanzieren; andere dagegen haben noch Rücklagen. Dass die Kassen dennoch bald flächendeckend den zusätzlichen Obolus erheben wollen, wäre, so gesehen, tatsächlich ein Fall für das Kartellamt. Da liegt die Kanzlerin nicht unbedingt falsch.

Anzeige

Merkels Groll auf die Kassen ist allerdings auch wohlfeil. Sie war es, die die Option für Zusatzbeiträge in der Gesundheitsreform der Großen Koalition 2006 durchdrückte, im Verein mit der damaligen SPD-Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Seinerzeit wurde das von der CDU als erster Schritt zu einer einkommensunabhängigen Gesundheitsprämie gefeiert. Heute möchte Merkel davon am liebsten nichts mehr wissen.

Denn die Kopfpauschale, die Merkel in ihrem Leipziger Reformprogramm 2003 selbst gefordert hat und die auch der liberale Gesundheitsminister Philipp Rösler anstrebt, ist unpopulär. Leicht lässt sich dagegen mit dem beliebten Argument polemisieren, ein leitender Manager müsse dann für seinen Gesundheitsschutz nur noch genauso viel zahlen wie seine Sekretärin. Durchsetzbar wäre das nur, wenn der notwendige Sozialausgleich dann über das Steuersystem finanziert wird. Das würde aber schätzungsweise 25 bis 30 Milliarden Euro pro Jahr erfordern, die aus dem ohnehin schon horrend überschuldeten Bundeshaushalt zu zahlen wären.

Experten wie der frühere Regierungsberater Bert Rürup halten Röslers Pläne deshalb schlicht nicht für finanzierbar – zumal dann nicht, wenn gleichzeitig auch noch die Steuern um 20 Milliarden Euro gesenkt werden wollen, worauf die FDP beharrt.

Die Kanzlerin schiebt den schwarzen Peter nun geschickt an den liberalen Koalitionspartner weiter. Merkel will zwar selber weiterhin langfristig eine einheitliche Gesundheitsprämie; aber wie sie umgesetzt werden soll und all den Ärger, der damit verbunden ist, überlässt sie der FDP. Die müsse sich entscheiden, so ihre Botschaft, ob sie die Steuern weiter kräftig reduzieren oder das Gesundheitssystem grundlegend reformieren wolle. Beides zusammen, das hat die Kanzlerin damit unmissverständlich klargemacht, wird nicht gehen.

Die Liberalen und ihr Vorsitzender Guido Westerwelle werden daher wählen müssen: Wollen sie am Ende einen strahlenden Steuersenkungshelden Rainer Brüderle oder einen großen Gesundheitsreformator Philipp Rösler haben? Angela Merkel ist aus diesem Spiel erst einmal fein raus. Doch entscheiden wird auch sie sich irgendwann müssen. Schließlich stehen beide Pläne im Koalitionsvertrag. Und den hat auch sie unterschrieben.

 
Leser-Kommentare
  1. zur Chefsache gemacht, an der sie sich messen lassen wollte.

    Leider setzt sich unsere Presse ja nur sehr spärlich mit den Taten von Merkel auseinander. Dieser Artikel ist insofern verblüffend.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 27.01.2010 um 17:07 Uhr

    ...durchkommen? Als sie und Ulla Schmidt das jetzige System durchdrückten, wurde auf genau diese Probleme hingewiesen.

    Auch wurden Steuer Reduzierungen versprochen. Diese Abgaben heißen zwar nicht "Steuer" sind aber faktisch genau das. Wie kann Frau Merkel beliebt sein? Sind die Leute völlig schmerzunempfindlich?

    • joG
    • 27.01.2010 um 17:07 Uhr

    ...durchkommen? Als sie und Ulla Schmidt das jetzige System durchdrückten, wurde auf genau diese Probleme hingewiesen.

    Auch wurden Steuer Reduzierungen versprochen. Diese Abgaben heißen zwar nicht "Steuer" sind aber faktisch genau das. Wie kann Frau Merkel beliebt sein? Sind die Leute völlig schmerzunempfindlich?

    • arhoff
    • 27.01.2010 um 14:22 Uhr

    Seit den unseligen Zeiten eines Herrn Ehrenberg (SPD) wird jedes Jahr eine Gesundheitsreform gemacht, mit dem Ergebnis, das die gesetzlich Pflichtversicherten mehr zahlen.
    Vor gut 2 Jahren meldeten die gesetzlichen Krankenkassen einen Milliardenüberschuss. Am nächsten Tag stand in der Presse, dass die Pharmakonzerne ihre Preise um 15% erhöhen. Das machte dann genau den Überschuß aus.
    Das letzte Beispiel waren dann die still und heimlich geschlossenen Vorverträge mit den Impfstoffherstellern von Ulla Schmidt (SPD). Und wer uzahlt die Zeche? Im privaten Leben gibt es so etwas wie Verantwortlichkeit: mache ich einen Fehler, muss ich auch dafür einstehen.
    Was unsere Bundeskanzlerin dagegen veranstaltet ist pure Heuchelei, schließlich saß Frau Schmidt bei ihr im Kabinett.
    Im Mai sind Wahlen in NRW, es ist Zeit für massive Denkzettel!

  2. na, hoffentlich spielt Mademe nicht wieder vor sie haette
    nichts gewusst ! ich zweifele langsam immer mehr an der
    innenpolitischen Einstellung der Dame, was muessen wir denn
    eigentlich noch durchstehen bis sich etwas tut, ich verstehe langsam die Entwicklung der Republik nicht mehr !

  3. ...da ich selbiges schon zum Artikel "Merkel brüskiert ihren Gesundheitsminister" kommentiert hatte. Herr Greven klaut mir also meine Ideen ;-)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 27.01.2010 um 17:12 Uhr

    ...Steuern nicht reduzieren und den Gesundheitssektor gleichzeitig sanieren? Das könnte man wohl. Aber das würde Privatisierung und Entschädigung der Kassenmenschen bedeuten. Also eine Reduzierung des Öffentlichen Sektors und Transparenz über die versteckten Zusagen des Staates bedeuten. Das kann kein Beamter wollen und die Politiker sind ihner Parlamentsmehrheit ausgeliefert.

    • joG
    • 27.01.2010 um 17:12 Uhr

    ...Steuern nicht reduzieren und den Gesundheitssektor gleichzeitig sanieren? Das könnte man wohl. Aber das würde Privatisierung und Entschädigung der Kassenmenschen bedeuten. Also eine Reduzierung des Öffentlichen Sektors und Transparenz über die versteckten Zusagen des Staates bedeuten. Das kann kein Beamter wollen und die Politiker sind ihner Parlamentsmehrheit ausgeliefert.

    • shrine
    • 27.01.2010 um 14:54 Uhr

    Dieser Jüngling ist der Prototyp einer Politikergeneration, die nur noch die Interessen der Reichen und Besserverdienenden (Ärzte, Apotheker usw.) und der FDP-Klientel vertritt. Siehe Spende von Hotelier Flick. Statt, im vorliegenden Fall, den Krankenkassen auf die Eisen zu steigen hält er sich fein im Hintergrund entweder weil er von denen bestochen ist oder weil er einfach nur feige ist. Das ist mein Eindruck zu diesem Typen. Nun ist ja bald die Wahl in NRW. Ich hoffe inständig, dass die Menschen dort aufwachen und der FDP und damit der Bundesregierung die dunkelrote Karte zeigen. Diese Regierung hat für die ganze Welt Geld, nur für die eigene Bevölkerung nicht. Milliarden werden den Bankern/Versicherungen (Klientel der FDP!!!) in den Hintern geblasen damit diese dann die Bevölkerung wiederum abzocken können. Bin mal gespannt, wann es wieder mal eine Partei gibt, die zumindesten ein klein bißchen auf die Belange des Volkes eingeht. Vielleicht ist es naiv, daran zu glauben. Klar ist für mich allerdings eines; wählen gehe ich so schnell nicht mehr.

  4. Die Zusatzprämien sind notwendig, weil die Gesundheitskosten zu hoch sind. Dagegen hat Hr. Rösler bisher nichts unternommen.

    Arzneimittelpreise könnten ganz schnell um 20 bis 30% gesenkt werden:
    Es werden Apothekenketten zugelassen.
    Es werden Internetapotheken zugelassen.
    Es werden Re-Importe aus der EU zugelassen (Einkauf beim Großhändler in Spanien).
    Die Preise der Arzneimittel werden freigegeben.
    Der Patient, der mehr als den mittleren Preis eines Arzneimittels bezahlt, muss den Mehrpreis aus eigener Tasche zubezahlen.
    Der Patient, der weniger als den mittleren Preis eines Arzneimittels bezahlt, bekommt das gegen seine normale gesetzliche Zuzahlung gutgeschrieben.
    In Deutschland kosteten Arzneimittel sehr schnell so viel wie in anderen Ländern der EU.
    Das wäre endlich eine freier, unregulierter Arzneimittelmarkt. Eigentlich müsste die FDP als liberale Partei dafür sein. Aber sie ist eben doch nur eine Klientelpartei der Apotheker und Pharmaunternehmen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    das würde sofort helfen und wird von mir seit Jahren gepredigt.

    allerdings wird es dazu unter Herrn Rösler und der FDP ganz sicher nicht kommen!
    Der Lobbyhörige Herr Rösler wird seine Klientel sicher nicht verprellen. Zumal die Pharmaindustrie sicher nicht weniger zahlungskräftig ist als ein Herr Finck.
    ---
    zu Tante Angie sag' ich nichts mehr...

    Ebenso Zustimmung.

    Die FDP bleibt für mich völlig unglaubwürdig, solange sie bei Ihrem Klientel sogar Formen von Merkantislismus und mittelalterliches Zunftwesen stützt, aber andererseits 3€uro- Stundenlöhen als marktnotwendig erachtet.

    Na ja, immerhin sorgt die FDP derzeit für Ironie und Stimmung im Geschäftsleben. War erst bei einer Besprechung eines Verbandes. Bei irgndwelchen Problemen ist derzeit die Standard-Ansage, musste halt mal an die FDP Spenden.

    das würde sofort helfen und wird von mir seit Jahren gepredigt.

    allerdings wird es dazu unter Herrn Rösler und der FDP ganz sicher nicht kommen!
    Der Lobbyhörige Herr Rösler wird seine Klientel sicher nicht verprellen. Zumal die Pharmaindustrie sicher nicht weniger zahlungskräftig ist als ein Herr Finck.
    ---
    zu Tante Angie sag' ich nichts mehr...

    Ebenso Zustimmung.

    Die FDP bleibt für mich völlig unglaubwürdig, solange sie bei Ihrem Klientel sogar Formen von Merkantislismus und mittelalterliches Zunftwesen stützt, aber andererseits 3€uro- Stundenlöhen als marktnotwendig erachtet.

    Na ja, immerhin sorgt die FDP derzeit für Ironie und Stimmung im Geschäftsleben. War erst bei einer Besprechung eines Verbandes. Bei irgndwelchen Problemen ist derzeit die Standard-Ansage, musste halt mal an die FDP Spenden.

  5. das würde sofort helfen und wird von mir seit Jahren gepredigt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    und keine idiotischen Verträge zwischen den Krankenkassen und der Pharmaindustrie.

    und keine idiotischen Verträge zwischen den Krankenkassen und der Pharmaindustrie.

  6. und keine idiotischen Verträge zwischen den Krankenkassen und der Pharmaindustrie.

    Antwort auf "Zustimmung,"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service