Grünen-Jubiläum Umschwärmte Grüne feiern sich selbst

Beim Regieren sind sie aus der Übung geraten, dennoch werden sie von allen Parteien umworben: Die Grünen feiern ihren 30. Geburtstag – und das Fest wird zur Partnerbörse.

"Mehr Pep, bitte!": Die Grünen mit ihren Chefs Özdemir (l.) und Roth sind inzwischen gern gesehene Koalitionspartner

"Mehr Pep, bitte!": Die Grünen mit ihren Chefs Özdemir (l.) und Roth sind inzwischen gern gesehene Koalitionspartner

Es läuft für die Grünen nicht so schlecht, aber wie immer fordert Claudia Roth noch mehr Pep.

Die Partei feiert Geburtstag: Auf einem Kongress am 12. und 13. Januar 1980 in Karlsruhe hat sie sich auf Bundesebene gegründet, und bei der Matinee aus diesem Anlass am Sonntag im Haus der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin erläutert die altgediente Vorsitzende – laut, wie es ihre Art ist –, was sie nach 30 Jahren gern noch etwas lebendiger hätte. Dem Publikum, darunter viele Gründungsmitglieder, sagt sie gleich zu Beginn: "Vielleicht müssen wir noch sehr viel radikaler werden." Später dann wünscht sie sich, "dass wir in Bewegung bleiben und vielleicht wieder mehr in Bewegung bleiben". Schließlich versichert Roth: "Wir werden gebraucht, wir sind überhaupt nicht überflüssig geworden.“ Als ob das jemand bezweifelt hätte.

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In fast allen Reden auf der Festveranstaltung geht es um die grüne Selbstvergewisserung, mit allen Höhen und Tiefen. Das betrifft das "historische Verdienst" (Roth), die Ökologie zum Thema der Politik gemacht zu haben. Aber auch um historisches Versagen: Roths Co-Chef Cem Özdemir erinnert daran, dass 1990 alle über Deutschland und nur die Grünen über das Klima gesprochen hätten. "Mitten im Vereinigungsprozess hat uns die Stimme versagt." Die Grünen scheiterten zehn Jahre nach ihrer Gründung im Westen der Republik an der Fünf-Prozent-Hürde, im Bundestag waren sie eine Wahlperiode lang nur durch ein paar Aktivisten von Bündnis 90 vertreten.

Inzwischen können sie als etabliert gelten – auch wenn das einige immer noch als Schimpfwort auffassen –, sie sind nach einer längeren Auszeit auch wieder in fast alle Ost-Landtage eingezogen und haben bei der Bundestagswahl am 27. September 2009 zum ersten Mal in ihrer Geschichte ein zweistelliges Ergebnis geholt, 10,7 Prozent.

Andererseits sind die Grünen beim Mitregieren etwas aus der Übung gekommen. Mit der SPD koalieren sie nur noch in Bremen; die Bündnisse in Hamburg (mit der CDU) und im Saarland (mit CDU und FDP) müssen noch als Experimente gelten. Özdemir findet, dass Koalitionspartner auf längere Sicht meist im linken Spektrum gesucht werden müssten. Aber auch Werber von der Union werde man "nicht wegschicken", sondern die Angebote genau prüfen, "wenn sie bereit sind, mit uns das Land zu verändern".

Gäste der Geburtstagsparty kommen auf die Optionen zu sprechen, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Theo Zwanziger, bekennt sich in seiner Festansprache als Fan von Schwarz-Grün: "Ich bin 1970 in die CDU eingetreten, weil es die Grünen noch nicht gab." Dagegen schwärmt SPD-Vize Olaf Scholz, dass die Zusammenarbeit von SPD und Grünen Deutschland "lebenswerter gemacht" habe. Als "Geschenk" hat er den Grünen das Bekenntnis mitgebracht, sie seien "kein Betriebsunfall der Geschichte, nicht Fleisch vom Fleische, nicht Hilfstruppe der SPD". Wobei: "Was wir dürfen, dürfen die Grünen auch: gelegentlich ungern mit der Union koalieren."

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe kennt Grünen-Chef Özdemir noch aus der Pizza-Connection – in den Neunzigern trafen sich junge Grüne und Christdemokraten regelmäßig bei einem Bonner Italiener. Er sei zwar "zum Geburtstag hier und nicht zur Partnervermittlung", sagt Gröhe. Aber er betont doch, dass die Grünen Konkurrent und nicht mehr Gegner seien, das eröffne "neue Horizonte". Als symbolbeladenes Geschenk hat er einen Bonsai-Baum dabei: Der wird alt, stark, aber "wächst nicht in den Himmel".

Linken-Vizechefin Halina Wawzyniak derweil nimmt den für sie in der ersten Reihe reservierten Platz gar nicht ein – und verpasst so, dass Özdemir ihren Namen gar nicht kennt.

Was soll werden aus den Grünen? Gründungsmitglied Fritz Kuhn, seit der Wahl nur noch stellvertretender Fraktionschef, ist sicher, dass die Partei ihren Platz behauptet, auch wenn alle anderen über die Umwelt reden: Die Wähler unterschieden schon zwischen "Original und schlecht gemachter Kopie". Auch Ralf Fücks, Vorstand der Böll-Stiftung, ist sicher, dass die Grünen in den vergangenen 30 Jahren "enorme Pionierarbeit" geleistet hätten, aber auch "Avantgarde" bei der Veränderung der Gesellschaft bleiben würden.

Unterdessen teilt die Grüne Jugend an die Vorstandsmitglieder T-Shirts aus mit dem Slogan "Trau keinem über 30". Claudia Roth bekommt sogar eine Lederjacke. Sie freut sich über die Aufmüpfigkeit des Nachwuchses – und trägt sie ganz stolz.

Erschienen im Tagesspiegel.

 
Leser-Kommentare
  1. Warum sind eure Artikel immer so gehässig?

    Ich find die Grünen super. Sie sind so zu sagen die einzige politische Hoffnung für millionen leidende Tiere im land. Da werden in Universitäten Hunde und Ratten so lange zum schwimmen gezwungen bis sie frustriert und erschöpft aufgeben und sich treiben lassen, um anschließend antidepressiva an ihnen zu testen. Da werden bundesweit täglich tausende Küken vergast und weggeworfen weil sie Männlich sind und daher keine Eier legen und für die Fleischgewinnung nicht der richtigen, gewinnbringenderen Art angehören. Woanders werden Nerze in kleinen Drahtkisten gesperrt, wo sie ein kurzes Leben fristen müssen, dass vielleicht für Äpfel Ok ist, nur um anschließend gehäutete und zum Mantel verarbetiet zu werden. Millionen Tiere täglich sterben in der unmenschlichen Massentierhaltung um einer überfetteten Gesellschaft noch mehr Fett zu leifern, nur damit sie doppelt so viel essen wie es vom Gesundheitsamt empfohlen wird. Wir beuten Tiere aus, wir quälen und foltern sie, wir töten und essen Sie, und es ist fast allen politischen Parteien völlig egal, nur die Grünen werben opffensiv und intensiv für den Tierschutz und ein neues, vernünftigeres Tierschutzgesetz, welches dem Staatsziel Tiershcutz gerecht wird. Nur die Grünen setzen sich offensiv für ein Verbandsklagerecht ein, dass die etablierten Tierschutzvereine zu Anwälten der Tiere machen würde. Daher sind die Grünen gut und sollten wieder regieren.

    • TDU
    • 11.01.2010 um 12:05 Uhr

    Das war wirklich der große Verdienst dieser Partei. In den übrigen Feldern der Politik haben sie dann ausgerechnet die von ihnen geforderte Nachhaltigkeit zugunsten kurzfristiger Orientierung an der Macht vermissen lassen.

    • 781
    • 11.01.2010 um 15:08 Uhr

    Ja früher war ich auch mal Grün hinter den Ohren. Gott sei Dank ist das schon lange her. Und was es da zu feiern geben soll, ist mir überhaupt nicht grün (schleierhaft).

    • tbw
    • 11.01.2010 um 15:16 Uhr

    Das Private ist politisch, behaupteten die 68er - und als Grüne gelang es ihnen später sogar, mit dieser Haltung Regierungspartei zu werden.

    Nicht bürgerliche Selbstkritik, wie von Jens Jessen behauptet, sondern bürgerliches Distinktionsbedürfnis ist für die Grünen kennzeichnend. Da das deutsche Bürgertum 1933 nahezu geschlossen hinter Hitler stand, war für die Kinder der NS-Tätergeneration die bürgerliche Herkunft nicht ohne weiteres mit einem Distinktionsgewinn verbunden. Ungebrochener Stolz auf die bürgerliche Herkunft war den Bürgerkindern nach den Auschwitz-Prozessen verstellt. Was die eigenen Eltern getan hatten, wollte man lieber nicht so genau wissen. Vielen schien es auch so schlimm genug, dass sich die Arbeiterschaft gegenüber Hitler als weniger verführbar erwiesen hatte als die eigene Schicht. Da fiel es den Bürgerkindern natürlich schwer, sozialen Dünkel nach Altvätersitte zu pflegen. Freilich, bürgerliches Distinktionsbedürfnis war auch den 68ern nicht fremd, denn mit Krethi und Plethi wollten sie sich nicht gemein machen müssen.

    Wie also, wenn es gelänge, einerseits die eigene soziale Gruppenidentität politisch irgendwie links zu codieren, andererseits aber die soziale Distanz gegenüber der linken Arbeiterschaft zu wahren?

    Nun, der Versuch ist gelungen.

    Soldaten in Kriege zu schicken, und immer schön die Kluft zwischen oben und unten zu wahren: das alles ist nach Altvätersitte auch den Grünen gelungen.

    Jessens Lobhudelei zum Geburtstag ist Kitsch.

  2. 30 ten!,
    apropos Tierschutz, muß es denn auch sein, daß für 58000 Euro für einen einzig gesehenen Biber, der warscheinlich auf einem Schiff mitgefahren ist, ein Biberausstiegsruhe-
    platz geschaffen wird?, damit die anderen oder folgenden Biber in Berlin, die von Spandau (Havel)über mehrere Schleusen bis in den Friedrichshain schwimmen sich nach langen Quereelen nach ca. 20 km mal ausruhen können?!

    Wo zum Teufel Hr. MdB Ströbele bzw. Bezirksbürgermeister Schulz bleiben die anderen Ruheplätze auf der langen Strecke?
    Es grenzt ja schon fast an Tierquälerei die Biber auf einen Halbmarathon zu schicken!
    Ach, ich vergaß, sie sind ja nur für WK 84 bzw. F-hain/X-berg gewählt!!!

    Aber sollte die Population steigen wäre ich für einen Biber tummelplatz;
    evtl. nach aktuellen Forschungserkenntnissen bzw. wenn noch keine vorliegen bitte in Auftrag geben (Kosten: sehn wir dann mal).
    Der wird aber nicht für 58000 Euro zu haben sein!!!

  3. das ist das Stück Kuchen für verdiente Kämpfer!
    Sie erinnern sich an den 27. September?

  4. Ja dreißig Jahre gibt es sie schon!
    Habe auch mal den grünen Traum von Basisdemokratie und Abgeordnetenrotation geträumt. Habe Plakate geklebt, diskutiert bis in die Nächte, an Demos teilgenommen und gedacht alles würde anders werden.
    Anders sind nur die Grünen geworden. Auf den Pateitagen gibt es Brot und Spiele von den mittlerweile etablierten und leider nicht mehr wegzurotierenden Pateigranden, Anpassung in allen Lebenslagen bis hin zum Nadelstreifenanzug und Vorstandsvorsitz, sogar Krieg ist kein Tabu mehr.
    Eigentlich müßten die Grünen wieder neu geboren werden, aber diesmal mit etwas mehr Standhaftigkeit!

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