Linkspartei Lafontaine gibt Parteivorsitz ab

Oskar Lafontaine zieht sich aus der Bundespolitik zurück. Der Linken-Chef gab bekannt, dass er den Parteivorsitz und sein Bundestagsmandat abgeben werde.

Oskar Lafontaine gab nach einer Vorstandssitzung seinen Rückzug aus der Bundespolitik bekannt

Oskar Lafontaine gab nach einer Vorstandssitzung seinen Rückzug aus der Bundespolitik bekannt

Linken-Chef Oskar Lafontaine will seine bundespolitischen Ämter aufgeben. Er werde auf dem Linken-Parteitag in Rostock Mitte Mai nicht erneut kandidieren, kündigte der 66-Jährige am Samstag nach einer Vorstandssitzung in Berlin an. Auch sein Bundestagsmandat werde er niederlegen, sagte er. Vorsitzender der Linksfraktion im saarländischen Landtag will er aber bleiben.

Seit Wochen war darüber spekuliert worden, ob sich Lafontaine, der sich im Dezember einer Krebsoperation hatte unterziehen müssen, aus der Bundespolitik zurückziehen würde. Als Grund für seine Entscheidung nannte Lafontaine heute dann auch "gesundheitliche Gründe". Sie habe nichts mit den parteiinternen Diskussionen der vergangenen Wochen zu tun. "Der Krebs war ein Warnschuss, über den ich nicht hinweggehen kann", sagte er. Gewissheit darüber, ob er die Krankheit überwunden habe, könne er nicht in wenigen Wochen haben, sondern dazu seien Untersuchungen in längeren Zeitabständen nötig.

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Fraktionschef Gregor Gysi nannte die Entscheidung schmerzlich, aber respektabel. "Oskar Lafontaine war, bleibt und wird eine herausragende Persönlichkeit bleiben", sagte Gysi. Ohne Lafontaine hätte es die Linkspartei nicht gegeben, würdigte Gysi. "Es ist völlig klar, er ist nicht ersetzbar."

An der Parteispitze ergibt sich durch Lafontaines Rückzug nun die Notwendigkeit, eine fast komplett neue Führungsriege zu finden – und das in Zeiten parteiinterner Machtkämpfe: Auch der ins Europaparlament gewechselte Co-Vorsitzende der Linken, Lothar Bisky, will im Mai nicht mehr kandidieren. Zudem hat Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch angekündigt, ebenfalls nicht mehr für sein Amt anzutreten. Er gilt als Gegner des oft radikalen Oppositionskurses von Lafontaine und hatte sich Vorwürfen der Illoyalität ausgesetzt gesehen. Gysi hatte sich dabei gegen Bartsch gestellt.

Als mögliche Nachfolger an der Parteispitze werden nun der WASG-Mitbegründer Klaus Ernst und die aus Ost-Berlin stammende stellvertretende Fraktionsvorsitzende Gesine Lötzsch gehandelt. Gysi sagte dazu: "Von uns beiden werden sie dazu keinen Namen hören." Sachsens Linke-Fraktionschef André Hahn bedauerte die Entscheidung Lafontaines, "aber die Gesundheit geht immer vor". Zugleich forderte er eine "offene, vor allem aber würdevolle Diskussion" um die neue Parteispitze. In die Nachfolge-Regelung müssten auch die Landes- und Fraktionschefs einbezogen werden.

Lafontaines Aufstieg in der SPD

Seit mehr als 40 Jahren ist Oskar Lafontaine in der deutschen Politik aktiv.

Seine Karriere beginnt im Jahr 1966 mit dem Eintritt in die SPD, für die er zehn Jahre später Oberbürgermeister in Saarbrücken wird. Von 1985 bis 1998 amtiert er dann als Ministerpräsident des Saarlandes.

Zur ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl im Jahr 1990 tritt Lafontaine als Spitzenkandidat der SPD gegen Kanzler Helmut Kohl an. Der Wahlkampf wird überschattet von einem Messerangriff einer geistig verwirrten Frau, die Lafontaine lebensgefährlich verletzt. Wochenlang ist seine Kandidatur ungewiss. Letztlich tritt er an, verliert aber gegen Kohl und die Union.

Nach einer Kampfkandidatur gegen Rudolf Scharping wird Lafontaine auf dem Bundesparteitag in Mannheim am 16. November 1995 überraschend zum Vorsitzenden der SPD gewählt.

Nach der Bundestagswahl 1998 übernimmt Lafontaine im rot-grünen Kabinett des neuen Kanzlers Gerhard Schröder das Amt des Bundesfinanzministers – ein Zweckbündnis, das schon kurze Zeit später zerbricht: Am 10. März 1999 wird Schröder während einer Kabinettssitzung laut. Dabei soll es um Pläne Lafontaines gegangen sein, welche die Stromkonzerne belastet hätten. Einen Tag später übermittelt Lafontaine dem "sehr geehrten Herrn Bundeskanzler" sein Rücktrittsschreiben. Auch vom Parteivorsitz zieht er sich zurück.
 

Parteiaustritt und Erfolge mit den Linken

Im Jahr 2005 schließlich bricht Lafontaine ganz mit der SPD: Nach 39 Jahren Mitgliedschaft gibt er sein Parteibuch zurück. Er begründet den Austritt mit der rot-grünen "Agenda 2010" und der damit verbundenen Hartz-IV-Reform.

Noch im selben Jahr tritt Lafontaine in die WASG ein, um gegen die Arbeitsmarktreformen zu opponieren. Später unterstützt er die Fusion der WASG mit der PDS zur Partei Die Linke und wird 2007 im Verbund mit Lothar Bisky deren Vorsitzender. Lafontaines Rhetorik spricht vor allem Arbeitslose, sozial Schwache und Rentner an und kann enttäuschte Sozialdemokraten an seine neue Partei binden. Dadurch ist er nicht unwesentlich daran beteiligt, dass die Linke nun auch in den alten Bundesländern Fuß fasst.

2009 ziehen die saarländischen Linke mit Lafontaine als Spitzenkandidat in die Landtagswahl. An alter Wirkungsstätte holt er aus dem Stand 21,3 Prozent und verpasst nur knapp die erste Regierungsbeteiligung der Linken im Westen. Auch während der Bundestagswahl fungiert er als Zugpferd seiner Partei: Die Linke etabliert sich endgültig als fünfte politische Kraft des Landes und kommt auf das Rekordergebnis von 11,9 Prozent aller Stimmen.

Im Oktober 2009 teilt Lafontaine mit, er wolle nicht wieder für das Amt des Vorsitzenden der Bundestagsfraktion kandidieren, und überrascht mit dieser Ankündigung viele seiner Parteikollegen. Am 17. November offenbart Lafontaine schließlich eine Krebserkrankung. Diese führte er nun auch als Grund an, sich von der Parteispitze zurückzuziehen.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), in der Hauptstadt Chef einer rot-roten Koalition, ermahnte die Linke, sich zügig auf einen klaren Kurs festzulegen. Die Partei müsse jetzt eine Grundsatzentscheidung treffen "zwischen dem ideologischen linken Flügel und den Pragmatikern", sagte Wowereit am Rande einer Klausurtagung der Berliner SPD-Fraktion in Eisenach. Zugleich bezeugte er Lafontaine Respekt für seine Entscheidung. "Selbstverständlich wünsche ich Lafontaine für die Zukunft alles Gute und weiterhin gute Genesung", sagte Wowereit.

Grünen-Chefin Claudia Roth sagte der Bild am Sonntag, die Zukunft der Linkspartei sei ungeklärt. "Sie muss sich entscheiden, ob sie weiter den einfachen Weg in die polternde Fundamentalopposition gehen will oder die Chance ergreift, verantwortlich Politik zu gestalten." Auch bestehe für SPD und Linkspartei nun die Möglichkeit, ihr Verhältnis zu klären. FDP-Chef Guido Westerwelle sagte der Zeitung: "So sehr ich als Liberaler Oskar Lafontaine politisch bekämpft habe, so sehr bedauere ich den Anlass seiner Rückzugsentscheidung."

Lafontaine wies den Vorwurf zurück, die West-Linken wollten nur Fundamentalopposition betreiben, während die ostdeutschen Landesverbände pragmatischer agieren. "Das ist die Propaganda unserer Gegner." Im Saarland etwa sei eine rot-rot-grüne Koalition an den Grünen gescheitert, die sich für ein Jamaika-Bündnis mit CDU und FDP entschieden.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Rückzug Lafontaines ist konsequent. Hat er doch sein Ziel erreicht: die Schröder SPD und ihre Handelnden sind abgelöst. Die SPD ist Opposition. Lafontaines bittere Rache an dem Kanzler, der ihn gedemütigt hat, ist vollbracht. Konsequent das Projekt Linkspartei jetzt zu versenken. Oskar kann in den Ruhestand.

  2. Generationswechsel bei den Linken ? Wird einem deshalb überall das Bild der rotschopfigen Petra Pau auf der Mauer
    am Brandenburger Tor gezeigt ? Was soll ich von einem Bericht halten, der den Namen des Pressesprechers der Partei
    nicht nennt ? Irgendwer hat irgendwann irgendetwas zu irgendwem irgendwie gesagt. Aha !

  3. Wenn er das Ganze als Rache sehen würde, müßte er noch bleiben.

    Der Mann ist 66 und krank. Ein Alter in dem es Zeit wird, die Plätze für Nachfolger frei zu machen.

  4. Der Mann hat damals das einzig richtige gemacht.
    Ist ja ausgetreten, kurz bevor Schröder die SPD mit der Agenda 2010 verkauft hat! Wäre Lafontaine in der Partei geblieben, hätte er sich an diesem Verrat an den Prinzipien der SPD beteiligt. Oder er hätte so stark gegen Schröder & co opponieren müssen, dass er sowieso gegangen worden wäre. Lafontaines Vorgehensweise war konsequent, und er blieb den Prinzipien eines linken Politikers treu.

  5. Einige Verbohrte, vom Hass Geleitete können es gar nicht erwarten bis Oskar Lafontaine seine Entscheidung öffentlich bekannt gibt.
    Nein, Eilmeldungen kursieren schon seit Stunden mit einer unbestätigten Vermutung und verkaufen sie als Fakt.

    Bei der Pressekonferenz fehlt noch die Frage, wann er denn endlich bereit sei, das Datum seines Ablebens bekannt zu geben. Darauf hätte doch die deutsche Öffentlichkeit ein Recht.

    Nur noch erschreckend, abstoßend, was sich in diesem Land abspielt.

  6. Schließlich bin ich daran gewöhnt, dass "unsere" Presse jede Aktion von Lafontaine verdammt.
    Jetzt bitte:"Lafontaine drückt sich wieder ein mal vor seiner Aufgabe!". Das hatten wir schon mal und war eine wunderbare Kampagne.

  7. ein aufrechter Politiker mit Rückgrat!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 23.01.2010 um 14:16 Uhr

    ...genau wie Sie. Ich mag den Mann nicht, ich mag die Art seiner Argumentation nicht und auch nicht seine Politik. Er ist aber in einem äußerst windigen Umfeld stets erstaunlich solide.

    • joG
    • 23.01.2010 um 14:16 Uhr

    ...genau wie Sie. Ich mag den Mann nicht, ich mag die Art seiner Argumentation nicht und auch nicht seine Politik. Er ist aber in einem äußerst windigen Umfeld stets erstaunlich solide.

  8. Das freut die Masse der rhetorischen und geistigen Minderleister in den etablierten Parteien. Nur die Biologie in Form einer Erkrankung Oskars konnte ihnen weitere Demütigungen ersparen. Ich höre sie förmlich aufatmen und dem Herrn danken. Vielleicht reagiert sogar der DAX positiv auf diese Meldung.

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